Bücherecke

HOT - ein handlungsorientierter Therapieansatz

Forum Logopädie
I. Weigl, M. Reddemann-Tschaikner
2009, Stuttgart: Thieme Verlag, 2., vollst. überarb. Aufl. , 184 S., 46 Abb., kart., 39,95 €
ISBN: 978-3-1312-4112-2


Das Buch von Irina Weigl und Marianne Reddemann-Tschaikner zum handlungsorientierten Therapieansatz (HOT) ist 2009 in einer neuen, überarbeiteten Auflage erschienen. Zielgruppe des Buches sind vor allem Sprachtherapeuten, weiterhin Kinderärzte, Psychologen, Pädagogen und Eltern.
Gegenüber der Erstveröffentlichung aus dem Jahre 2001 wurde die Neuauflage neu strukturiert, fachwissenschaftlich aktualisiert und um neue Kapitel ergänzt. Im ausführlichen theoretischen Teil (Kapitel 2 und 3) erläutert die Psychologin Irina Weigl sehr klar die theoretischen und methodischen Grundlagen, aus denen sich der HOT ableitet. Diese umfassen Basiswissen zu den Bereichen Handlungstheorie, Spracherwerb und Gedächtnis. Durch die Rubrik „praxisrelevante Verknüpfungen“ werden bereits im Theorieteil klare Bezüge zur sprachtherapeutischen Praxis hergestellt. Anschließend werden Grundlagen zu Sprachentwicklungsstörungen dargestellt, wobei nicht nur spezifische Sprachentwicklungsstörungen, sondern in der 2. Auflage auch Sprachstörungen bei geistiger Behinderung, insbesondere beim Down-Syndrom thematisiert werden. Erstaunlicherweise findet sich im Buch kaum eine Auseinandersetzung mit anderen Therapieansätzen; Gemeinsamkeiten oder Unterschiede werden nicht gesehen, es wird keine Einordnung des HOT in die Bandbreite bestehender Therapieverfahren vorgenommen.

Im Praxisteil beschreibt die Lehrlogopädin Marianne Reddemann-Tschaikner die Diagnostik, Zielsetzung und methodische Umsetzung des HOT. Bei den Ausführungen zur Diagnostik verwundert, dass keine aktuellen Diagnostikverfahren genannt werden und die Beschreibung der logopädischen Diagnostik (S. 88f.) damit in der 2. Auflage auf einem veralteten Stand verbleibt. Das methodische Vorgehen nach dem HOT wird detailliert beschrieben; die praktische Umsetzbarkeit wird sehr eingängig verdeutlicht, z.B. durch die kindgerechte Darstellung der Handlungsschritte („was brauchen wir, was haben wir gemacht?“). Die beiden Fallbeispiele im 5. Kapitel zeigen sehr anschaulich und konkret die kreativen Aspekte der Therapie nach dem HOT und die guten und fruchtbaren Möglichkeiten der Einbeziehung der Eltern in die Therapie. Die Fallbeispiele belegen anhand von Transkripten, Therapeutenurteilen und Einschätzungen der Eltern positive Effekte der Therapie nach dem HOT. Es fehlt jedoch eine quantifizierbare Evaluation der Leistungen vor und nach der Therapie. So wird die Verbesserung der Wortfindung oder die Abnahme der Formulierungsschwäche als subjektiver Eindruck beschrieben, aber nicht statistisch belegt. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, evidenzbasierte Verfahren zur Evaluation der Wirksamkeit des HOT einzusetzen.

Im neu hinzugekommenen 6. Kapitel wird aufgezeigt, wie sich der HOT mit einigen Modifikationen auch bei Gruppen mit behinderten Kindern sinnvoll einsetzen lässt. Die multidimensionalen Ziele reichen hier weit über eine Verbesserung der Sprachfähigkeiten hinaus und umfassen Aspekte wie Neugier wecken, Ideen entwickeln, Probleme lösen, Feinmotorik verbessern, Gefahren erkennen oder Kenntnisse über Nahrung erwerben.

Für Sprachtherapeutinnen, die nach dem handlungsorientierten Ansatz arbeiten, bietet das vorliegende Buch eine informative, gut verständliche, theoretisch begründete und praktische ausgearbeitete Grundlage.

Prof. Dr. Christina Kauschke, Marburg