Bei akuten, neu aufgetretenen Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule sind fünf Kriterien international anerkannt:
1. Die Nutzung eines Stufenkonzepts mit einer initial sorgfältigen Untersuchung, um eine Nervenkompressionssymptomatik auszuschließen
2. Keine routinemäßigen radiologischen Untersuchungen oder andere weiterführende diagnostische Maßnahmen
3. Aufklärung als wesentlicher Behandlungsbestandteil mit Ermutigung zu körperlicher Betätigung
4. Paracetamol als Basismedikation, nichtsteroidale Antiphlogistika erst als Zweitlinien-Therapie
5. Sorgfältige Verlaufsbeobachtung
C. M. Williams et al. nutzten Daten der seit 1998 laufenden BEACH-Studie („Bettering the Evaluation and Care of Health Study“). Jedes Jahr geben 1000 Allgemeinmediziner Auskunft zu 100 fortlaufenden Patienten. Der Fragebogen erfasst Informationen zur Medikation, zu anderen therapeutischen Maßnahmen, weiter-führenden Untersuchungen und Verlaufskontrollen. Für die Lumbago sind in Australien seit 2005 die zuvor genannten Leitlinien implementiert. Die Ärzte verglichen die Zeitperioden 2001–2004 und 2005–2008 und stellten fest, dass sich die Therapiestrategie kaum verändert hat. Von 2001–2004 erhielten 65,2 % der Patienten eine Medikation. Am häufigsten wurden nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) (37,4 %), gefolgt von Opioiden (19,6 %) verordnet. Paracetamol erhielten nur 17,7 %. Weniger als ein Drittel dieser Patienten nahm die empfohlene Tagesdosis von 4 g/d ein. Nach Einführung der Richtlinien änderte sich das Verschreibungsverhalten nicht signifikant. Weiterhin waren NSAID die am häufigsten genutzten Medikamente und weniger als 20 % bekamen Paracetamol. Die Neigung zu einer frühzeitigen radiologischen Diagnostik war unverändert und die Anzahl der Computertomographien stieg an (3,7 vs. 6,2 %). In der ersten Periode erhielten 24,7% der Patienten schulende Verhaltensempfehlungen. Der Anteil nahm im Verlauf ab (2005–2008: 20,5 %).
| Fazit |
|
Die Untersuchung bestätigte, dass Leitlinien ungenügend in die alltägliche Praxis umgesetzt werden. Hauptgründe seien eine unzureichende Aufklärung, die Erwartungshaltung der Patienten, Kommunikationsprobleme und Angst vor Fehldiagnosen, so die Autoren. |
| Kommentar zur Studie |
|
Die Umsetzung klinischer Leitlinien sei kein Selbstläufer, so M. D. Cabana. Deshalb müsse ein Implementierungsprogramm wie die Erarbeitung selbst Teil des Gesamtprozesses sein. Sich allein auf die Motivation der praktisch tätigen Ärzte zu verlassen, sei der Hauptfehler, außerdem stünden die Vergütungsstrukturen der Anwendung neuer Empfehlungen häufig im Wege. Zudem seien Erziehungsprogramme notwendig, damit sich Patienten auch ernst genommen und gut behandelt fühlten, wenn weniger eingreifende Maßnahmen erfolgten. Arch Intern Med 2010; 170: 277–278 |
Dr. med. Susanne Krome, Melle