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Matt Mullican
geboren 1951 in Santa Monica
lebt und arbeitet in New York
Interview
Einer der Hauptaspekte Ihrer Arbeiten ist Ihre Kosmologie. Könnten Sie kurz erklären, worum es dabei geht?
Die Kosmologie steht für eine Struktur von Überzeugungen und Glaubensinhalten, eine Art Gedankengebäude. Das ganze ist ein reines Modell - es soll auch nicht umgesetzt oder gebaut, sondern nur betrachtet werden, man soll darüber nachdenken, so ähnlich wie man eine Skulptur oder ein Bild betrachtet. Normalerweise sind Kosmologien auf die Grundlagen einer Gesellschaft bezogen, aber bei meiner Kosmologie trifft das nicht zu. In meiner Arbeit tauchte die Kosmologie zum erstenmal 1973 auf, als ich mir über bestimmte Überzeugungen Klarheit verschaffte, die ich als Kind hatte. Unter anderem hatte ich geglaubt, dass ich mir meine Eltern ausgesucht hätte. Das hatte mit der kindlichen Fragestellung zu tun, inwieweit das Schicksal - als Person - mein Leben bestimmte. Damit hatte ich eine Antwort darauf, warum alles so geschieht wie es geschieht. In den frühen siebziger Jahren interessierte ich mich für die Idee des Todes, und so war es naheliegend, auch den Tod als Person hinzu zu fügen. Auf diese Weise stelle ich mir vor, dass das Schicksal und der Tod an meinem Lebensende zusammenkommen und darüber entscheiden, ob ich nach oben in den Himmel komme oder nach unten in die Hölle. Damit hatte ich eine Antwort auf die Frage, was aus mir wird, wenn ich einmal tot bin. In meiner Kosmologie hat der Himmel, die Sphäre Gottes, mit dem Ich als reiner Bedeutung zu tun, im Sinne einer persönlichen Identität als bewusstem, intellektuellem oder emotionalem Wesen, während in der Hölle das Selbst auf den Körper reduziert wird. Jedenfalls ist in meinem System die Hölle nicht schlecht, ebenso wenig wie der Himmel gut ist. Im Laufe der Zeit habe ich diese Kosmologie in einer Vielzahl verschiedener Materialien umgesetzt, unter anderem in Granit, in Glasfenstern, in Eisen, in Malerei, in Neon, in digitalen Medien, in Flaggen, Buttons, Postern, Teppichen und Wandbehängen, aber auch in Performances mit Musik, Tanz und Hypnose. Das Grundthema all dieser Arbeiten war die Beziehung zwischen dem Bild der Kosmologie und den unterschiedlichen Materialien.
Das Motiv der Lunge taucht in Ihrer Arbeit seit langer Zeit immer wieder auf. Die Lunge steht dabei für die Übertragung von Energie im wörtlichen Sinne, aber auch die Übertragung von Bedeutungen im symbolischen oder metaphorischen Sinne. Was hat Sie veranlasst, sich mit diesem Motiv der Lunge zu beschäftigen, und wie hat sich die Arbeit damit im Laufe der Jahre weiterentwickelt?
Die Lunge symbolisiert einen Übertragungsprozess, und was mich interessiert ist die Übertragung von Energie im Zusammenhang mit der Übertragung von Bedeutungen, zum Beispiel im Sinne des Verhältnisses von Generatoren und Enzyklopädien. Oder zwischen Kosmologien und der Art und Weise, wie Dinge produziert werden. Das Motiv der Lunge tauchte zum erstenmal in einer Ausstellung in der Galerie Mary Boone im Jahre 1984 auf, wo ich eine Serie von acht Bildern ausgestellt habe, die alle die Übertragung von Bedeutung zum Inhalt hatten. In den letzten Jahren habe ich ein ähnliches Bild der Lunge als Metapher für Computerarbeit in dem Werk "Up_to_625" eingesetzt, das auf der documenta X gezeigt wurde. Hier war es das Symbol des Baumes, bei dem man einfach aus den Möglichkeiten auswählt, die die Website bietet, und sich dann zu immer detaillierteren Informationen weiterbewegt. Was mich dabei interessierte, war die Lunge und das Diagramm, welches diese Struktur benutzt, um zunehmend spezifischere Informationen daraus zu erhalten. Für das Netter-Projekt habe ich vier verschiedene Bilder ausgewählt, die diese beiden Begriffe miteinander verknüpfen, indem ich die Kosmologie in bzw. auf die Lunge gezeichnet habe. Die Lunge wird zum Sinnbild für das Diagramm und das Diagramm zum Sinnbild für die Lunge.
Könnten Sie vielleicht noch etwas näher darauf eingehen, welche Verbindung für Sie zwischen dem Vorgang des Atmens und dem Fluss oder, wie Sie es nennen, dem "Rhythmus" der Information besteht?
Man kann sich intensiv in den Rhythmus des Atmens und der Information vertiefen, und..., wenn ich diese Verbindung wirklich herstelle und auf diese Weise zu einer Lungen-Bibliothek komme - einer Bibliothek als Lunge oder auch einer Lunge als Bibliothek - so etwas wie einer Enzyklopädie als Lunge; es wäre, glaube ich, sehr interessant, diese Vorstellung wirklich weit zu verfolgen und sie nicht nur auf Architektur zu übertragen, sondern auch auf eine bestimmte Systemarchitektur. Weil es dabei um ein abstraktes Problem geht, scheint die Entfernung zwischen der Vorstellung und der tatsächlichen Information sehr viel größer. Aber das funktioniert auch sehr schön. Ich bin fasziniert von der Idee, eine Lunge als eine Art Informationsbaum zu benutzen. Und sie wirklich als eine Metapher für das Atmen zu nehmen im Sinne dessen, wie ein gesellschaftliches System funktioniert.
Wenn Sie in Ihren Arbeiten Ihre Kosmologie mit Hilfe unterschiedlicher Medien anschaulich und nachvollziehbar zu machen versuchen, dann greifen Sie ja auch auf verschiedene Farben zurück, die innerhalb Ihrer Kosmologie eine ganz bestimmte Bedeutung haben. Könnten Sie uns etwas mehr über die Verwendung dieser Farben im Zusammenhang mit Ihren Arbeiten für die Netter Art Collection sagen?
Mein Vorschlag für das Netter-Projekt besteht aus zwei Teilen. Für den ersten Teil der Arbeit habe ich Reliefs von bestimmten Bildern aus dem vierten Band der Netter-Reihe gemacht. Ich habe dafür einen Satz von vier Bildern ausgewählt und mich für die Farbe Gelb entschieden. Innerhalb meiner Kosmologie steht die Farbe Gelb für die "gerahmte Welt", für das Bewusstsein, die Kunst. Anders ausgedrückt: Wenn Gegenstände, die ansonsten unbeachtet bleiben, aus dem Chaos unseres Alltagslebens herausgenommen und in einen festen, "gerahmten" Zusammenhang gestellt werden, abgetrennt von ihrem angestammten Platz, dann werden sie neu gedacht und sind auf dem Weg Symbole zu werden.
Für den zweiten Teil der Arbeit dagegen habe ich Röntgenaufnahmen der Lunge gewählt, die ich ebenfalls dem erwähnten Band entnommen habe. Diese Aufnahmen wurden aber nicht als Negative, sondern als Positive kopiert und mit Details aus dem bei "Up_to_625" verwendeten Diagramm überlagert. Für diese Bilder habe ich die anderen vier Farben gewählt: Rot, Blau, Grün und Schwarz-Weiß. Auch diese Farben stehen in meiner Arbeit für bestimmte Vorstellungen: Grün steht für die Elemente, für Materialität, für Materie im Urzustand. Man könnte sagen, dass Gegenstände an sich ohne Bedeutung oder Inhalt sind. Entsprechend findet sich diese Farbe im untersten Bereich des Diagramms. Blau steht für das Chaos des Alltagslebens. Ich nenne das die "ungerahmte Welt" - sie beinhaltet mehr oder weniger die unmittelbare Erfahrung unserer gesamten Umwelt. Die nächste Farbe im Kosmologie-Diagramm wäre das Gelb, von dem ich vorhin im Zusammenhang mit den Frottagen gesprochen habe. Über dem Gelb steht Schwarz-Weiß als Farbe der Sprache, der Ebene von Zeichen und Symbolen. Damit hört der Gegenstand auf, reiner Gegenstand zu sein. Und als letztes Rot, das nicht für ein Symbol oder einen Gegenstand steht, sondern für unsere von der Erfahrung bestimmte Beziehung zum Symbol - gewissermaßen für Bedeutung unabhängig vom eigentlichen Gegenstand oder Objekt. Dabei geht es um das Problem, ob es überhaupt reine Bedeutung geben kann, losgelöst von irgendeiner konkreten physischen Manifestation.
Bei der Arbeit an diesen Vorschlägen für das Netter-Projekt tauchte nun ein ganz neuer Aspekt auf, nämlich die Frage, welche Rolle Netters persönliche Signatur innerhalb dieser Frottagen spielt, und das ist etwas, was mich ganz besonders fasziniert: Man kann seine Signatur noch deutlich erkennen, und in gewisser Weise signiert er weiterhin seine Arbeit und damit auch meine.
Ihre Performances unter Hypnose spielen eine ganz besondere Rolle im Rahmen Ihres künstlerischen Schaffens. Es handelt sich dabei nicht unbedingt um das, was man normalerweise unter eine Performance versteht, obwohl es für den Zuschauer durchaus gewisse Ähnlichkeiten gibt. Welche Bedeutung haben diese Aktionen im Rahmen Ihrer Arbeit?
Meine Performances begannen mit einer Art von Selbsthypnose. Im Prinzip ging es darum, mich in das jeweilige Bild hineinzuversetzen oder mich gewissermaßen in das Bild hinein zu projizieren. Das ganze hat mit der Frage zu tun, ob ein Bild eine physische oder eine mentale Form ist. Das war ungefähr 1973/74. Damals ging es in der Kunst vor allem um das Objekt, den Gegenstand. Eine Art Minimalismus, könnte man sagen, wo vor allem das Objekt erzeugt werden sollte. Es ging nicht darum etwas darzustellen, was immer es auch war. Das spielte nur eine untergeordnete Rolle. Mein Interesse bei der Sache galt hingegen der genauen Alternative, dem Gegenteil von dem, was das Bild implizierte. Wenn man beispielsweise ein Bild anschaut, das einen Raum darstellt, dann sieht man zwar einen Raum, aber der existiert in Wirklichkeit gar nicht. Aber wir können ihn alle sehen und können uns auch in ihn hineinversetzen, und wir können uns vorstellen, wie groß die Gegenstände darin sind und wie sie sich anfühlen und so weiter. Es war also ein mentaler Raum, in den ich mich hineinversetzte. Und bei einigen dieser Performances versetzte ich mich tatsächlich in diese Räume und hielt mich darin ungefähr 15 oder 20 Minuten auf. Das funktionierte recht gut, und nach einiger Zeit kam ich auf den Gedanken, mich intensiver in diese rein mentalen Situation hineinzuversetzen, so dass mein Körper physisch darauf reagierte, in diesen Räumen zu sein. Denn Hypnose beeinflusst in der Tat die Physiologie eines Menschen. Deshalb eignet sich Hypnose auch als Anästhetikum -man kann sie dazu benutzen, Schmerzen auszuschalten, zum Beispiel Schmerzen im Arm. Haben Sie die letzten olympischen Winterspiele gesehen? Mit diesem Elvis "Wieheißtdernochmal" - diesem Eiskunstläufer? Der lief jedenfalls bei den olympischen Winterspielen in der Endrunde des Eiskunstlaufs der Herren und zeigte seine Kür und anschließend brach er einfach zusammen. Er wurde einfach ohnmächtig. Er hatte sich beim Laufen eine Leistenzerrung zugezogen und hatte wahnsinnige Schmerzen, aber er hat diesen Schmerz einfach ausgeblendet und weitergemacht. Und als er sich am Ende seiner Kür dann wieder entspannte, verlor er schlagartig das Bewusstsein. Man kann sich also gewissermaßen für eine bestimmte Tätigkeit vollständig psychisch aufputschen. Und diese Konzentration ist auch eine Art von Selbsthypnose, eine Möglichkeit, Schmerz komplett auszuschalten. Und das ist die Welt, für die ich mich interessiere, eine innere Welt, in die man sich im Zustand der Hypnose begibt.
Im Zusammenhang mit den Performances, die ich in Brüssel gab, kam ich dann auf das Thema Muster und Rhythmus. Das ist ganz naheliegend, wenn man an solche Dinge wie Trance und Techno denkt: Alles ist Rhythmus, in dem man ganz aufgeht und sich verliert. Das passiert einfach so - eine ziemlich bizarre Erfahrung. Und das ist genau das, was mich am meisten interessiert - die Frage, wie dieser Vorgang eine Arbeit beeinflusst und was ich daraus lernen kann. Letzten Endes geht es jedoch darum, dass man ein Bild sowohl als einen konkreten, wirklich existierenden Gegenstand begreifen kann, als auch als eine reine Vorstellung; und das ist das, was man unter Hypnose am deutlichsten merkt. So bin ich darauf gekommen, genau das zu machen und da dann sozusagen rein zu gehen. Das hat auch mit der virtuellen Realität zu tun. Denn das ist genauso ein Weg, sich in ein Bild zu begeben, und das habe ich auch schon gemacht. Für mich existieren diese beiden Dinge also gleichzeitig nebeneinander - der virtuelle Raum und der mentale Raum, der den virtuellen Raum verstehen kann.
Und natürlich bin ich auch sehr daran interessiert, wie man die Architektur einsetzen kann, um diese Dinge zu fühlen. Wenn ich an einen Tisch denke, dann kann ich zum Beispiel sagen, dass es unter dem Tisch 1960 ist und auf dem Tisch 1980. Und dass es 1960 gerade Dezember ist mit Schnee und Kälte, während es auf dem Tisch 1980 ist und regnet. Diese Projektionen übersetze ich nun in die Architektur, und das ist vom bildhauerischen Standpunkt wirklich interessant. Und natürlich auch vom Standpunkt eines Architekten, denn alle Architekten beschäftigen sich mit dem Verstehen von Materialien. Man baut zum Beispiel etwas in Marmor, weil man will, dass es eine bestimmte Ausstrahlung haben soll, eine physische Ausstrahlung. Das hat wieder mit Versinnbildlichung zu tun. Bei dem nächsten Projekt, das ich machen werde, wird es um die Frage des Rhythmus gehen, um Musik und Muster. Es wird darum gehen, einen Raum zu bauen, der nicht nur einen Fußboden hat, sondern darüber hinaus noch andere Dinge, mit denen ich dann arbeiten werde. Dinge, die geeignet sind, bestimmte Erinnerungen zu aktivieren. Wahrscheinlich wird es die Ecken des Raumes einschließen. Das Interesse an den Ecken ist ganz intuitiv, ich weiß auch nicht, warum. In Brüssel habe ich zum Beispiel eine Performance gemacht, wo ich tatsächlich in alle Ecken des Raumes gegangen bin. Ich habe einfach eine bestimmte Essenz gesucht.
Wenn Sie so beschreiben, was Sie unter Hypnose machen, dann erinnert mich das ein wenig an "Glen", das Strichmännchen, und daran, wie diese Figur in bestimmten Situationen gezeigt wird. Ich weiß natürlich, dass "Glen" ein rein fiktives Wesen ist, aber ich habe den Eindruck, dass auch er so etwas wie eine "Essenz" gesucht hat.
Ich habe inzwischen rund 400 Zeichnungen mit solchen Strichmännchen. Wenn ich diese Zeichnungen mache, dann hat das mit einer ganz ähnlichen Art von Projektion zu tun. Immer wenn man eine Figur sieht, egal welcher Art - ob in einer Photographie, auf einem Verkehrsschild, in einem Film oder was immer -, dann projiziert man eine gewisse Empathie in diese Figur, in diesen Körper, und diese Projektion ist genau da lokalisiert, wo dieser Typ ist, und das ist es, worum es mir geht. Ich möchte mich in seine Anatomie hineinversetzen.
Ich habe hier zum Beispiel noch ein paar andere Strichfiguren, die aus der Pornoserie stammen. Ich habe mich einfach dafür interessiert, warum…, wissen Sie, so etwas kann man nicht überall zeigen. In den USA ist das noch ein großes Problem. In viel stärkerem Maße als tote Menschen. Tod und Gewalt sind längst keine große Sache mehr, aber Sex erregt immer noch ein großes Aufsehen. Auch heute noch. Man darf den Leuten keine sexuellen Darstellungen zeigen. Und mich hat diese besondere Energie interessiert, die in solche Bilder hineingelegt wird. Weil diese Energie real ist.
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