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Rosemarie Trockel
geboren 1952, Schwerte
lebt und arbeitet in Köln
Interview
Grace Anderson: Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als der Vorschlag auf Sie zukam, einen Beitrag für die Netter Art Collection zu gestalten?
Rosemarie Trockel: Ich erinnerte mich an mein erstes Lehrbuch "Die Frau als Hausärztin". Dieses Buch hatte mich fasziniert - viel mehr als die üblichen Kinderbücher und Comics, an denen ich im Gegensatz zu meiner allzeit und überall lesenden Schwester kein Vergnügen fand. Die Legasthenie war zu dieser Zeit noch nicht erfunden. Auf jeden Fall hatten "nur" Bilder bei mir Zugang und besonders die Abbildungen aus "Die Frau als Hausärztin".
In unserer Familie wurde der Körper negiert, es wurde nicht über ihn und seine Funktionen gesprochen. Ich kannte meinen Körper kaum, bis auf Hände, Gesicht und Beine. Was verdeckt war, war nicht da und bis zur Pubertät verdanke ich meine Vorstellungen von Körper meinem "Lehrbuch". Sexualität und alles was damit zu tun hat, habe ich zunächst durch diese Lektüre erfahren.
Ich lernte auch den kranken Körper als etwas Normales kennen, als nichts Außergewöhnliches, eher als andere Möglichkeit des Daseins. Das hat bis heute Nach- und Nebenwirkungen, positive wie negative. Krankheit benutzte ich als Werkzeug, als Weg, als Rückzugsmöglichkeit. Wie? Zum Beispiel verhinderte starkes Kopfweh die Ausarbeitung von Schulaufgaben - lieber Halsschmerzen als Abwaschen etc. Ich war nie sonderlich entsetzt, wenn ich Pickel und Pusteln oder Ähnliches bekam, weil ich das ja schon kannte von Seite soundso. Die Veränderungen empfand ich zwar als etwas Eigentümliches, aber als etwas, das es zu beobachten galt. Auch erste Anzeichen von Mitessern, Akne oder Krankheiten bei Anderen waren von großem Interesse - ich verglich die Symptome sofort mit denen in meinem Lexikon. Meine Mutter war nicht so erfreut darüber, ließ mich aber gewähren. Die Pubertät bot diesbezüglich viel Arbeit, ich dokterte gerne an meinen Freunden herum.
Alles, was mit Haut zu tun hatte, beschäftigte mich. Meine erste große Künstlerliebe galt dann auch folgerichtig Andy Warhol, dessen Gesicht durch tiefe Spuren der Halbwüchsigkeit gezeichnet war. Meine frühen Kritzeleien, tagebuchartige Aufzeichnungen, hatten meist mit Haut oder später mit Sex oder mit beidem zu tun. Letzteres wurde immer wieder fein säuberlich ausradiert, um die strenge Mutter oder neugierige Schwester auszutricksen.
Als ich das Netter-Buch in die Hände bekam, habe ich mich gefreut, weil mir bewusst wurde, dass ich dieses ausgiebige Selbststudium schon lange vernachlässigt hatte. Ich bin sehr gespannt auf die neue Gesamtausgabe. Wenn Sie z. B. die Motive betrachten, die ich für den Umschlag ausgewählt habe, beispielsweise das Nasengesicht, ist das natürlich erst einmal 1:1 zu lesen. Dass die Nase ein Phallussymbol darstellt, will wohl keiner bestreiten. Mitten im Gesicht zeigt sich die Leidenschaft wie auch das Leid. Alles lässt sich verdecken, eine Brille für die Augen, ein Bart für den Mund - aber die Nase ragt heraus und verrät gnadenlos jede Schwäche.
Jean Clair über die Nase Giacomettis philosophierend, könnte sich eine Kultur vorstellen, in der die Männer einen Schleier tragen, den Frauen im Islam ähnlich. Er verweist auch auf die neuesten Ergebnisse des Instituts Pasteur, die besagen, dass ein und dasselbe Gen für das Kalman-de-Mortier-Syndrom - d. h. fehlender Geruchssinn korreliert mit genitalem Defizit - verantwortlich gemacht werden kann. Oder denken Sie an Pinocchio oder Cirano de Bergerac. Übergröße als Chance. Das lässt sich auf viele Ebenen übertragen.
Dass man meine Nasenzeichnungen häufig als eindeutig männlich kategorisiert, hat wohl mehr mit der automatischen Zuordnung "große Nase = maskulin" zu tun. Seltsam, dass die Länge der Nase als Bestätigung einer triumphierenden Männlichkeit gesehen wird, während sie bei der Frau eher den Status des Unattraktiven hat, den es zu korrigieren gilt. Als Beispiel wären Hollywoods kleine Nasen zu nennen. Ich sehe das eher als Verlust an. Markante Nasen, wie die von Maria Callas, Diana Vreeland, Golda Meir oder Rita Tushingham, um nur einige zu nennen, haben meine ungeteilte Bewunderung.
Auch die Maler früherer Jahrhunderte fühlten sich als "Verbesserer" berufen. Eine zu große Nase wurde als grotesk gewertet. Also verkleinerte man häufig das Riechorgan genauso, dass der Auftraggeber weder wie seine eigene Karikatur noch zu unbedeutend aussah.
Soviel zu meinen Vorschlägen für den Netter-Genitalband. Vielleicht noch ein letzter Spruch dazu - von Nietzsche: "Mein Genie ist in meinen Nüstern."
Rosemarie Trockel im April 2000.
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