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Lawrence Weiner
geboren 1942, New York
lebt und arbeitet New York
Interview
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben, innerhalb eines wissenschaftlichen Kontextes, mit einem so gut durchdachten Wissenssystem zu arbeiten? Beispielsweise wenn Sie sich Band VI über das "Nervensystem" ansehen?
Bücher unterscheiden sich von Wissenschaft. Wissenschaft ist etwas Aktives. Ich habe versucht, einen Umschlag zu gestalten, der dieses "Aktive" zeigt -, dass es keine endgültigen Lösungen gibt. Wenn man ein Buch vorliegen hat, ist das etwas anderes. Der Zweck der Akademie ist es, Antworten im Sinne von Minimallösungen zu präsentieren. Die Absicht der Wissenschaft, wie Sie es nennen, oder der Kunst, wie wir es nennen, ist es, Antworten in Frage zu stellen. Nicht als Rebellion, nicht als irgendetwas anderes. Ihr Job, mein Job, der Job der Wissenschaftler ist ein und dasselbe: eine Antwort zu nehmen, die man gelesen hat, und diese in Frage zu stellen. Welche Antwort auch immer, welcher Sache auch immer man wirklich nicht glaubt. Noch einmal: es hat nichts mit Anti-Establishment oder irgendwas sonst zu tun. Es ist Teil der Beziehung, die man zu dieser Gesellschaft hat. So verstehe ich meine gesellschaftliche Rolle. Das heißt für mich, herauszufinden, worin die Dynamik besteht und, ohne den Gebrauch von Metaphern, zu versuchen, die Dynamik selbst als eine empirische Wirklichkeit darzustellen. Darum benutze ich Sprache. Und darum ist Zeichnen für mich Sprache. Es ist nicht Illustration, es ist Sprache. Ich wünschte, es wäre etwas komplizierter, aber es ist wirklich so einfach. Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, Amateurwissenschaftler, Amateuranthropologe oder "Amateur-was-weiß-ich" zu sein.
Sie sagen, Bücher seien etwas anderes als Wissenschaft, aber bezieht sich das auf alle Arten von Büchern? Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Bücher, die Sie gemacht haben, Kunst sind und folglich zum "Aktiven" gehören. Was ist mit "Pie in The Sky", Ihrem Buch für Kinder?
Meine Bücher gehören zum "Aktiven". Das Buch "Pie in The Sky" habe ich für das französische Lehrsystem gemacht. Es ist das erste Buch für Kinder über existentialistisches Denken. Darin werden sie mit dem Konzept des "Himmel-und-Hölle-Spiels" konfrontiert: wohin du deine Füße setzt, dort lebst du dein Leben. Es zeigt, dass man wirklich nur zwei Möglichkeiten hat: man kann entweder große Steine bewegen, um für sie einen Platz in der Sonne zu finden, oder man kann kleine Steinchen nehmen und sie obenauf werfen. Und am Ende, das ist für die Kinder das Interessante, am Ende haben beide Möglichkeiten zwischen Himmel und Erde Platz. Und jetzt finden Sie selbst die Antwort auf Ihre Frage heraus. Ich wusste nicht, ob das so angenommen würde, aber, ja, es wurde als eine Möglichkeit akzeptiert, Kindern etwas zu erklären, das als besonders wichtig angesehen wird - existenzphilosophisches Denken -, dies zu erklären, ohne daraus ein großes Ding machen zu müssen.
Was war Ihre Idee in Bezug auf das Thema des Netter Art Collection-Bandes über neurologische und neuromuskuläre Störungen?
Die Idee setzt da an, dass man über die Symptome einer Krankheit, die Krankheit erkennt. Aber, in Wahrheit, sind es nicht die Symptome selbst, die eine Krankheit erkennbar machen. Es ist ihre Dynamik. Es ist dieses "Aktive", die Tatsache, dass es eine böswillige Kraft ist, macht sie erkennbar; nicht ihre Symptome. Denn häufig bedeuten Symptome gar nichts, sie können von allem möglichen stammen.
Wie kann man lernen, einen Unterschied zwischen den Symptomen einer Krankheit und der "Dynamik", wie Sie es nennen, zu erkennen?
Sagen wir mal so, es braucht dazu eine gewisse Emotionslosigkeit, einen kühlen, distanzierten Blick. Genauso wie ein Künstler zu sein und die Kultur zu betrachten. Wenn man als Künstler auf die Kultur blickt, bedeutet dies, sich mit Dingen zu beschäftigen, mit denen andere Leute ganz glücklich sind, und sie in Frage zu stellen. Es gibt vielleicht einen kleinen Prozentsatz von Leuten, die damit nicht glücklich sind, aber die Mehrheit der Leute ist recht zufrieden mit dem, was wir Kitsch nennen würden, oder auch mit dem, was sie als "Volkskunst" bezeichnen. Und dann kommt jemand und stellt dies in Frage. Aus diesem Tun, ergibt sich nach einer gewissen Zeit eine neue Frage oder eine neue Antwort, da es Geschichte wird. Aber das entscheidende an diesem Tun ist, dass man anderen Leuten ihre Träume genommen hat. Der einzige Zweck unserer Existenz liegt darin, Dinge in Frage zu stellen. Und diese Fragen weiterzugeben. Vielleicht findet dann irgendjemand eine mögliche Antwort heraus und lässt es dich wissen. Wenn du genug Information gibst, kommt man wieder auf dich zu und sagt dir, was nach deinem Tod passieren wird. Doch wenn du überhaupt keine Information gibst, hast du keine Chance, jemals eine Antwort zu erhalten. Das ist doch das einzige, worauf du wirklich neugierig bist, und ein paar leibliche Freuden im Laufe des Tages. Du willst essen, du willst Sex und du möchtest das Gefühl, dass deine viele Arbeit irgendwie geschätzt wird, beispielsweise in Form von Geld oder durch Auszeichnungen oder was den Leuten sonst noch einfällt. Du möchtest eine Art von Kompensation.
Aber Sie wollen auch bei geistiger Gesundheit bleiben?
Das ist das Problem, wenn man Wissenschaftler oder Künstler ist. Man setzt mit seiner Lebensweise seine geistige Gesundheit aufs Spiel. Das ist das Problem. Ich meine damit nicht, dass man sie durch Drogen oder andere Sachen gefährdet. Man nimmt seine Welt, sich selbst, wer man ist, sogar die Dinge, die einem im Augenblick Freude bereiten, und stellt sie in Frage. Man stellt seine eigene Zurechnungsfähigkeit in Frage. Aber dafür wird man bezahlt, das gehört zum Job. Es hat für mich nichts mit Romantik zu tun, es gehört zum Job dazu. Ein Feuerwehrmann wird dafür bezahlt, dass er sein Leben auf Spiel setzt; Künstler, Wissenschaftler, Philosophen werden dafür bezahlt, dass sie ihre geistige Gesundheit aufs Spiel setzen. Es ist riskant. Man hat die Wahl, jeder kann sich entscheiden, keiner zwingt jemanden, Wissenschaftler zu werden, keiner zwingt jemanden, Künstler zu werden, und keiner zwingt jemanden, Feuerwehrmann zu werden. Leute, die an Maschinen arbeiten, setzen ihre Hände aufs Spiel. Jeder riskiert irgendetwas, außer unsere ausgesprochen glückliche Bourgeoisie aus dem Mittleren Westen und außer der europäischen Bourgeoisie, sie haben bis jetzt nicht herausgefunden, dass man ganz einfach arbeiten muss, um irgendetwas zu bekommen. Und wenn man an die Prämissen des 20. und 21. Jahrhunderts glaubt, jeder nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, dann gehört auch dazu, dass man Risiken auf sich nimmt. Das ist ein vernünftiger Gesellschaftsvertrag. Für den Vorstadtbourgeois ist das vielleicht nicht akzeptabel, aber tatsächlich ist das nur eine vorübergehende Phase. Ich bin alt genug, die fünfziger Jahre erlebt zu haben, als die Leute keinen Begriff davon hatten, was alles zu bedeuten hatte. Jemand anders war dafür verantwortlich. So war das. Sicher, sie waren aufgebracht, wenn nichts gemacht wurde. Jemand anders übernahm die Arbeit, ihre Aufgabe bestand darin, Dinge zu kaufen. Das kann nicht lange gut gehen. Auf den Kunstmarkt zu blicken, ihn in Betracht zu ziehen, bedeutet für mich als Künstler nichts, wenn ich meinen Job als Künstler wirklich ernst nehme. Der Kunstmarkt besagt gar nichts. Er hat nichts mit dem Produkt zu tun.
Würden Sie bestreiten, dass es einen Zusammenhang zwischen Ihnen als Künstler, dem Produkt Ihrer Arbeit und den Leuten, die dem Kunstmarkt angehören und mit Ihrem Produkt handeln, besteht? Ich nehme nicht an, dass ihr einziges Interesse darin liegt, zu kaufen und zu verkaufen, sondern dass einige Leute Ihre Arbeit und ihr Werk wirklich schätzen?
Alles was ich meinte war, den Kunstmarkt nicht als Mittel zu sehen, den Wert einer Arbeit zu bestimmen. Gehen Sie in Clubs?
Manchmal, ja.
Richtige Clubs... nicht den Berlin Club oder eine Kneipe nach der anderen. Ich meine Clubs, in denen es gefährlich werden kann, wo ein hoher Energielevel ist, wo Leute sind, die sich jemanden schnappen und ihn dann völlig ausnehmen - diese Art von Clubs. Da sind Leute, die jeden Tag zur Arbeit gehen. Sie lassen sich auf sinnlicher und sexueller Ebene auf die Musik ein, bleiben aber gleichzeitig distanziert. Es ist simpel. Das muss nichts mit besonders romantischen Gefühlen zu tun haben. Überall im Leben gibt es Jobs, die ein Teil der Gesellschaft sind und die ich akzeptiere. Die meisten dieser Rausschmeißertypen tun das nicht; aber ich will die Basisregeln eines menschlichen Miteinanders akzeptieren, was meine Aufgabe ist, um so wenig Leute wie möglich zu verletzen. Okay? Aber um dies zu tun, muss man die primitivsten animalischen Instinkte überwinden, und das ist wirklich sehr schwierig. Manchmal geht man in einen Club und ist in einer gewissen Stimmung, da ist Musik, und der DJ treibt einen damit in eine ganz andere Richtung, und dann muss man sich entscheiden, weil jeder so sexy ist.
Sie gehen in Clubs?
Wie andere Leute auch. Wenn ich unterwegs bin, was soll ich sonst machen? Das ist ein guter Platz um anonym zu bleiben. Wenn der Club groß genug ist, bleibt man total anonym und dann fühlt man sich selbst wirklich ein wenig besser, wenn man mit jemandem flirtet und auch eine Reaktion bekommt, dann hat man das Gefühl, dass man als Mensch angesprochen wird, als Individuum, und nicht weil man eine Berühmtheit ist. Clubs verlieren dadurch oft an Qualität. Für mich ist das ein hervorragender Platz, um herauszufinden, ob ich daran gedacht habe, mir morgens die Zähne zu putzen. Das ist kein Witz. Man vergisst das manchmal, wenn man unterwegs ist. Ich weiß zwar nicht, was das mit medizinischer Forschung zu tun hat, aber Sie...
Nun, ich mag Umschweife, und weniger direkt zu sein, manchmal ganz gerne. Aber kommen wir auf die Zeichnungen für die Netter Art Collection zurück, können Sie sie etwas beschreiben?
Diese Zeichnung zeigt, wie man mit der anfänglichen Idee umgeht, denn es ist ein Entwurf. Ein erster Gedanke, wie man mit der Idee umgeht, die im wesentlichen einem Gefühl entstammt, war, diese handgezogene Linie bis zur Markierung zu führen und alle Abwehrmechanismen zu überwinden. Ich mag das, mir gefällt völlige Zerstörung. Es meint Dynamik: "Der Tsunami hat alle Abwehmechanismen aus dem Weg geräumt und sein Ziel getroffen." Der ganze Zweck der Medizin liegt darin, einen Aggressor daran zu hindern, sein Ziel zu treffen. Das heißt präventive Medizin. Das Wichtigste daran ist, dieser bestehenden, alles überwältigende Kraft, mit einem Versuch zu begegnen, im Nachhinein, alles was möglich ist in die Wege zu leiten, um sie letztlich zu stoppen. Mein Vorgehen war, mir die Sache unter dem Gesichtspunkt anzuschauen, was auf dem Umschlag dieses Buches sein sollte. Was darauf zu sehen sein sollte, ist der aktive Prozess, nichts Vergangenes, was heißt, den Tsunami einzudämmen, nachdem er alle Abwehrmechanismen außer Kraft setzte und sein Ziel traf.
Das ist ein aktiver Prozess. Das ist die Idee des Tsunami, das Phänomen einer Flutwelle, die in ihrem Auftreten einer Nervenerkrankung ähnelt, weil dort überwältigende Kräfte wirksam sind. Und wir haben es im Leben mit überwältigenden Kräften zu tun.
Das Interview mit Lawrence Weiner führte Claudia Seidel im April 2000. Aus dem Englischen von Bettina Blumenberg.
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