Kunst und Künstler der NETTER ARTCOLLECTION
Reinhard Hauff, Stuttgart Galerist/Art Director der NETTER ARTCOLLECTION
Buchillustrationen und Einbandentwürfe von Künstlerhand sind keine Seltenheit. Die Gestaltung einer streng wissenschaftlichen Reihe, bei der jedes Cover von einem anderen Künstler entworfen wird, ist jedoch weltweit einmalig, sollte doch das Oeuvre aller eingeladenen Künstler mit den von ihnen zu bearbeitenden Atlanten in einem engen Zusammenhang stehen. Diese doch recht anspruchsvolle Ausgangssituation führte zunächst zu grundsätzlichen Überlegungen, inwiefern Sprache und Naturwissenschaften in der Kunst bearbeitet werden. Nicht minder interessant waren aber auch sehr viel spezifischere Gemeinsamkeiten, die in einem metaphorischen Bezug zwischen Kunst und Wissenschaft vermitteln würden, um sinnfällig die Themen der Bände künstlerisch zu interpretieren. So ergab sich die Auswahl der Künstler für "ihren" Band der Farbatlanten zum einen direkt aus ihrem künstlerischen Werk, zum anderen wies das Oeuvre einiger Künstler im übertragenen Sinne Gemeinsamkeiten mit den medizinischen Inhalten der Atlanten auf, mit denen sie sich auseinandersetzen sollten.
Für eine ganze Reihe der Künstler war die Außergewöhnlichkeit des Projektes, aber insbesondere die Möglichkeit gerade für diesen einen Band zu arbeiten, der entscheidende Ausschlag für ihre Zusage.
Bei Peter Halleys Malerei liegt der Fokus auf einer Revision der klassischen Moderne und ihren Hang zur reinen "Abstraktion der Farben und Formen". Halley benutzt Farbe und Form als Ausdrucksmittel menschlicher Isolation oder gesellschaftlicher bzw. ökonomischer Kreislaufsysteme und schafft es so, über seine Malerei Inhalte zu transportieren, die sich im Gegensatz zur "Klassischen Moderne" wieder eng mit dem Menschen und seiner Rolle in der Gesellschaft verbinden. Gerade die intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kreislaufsystemen führte sehr schnell zu der Entscheidung ihn für die Gestaltung des Bandes Nummer 1, Herz, anzufragen.
Mark Francis Faszination für Wissenschaft und Naturgeschichte führte zu einer umfangreicher privaten Sammlung anatomischer Modelle und medizinischer Illustrationen. In seiner Malerei interessiert ihn der Mikrokosmos des Körperinneren, so haben wir ihn gebeten, sich künstlerisch an dem Band Nr. 2 Nieren und Harnwege mit dem Kosmos der Mikrobiologie zu beschäftigen und andere Einblicke zu eröffnen.
Rosemarie Trockel setzte sich schon sehr früh mit der Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft auseinander. Sie war bereit, den einzigen Band, in dem das Geschlecht einen signifikanten Unterschied im Krankheitsbild macht, die Genitalorgane, zu gestalten.
Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft führte in der Renaissance zu einem Entwurf, der den Mikrokosmos des Alls, Gestirne und Planeten im Körper des Menschen gespiegelt sah. Hinter dieser Idee stand ein umfassendes Weltbild, das Mensch und Natur, Mensch und Kosmos in einer unauflöslichen Einheit erkannte. Inzwischen ist diese Vorstellung längst überholt, doch entdeckt man einige ursprüngliche Prinzipien dieser Kosmologie in Matt Mullicans Werk in aktueller Übersetzung wider. Sein künstlerischer Entwurf einer "Cosmology" beinhaltet die Interpretation von Beziehungen, die der Mensch während eines Lebens zu seiner Umwelt bildet. Dies bezieht sich auf seine Verwendung von Symbolen, auf den Einsatz von Kommunikationsmitteln sowie auf metaphysische Kategorien der menschlichen Erfahrung wie Religion. Mullicans Kunst kann insofern universalistisch genannt werden, in dem er versucht, ein möglichst umfassendes System zur Beschreibung der Welt zu entwickeln. Dies führte ihn auch dazu, die menschliche Lunge und ihre Baumstruktur als Sinnbild für Energieübertragung zu verwenden, die sich im anderen Kontext, anderer Ausprägung, jedoch strukturell ähnlich wiederfinden lässt: beispielsweise in der Struktur der Stadt, im Querschnitt eines Schiffes oder im Aufbau von Informationssystemen wie dem Internet.
Die Auseinandersetzung mit Sprache in der Kunst taucht im Gegensatz zur Beschäftigung mit der Wissenschaft erst Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts auf und wurde als Conceptart bekannt. Ihre wohl prominentesten Vertreter sind der Amerikaner Lawrence Weiner und der Brite Stephen Willats. Man kann sie als Pioniere dieser Kunstrichtung bezeichnen, stellen sie doch weniger das Kunstwerk als Objekt, als Skulptur oder Gemälde in den Vordergrund, sondern konzentrieren sich auf den öffentlichen Raum der Gesellschaft. Die Untersuchung komplizierter Beziehungs- und Vernetzungssysteme mit sozialpolitischen Hintergrund waren auch grundlegend für ihre Entwürfe zu den beiden Bänden über das Nervensystem.
Bis heute ist in der Kunst ein intensiver und gleichzeitig kritischer Umgang mit Sprache vorhanden, so im Werk von Thomas Locher, der sich nicht nur mit dem Aufbau und der Struktur von Sprache auseinandersetzt, sondern sie auch auf ihre Fähigkeit als Träger von Information überprüft. Auch geht es ihm darum, wie sehr Sprache die Beziehung zwischen Menschen bestimmt, ob sie sich überhaupt verstehen und inwieweit Sprache als Mittel dient, zwischenmensch-liche Hierarchien zu bilden und zu festigen. Ähnlich wie bei der Sprache, bei der Buchstaben und vor allem Grammatik die Grundstruktur bestimmen, verhält es sich beim Skelettaufbau für einen Organismus, so dass wir ihn für die Gestaltung des Bandes Nr. 7, Bewegungsapparat 1 eingeladen haben.
Thomas Grünfeld fordert in seinen Arbeiten den menschlichen Seh- und Tastsinn heraus. Mit seiner subtilen künstlerischen Kombinatorik, schafft er Werke, die den Betrachter irritieren, überraschen oder schockieren. Mit dem Prinzip der Collage baut er Skulpturen aus unterschiedlichen Materialien, die die alltägliche Umgebung und den Gestaltungswillen des Menschen nicht mehr selbstverständlich, sondern fragwürdig erscheinen lassen. So macht er auch nicht davor halt, mögliche Auswüchse der Gentechnologie unter die Lupe zu nehmen, die er anhand zusammengesetzter Tierkörper unterschiedlicher Arten und Gattungen vor Augen führt. Der Band Nummer 8, Bewegungsapparat 1, behandelt angeborene bzw. vererbte Missbildungen. So stehen Grünfelds "Misfits" sinnbildlich für vielleicht kommende Abgründe wissenschaftlichen Fortschritts.
Der Ansatz in Mark Dions Arbeitsweise ist - sowohl was seine Vorgehensweise als auch seine Thematik betrifft - insofern mit der eines Naturwissenschaftlers vergleichbar als er sich wissenschaftlicher Erkenntnisse und Modelle bedient, um sie in seiner Arbeit auf deren Aussagewert kritisch und mit leiser Ironie zu hinterfragen. Auf die Frage, worin die wichtigsten Unterschiede in Betrachtungsweisen von Künstlern und Wissenschaftlern bestehen, antwortete Mark Dion: "Es besteht ein Unterschied und ich glaube, dass dieser Unterschied zu den interessanten Spannungen im heutigen Leben gehört. Ich kann zum Beispiel nachlesen, was wir darüber wissen, wie das Gehirn funktioniert. Andererseits hat eine solche Beschreibung von Neurologen nicht sehr viel mit meiner eigenen Erfahrung zu tun, wie das Gehirn funktioniert. Und gerade das ist höchst interessant für mich. Wie nämlich die Wissenschaft an solcher Erfahrung vorbeigeht. Die Kunst geht natürlich auch manchmal an der wissenschaftlichen Erkenntnis vorbei. Aber gemeinsam kommen sie der Sache schon näher, am Ende eine Erfahrung auf ziemlich komplexe Weise darzustellen. Kunst muss selbstverständlich nicht die "Wahrheit" sagen, wodurch sie Zugang zu anderen Äußerungsformen und Sprache hat. In diesem Punkt hat die Kunst vielleicht einen Vorteil gegenüber der Wissenschaft, da die Kunst in der einfachen symbolischen Darstellung komplexer Sachverhalte Erstaunliches leisten kann. Die Kunst illustriert nicht die Wissenschaft, die Philosophie oder sogar Fragen des Glaubens, sondern macht irgendwie Abstraktionen fassbar, die in diesen Disziplinen vorkommen."
Diese kurze Einleitung in die Werkinhalte der teilnehmenden Künstler der Netter Art Collection vermag einen Einblick darüber geben, dass die Auswahl der Künstler für einen Band der Farbatlanten ein breit gefächertes und spannungsreiches Spektrum an Entwürfen zwischen Mensch, Sprache, Bild und Körper erwarten ließ, das die medizinischen Sachverhalte in direkter oder übertragener Form interpretieren würde. Dies ist in einer Form gelungen, die alle Erwartungen übertraf. Dies gilt ebenfalls für den Beitrag von Andres Serrano, der die beteiligten Künstler portraitierte und für den Begleitband der Netter Art Collection einen Schlusspunkt in zweierlei Hinsicht setzte. Das Cover dieses Bandes zeigt ein Foto aus seiner Serie "The Morgue". Es ist ein durch Missbrauch zu Tode gekommenes Kind, das wir nicht nur als Hinweis auf die oft gewalttätige Endlichkeit allen Seins verstehen können, sondern auch als Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten der modernen Medizin.
Stuttgart, Oktober 2000
(Es gilt das gesprochene Wort)
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