Dr. Motz geht ins Theater
Alles nur Show
Dr. Motz
Dr. Motz liebt das Theater. Nicht das Laientheater, das er selbst in der Klinik tagtäglich aufführt. Motz ist großer Fan des Theaterspiels in den großen Schauspielhäusern! Berufsbedingt ist auch er selbst natürlich ein ganz passabler Schauspieler, was das Vorgeben von Empathie oder Besorgnis Patienten gegenüber angeht, doch was die Akteure auf der Bühne zeigen, das beeindruckt ihn sehr.
Es gibt ja einige philosophische Ansätze, die behaupten, Ärzte und Schauspieler seien sich gar nicht so unähnlich. Beide geben vor, beide verstellen sich, beide improvisieren und beide legen nach Feierabend ihre Rolle ab, um endlich wieder zu sich selbst zu finden. Oder auch nicht. Denn beide haben manchmal Probleme zwischen Rolle und Wirklichkeit zu unterscheiden, neigen zu Narzissmus oder verfallen in Depressionen, die sie mit diversen Suchtmitteln zu unterbinden versuchen.
Und wie Vollblut-Schauspieler auch noch mit angebrochenem Malleolus externus über die Bühne hechten oder Hamlet notfalls im Rollstuhl präsentieren, so schleppen sich auch Ärzte noch halbtot in die Klinik, um ihrer Arbeit nachzugehen. Zweitbesetzungen hat die Personalabteilung nicht vorgesehen!
Auch im Theater bleibt Dr. Motz also Arzt. Daher lässt ihn auch bei der Betrachtung der Bretter, die die Welt bedeuten, sein Medizinerdasein nie ganz los. Kürzlich hat er eine Karte für das Deutsche Theater in Berlin ergattert und ein Stück von Sartre gesehen. Wenn schon Existenzialismus steht Motz eigentlich auf Camus und die Pest, damit kennt er sich wenigstens Yersinia-pestis-mässig aus. Doch nachdem er erfahren hat, dass Sartres Grossvater ein Onkel von Albert Schweizer war, lässt er sich zum Theaterbesuch überreden. Wobei Sartre speziell für Augenärzte ein zu empfehlender Klient wäre, aufgrund einer Linsentrübung hat er angeblich furchtbar geschielt.
Doch auch Dr. Motz wird mit Sartre schnell warm. Schon beim Titel "Die schmutzigen Hände" verflochten sich die ärztlichen Neuronen zu wilden Assoziationen. Es kann kein Zufall sein, dass "Die Schmutzigen Hände" ausgerechnet in der Wintersaison Premiere hat.

Foto: Ulrich Matthes als Hoederer in Sartres „Die schmutzigen Hände“ im Deutschen Theater Berlin
Nach Motz Meinung vielleicht ein Jahr zu spät, da 2011 die Grippehysterie (war es da eigentlich grad Schweine-, Hühner- oder China- Grippe?) extraorbitant ausgeartet war und überall Desinfektionsmittelspender für angenieste und verrotze Patschepfoten herumstanden. Aber immerhin auch dieses Jahr also ein theatraler Hinweis auf die grippale Ansteckungsgefahr durch Händeschütteln!
Trotz ausgiebiger Suche fand Dr. Motz im Theater allerdings nirgendwo auch nur die kleinste Steriliumpfütze, gut, dass er als hygienegeschulter Arzt immer sein persönliches Fläschchen in der Kittel- äh Anzugtasche dabei hat.
Ein wenig bedauert Dr. Motz, dass er Chirurg ist und nicht Psychiater. Als solcher fände er in und um das Bühnenspektakel einen gefundenen Diagnosesumpf! Doch er gibt auch so sein Bestes.
Schizophrenie ist nichts dagegen, wenn der grossartige Ulrich Matthes im Stück einen aufrechten, in sich ruhenden, selbstbewussten erotischen Helden mit strahlender Körperspannung gibt, aber Sekunden später den Schlussapplaus mit eingeknickten Knieen und hängenden Schultern als schlurfender Schlaffi entgegennimmt. Oder ist das ein akutes postergonomisches Erschöpfungssyndrom? Oder ein durch hyperakuten Kortisonabfall bedingtes fulminantes Nebennierenerschöpfungssyndrom?
Bezüglich der wechselnden Rollen mit konsekutiv drohender Persönlichkeitsstörung könnte sich Dr. Motz auch den anamnestisch zu erhebende Pflichtfrage bei der Schauspielerbehandlung "Drehen Sie noch oder drehen Sie schon durch?" vorstellen. Leider fliesst gar kein Blut, als der Protagonist erschossen wird. Somit kann Dr. Motz - nun wieder in seiner Rolle als Chirurg - gar keine Verletzungsanalyse der genauen Todesursache stellen. Oft blutet es in Theater und Film ja irgendwo aus einem irrelevanten rechten oberen Lungenfeld und der Akteur stirbt trotzdem sofort. Dabei wäre so ein kleiner Hämatopneu doch gut zu überleben. Aber vielleicht meinte der Regisseur ja, die Subclavia sei getroffen worden?
Immerhin kann Dr. Motz sich auch noch orthopädische Gedanken über die Absatzhöhe der weiblichen Darsteller machen. Vielleicht sollte er sich auf Hallux valgus Operationen spezialisieren und sich eine Praxis direkt neben dem Bühneneingang aufbauen.
Etwas gestört fühlt sich Dr. Motz durch die anderen Theaterbesucher, besonders durch den dyspnoeischen Herrn neben ihm, der den gefühlvollen Monolog auf der Bühnen lautstark zerhechelt. Ihm schiesst der Gedanke durch den Kopf, im Falle eines intrapulmonalen Druckabfalles Sauerstoffmasken von der Decke des Zuschauerraumes fallen zu lassen. Oder einen Gesundheitspass vor dem Theaterbesuch zu fordern, ähnlich wie in der Tauchmedizin.
Kein medizinisches Kinkerlitzchen würde dann sein Theatervergnügen stören und er könnte sich voll und ganz dem Geschehen auf der Bühne widmen! Leider hat jeder Theaterabend ein Ende und Dr. Motz muss sich der rauen Wirklichkeit ergeben. Vor allem der Tatsache, dass am nächsten Morgen um 5 Uhr sein Wecker klingen wird und er wieder in seine Arztrolle schlüpfen muss.
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