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Lernen auf MC-Prüfungen
Kreuze fürs Leben
Mona Herz
Medizinstudenten müssen vor Multiple-Choice-Examina eine schwierige Gratwanderung überstehen: Es gilt, viel Wissen in wenig Zeit in den Kopf zu bekommen, ohne dabei an einer akuten psychosozialen Belastungsstörung oder Tendovaginitis zu erkranken. Wir zeigen Ihnen, wie Sie diesen Weg unfallfrei hinter sich bringen.
Übersicht
Die wenigsten Medizinstudenten mögen MC-Fragen. Deswegen kann sich heute auch fast niemand mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, als die Multiple- Choice-Prüfungen des IMPP* Studentenaugen zum Leuchten brachten. Als diese 1974 eingeführt wurden, war die Begeisterung groß. Endlich gab es objektive Prüfungen! Das war vor allem in den Jahren nach den 68er-Unruhen von Bedeutung. Der eine oder andere Studierende hatte mit Sprüchen wie „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“ gegen Professoren agitiert, bei denen er jetzt Prüfungen ablegen musste. Hinzu kam, dass sich die Inhalte und Schwierigkeitsgrade der Examensarbeiten von Uni zu Uni sehr unterschieden. Die Gründung des IMPP beendete diese Zustände. Fortan gab es bundesweit einheitliche und objektive Prüfungsbedingungen. Heutige Studenten müssen keinen Gedanken mehr daran verschwenden, ob es bei Prüfungen gerecht zugeht. Sie können sich ganz darauf konzentrieren, ihre persönlichen Lernbedingungen zu optimieren.

Foto: M. Herz
| Ein Plan muss her | hoch |
Der erste Schritt auf diesem Weg: Strukturieren, gliedern und gruppieren Sie Ihren Lernstoff! Mit anderen Worten: Machen Sie sich einen Plan. Der Repetitorien-Anbieter Medi-Learn empfiehlt für das Physikum 50 und für das Hammerexamen 100 Nettolerntage. Hat man mehr oder weniger Tage Zeit, nimmt man sich am besten einen Kalender zur Hand und zählt die Tage bis zum Examen. Davon werden ein bis zwei Tage pro Woche für Lernpausen und zwei Wochen, in denen am Schluss nur komplette Examina gekreuzt werden, abgezogen. Die verbleibende Zeit wird entsprechend der Anzahl der Fragen, die im Examen gestellt werden, an die Fächer verteilt. Beispiel: Im Physikum stellt das IMPP zur Anatomie etwa 80 Fragen, in Physik etwa 20. Für Anatomie sollte man sich also viermal so viel Zeit nehmen wie für Physik. Innerhalb der Fächer bekommen dann auch die einzelnen Themen – wieder entsprechend der Prüfungsrelevanz – Zeit zugeteilt. Im Hammerexamen gibt es für den Anteil der Fächer Durchschnittswerte (Kasten).
Achten Sie darauf, in einer Woche verschiedene Fächer einzuplanen. Abwechslung fördert Motivation und Konzentration. An einem Tag allerdings sind mehr als zwei Fächer verwirrend. Abwechslung können Sie auch schaffen, indem Sie mit den Lernmedien variieren. Kreuzen Sie mal auf Papier, mal am PC. Lernen können Sie nicht nur mit Büchern, sondern auch mit Filmen, Skripten und in Lerngruppen. Auch ein Tapetenwechsel gibt neuen Schwung. Zum Beispiel können Sie zwischendurch einen Tag in die Bibliothek gehen.
Wie lange ein Student am Tag lernen kann, ist individuell unterschiedlich. Lernexperte Prof. Dr. oec. Christoph Metzger von der Uni St. Gallen empfiehlt, eine Nettolernzeit von 6 bis 7 Stunden am Tag nicht zu überschreiten. „Auch wenn das für einen Medizinstudenten nach wenig klingt. Vor wesentlich mehr warne ich, es kann zur Überanstrengung kommen, die sich schlecht auf Motivation und Konzentration auswirkt.“ Jede halbe Stunde sollte eine Verschnaufpause von drei bis fünf Minuten eingelegt werden, nach einer Stunde sind fünf bis zehn Minuten angemessen. Nach zwei Stunden sollten Sie 20 Minuten Pause machen. Hinzu kommen längere Pausen für Mittag- und Abendessen. Komplexe Themen sollte man während des physiologischen Hochs in den späten Vormittagsstunden behandeln. Die Zeit nach dem Abendessen bietet sich höchstens zum Wiederholen an. An den Tagen kurz vor der Prüfung sollte man sich nicht „überlernen“. Wenn man mehrere Tage unter sehr hohem Druck lernt und dann aus der Lernsituation aussteigt, fällt die ganze Anspannung ab. Der Körper schüttet kein Adrenalin mehr aus. Das kann sich negativ auf die Prüfungsleistung auswirken. Am Tag vor dem Examen sollte allenfalls wiederholt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass man die großen Fragezeichen noch beseitigt. Psychologisch günstiger ist es, sich auf Sachen zu konzentrieren, die man weiß.
| Im Dreisprung zum Erfolg | hoch |
Das passive Wissen, das man für MC-Prüfungen braucht, eignet man sich am besten in drei Stufen an: Bei durchschnittlichem Vorwissen sollten Sie im ersten Schritt die entsprechenden Original-Fragen der letzten Jahre zu einem Thema bearbeiten. „In dieser Arbeitsphase lernen Sie, was prüfungsrelevante Inhalte sind und ob Sie sie beherrschen“, erklärt Dr. med. Dipl. Psych. Bringfried Müller, Experte für Prüfungsvorbereitung und Geschäftsführer von Medi-Learn. Wichtig: Lesen Sie die Kommentare nur, wenn Ihnen die richtige Lösung nicht einleuchtet. Halten Sie sich nicht mit jedem Distraktor* auf und bedenken Sie, dass hier medizinische Begriffe verwendet werden, die oft wenig prüfungsrelevant sind und nur dazu dienen, die MC-Frage – neben der richtigen Antwort – mit „zerstreuenden“ Begriffen zu vervollständigen. Haben Sie ein Thema gekreuzt, vertiefen Sie mit dem Lehrbuch die Inhalte, in denen Sie sich unsicher fühlen. Dabei ist wichtig, dass Sie sich auf das Wesentliche beschränken und nur Dinge lernen, die auch gefragt werden. Hierzu gibt es Bücher, die nur prüfungsrelevanten Stoff behandeln, zum Beispiel Kurzlehrbücher oder Skriptenreihen.
Spätestens zwei Wochen vor der Prüfung sollten Sie anfangen, komplette Altexamina zu kreuzen. Am besten unter Prüfungsbedingungen! So bewahren Sie im Ernstfall die Ruhe. Aber kreuzen Sie nicht ins Blaue hinein. Dr. Müller rät: „Machen Sie sich immer klar, dass jede Frage einen bestimmten Sachverhalt prüft. Fragen Sie sich, was dieses Kernwissen ist und was das minimale Wissen gewesen wäre, das Sie gebraucht hätten, um diese Frage beantworten zu können.“ Nebenbei sollten Sie sich an Sprache und Formulierungen des IMPP sowie an das präzise Lesen der Aufgaben gewöhnen.

Bewaffnet mit der richtigen Literatur, Bleistift, Müsliriegeln und Obst, sind Sie optimal gewappnet für den täglichen "Kreuzzug" Richtung Physikum oder Hammerexamen. Foto: M. Herz
| Treibstoff fürs Gehirn | hoch |
Damit man das monatelange Lernen gut durchsteht, sollte man darauf achten, dass man nicht nur seinen Kopf, sondern auch den Körper richtig versorgt. Prof. Dr. oec. troph. Klaus Eder, Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Uni Halle-Wittenberg, empfiehlt: „Ideal zum Lernen sind Vitamin-B1-Lieferanten wie Vollkornprodukte, Gemüse und Obst, dazu Mineralwasser und, wenn man möchte, Kaffee.“ Das Vitamin B1 ist als Bestandteil von Co-Enzymen essenziell für den Abbau von Glukose im Gehirn. Glukose ist der einzige Nährstoff, den das Gehirn abbauen kann. Von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken rät Prof. Eder aber ab. Dabei steigt der Blutzucker plötzlich an, fällt aber auch gleich wieder. Gerade in den Nachmittagsstunden schwächt das die Leistungsfähigkeit. Er empfiehlt komplexe Kohlenhydrate, die langsam resorbiert werden. Auch diese sind in Vollkornprodukten enthalten. Fette Speisen sollte man meiden. Deren Verdauung benötigt viel Blut im Magen-Darm-Trakt. Andere Organe, somit auch das Gehirn, werden dafür schlechter versorgt. Außerdem wird das Blut durch den höheren Fettanteil dickflüssiger und zirkuliert langsamer. Um das Blut flüssig zu halten, sollte man am Tag 40 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht trinken, am besten Wasser oder Light- Getränke und zwischendurch eine Tasse Kaffee oder Tee. Prof. Eder: „Koffein verlangsamt den Abbau von Adrenalin, versetzt also den Körper in einen leichten Stresszustand, der in diesem Fall günstig ist und die Leistungsfähigkeit steigert.“
Andere schwören auf die Natur und steigern die Lernleistung zum Beispiel mit Tees aus Doldenblüten und Efeugewächsen, die das Gedächtnis aktivieren sollen (Kasten). Obwohl auch Rauchen über die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin die geistige Leistungsfähigkeit kurzfristig steigert, ist es kein probates Mittel. Wenn ein Raucher in einer Klausur nicht rauchen darf, kann das seine Aufmerksamkeit infolge des plötzlich verringerten Nikotinspiegels stark absenken. Zudem vermindert langjähriges Rauchen die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch die Verengung der Blutgefäße.
| Tipps gegen Durchhänger | hoch |
Doch auch bei einem gesunden Lebenswandel kommt man nicht um Phasen herum, in denen man sich trotz aller Anstrengung einfach nicht mehr konzentrieren kann. In einer solchen Lernblockade sollten Sie sich kleine Ziele stecken, eine „To learn“-Liste anfertigen und sich zum Beispiel mit einem Kinobesuch belohnen. Versuchen Sie, die Ursachen herauszufinden und „Störungen“ wie häufige Telefonanrufe oder Chaos auf dem Schreibtisch auszuschalten: Bei inneren Störungen sind meistens Versagensängste das Problem. Diese entstehen oft durch ein zu hohes Anspruchsniveau, das dann dringend heruntergeschraubt werden sollte. Dr. phil. Dipl. Päd. Hans-Jürgen Geisler, Entspannungstherapeut und Experte für psychische Blockaden, empfiehlt zudem, sich klarzumachen, dass Prüfungsangst großteils irrationaler Natur ist: Sie kostet Lernzeit und blockiert den Geist. Kommt es trotzdem zu Versagensängsten, ersetzen Sie Angst machende Gedanken durch realistische Aussagen. „Ich bestehe das Examen nie!“ wird ersetzt durch „Ein bisschen mehr als die Hälfte an richtig beantworteten Fragen reicht!“, oder „Der Lernstoff ist zu viel für mich, das hat doch keinen Sinn!“ ersetzen Sie durch „Ich bereite mich so gut ich kann vor; ich muss und kann nicht alles wissen!“ Sehen Sie sich noch einmal die verfügbare Zeit an, teilen Sie sie bei Bedarf erneut und sinnvoll ein, und machen Sie sich wieder ans Werk. Bei Überlastung hilft aber nur eines: „Wenn nichts mehr in den Kopf reingeht, nützt es nichts, sich weiter anzustrengen“, mahnt Dr. Geisler. „Das kostet nur wertvolle Zeit und frustriert. Besser ist es, eine Pause einzulegen, am besten in Verbindung mit Bewegung und frischer Luft.“
Und manchmal hilft es, sich einfach klarzumachen, dass auch MC-Prüfungen ihre guten Seiten haben. Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Jürgen Neuser, Direktor des IMPP in Mainz, betont: „Das IMPP ist keine Langweilerorganisation, die Studierende ärgern möchte, sondern eine Einrichtung, deren oberstes Ziel es ist, faire und ausgewogene Prüfungen zu erstellen, die uns durch gut ausgebildete Ärzte eine gute medizinische Versorgung sichern.“ Der Kritik vieler Studenten, dass IMPP-Fragen praxisfern seien, begegnet Prof. Neuser mit einem durchaus plausiblen Argument: „Allein das viele Kreuzen von Examina trainiert die Fähigkeit, schlüssige Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Als Arzt muss man in der Praxis auch entscheiden und handeln, obwohl man sich nicht immer hundertprozentig sicher ist.“ Merken Sie sich das, wenn Sie das nächste Mal beim Kreuzen in ein Motivationsloch fallen: Sie kreuzen nicht nur, um die Prüfung zu bestehen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes fürs Leben!
Dies ist ein Artikel aus Via medici 5.08
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