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SARS - erste globale Epidemie des 21. Jahrhunderts
Ein Virus jettet um die Welt
Maria Fleischmann-Greissing
05.05.2003 - Täglich laufen neue Meldungen zur Lungenerkrankung SARS über die Ticker der Presseagenturen. Doch seit 28. April 2003 sind dies nicht nur weitere Schreckensmeldungen, die weltweit Besorgnis auslösen. Vietnam wurde von der WHO als erstes Land wieder aus der Liste der "affected areas" gestrichen, die Reisewarnung für Kanada wurde am 29. April aufgehoben.
Übersicht
Innerhalb von Stunden hat sich das schwere akute Atemwegssyndrom (SARS) als Folge der globalen Vernetzung um den Globus verbreitet. Weltweit sind bisher laut WHO (Stand 2. Mai) 417 Menschen an der Krankheit gestorben und rund 6.054 daran erkrankt. Allerdings sind auch 2.643 Patienten wieder genesen. Zumindest in Kanada und in Vietnam sei laut WHO der SARS-Höhepunkt inzwischen überschritten. Deshalb wurden für Kanada und Vietnam die Reisewarnungen wieder aufgehoben, nachdem 20 Tage lang (doppelte Inkubationszeit) keine Neuinfektion aufgetreten war. Trotz umfangreicher Bemühungen im Kampf gegen SARS fordert die Lungenkrankheit allerdings in China und Hongkong immer mehr Opfer. Aktuelle Fallzahlen in den betroffenen Regionen gibt es von der WHO im Internet. Danach ist die Zahl der SARS-Fälle in China (ohne Hongkong) mittlerweile (3. Mai) auf 3.971 gestiegen, gestorben sind bisher 190 Patienten. In Hongkong stieg die Zahl der Todesopfer auf 179. Von einer Eindämmung kann hier noch nicht gesprochen werden.
"Die Situation in China ist weiterhin Besorgnis erregend", sagte David Heymann, Direktor der WHO-Abteilung für übertragbare Krankheiten. Mehr als 7.700 Menschen stehen allein in Peking unter Quarantäne. Das öffentliche Leben ist gelähmt und auch die wirtschaftlichen Folgen sind unabsehbar. Zudem haben zwölf angeblich genesene SARS-Patienten in Hongkong einen Rückschlag erlitten, worüber die Behörden "sehr beunruhigt" seien, so eine Sprecherin der Krankenhausverwaltung in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Für Deutschland werden von der WHO bisher (3. Mai) sieben bestätigte SARS-Fälle angegeben, die aber alle wieder gesund sind. Die deutsche Medizin sei gut für die ansteckende Krankheit gewappnet, wurde am 28. April auf dem 109. Internisten-Kongress in Wiesbaden betont. Immer wieder gibt es jedoch neue Verdachtsfälle und auch neue Infektionen - aufatmen wird man also noch lange nicht können.
| Virus sorgt für immer neue Überraschungen | hoch |
Dass die Infektionskrankheit SARS den Medizinern ständig neue Rätsel aufgibt, dafür sprechen beinahe täglich sich ändernde Letalitätsraten. Die bisher von der WHO genannte Todesrate von 4 Prozent musste inzwischen nach oben korrigiert werden. Nach neuen Berechnungen mit aktuellen Daten aus Hongkong, China, Kanada und Singapur liege die Sterblichkeit nun bei 6,4 Prozent, so der Mediziner Wolfgang Preiser auf dem Deutschen Internistenkongress in Wiesbaden. Nach Angaben des Frankfurter Infektionsforschers Hans Reinhard Brodt ist sogar mit einer Rate von bis zu 15 Prozent zu rechnen. Forscher der chinesischen Universität von Hongkong fanden außerdem heraus, dass das Virus im Eiltempo mutiert, sowohl während des Infektionsprozesses als auch nach der Infektion. Bei einigen geheilten Patienten sei nach Mitteilung von Radiologen eines großen Krankenhauses in Hongkong eine Vermehrung des Bindegewebes in der Lunge festgestellt worden. Ob dies durch die Krankheit selbst oder deren Behandlung hervorgerufen wurde, sei nicht klar. Einige entlassene Patienten wiesen eine Lungenfibrose auf.
| Erreger identifiziert - Genomsequenz entschlüsselt | hoch |
Ein Lichtblick seit dem 16. April ist die Identifizierung des verursachenden Virus. Wie die WHO mitteilt, handelt es sich dabei um einen neuen Erreger aus der Familie der Coronaviren. Das bislang unbekannte Virus wurde Ende März erstmals von einer Gruppe aus dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg (BNI) und der Universität Frankfurt beschrieben, ebenso von den Centers for Disease Control in den USA. Auch der genetische Code des neuen humanen Pneumonie-assoziierten Corona-Virus ist bereits entschlüsselt. Das Genome Sciences Centre in Vancouver stellte die Sequenz aus 30.000 Ribonukleotiden ins Netz. Infektionsmedizinisch wurde mit Affenexperimenten bewiesen, dass das neue Corona-Virus die Krankheit SARS auslöst. Über das plötzliche Auftreten des Virus wird unter anderem spekuliert, dass auch dieser Erreger wie bereits andere RNA-Viren die Speziesbarriere Tier/Mensch durchbrochen hat und jetzt für den Menschen pathogen wurde.
| Bedrohliche Ausbreitung | hoch |
Die Übertragung der SARS-Viren erfolgt offensichtlich bei engerem Kontakt mit Kranken durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion. In welchem Krankheitsstadium Menschen das Virus übertragen, ist noch ungewiss. Weiterhin sind viele vor allem seuchenhygienische Fragen zu SARS völlig offen. Gibt es tatsächlich die so genannten "Super-Spreaders", also Viren-Träger, die extrem ansteckend sind? Laut Wolfgang Preiser gibt es sogar Hinweise, dass auch Gesunde das Virus in sich tragen können. "Wir wissen nicht, wie lange das Virus nach der Gesundung im Körper überleben kann", sagte der Leiter des medizinischen Instituts an der Universität Hongkong. Das Virus ist offenbar resistenter als bislang angenommen. Eine WHO-Experten-Kommission zieht auch die Übertragung über die Klimaanlage oder verseuchtes Wasser in Betracht. Im Kampf gegen die Lungenkrankheit SARS wollen chinesische Banken künftig Geld, das sich im Umlauf befindet, desinfizieren. Wie das BNI mitteilt, besteht nach bisherigen Erkenntnissen allerdings kein Übertragungsrisiko durch Gegenstände oder importierte Güter.
| Diagnose mit Schnelltest möglich | hoch |
Für die Diagnose von SARS steht seit 28. April ein PCR-Test zur Verfügung, der von der Firma artus und dem BNI entwickelt wurde. Leuchtet die Test-Lösung, sobald die aufbereitete Speichelprobe eines SARS-Verdachtsfalls hinzugegeben wird, ist der Erreger vorhanden. Ein Verdachtsfall ist laut Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen bereits gegeben, wenn der Erkrankungsbeginn nach dem 1. November 2002 liegt, und nicht wie noch vor kurzem angegeben, nach dem 1. Februar 2003. Weitere Testverfahren, die auf Antikörpernachweisen im Blut beruhen (ELISA, Immunfluoreszenz), können die Infektion frühestens nach zehn bis 20 Tagen nachweisen, so das Reisemedizinische Zentrum am BNI. Für Diagnostiklaboratorien, die einen Test mittels PCR oder Elektronenmikroskopie aufbauen wollen, hat das RKI eine Standard-Präparation von Coronaviren eines SARS-Patienten hergestellt.
| Der lange Kampf gegen SARS | hoch |
Nicht so erfolgreich sind die Wissenschaftler bisher auf therapeutischem Gebiet. Die Hoffnung, das Anti-Viren-Mittel Ribavirin wäre auch bei dem SARS-Erreger wirksam, hat sich zerschlagen. Ribavirin habe sich in Laborversuchen ebenso wie andere ähnliche Mittel nicht als wirksam bestätigt, so Hans Wilhelm Doerr, Leiter des Frankfurter Instituts für medizinische Virologie. Mit Interferon wurden zumindest in Laborkulturen gute Wirkungen erzielt. Es bleiben also momentan nur symptomatische und intensivmedizinische Therapie. Im Krankenhaus werden SARS-Kranke nach den Regeln des "Barrier-Nursing" isoliert und behandelt. Das medizinische Personal schützt sich beim direkten Umgang mit dem Patienten durch Atemmaske mit Virusfilter, Schutzbrille, Schutzkittel und Handschuhe. Weitere Empfehlungen des RKI für die Hygienemaßnahmen und Infektionskontrolle siehe sind im Internet nachzulesen.
| Prophylaxe durch Impfung noch in weiter Ferne | hoch |
Einige Firmen arbeiten bereits an einem Impfstoff gegen SARS. Aber nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Lungenkrankheit SARS noch längere Zeit in Anspruch nehmen: "Die Impfstoffentwicklung dauert immer Jahre, nicht Monate." Solange keine Prophylaxe in Form einer Impfung möglich ist, besteht auch weiterhin die Gefahr einer globalen Ausbreitung. Europa muss nach Ansicht von Wolfgang Preiser mit weiteren SARS-Fällen rechnen. Eine Epidemie drohe jedoch nicht. Hier sind auch die Politiker gefordert mit internationalen Maßnahmenpaketen und strengen Gesundheitskontrollen, vor allem auch bei Flugreisen. Eine internationale SARS-Notfallhotline, regelmäßige Konferenzen und die koordinierte Fortbildung von medizinischem Personal sind bereits geplant. Die Lungenkrankheit SARS wurde zwar von der Direktorin der WHO, Gro Harlem Brundtlandt, als "die erste globale Epidemie des 21. Jahrhunderts" bezeichnet, aber vom Ausmaß und der Todesrate her ist sie noch lange nicht mit beispielsweise Aids, Malaria, Tuberkulose oder auch der "normalen" Grippe vergleichbar.
| Weiterführende Informationen | hoch |
Basisinformationen zu SARS bei Via medici online
Links
Robert-Koch-Institut
Centers for desease control (CDC)
Auswärtiges Amt
Bernhard-Nocht-Institut Hamburg
WHO (Startseite)
Gesundheitsbehörde Hongkong
Artikel vom 05.05.2003 Quellen: Pressemitteilungen AP, dpa, Veröffentlichungen der WHO, des RKI, der CDC, des BNI
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