Medizinstudium
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| Eckart von Hirschhausen und
Anika Foto: A. Wolf |
Übersicht
| Gleich geht es los |
Montag, der 7. Juni 2010, 16.00 Uhr im großen physikalischen Hörsaal: Es ist so voll, wie sonst nur in der ersten Vorlesung des Semesters. Ungefähr 300 Mediziner warten darauf, dass Eckart von Hirschhausen den Hörsaal betritt. Und dann, ganz unauffällig kommt er die Treppe herunter spaziert, begrüßt freundlich die Dozenten des regulären Termi-Kurses, hält ein Pläuschchen mit ihnen. Die ersten Flüsterstimmen sind zu hören: „Der sieht ja aus wie im Fernsehen!“
Nach der offiziellen Begrüßung durch den „Termi-Chef“ Dr. Michael Knipper, Initiator der Vorlesung, und Studiendekan Prof. Dr. Joachim Kreuder geht es dann auch los. Hirschhausen begrüßt uns zu seiner Vorlesung „Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt: Warum Worte Medizin sind“. Seine erste Feststellung: Es sei eigentlich absurd, mit zwei toten Sprachen das Wunder des Lebens zu beschreiben. Die ersten Lacher sind auf seiner Seite. Aber Hirschhausen selbst liebt offensichtlich seinen Beruf als Arzt und ermutigt auch uns, den steinigen Weg des Medizinstudiums weiter zu gehen: „Als Arzt habt Ihr den tollsten und spannendsten Beruf der Welt. Für das was ihr täglich seht, müssen andere ins Kino.“
Es folgt ein kurzer Ausflug in die Geschichte der Medizin. Und die Erinnerung daran, dass sich die Medizin ständig weiterentwickelt: Heute denkt man oft, die Medizin vor 50 Jahren scheint gegenüber den heutigen Untersuchungsmöglichkeiten und des heutigen Wissens fast mittelalterlich. Man muss sich aber bewusst machen: In 50 Jahren werden die Leute dasselbe von der heutigen Zeit denken. Und schließlich hätten sich einige Vorstellungen auch als gar nicht so falsch herausgestellt: „Früher dachte man, das Gehirn sei da, um das Blut zu kühlen. Heute weiß man: Bei vielen ist das wirklich so!“
| Das wichtigste für Ärzte: Kommunikation mit dem Patienten |
Das Hauptthema der Vorlesung ist die Kommunikation mit dem Patienten und das Leben als Arzt. Die Kommunikation wird nach Hirschhausens Meinung im Studium zu wenig geübt: Patienten würden ihre Beschwerden schließlich auch nicht in Form von Multiple-Choice-Fragen vorstellen. Um bei diesem Thema zu bleiben könne man hier aber auch erkennen, was einen guten von einem schlechten Arzt unterscheidet. Der schlechte Arzt suche sich von den fünf Symptomen die drei aus, die zusammen passen und erstelle danach seine Diagnose. Der gute Arzt aber interessiere sich genau für die zwei Symptome, die nicht ins Bild passen und forsche dort weiter nach. So sei schließlich auch die Wirkung von Viagra entdeckt worden.

Foto: Anika Wolf
Außerdem stellt Hirschhausen fest, dass heute trotz besserer Untersuchungsmöglichkeiten nicht weniger falsche Diagnosen gestellt werden als früher. Woran das liege? An mangelnder Kommunikation. Hirschhausen ist sich sicher: 90% aller Krankheiten sind alleine durch reden, zuhören und anschauen zu diagnostizieren. Man müsse den Patienten also nur richtig zuhören und sich Zeit für ihn nehmen - und schon könne ein Großteil aller Falschdiagnosen vermieden werden.
Sehr wichtig sei auch, dass der Arzt sich in den Patienten hineinversetzt, ihn nicht mit Fachausdrücken bombardiert, die er nicht versteht und ihn nicht unnötig durch seine Aussagen beunruhigt. So sei der Satz „Wir müssen das noch mal abklären“ für den Arzt vielleicht nur eine Lappalie, könne den Patienten aber in große Ängste und Sorgen stürzen. „Das ist doch genauso, wie wenn der Pilot im Flugzeug alle fünf Minuten über den Bordlautsprecher verkündet: `Es gibt keinen Grund zur Aufregung!´“
| Haltet euch an eure eigenen Tipps! |
Ein guter Arzt sollte außerdem auch selbst das tun, was er anderen empfiehlt. So erinnert sich Hirschhausen an seine Kindheit: Damals wurden ihm Einlagen verschrieben, weshalb er regelmäßig zum Orthopäden musste. Und dieser Orthopäde war ein übergewichtiger und fauler Mann, der noch nicht einmal den Weg von seinem Schreibtisch zur Untersuchungsliege zu Fuß zurücklegte, sondern per Fußtritt mit seinem Schreibtischstuhl. „Und jemand, der auf dem Weg von Schreibtisch zu Untersuchungsliege noch nicht einmal die Kalorien eines TicTacs verbraucht, soll ein Experte für Bewegung sein?“
| Wichtig: Sich die eigene Motivation bewusst machen |
Für unsere spätere Tätigkeit als Ärztinnen und Ärzte gab uns Hirschhausen noch einen weiteren wertvollen Tipp mit auf den Weg: Wir sollen uns immer wieder bewusst machen, warum wir etwas tun und uns eine Motivation suchen. Wieder hat er hierzu eine persönliche Erfahrung parat.
Als Kinderneurologe auf der Neonatologie hat er sich manchmal gefragt, ob seine Arbeit wirklich sinnvoll ist. Eine handvoll unreifes Leben, bei dem man alles tut, um es irgendwie durchzubringen - und nicht weiß, ob das Kind später vielleicht schwer behindert und unglücklich sein wird. Ist das wirklich richtig? Die Antwort und seine Motivation weiterzumachen befand sich im Flur der Station. Hier hingen alle Bilder von Kindern, die als Frühchen geboren wurden und später glückliche und gesunde Kinder wurden. Und auch von solchen, die eine Behinderung davon getragen und trotzdem fröhlich und lebenslustig waren. Das gab ihm die Kraft, seine Arbeit weiterzumachen.
| Ärzte sind keine Helden und machen auch Fehler |
Weiter betonte Hirschhausen, dass wir lernen müssen, zu akzeptieren, dass auch Ärzte nur Menschen sind. „Wir sind keine Helden. Wir können nicht allen helfen.“ Trotzdem sei es umso wichtiger, sich um diejenigen zu kümmern, bei denen keine Hilfe mehr möglich ist. Beim Krankenpflegepraktikum hatten viele der Studenten schon festgestellt, dass mit den Menschen, die am schwersten krank sind, oft am wenigsten geredet wird. Hirschhausen erklärt das so: „Ein Schwerkranker kratzt am Selbstbild des Arztes.“ Er muss akzeptieren, dass er trotz seines geballten Wissens nicht jeden Patienten retten kann.
Gerade mit solchen Menschen sollte man lachen und ihnen helfen, ihr Leben glücklich zu gestalten, sie nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich zu betreuen: „Im Krankenhaus werden Patienten meistens nur auf ihren Stuhlgang reduziert. Das ist jeden Morgen die erste und wichtigste Frage. Dabei ist ein Tag, an dem ein Mensch nicht lacht, viel bedrohlicher als ein Tag, an dem ein Mensch nicht kackt.“
Der nächste wichtige Tipp: „Bewahrt euren kritischen Verstand!“ Wir sollen achtsam sein und uns auch nicht von Hierarchien erschrecken lassen, wenn uns auffällt, dass irgendwo ein Fehler passiert ist. Denn wenn kleine Fehler rechtzeitig bemerkt werden, könne man größere Katastrophen verhindern. Auch wenn man selbst einen Fehler macht, solle man dazu stehen, es zugeben und nicht denken, es sei keinem aufgefallen. „Wenn ihr dreimal an der Vene vorbei gestochen habt, seid euch sicher: Es hat jemand gemerkt!“
Vor allem sollte ein Arzt aber auch auf seine eigene Gesundheit achten und auf seinen Körper hören. Hirschhausens Meinung: „Der beste Zeitpunkt für Entspannung ist dann, wenn man keine Zeit dazu hat.“
| Humor hilft heilen |
Zum Schluss macht uns Hirschhausen auf seine Stiftung „Humor hilft heilen“ aufmerksam, die sich für die Arbeit von Clowns im Krankenhaus engagiert. Hirschhausens größter Wunsch: „Komik auf Krankenschein“. Er wünscht sich, dass die Clowns irgendwann von der Krankenkasse bezahlt werden und jeder die Möglichkeit bekommt, mit Hilfe von Humor gesund zu werden.
Besonders bemerkenswert ist auch: Eckart von Hirschhausen hat für diese Vorlesung auf seine Gage verzichtet. Sein einziger Wunsch sind Spenden für „Humor hilft heilen“.
| Fazit: Warum kann nicht jede Vorlesung so sein? |
Eckart von Hirschhausen schafft es nicht nur, seine Vorlesung kurzweilig und lustig zu gestalten, sondern er hinterlässt auch eine nachhaltige Botschaft, regt zum Nachdenken an. Bei vielem wird einem erst später bewusst: Was im ersten Moment einfach amüsant ist, hat im Kern einen hohen Wahrheitsgehalt.
| Vielen Dank für diese außergewöhnliche Vorlesung! |
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