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Bedeutung der Bologna-Reform für Mediziner

Ein studentischer Gutachter im Interview

Im Rahmen des Bolognaprozesses soll ein "Europäischer Hochschulraum" mit einem zweistufigen Studiensystem und vergleichbaren Abschlüssen geschaffen werden. Was so abstrakt klingt, bietet für viele Studenten konkrete Chancen: So wird die Anerkennung von Auslandssemestern erleichtert, das Medizinstudium wird stärker interdisziplinär ausgerichtet sein. Doch es gibt ebenso konkrete Nachteile und Unsicherheiten. Via medici hat sich mit einem der studentischen Gutachter unterhalten.

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Medizinstudent Dirk Häger

Dirk Häger studiert im 9. Semester Medizin. Seit 2002 gestaltet er aktiv die Umsetzung der Bologna-Reform im Bereich Gesundheit, Soziales und Medizin mit. Er ist seit einem halben Jahr Mitglied des Koordinierungsausschusses des studentischen Akkreditierungspools (KASAP). Zudem ist er Mitglied der Akkreditierungskommission der Akkreditierungsagentur für Studiengänge im Bereich Gesundheit und Soziales (AHPGS). Als studentischer Gutachter war er an zahlreichen Akkreditierungsverfahren beteiligt. Lucia Hagmann sprach mit Dirk Häger.


Halten Sie die Bologna-Reform generell für sinnvoll?

Ja. Europa wächst immer mehr zusammen. Die Verständigung auf eine gemeinsame Währung der meisten europäischen Länder war eines der für die Gesellschaft deutlichsten Zeichen. Europa soll aber nicht nur das Europa des Euro, der Technik und der Wirtschaft, sondern auch das Europa des Wissens sein. Daher hat es Sinn, einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen. Bologna ist der Versuch, die Studiensysteme anzugleichen und somit mehr Mobilität der Studierenden, zum Beispiel im Rahmen von Auslandssemestern, und Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu erreichen.

Nachteilig könnte sein, dass das neue Studiensystem durch die neu eingeführten Modulsysteme zunehmend verschult wird. Modulfolgen müssen eingehalten werden. Sie werden zum Teil nicht jedes Semester angeboten und sind die Basis für Aufbaumodule. Die Studienzeiten werden so zwar kürzer, jedoch ist man als Studierender im Semester zeitlich weniger flexibel.


Wie läuft die Umsetzung der Reform an einer bestimmten Uni ab?

Eine Hochschule, die zum Beispiel einen bestimmten Bachelor-Master-Studiengang akkreditiert bekommen möchte, beauftragt zunächst eine Akkreditierungsagentur. Diese stellt ein Gutachterteam zusammen, bestehend aus fachkundigen Studenten, Professoren und Vertretern der Berufspraxis. Sämtliche Gutachter bekommen dann von der Agentur die Antragsunterlagen ausgehändigt. Darunter sind das Modulhandbuch, welches das Curriculum enthält, die Prüfungsordnung sowie der Akkreditierungsantrag. Die Gutachter nehmen dazu Stellung und geben eine erste Bewertung ab. Es folgt eine Vor-Ort-Begutachtung mit Gesprächsrunden, an denen unter anderem die Hochschulleitung, Studiengangsverantwortliche, Lehrende und Studierende teilnehmen.

Das Gutachterteam verfasst später einen Bericht, in dem der Studiengang mit seinen Stärken und Schwächen bewertet wird. Die Entscheidung, ob der Studiengang einer bestimmten Hochschule akkreditiert wird oder nicht bzw. unter welchen Auflagen und Empfehlungen, trifft letztendlich die Akkreditierungskommission der Agentur. Als oberstes Gremium fungiert der Akkreditierungsrat, der von verschiedenen Vertretern der Hochschulen, Länder, Agenturen und der Berufspraxis sowie von Studierenden und internationalen Vertretern gebildet wird. Dieser legt die für eine Akkreditierung notwendigen Kriterien fest und überwacht die Akkreditierungsagenturen.


Gibt es verschiedene Formen der Akkreditierung?

Es gibt zum einen die Programmakkreditierung. Hierbei erfolgt die Akkreditierung im Rahmen eines schon bestehenden oder zu gründenden Studiengangs. In Zukunft soll es auch die Systemakkreditierung geben. Sie ermöglicht einer Universität mit nur einem Antrag sämtliche Studiengänge im Bachelor-Master-System akkreditieren zu lassen. Der Rat hat im Oktober dieses Jahres über die Zulassung der Agenturen zur Durchführung der Systemakkreditierung entschieden.


Was passiert mit Studenten deren Universitäten noch keine Akkreditierung für ihren Studiengang haben?

Studenten sollten sich vor Antritt ihres Studiums darüber informieren, ob ihr Bachelor-Master-Studiengang akkreditiert ist oder nicht. Auch wenn ein Studiengang noch nicht akkreditiert ist, kann man seinen Abschluss bekommen, sofern eine Einrichtungsgenehmigung der Länder vorliegt. Informieren kann man sich auf den Internetseiten der Akkreditierungsagenturen sowie des Akkreditierungsrats. Dort sind alle akkreditierten Studiengänge aufgeführt.


Kommt "Bologna" an deutsche Medizinfakultäten?

Deutsche Medizinfakultäten werden um "Bologna" nicht herumkommen. Es wäre auch nicht ratsam, diese Entwicklung zu verhindern. Einige Fakultäten, zum Beispiel Göttingen und Mannheim, haben auch schon auf das Modulsystem umgestellt, obwohl das Studienziel weiterhin das Staatsexamen ist. Andere, wie zum Beispiel Hamburg, haben Bologna-Arbeitsgruppen eingerichtet, um sich auf den Reformprozess vorzubereiten.


Hat die Schweiz Vorbildfunktion für Deutschland und Europa?

Was das Medizinstudium angeht, kann man der Schweiz eine Vorbildfunktion zuschreiben. Die Umsetzung des Bachelor-Master-Systems wird dort sehr viel konkreter in Angriff genommen. In dem Prozess der Implementierung von "Bologna" auf alle Hochschulen bezogen jedoch hat die Schweiz keine Sonderstellung.

Man muss dabei immer beachten, wie ein Land den Bologna-Prozess versteht und welche Umsetzung tatsächlich stattfindet. Kleinere Länder mit weniger Hochschulen haben ganz andere Voraussetzungen als zum Beispiel Deutschland mit seinen ca. 400 Hochschulen. In einigen Ländern findet nur eine Strukturänderung des Studiengangs statt. In Deutschland werden sämtliche Inhalte neu gestaltet, überarbeitet und angepasst. Das dauert zum einen länger und bringt mehr Schwierigkeiten mit sich.

Interessant ist auch, dass zum Beispiel in der Schweiz das Bachelor-Master-System schon vor Jahren eingeführt wurde, jedoch ohne Akkreditierungen.


Warum tut sich gerade das Studienfach Medizin so schwer mit der Umsetzung der Reform?

Neben den Medizinern tun sich zum Beispiel auch die rechtswissenschaftlichen Fakultäten und die Lehramtstudiengänge mit der Implementierung von Bachelor- und Masterstrukturen schwer. Das liegt zum großen Teil an den etablierten Abschlüssen dieser Studiengänge. Denn das Staatsexamen ist ein auch international hoch anerkannter Abschluss. Für die entsprechenden Fakultäten ist es schwer, die Studiensysteme, die über Jahrzehnte bestehen einfach durch ein neues System zu ersetzen, von dem sie noch nicht wissen, wie es sich entwickeln wird.

Hinzu kommt, dass die Ungewissheit, was ein Mediziner mit einem Bachelorabschluss in der Klinik machen darf und was nicht, noch zu groß ist. Die Umsetzung in die Praxis ist aber nicht so schwer, wie sich manche derzeit damit tun.


Wie ist ein Bachelor-Master-Studiengang aufgebaut?

Es gibt konsekutive und nicht-konsekutive Studiengänge. Bei einem konsekutiven Studiengang bauen Bachelor und Master aufeinander auf. Nicht-konsekutiv bedeutet, dass ein Masterstudiengang angeboten wird, für den es keinen vorgeschalteten Bachelor gibt. Eine weitere wesentliche Neuerung ist das Modulsystem. Themengebiete und Fächer, die zusammengehören, werden dabei in einem Modul zusammengefasst und mit Leistungspunkten bewertet. Diese "Creditpoints" werden für bestimmte Arbeitsleistungen, sogenannte workloads, vergeben. Dabei sollte ein Drittel der Arbeitszeit aus Präsenzzeit an der Uni bestehen und zwei Drittel für Vor- und Nachbereitung verwendet werden. Ein Modul wird jeweils mit einer Modulabschlussprüfung abgeschlossen.


Wird sich am Studentenalltag etwas verändern?

Da das Medizinstudium bereits sehr verschult ist, wird es für Medizinstudierende keine wesentliche Veränderung im Studienalltag geben. Das Modulsystem wird neu sein, die Studierenden werden jedoch davon profitieren. Vorklinik und Klinik werden durch das Modulsystem stärker interdisziplinär ausgerichtet sein.


Wird der künftige Medizinstudent am Ende des Studiums eine "Master-Arbeit" abliefern müssen?

Ja, das sehen die neuen Studiensysteme so vor. Danach kann jeder Mediziner wie bisher promovieren.


Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass viele Studenten wege der Studiengebühren, also aus Kostengründen, nur den Bachelor-Abschluss machen?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Auch jetzt entscheiden sich Studierende dafür, zwölf Semester Medizin zu studieren, obwohl sie wissen, dass sie 500 Euro pro Semester zahlen müssen. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.


Was können Sie sich für Jobmöglichkeiten für Mediziner mit einem Bachelor-Abschluss vorstellen? Könnten Bachelor-Absolventen zum Beispiel auch in der Klinik arbeiten?

Immer mehr junge Mediziner entscheiden sich heutzutage für eine nicht praktizierende ärztliche Tätigkeit und gehen in die Forschung, Wirtschaft, Industrie oder in den Journalismus. Somit bestünde die Möglichkeit, zum Beispiel nach einem Bachelorabschluss in Medizin den Masterstudiengang in einer anderen Studienrichtung zu wählen, zum Beispiel in den Medizinjournalismus. Das wäre ein großer Vorteil für Studierende, die von vornherein wissen, dass sie nicht klinisch tätig sein möchten. Sie brauchen sich dann nicht wie bisher durch Klinik und PJ quälen.

Die klassische Laufbahn Bachelor, Master und Doktorat im Fach Medizin würde dann eher Studenten vorbehalten, die den klassischen Arztberuf wählen.


Werden wie geplant 2010 alle Studenten nach Bachelor-Master-System studieren?

Die komplette Reform wird 2010 sicher nicht abgeschlossen sein. Gerade in der Medizin wird es noch einige Jahre dauern, bis der Bologna-Prozess vollständig implementiert ist. Seit dem ersten Treffen in Sorbonne gewinnt die Umsetzung in den Folgekonferenzen alle zwei Jahre zunehmend an Dynamik. Man darf nicht vergessen, dass es sich um einen Prozess handelt, bei dem die einzelnen Länder mit unterschiedlichen Grundvoraussetzungen gestartet sind. Wenn sich aber bis 2010 alle medizinischen Fakultäten mit der Bologna-Reform auseinandergesetzt haben, ist schon viel erreicht.


Vielen Dank für das Gespräch.


Lucia Hagmann ist Volontärin bei Via medici. Vor ihrem Volontariat hat sie als Assistenzärztin in einer Berliner Radiologie-Praxis gearbeitet.

 
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