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Artikel vom 25. 08. 2011

Die Schwarzwaldklink im Kopf

Krankenhausserien steigern die Angst vor Operationen

Dr. Dr. Kai Witzel

Bei der Visite war es passiert. Die ältere Dame, die am Vortag operiert wurde, hatte die Hand des Oberarztes ergriffen und ihn aufgefordert, sich zu setzen. Sie bat darum, die anderen hinauszuschicken, sie habe ein privates Problem mit ihm zu bereden. Ob die Schwester vielleicht einen Kaffee bringen könne?

Übersicht

Grafik: Fotolia und Wikimedia Commons / Matze Trier
Grafik: Fotolia und Wikimedia Commons / Matze Trier

Fiktion? Nein, ein klarer Fall von Realitätsverlust, bedingt durch übermäßigen Arztserienkonsum. Seit Jahrzenten werden Fernsehzuschauer mit immer neuen, spannenden Arzt- und Krankenhausserien versorgt. Bedenklich ist: Der durchschnittliche Zuschauer nimmt das, was er sieht, oft für bare Münze. Seit es die modernen Massenmedien gibt, wird ein Einfluss dieser Medien auf die Konsumenten vermutet, den man als "Kultivationseffekt" bezeichnet. Dieser ist besonders ausgeprägt, wenn wenig eigene Erfahrungen vorliegen, und er bleibt in der Realität nicht ohne Folgen.


Heile Fernsehwelt: dynamische Ärzte, adrette SchwesternNach oben hoch

Seit 25 Jahren ist er nun dem Fernsehpublikum bekannt, der stets sympathische, besorgt dreinschauende Chirurg, der nie auch nur eine Sekunde zaudert, sondern immer gleich weiß was zu tun ist. Der Chefarzt kümmert sich kompetent und liebevoll rund um die Uhr um alle Patienten. Wer Professor Brinkmann im Internet sucht, kann sich auf über 200 000 Treffer bei Google freuen - zum Vergleich: Deutschlands vielleicht bekanntester echter Chirurg, Professor Siewert aus Heidelberg, kommt gerade mal auf 14 000 Treffer.

Die wahren Seriengötter sind die Chirurgen, nahezu durchgehend männlich und gut aussehend. Das medizinische Hilfspersonal ist jung, hübsch und adrett und spielt in der Regel Nebenrollen. Kein Wunder, dass dem Patienten hier nur noch ein Gegenpart übrig bleibt: in Krankenhauswäsche gekleidet schaut er blass zu den Ärzten auf, die meist nicht weniger als sein Leben zu retten haben.


Serienjunkies haben größere Angst vor OperationenNach oben hoch

Die Vermutung liegt nah, dass Patienten, die viele Arztserien sehen, die Krankenhausrealität eher so wahrnehmen wie im Fernsehen dargestellt. Um das zu belegen, wurde im Jahr 2008 eine Studie im Landkreis Fulda durchgeführt (Infokasten). Die Ergebnisse zeigten überraschend eindeutig, wie sehr Arztserien tatsächlich die Erwartungshaltung von Patienten beeinflussen. So haben Menschen deutlich mehr Angst vor Routineoperationen, wenn sie überdurchschnittlich viele dieser Serien kennen und auch regelmäßig sehen. In einer Angstskala von 0 bis 10 liegt der mediane Wert der Arztserienfans über 2 Punkte höher (Abb.). Etwa 50 % von ihnen berichteten über deutliche präoperative Ängste (größer 4 auf der Skala). Damit waren sie deutlich ängstlicher als Patienten mit wenig Arztserienkonsum. Die überzogene Angst der Vielseher lässt sich dadurch erklären, dass im Fernsehen nur hochdramatische Eingriffe gezeigt werden. Komplikationslose Standard-OPs sind nämlich viel zu langweilig und bringen keine Quote. Der unerfahrene Zuschauer beurteilt diese Extremsituationen aber als normalen Klinikalltag.

Auch über die Visite sollten die Probanden in der Untersuchung urteilen. Die Arztserien-Junkies waren hier deutlich weniger zufrieden als Wenigseher. Wer die Fernseh-Visite für realistisch hält, wünscht sich offenbar eine Wertschätzung wie eben in der Schwarzwaldklinik: viele Ärzte mit viel Zeit für jede Frage und ein persönliches Gespräch. Das ist zwar aus medizinischer Sicht nicht immer notwendig, könnte aber Kliniken einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, indem sie mehr Zeit und Personal investieren. Auch nach 25 Jahren hätte damit die Schwarzwaldklinik einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die deutsche Krankenhauswirklichkeit.


Die StudieNach oben hoch

In der Studie "Einfluss des Fernsehkonsums auf die Angst vor einer Operation" von Kai Witzel und Kollegen (2008) wurden in einem Zeitraum von 14 Monaten 162 Patienten, denen eine elektive Operation bevorstand, anhand standardisierter Fragebögen in zwei Phasen interviewt. In der ersten Phase - vor dem Krankenhausaufenthalt - wurden unter anderem die TV-Gewohnheiten, die Kenntnis von Fernsehserien und Arzt- bzw. Krankenhausserien und die Erwartungshaltung bezüglich des bevorstehenden Aufenthalts abgefragt. Im zweiten Schritt wurde bei der Entlassung die Zufriedenheit der Patienten erfasst. In die Studie aufgenommen wurden ausschließlich volljährige Patienten, die noch nie in stationärer Behandlung waren und deshalb für ihre Bewertung keinen Maßstab in der Realität haben konnten. Ausgeschlossen wurden Patienten, die wegen einer akuten Beschwerdesymptomatik die Klinik aufsuchten und Patienten mit Komplikationen.

Grafik: Fotolia und Wikimedia Commons / Matze Trier
Grafik: Fotolia und Wikimedia Commons / Matze Trier

Autor

Foto: K. Witzel
Foto: K. Witzel

Dr.med. Dr.sc.hum. Kai Witzel

Facharzt für Chirurgie
Sportmedizin, Notfallmedizin,
Proktologie, Röntgendiagnostik
Koloproktologe
Honorarprofessor

   E-Mail kw@witzel-chirurgie.de

Bibliographie

DOI 10.1055/s-0031-XXX
Im OP 2011; 4: 163–164
© Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart . New York . ISSN 1611-7905


Nachgefragt...Nach oben hoch

… bei Dr. Dr. Kai Witzel, Chirurg und Mitautor der Studie "Einfluss des Fernsehkonsums auf die Angst vor einer Operation"


Herr Dr. Witzel, wirken sich Krankenhausserien direkt auf Ihren Berufsalltag als Chirurg aus?

Ja, natürlich. Patienten kommen oft in die Praxis und machen "Behandlungsvorschläge", die sie ganz offensichtlich aus den Medien haben. Wenn man dann genauer nachfragt, wo ihr Wissen herkommt, können viele nicht mehr sagen, ob sie eine medizinische Informationssendung oder eine Arztserie gesehen haben. In der Erinnerung dieser Patienten verschwimmt die Serienwelt ganz offensichtlich mit der Realität. Diese Beobachtung hat übrigens erst den Ausschlag für unsere Studie gegeben.


Wie gehen Sie mit "Serienjunkies" um?

Vielseher von Arztserien haben erwiesenermaßen mehr Angst vor Operationen. Das kommt zum einen daher, dass diese Serien nur funktionieren, weil sie möglichst dramatische Verläufe schildern, denn sonst wären sie ja langweilig. Hinzu kommt, dass das Geschehen im OP-Saal oft ganz ausgeblendet wird. Die OP selbst wird damit zur "Black Box" und zur Projektionsfläche für alle möglichen Ängste des Patienten. Früher dachte ich, dass Patienten sehr wohl zwischen Fernsehen und Realität unterscheiden können; heute weiß ich, dass das nicht immer der Fall ist. Deshalb ist es wichtig, gerade auf ängstliche Patienten - egal ob Serienjunkie oder nicht - besonders einzugehen und Ihnen irrationale Ängste im Vorfeld zu nehmen. Das begünstigt übrigens auch den Heilungsverlauf.


Beeinflussen Krankenhausserien den Fachkräftemangel in der Pflege?

Das ist eine schwierige Frage. Gerade deutsche Serien wie "Für alle Fälle Stefanie" oder "In aller Freundschaft" überhöhen die Ärzte als porschefahrende, unfehlbare Alleskönner. Pflegekräfte müssen dagegen hauptsächlich nett und allzeit bereit sein. Ich glaube nicht, dass dieses Bild dazu führt, dass mehr junge Menschen in die Pflege wollen. In diesem Bereich sind aber die Unterschiede zu den amerikanischen Serien wie "Emergency Room", "Scrubs" oder "Grey´s Anatomy" besonders groß: Diese Serien bilden die wesentlich flacheren amerikanischen Hierarchien ab und vermitteln so auch ein deutlich attraktiveres Bild der pflegenden Berufsgruppe.


Und wie sieht es bei den Ärzten aus?

Da kann ich mir schon eher vorstellen, dass Krankenhausserien etwas Gutes bewirken. In diesem Zusammenhang gibt es übrigens eine interessante Arbeit aus der Rechtsmedizin. Dort gab es lange Zeit enorme Nachwuchsprobleme. Das änderte sich schlagartig durch die CSI-Serien, wie eine Studie belegt hat. Fernsehserien haben also definitiv einen Einfluss auf die Berufswahl.


Wie beurteilen Sie die fachliche Qualität der Serien?

Die fachliche Qualität ist insgesamt besser geworden, Fehler sind oft der Dramaturgie geschuldet. Natürlich sind völlig surreale Krankheitsfälle überrepräsentiert. Viele Serien sind aber fachlich erstaunlich gut, beispielswiese Dr. House. Ein Kollege aus Marburg bindet die Serie in seine Vorlesungen zur Differentialdiagnostik ein. Andere Serien wie "In aller Freundschaft" sind schon deshalb absurd, weil ein einzelner Chirurg von der Herzchirurgie bis zur Unfallchirurgie einfach alles aufschneidet, was ihm auf den Tisch kommt.


Was erwarten Sie von der perfekten Krankenhausserie?

Sie sollte witzig und intelligent gemacht sein. Auf jeden Fall sollte sie nicht exakt die Realität abbilden - die habe ich ja schon auf der Arbeit.


 
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