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Artikel vom 10. 04. 2008

Wunsch und Wirklichkeit beim Stillen

Nur jeder fünfte Säugling wird bis zum sechsten Monat ausschließlich mit Muttermilch ernährt

FZMedNews

Fast alle Mütter möchten ihr Kind stillen, doch bei den wenigsten geht der Wunsch in Erfüllung. Nur jeder fünfte Säugling wird bis zum sechsten Monat ausschließlich mit Muttermilch ernährt, wie dies die Weltgesundheitsorganisation seit vielen Jahren fordert. Über die Gründe tauschten sich Experten in der Fachzeitschrift "Das Gesundheitswesen" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) aus.

Übersicht


Der beste Start in eine gesunde LebensweltNach oben hoch

Muttermilch ist die beste und natürlichste Nahrung für alle gesunden Babys. Daran besteht für Professor Volker Hingst kein Zweifel. Gestillte Kinder seien nicht nur in den ersten Lebensmonaten besser vor Infektionen geschützt, auch im späteren Leben würden sie weniger zu Übergewicht und Krankheiten neigen, sagt der Präsident des Bayrischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen: Stillen ist der beste Start in eine gesunde Lebenswelt. Das sehen auch die meisten Mütter so. Fast alle unternehmen einen Versuch und immer häufiger gelingt er.

In den 1970er-Jahren stillten so wenige Frauen, dass einige Kantone in der Schweiz eine Stillprämie einführten: ohne großen Erfolg. Im Jahr 1994 stillten gerade einmal 11 Prozent aller Frauen bis zum sechsten Monat, berichtet Professor Ursula Ackermann-Liebrich von der Universität Basel. Ein Jahrzehnt später war die Stillfrequenz bereits auf 20 Prozent gestiegen. Es sei heute nicht ungewöhnlich, zehn Monate alte Kinder gestillt zu sehen, sagt die Expertin. Vor zehn Jahren sei das noch unfassbar gewesen.


Baby-Friedly Hospital InitiativeNach oben hoch

Professor Ackermann-Liebrich führt dies in erster Linie auf die Baby-Friendly Hospital Initiative der Unicef zurück. Sie umfasst zehn Schritte, die Frauen das Stillen erleichtern soll. Dies beginnt beim Sofortkontakt mit dem Baby nach der Geburt, und im Idealfall erhalten die Frauen nach der Entlassung noch eine Stillberatung. Auch die Art der Entbindung habe laut Professor Ackermann-Liebrich einen Einfluss. Frauen, deren Kind durch die Scheide entbunden wird, stillen deutlich häufiger als nach einem Kaiserschnitt. Ungünstig sei es auch, den Kindern einen Schnuller zu geben. Er verkürzte in der Schweiz die Zeit, in der das Kind ausschließlich gestillt wird, von 13 auf 4 Wochen.


Häufige Gründe für ein vorzeitiges AbbrechenNach oben hoch

Ähnliche Zahlen lieferte die Studie "Stillverhalten in Bayern" die im Januar 2006 abgeschlossen war. Auch hier lag die anfängliche Stillquote bei über 90 Prozent, fiel dann aber im 6. Monat auf 21 Prozent. Inzwischen hat Barbara Rebhan vom LGL in Oberschleißheim die Ergebnisse im Detail ausgewertet. "Die häufigsten Gründe für ein vorzeitiges Abbrechen waren Milchmangel sowie Trink- und Saugschwierigkeiten des Babys", erläutert sie. Auch Entzündungen der Brustwarzen führen häufig zu Stillproblemen.

Es gibt jedoch noch andere Faktoren, die nicht direkt mit dem Stillen zusammenhängen, aber einen großen Einfluss darauf haben, ob Mütter diese Kräfte zehrende Aufgabe bewältigen. "Eine Frau, die voll stillt, muss bereit sein, das Kind acht Mal am Tag oder häufiger anzulegen", sagt Rebhan. Das gelinge jüngeren Frauen und solchen ohne Schulabschluss seltener als "reiferen" Frauen, die sich über Bücher und Broschüren auf das Stillen vorbereitet haben. Auch eine negative Einstellung von Partner oder Familie können schnell zu einem Hindernis werden.


Einstellung der Bevölkerung zum StillenNach oben hoch

Die Einstellung der Bevölkerung zum Stillen hat Privatdozentin Erika Sievers von der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf in einer Studie erforscht, wobei sie zwischen deutschen und türkischstämmigen Bewohnern unterschied. Beide Gruppen halten Muttermilch aus den gleichen Gründen wie der Experte Hingst für vorteilhaft. Sie neigen sogar dazu, die Vorteile zu übertreiben. Sievers stellte fest, dass 11 Prozent der deutschen und fast 30 Prozent der türkischstämmigen Befragten mehr als 10 Monate voll stillten. Experten empfehlen jedoch spätestens zu Beginn des siebten Monats Beikost zuzufüttern.

Auch bei der Informationsbeschaffung unterscheiden sich beide Gruppe. Deutsche wenden sich gerne an die Hebamme, Türkischstämmige vertrauen eher dem Arzt oder der Erfahrung von Verwandten. Dr. Sievers sieht auch im Arbeitsleben ein wichtiges Stillhindernis. Beruf und Stillen seien schwer miteinander vereinbar. Hier könnte das im letzten Jahr eingeführte Elterngeld nützlich sein, meint Dr. Sievers. Viele Mütter könnten sich dann mehr Zeit bis zur Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nehmen.


QuellenNach oben hoch

V. Hingst:
Stillen und kindliche Gesundheit.
Das Gesundheitswesen 2008; 70 (S.1): S. 1

U. Ackermann-Liebrich, J. Dratva, S. Merten:
Stillen in der Schweiz: Erfolg und Herausforderung.
Das Gesundheitswesen 2008; 70 (S.1): S. 2-4

B. Rebhan, M. Kohlhuber, U. Schwegler, B. Koletzko, H. Fromme:
Stillfrequenz und Stillprobleme - Ergebnisse der Bayerischen Stillstudie.
Das Gesundheitswesen 2008; 70 (S.1): S. 8-12

E. Sievers, M. Mensing, M. Kersting:
Die Einstellung der Bevölkerung zum Stillen und zur Säuglingsernährung - Bevölkerungsbefragung in Nordrhein-Westfalen.
Das Gesundheitswesen 2008; 70 (S.1):
S. 13-16

 
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