Experte: Klimawandel bringt neue Infektionen nach Deutschland
Andere Infektionen werden zurückgedrängt
FZMedNews
Die Erderwärmung fördert die Verbreitung von tropischen Infektionskrankheiten, die durch Mücken übertragen werden. Ein Experte hält es in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007) für möglich, dass Gelbfieber oder andere Tropenkrankheiten sich in Zukunft bis nach Deutschland ausbreiten. Einige einheimische Erreger könnten durch den Klimawandel aber auch zurückgedrängt werden.
Übersicht
| Immerwieder einheimische Malariafälle | hoch |
Viele Stechmücken, die Tropenkrankheiten übertragen, sind seit langem in Deutschland heimisch, erläutert Professor Emil Reisinger, Leiter des Tropeninstituts an der Uni Rostock. So gebe es hierzulande sechs Anopheles-Mücken. Sie sind Überträger der Malaria, die gar keine reine Tropenerkrankung ist. Bis 1955 hat es laut Professor Reisinger an Nord- und Ostsee und am Niederrhein immer wieder einheimische Malariafälle gegeben. Stark verbreitet war die Malaria auch in England während der "Kleinen Eiszeit" im späten 16. Jahrhundert. Besiegt wurde sie in Europa durch die Verbesserung der Wohnverhältnisse und die Trockenlegung von Feuchtgebieten, weshalb Professor Reisinger eine Rückkehr der Malaria für unwahrscheinlich hält.
| Vibrio cholerae in den Meeren | hoch |
Auch große Cholera-Epidemien treten nur in Ländern ohne sichere Trinkwasserversorgung auf. Die steigenden Temperaturen begünstigen jedoch die Vermehrung des Cholera-Erregers Vibrio cholerae in den Meeren. Professor Reisinger: Im Meerwasser von Medina wurde der Erreger 1996 nachgewiesen. Auch in Europa könnten Menschen an Cholera-Durchfällen erkranken. Ein Verwandter, Vibrio vulnificus, vermehrt sich in warmen Sommern auch in der Ostsee. In den letzten Jahren kam es bei Badegästen zu Wundinfektionen. Bislang sind es aber Einzelfälle geblieben.
Steigende Temperaturen begünstigen laut Professor Reisinger die Ausbreitung von Sandmücken. Sie sind die Überträger von Leishmanien, den Erregern von Orientbeule und Kala-Azar. Diese Krankheiten waren ursprünglich auf Wüstenstaaten in Afrika und im Nahen Osten beschränkt. Inzwischen hätten sich Leishmanien bis Südeuropa ausgebreitet, die Sandmücken in einem Fall sogar bis zum Oberrheingraben. Bis 2025 könnten sie Großbritannien erreichen, befürchtet Professor Reisinger.
| Virusinfektionen als reale Bedrohung | hoch |
Virusinfektionen wie Dengue-Fieber und Gelbfieber, die in den Tropen Epidemien auslösen, stellen eine reale Bedrohung dar. Die Überträger, Aedes-Mücken, sind schon seit Urzeiten in Mitteleuropa heimisch, erklärt der Infektiologe Privatdozent Dr. Dieter Hassler, Kraichtal. Hohe Temperaturen beschleunigen die Virusvermehrung in den Mücken. Bei 18 Grad Celsius dauert es 18 Tage, bis die Mücken die Viren weitergeben, bei 37 Grad Celsius sind sie bereits nach vier Tagen infektiös. Bei einer entsprechenden Erwärmung hält Professor Reisinger das Auftreten von Dengue-Fieber und Gelbfieber in Deutschland für denkbar.
Wie schnell sich neue Erreger ausbreiten können, zeigt für Professor Reisinger die West-Nil-Fieber-Epidemie in Nordamerika. Die ersten Erkrankungen traten 1999 während eines heißen Sommers auf. Im Jahr 2002, auf dem Höhepunkt der Epidemie, erkrankten 4156 und starben 284 Menschen an der vormals nur in Afrika und im Orient bekannten Infektion.
| Rückgang einiger Infektionen durch steigende Temperaturen | hoch |
Steigende Temperaturen können jedoch auch zum Rückgang von Infektionen führen. Ixodes-Zecken, die in Deutschland die Frühsommer-Meningoenzephalitis und die Lyme-Borreliose übertragen, reagieren sehr empfindlich auf heiße trockene Sommer. Der Klimawandel könnte sie zurückdrängen. Dass sie sich in den letzten Jahren stark ausbreiten konnten, liege vor allem an den milden Wintern, so Professor Reisinger.
C. J. Hemmer et al.: Globale Erwärmung: Wegbereiter für tropische Infektionskrankheiten in Deutschland? DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132 (48): S. 2583-2589
D. Hassler: Mehr Infektionskrankheiten durch globale Erwärmung: echte Gefahr oder Rauschen im Blätterwald? DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132 (48): S. 2557
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