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Artikel vom 19. 04. 2005

Blasenkrebs durch Haarefärben?

Haarfärbemittel können das Risiko für Blasenkrebs erhöhen

Dr. med. Felicitas Witte

Nicht nur der italienische Präsident Silvio Berlusconi tut es: 35% der Frauen und 10% der Männer in den Industrieländern färben sich regelmäßig die Haare. Als unerwünschter Nebeneffekt kommt es bei vielen Verbrauchern zu allergischen Reaktionen der Kopfhaut: Die Haut juckt, wird rot und schuppt sich.

Übersicht

Unangenehm für denjenigen mit frisch gefärbter Haarpracht, doch im Vergleich zu einer anderen Nebenwirkung der Haarfärbemittel harmlos: Eine kürzlich im Krebsmagazin International Journal of Cancer erschienene Studie (1) weist darauf hin, dass die Chemikalien möglicherweise Harnblasenkrebs auslösen können.
Die Amerikanerin Angeline Andrew hatte 459 Patienten mit Blasenkrebs und 665 Kontrollpatienten befragt, ob, wie häufig und mit welchen Mitteln sie sich die Haare färbten. Frauen, die regelmäßig permanente Haarfärbemittel benutzten, hatten im Mittel ein 1,5 bis 2,3fach höheres Risiko für Harnblasenkrebs als Frauen, die sich nicht die Haare färbten. Das Risiko war höher bei permanenten Haarfarben und nahm zu, je länger sich die Frauen die Haare gefärbt hatten. Andere Studien konnten ein erhöhtes Blasenkrebsrisiko durch Haarefärben weder bei Friseuren noch bei Privatanwendern bestätigen (2).


Schon eine ältere Studie warnte!Nach oben hoch

Dies frischt eine heiße Diskussion unter Experten auf, die vor einigen Jahren begonnen hatte: Die Krebsforscherin Manuela Gago-Dominguez von der University of Southern California hatte Daten von 897 Patienten mit Blasenkrebs und ebenso vielen Patienten ohne Krebs als Kontrolle ausgewertet (3). Frauen, die sich mindestens einmal im Monat mit permanenten Mitteln die Haare färbten, hatten ein 2,1-fach höheres Risiko, Krebs in der Harnblase zu bekommen im Vergleich zu denjenigen, die sich nicht die Haare färbten. Wurden die Chemikalien über 15 Jahre angewendet, stieg das Risiko sogar auf das 3,3-fache im Vergleich zu Nicht-Haarfärbern. Noch größere Auswirkungen hatten die Präparate auf professionelle Haarfärber: Friseure, die länger als zehn Jahre ihren Beruf ausübten, hatten im Durchschnitt ein 5-fach höheres Blasenkrebsrisiko als die Normalbevölkerung. Obwohl seinerzeit auch andere Wissenschaftler auf ein erhöhtes Blasenkrebsrisiko hinwiesen, reagierten Politiker und Verbraucherschützer damals kaum.


Ursache und WirkungNach oben hoch

Wie kommt es dazu, dass chemische Mittel, die auf die Kopfhaut aufgetragen werden, ausgerechnet in der Blase Krebs erzeugen sollen? Haarfarben bestehen in der Regel aus zwei Komponenten: einem Oxidationsmittel, meist Wasserstoffperoxid, und einer Farbcreme. Wissenschaftler vermuten, dass die in der Farbcreme enthaltenen aromatischen Amine für die Entstehung von Blasenkrebs in den Studien verantwortlich sind. Die aromatischen Amine werden beim Haarefärben über die Kopfhaut oder die Hände aufgenommen und im ganzen Körper verteilt. Richtig giftig werden die aromatischen Amine erst in der Leber: Durch ihren Abbau entstehen neben harmlosen Stoffwechselprodukten Substanzen, die selbst sehr giftig sind. Diese Abbauprodukte gelangen in die Blase und werden dort in krebserregende Stoffe (Kanzerogene) umgewandelt. Chemiker wiesen kürzlich eines dieser für die Blase giftigen Kanzerogene in einigen komerziellen Haarfärbemitteln nach (4).


Andere Quellen aromatischer AmineNach oben hoch

Ob sich das erhöhte Blasenkrebsrisiko allein auf die aromatischen Amine in den Haarfärbemitteln zurückführen lässt, ist allerdings nicht sicher. "Haarfarben sind nicht die einzigen Quellen aromatischer Amine", erläutert Jürgen Angerer vom Institut für Arbeits- Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen. "Über Autoabgase, Chemikalien, Farbstoffe in Textilien und Lederwaren, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln, Inhaltsstoffe von Kosmetika und über aktives und passives Rauchen nehmen wir fast täglich aromatische Amine auf." Angerer untersucht zurzeit in einer Studie an 1.000 Probanden, wie viele aromatische Amine Menschen aufnehmen und mit was für Krankheiten dies assoziiert ist.
Nach ersten Ergebnissen scheint das Haarefärben nur einen kleinen Beitrag zu der Belastung mit aromatischen Aminen zu liefern. "Andere Quellen tragen offenbar viel mehr zur Belastung der Allgemeinbevölkerung mit aromatischen Aminen bei", meint der Chemiker. Kritik üben viele Wissenschaftler am Aufbau der bisherigen Studien über Haarfärbemittel und Krebs: In den meisten Untersuchungen würde erst im Nachhinein "herausgerechnet", ob jemand geraucht hat oder nicht. Auch die Fallzahl sei häufig nicht ausreichend. Einige bemängeln, dass sich die Ergebnisse auf Haarfärbemittel beziehen, die in den 60er und 70er Jahren verwendet wurden. Denn die Zusammensetzung der Haarfarben hat sich seit den 80er Jahren geändert: Seitdem enthalten Haarfärbemittel nur noch aromatische Amine, die "höchstwahrscheinlich" nicht krebserregend sind. Doch Friseure, die in den 60er und 70er Jahren regelmäßig Haare färbten, können noch nach Jahren oder Jahrzehnten Blasenkrebs bekommen. "Nach unseren Daten dauerte es im Mittel 38 Jahre vom ersten Kontakt mit Haarfärbemitteln bis zum Auftreten des Blasenkrebses", berichtet Dr. Albert Nienhaus von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW).


Ein Risiko bleibt, neue Kontrollen kommenNach oben hoch

Ob man den Studien über Haarfärbemittel und Blasenkrebs Glauben schenkt oder nicht: Tatsache ist, dass ein Risiko nicht ausgeschlossen ist, durch bestimmte, nämlich permanente, Haarfärbemittel Blasenkrebs zu bekommen. Inzwischen hat auch die Politik reagiert: Die zuständige Kommission der Europäischen Union hat beschlossen, dass die europäischen Hersteller von Haarfärbemitteln ihre Produkte prüfen lassen müssen.
"Als Haarfärbemittel sollen nur solche Stoffe zugelassen werden, die zuvor toxikologisch untersucht wurden und die kein gesundheitliches Risiko bergen", erklärt Gabriele Martin vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Weisen die Firmen nach, dass die Haarfarben ihrer Produkte toxikologisch unbedenklich sind, werden sie wie Farbstoffe in Kosmetika in eine Positivliste aufgenommen.

"Alle Haarfarben, für die von den Firmen kein Sicherheitsnachweis vorgelegt wird, werden verboten", kündigt Jürgen Kundke vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an. "Zurzeit würden fast die Hälfte der Haarfärbemittel verboten werden, das sind etwa 149 Inhaltsstoffe!" Eigentlich sollten die Ergebnisse der Prüfungen schon im September 2003 den zuständigen Gremien der EU vorliegen. Viele Firmen haben bislang jedoch nur unvollständige Dossiers abgegeben. "Die Hersteller argumentieren, sie hätten von der Deadline nicht gewusst", kommentiert Jürgen Kundke die Verzögerung. Der Wissenschaftler begrüßt, dass endlich auch die Haarfarben toxikologisch geprüft werden. "Für jeden Lippenstift und jedes Töpfchen Lidschatten müssen die Farben seit Jahren auf ihre Unbedenklichkeit hin geprüft werden, bevor sie zugelassen werden!"


Toxikologisch unbedenklich?Nach oben hoch

Doch was bedeutet toxikologisch unbedenklich? In vielen Tests konnte gezeigt werden, dass aromatische Amine das Erbgut verändern und so Krebs erzeugen können. "Das ist wie ein Lotteriespiel", erklärt Elmar Richter Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie in München. "In den meisten Fällen repariert der Körper den Schaden an der DNA von selbst. Geschieht dies nicht, kann sich die Zelle zu einer Krebszelle umwandeln, aus der später ein Tumor entstehen kann." Es sind also mehrere Schritte notwendig, bis aus einem "zufälligen" DNA-Schaden Krebs entsteht. "Das Ganze läuft nach dem Zufallsprinzip ab. Eine winzige Menge Gift reicht theoretisch aus, um Krebs zu erzeugen. Daher können wir auch keine Grenzwerte angeben, ab welcher Menge oder Konzentration der Stoff schädigt", erklärt Richter.

Bei diesem "Alles oder Nichts-Prinzip" vertrauen die Frimen anscheinend eher auf "nichts": Forscher der Firma L'Oréal haben kürzlich in der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology bekannt gegeben, dass sie Haarfärbemittel nicht für krebserregend halten - weder für private noch berufliche Anwender (5). "Die Verbraucher kaufen sichere Produkte", ist auch Birgit Huber vom Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) überzeugt.


SchutzmaßnahmenNach oben hoch

Zurzeit gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, ob die Substanzen gefährlich sind oder nicht. Wer nicht darauf verzichten will, seine Haarfarbe aufzupeppen, sollte vorsichtig mit den Mitteln umgehen. Am wichtigsten sind dabei Handschuhe, um den Kontakt mit den Substanzen so gut es geht zu vermeiden. "Studien haben gezeigt, dass die Aufnahme von aromatischen Aminen aus Haarfärbemitteln sehr viel geringer ist, wenn man Handschuhe dabei trägt", berichtet Albert Nienhaus von der BGW. Experten halten das Risiko, durch Haarfärbemittel Blasenkrebs zu bekommen, sowohl für Friseure als auch Privatanwender für relativ gering. "Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er das Risiko eingehen möchte", kommentiert Elmar Richter. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Krebsformen ist das Risiko, durch Haarfärbemittel Krebs zu bekommen, leicht vermeidbar: Indem man aufs Haarefärben verzichtet.


Literatur/QuellenNach oben hoch

(1) Int J Cancer 2004; 109: 581-586
(2) Kogevinas et al. Cancer Causes Control 2003; 14: 907-914, Czene et al. Int J Cancer 2003; 105: 108-112, La Vecchia und Tavani Europ J Cancer Prevention 1995; 4: 31-43, La Vecchia und Tavani Europ J Cancer Prevention 2001; 205-208
(3) M. Gago-Dominguez: International Journal of Cancer 2001; 91: 575-9
(4) Turesky et al. Chem Res Toxicol 2003; 16: 1162-1173
(5) GJ Nohynek et al. Food Chemi Toxicol 2004; 42: 517-543
A. Andres: Int J Cancer 2004; 109: 581-586
H. Marquardt/S. Schäfer: Lehrbuch der Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2. Auflage
F.-X. Reichl: Taschenatlas der Toxikologie

 
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