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Artikel vom 27. 07. 2010

Glosse: Vampirismus in der Medizin

Stich im Morgengrauen

Dr. med. Yvonne Kollrack

An Vampiren führt zurzeit kein Weg vorbei! Egal ob im Kino, im Buchhandel oder im Gespräch mit romantisch veranlagten Literaturfans: Den liebeswütigen Blutsaugern aus Stephenie Meyers Vampirserie "Bis(s) zum Morgengrauen" werden Sie nicht entkommen. Sind Sie ebenfalls ein Fan von Bella und Edward? Dann dürften Ihnen als Medizinstudent die Parallelen zwischen Ihnen und den bleichgesichtigen Untoten kaum entgangen sein.

Bild
Foto: Concorde Filmverleih

Übersicht


Untote im OPNach oben hoch

Viele PJler fühlen sich angesichts der vielen Blutabnahmen bei Morgengrauen wie die Blutsauger vom Dienst. Im OP angekommen saugen sie weiter Blut, denn der Sauger ist oft das einzige, was der Student außer den Haken anvertraut bekommt. Weil die Visite ewig und die OP am Abend vorher mal wieder länger gedauert haben, gab es auch wieder nichts zu essen. Wenn dann die pflichtbewussten PJler nachts die Krankheitsbilder des Tages im Lehrbuch nachschlagen, sehen manche von ihnen wirklich aus wie lebende Vampire - nur leider nicht so gut wie die Artgenossen aus "Twilight".

Enden an diesem Punkt die Gemeinsamkeiten zu Edward & Co.? Das würde so mancher männliche PJler angesichts der schnuckeligen Gesundheits- und Krankenpflegeschülerin auf Station verfluchen. Aber Gott sei Dank geht es in den Romanen ja nicht nur um das profane Blutsaugen. Bei genauerem Hinsehen finden sich viele medizinische Hinweise. So gesehen kann der Besuch des neuen Twilight-Films "Eclipse" locker als Fortbildung durchgehen! Also aufgepasst beim Kinobesuch: Die ganze Serie steckt voller medizinischer Details und relevanter Denkansätze für IMPP-Prüfungsfragen!


Der BeweisNach oben hoch

Bellas und Edwards erste romantische Zusammenkunft ergibt sich aus einem Blutgruppentest im Biologieunterricht: Das ist doch eine gute Gelegenheit, sich noch mal die diversen Blutgruppen sowie den direkten und indirekten Coombstest einzuprägen! Oder darf es etwas praktischer sein? Dann überlegen Sie doch mal, wie ein Bedside-Test funktioniert!

Foto: Concorde Filmverleih
Foto: Concorde Filmverleih

Praktischerweise ist Edwards "Vater" Arzt in der Notaufnahme und kann sämtliche durch Bellas Ungeschicklichkeit hervorgerufene Blessuren verarzten. Allerdings muss der geflissentliche junge Notaufnahmearzt darauf hinweisen, dass Carlisle nicht Bellas Tetanusstatus erhebt, als er ihre Schnittwunden versorgt. Eine gute Gelegenheit, zu rekapitulieren, wann eine Simultanimpfung angezeigt ist und welches nun der aktive bzw. der passive Impfstoff ist.

Bei gleicher Szenenschilderung lässt sich auch darüber diskutieren, ob nun Rückstichnähte indiziert sind und wie Glasrückstände in Wunden diagnostiziert werden könnten. Physiologen wird auffallen, dass von einer Thromboseprophylaxe während Bellas und Edwards Hochzeitsflugreise keine Rede ist. Wäre eine Antikoagulation für den Fall des ersehnten Bisses nun hilfreich oder hinderlich?

Dagegen wird für erfahrene Rettungsassistenten äußerst einprägsam verdeutlicht, dass jedes potenzielle Polytrauma eines Verkehrsunfalls auf ein spineboard geschnallt, mit einem stiffneck versorgt und erst nach ärztlicher Evaluierung sowohl von dem einen als auch dem anderen befreit wird! Auch Edwards ambulante Nachsorge von Bellas Commotio ist lehrbuchreif - engmaschige Überwachung durch Freunde und Angehörige!

Und wer aus der Lerngruppe kann erklären, warum Jakobs Vater im Rollstuhl sitzt? Diabetes mellitus mit fortgeschrittener Polyneuropathie? Amyothrophe Lateralsklerose? Multiple Sklerose? Oder hat er was ganz anderes?


... mehr ZwielichtigesNach oben hoch

Für angehende Mikrobiologen oder Fans der Medizingeschichte bieten sich Anhaltspunkte, um sich genauer mit der spanischen Grippe zu befassen. Diese drohte den guten Edward nämlich dahinzuraffen, bevor Carlisle ihn durch einen beherzten Biss in die Vena jugularis rettete. War es eigentlich die Interna oder die Externa? Oder gar die Carotis? Wie lautete noch mal der Merkspruch für all ihre Abgänge? Auch Vorkliniker sollten sich also die vier dicken Vampirwälzer zulegen.

Die Stadien des hämorrhagischen Schocks sollten bis zur Lektüre des letzten Bandes sitzen. Nichts anderes führen die Vampire in ihrer Saugaktion schließlich herbei. Wissenschaftlich interessierte Kollegen mit Habilitationsabsichten könnten auch Vergleichsstudien zu "Interview mit einem Vampir" anstellen [Cruise T., Pitt B. et al. 1994].

Auch wer später Facharzt für Psychiatrie werden möchte, kann bei den Vampiren schon einmal etwas lernen. Wem fällt nicht Bellas pathologisch niedriges Selbstbewusstsein auf? Und lässt das Essverhalten der Cullens nicht Rückschlüsse auf anorektische Phasen in der Schulcafeteria mit bulimie-ähnlichen Attacken am Wochenende zu? Stecken da Somatisierungsstörungen dahinter?

Bevor nun auch noch angehende Andrologen zum Zug kommen und sich fragen, wie der gute Edward ohne jeglichen Blutfluss Nachwuchs zeugen kann, hören wir aber besser auf ...


Das KleingedruckteNach oben hoch

Achtung: Wer mit Vampiren partout nichts am Hut hat, möge diesen Text keineswegs als Kaufempfehlung für Stephenie Meyers literarisches Werk oder als Besuchsempfehlung für die dazugehörigen Kinofilme verstehen. Medizin ist - für Ärzte und Patienten - schon anstrengend genug. Da kann man jeden Blutstropfen gebrauchen. Die Gefahr vor Schlaflosigkeit, durch Mangelernährung erzeugte Anämie und verbissenen Konkurrenzkämpfen ist bei vielen jungen Ärzten ohnehin über jedes gesunde Maß hin ausgeprägt.

Zusätzlicher Vampirismus könnte da verheerende Folgen haben... Deswegen: Schauen Sie mal in den Spiegel! Finden Sie erste Anzeichen einer verdächtigen Blutleere - klappen Sie Vampir- und Lehrbücher zu und gehen Sie mal wieder an die Sonne!

 
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