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Zuletzt geändert am
19.
12.
2005
Studienaufenthalt in Paris
1999/2000
Übersicht
Mein Jahr in Paris war mit Sicherheit eines der schönsten in meinem Leben. Die Stadt hat so unglaublich viel zu bieten, angefangen bei den Menschen der verschiedensten Völker der Erde, tausend Kneipen, Bars, Cafés und Bistros an jeder Ecke, unendlich viele Sehenswürdigkeiten, viele grüne Parks und noch vieles mehr.
Wer bereit ist, sich durch die vielen Eindrücke und Erfahrungen prägen zu lassen, sollte nicht auch nur eine Minute zögern, ins Ausland zu gehen. Abgesehen davon, dass man so ganz nebenbei und mehr spielerisch eine Fremdsprache im Alltag richtig beherrschen lernt. Auch der Vergleich des Medizinstudiums in Deutschland mit dem in Frankreich ist es wert, aber dazu später mehr.
Bei mir lagen fünf Jahre "Schulfranzösisch" ( inkl. LK ) sowie ein Kurs "Französisch für Mediziner" an Vorkenntnissen vor. Die Alltagssprache sollte man einigermaßen beherrschen, in der Klinik vereinfacht einem das Mediziner-Latein das Leben sehr. (Tipp: Lateinischen Fachterminus französisch aussprechen und eine französische Endung dran, dann stimmt's in 90% der Fälle und man ist selbst überrascht, was man alles versteht und auch ausdrücken kann!) Bestimmt können einem auch zwei Wochen Urlaub mit einem Sprachkurs kurz bevor es losgeht als Einstieg helfen.
Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben!!! Man wird sofort völlig mit in den Betrieb eingebunden. Noch am ersten Praktikumstag wird der "Dienstplan" erstellt: es ist immer rund um die Uhr mindestens ein Student im Haus! Wir waren jedes Mal sechs "externes" (= Studenten) in unserer Abteilung, d.h. jede 6. Nacht verbringt man in der Klinik. In der Ambulanz sieht man die Notfälle als erster und behandelt soweit, wie es die Kenntnisse zulassen. Hier sollte man seine eigenen Grenzen gut kennen und nicht nach dem Motto -wird schon schief gehen- handeln. Natürlich ist die ersten paar Mal der "interne" (= Assistenzarzt) dabei und schaut, was man so "drauf" hat. Grundsätzlich schlafen die nachts aber gerne und sind dementsprechend wenig begeistert, wenn sie alle 30 Minuten aus dem Bett geholt werden. Im richtigen Notfall darf man natürlich nicht zögern, diese Maßnahme zu ergreifen. Den Mittelweg zu finden, ist nicht leicht, aber eine sehr wichtige Erfahrung, da das Verhältnis externe-interne in Deutschland dem Verhältnis Assistenzarzt-Hintergrunddienst (den es in Frankreich natürlich zusätzlich noch gibt) entspricht. Eine sehr hilfreiche Übung für später also!
Wer sich vor der Abreise informiert, welche Scheine an der Heimat-Uni in der Zeit gemacht werden, die man im Ausland verbringt, kann sich selbst einteilen, welche Scheine er im Ausland machen will, um keine Semester zu verlieren, wobei "verlieren" sowieso der falsche Ausdruck ist. Zumindest erspart man sich nach der Rückkehr eine Riesenrennerei durch alle Institute wegen der Anerkennung.
Als Famulaturen kann man sich alle Auslandspraktika anrechnen lassen, die in den Semesterferien der Heimat-Universität liegen. Sie müssen lediglich auf zweisprachigen Vordrucken (deutsch und französisch, aber nicht englisch!!!) bescheinigt werden, die meistens im Dekanat erhältlich sind.
Um bei der CROUS (= franz. Studentenwerk) ein Zimmer zu bekommen, muss man sich etwa 6 Monate im voraus bewerben. Die Zimmer sind sehr begehrt, man hat tausende von Studenten aus der ganzen Welt um sich herum, aber so richtig billig ist in Paris gar nix!
An der "Eglise américaine" am Seine-Ufer hängen immer viele Angebote für Zimmer aus, z.B. gegen Haushaltsarbeiten, Babysitting, etc.
1000 kleine Zeitungen mit Wohnungsanzeigen liegen überall herum, man sollte aber die Finger davon lassen, da zu 99,9 % von unverschämten Maklern winzige Löcher (< 8 qm) ohne Tageslicht zu horrenden Preisen und Kautionen und Provisionen an unwissende Studenten verscherbelt werden.
Die Zeitschrift "Du Particulier Au Particulier" ist überall für ein paar FF zu haben und dort sind tausende von Angeboten in jeder Qualität und Preislage nach Arrondissements (= Stadtteilen) geordnet zu finden. Sie erscheint jeden Donnerstag Morgen, und die guten Angebote sind Donnerstag Abend vergeben. Geschwindigkeit ist also angesagt -aber es lohnt sich wirklich! Für 1500 bis 2500 FF im Monat (und ein bis zwei Monatsmieten Kaution ) bekommt man ein sauberes Zimmer unterm Dach, ein sogenanntes "chambre de bonne", ein ehemaliges Dienstmädchenzimmer mit mehr (für 2500 FF) oder weniger (für 1500 FF) Komfort: Dusche und WC sind meist auf dem Gang, möbliert (Bett, Stuhl, Tisch, Schrank, Lampe, fertig) mit Kochecke, meist ohne Lift im 6.,7.oder 8. Stock, dafür häufig ein toller Blick über die Dächer von Paris.
Von einer Unterkunft in den "banlieues" (= Vorstädten) ist in jedem Fall stark abzuraten, da das an Miete gesparte Geld für die entsprechend teurere Monatsfahrkarte sofort wieder weg ist. Außerdem profitiert man vom Leben in der Stadt nur, wenn man direkt in der Stadt wohnt.
Das allerwichtigste ist zuerst ein Zimmer zu finden, damit man bei Behörden einen festen Wohnsitz angeben kann. Dabei vorgedruckte Mietverträge (contrat de location) zu benutzen, ist sicherlich sinnvoll. Auf eine Versicherung gegen Brand, Explosion, Wasserschäden, etc. legt meist der Vermieter Wert, die Kosten belaufen sich auf ca. 300 FF im Jahr.
Mit der festen Adresse kann man ein Girokonto eröffnen (z.B. bei BNP, SG, CL) von dem man Strom (muss immer extra bezahlt werden, gehört nicht zur Miete!), Telefon, etc. abbuchen lassen kann. Man erhält auch eine Karte für die Geldautomaten sowie Schecks.
Ebenfalls mit der festen Adresse (am besten ist es, auf alle Behördengänge den Mietvertrag als Nachweis für die Adresse mitzunehmen) kann man eine Aufenthaltsgenehmigung (titre de séjour) für ein Jahr beantragen, die man zwar als EU-Bürger nicht braucht, die aber für den Erhalt von Wohngeld nötig ist. Bei der Beantragung des Titre de Séjour benötigt man (je Original und Fotokopie):
| | • | als EU-Bürger Personalausweis oder Reisepaß |
| | • | französischen Studentenausweis, den man, was Necker betrifft, bei der Immatrikulation in der Université "René Descartes" Paris 5, ( Adresse: 12, rue de l'école de médecine, 75006 Paris ) erhält. Weitere Fragen an die A.P.E.C.H.E. |
| | • | Mietvertrag und Mieter-Versicherungsvertrag (als Nachweis für die "Echtheit" des Mietvertrages) oder auch die erste Gas- oder Stromrechnung an Deine Adresse auf Deinen Namen. |
| | • | Sozialversicherungsnachweis = Formular E111 |
| | • | Stipendium (z. B. vom DAAD, Sokrates, Utrecht Network, etc.) als Einkommensnachweis oder ein Kontoauszug, aus dem regelmäßige Eingänge auf das Konto, z.B. durch die Eltern, zu ersehen sind. |
| | • | drei aktuelle schwarz / weiß - Passfotos |
| | • | "timbre fiscal" von 200 FF, erhältlich in jedem Tabac; ist die französische Art der Ämtergebührenerhebung |
| | • | viel, viel Zeit, Wartezeiten von 3 bis 4 Stunden sind leider keine Seltenheit. Deshalb empfiehlt es sich, schon beim ersten Mal alles perfekt parat zu haben, sonst steht man morgen nochmal 3-4 Stunden an! |
Den fertigen Antrag reicht man dann ein in der:
Réception des demandes de titre de séjour "étudiant" 13, rue Miollis F - 75015 Paris Metro : Cambronne ( 6 ) oder Ségur ( 10 ) Öffnungszeiten: Mo - Fr 8.30 - 16.00 h
Noch ein Tipp : Wer um 8.00 h schon da ist, ist vielleicht um 10.00 h schon fertig !!!
Ebenfalls mit der festen Adresse in der Hand kann man Wohngeld (A.P.L.= Aide Personnalisée au Logement) beantragen. Dafür benötigt man (jeweils Original und Kopie):
| | • | "Fiche individuelle d'état civil", erhältlich bei der für Dein Arrondissement zuständigen "mairie" (= Rathaus) gegen Vorlage eines "Auszug aus dem Geburtsregister" = internationale Geburtsurkunde, die nicht älter als 2 Monate sein darf! Die besorgt man sich am besten noch vor der Abfahrt in Deutschland beim zuständigen Standesamt. |
| | • | Tître de séjour ( kann nachgereicht werden ) |
Wo man den Antrag auf Wohngeldzuschuss letztlich abgibt, kann man erfragen bei:
1er Centre de Gestion "Viala" 18, rue Viala F - 75015 Paris Tel.: 01.45.75.62.47
Es empfiehlt sich, den Antrag so früh wie möglich zu stellen, da rückwirkend kaum mit Mietzuschüssen zu rechnen ist. Der Aufwand lohnt sich aber auf jeden Fall, da in Abhängigkeit von der Wohnung Zuschüsse bis ungefähr 1000 FF monatlich gezahlt werden.
In Paris als Vielvölkerstadt fällt man als Ausländer überhaupt nicht auf. Anschluss bei den Mitstudenten findet man leicht. Sie sind doch irgendwie neugierig, etwas über den "Neuen" zu erfahren. Man sollte aber auch die Eigeninitiative nicht scheuen, z.B. Vorschläge für Party's mit anderen Studenten, "rollerbladen" auf den großen Boulevards der Stadt, am Seine-Ufer oder in einem der 1000 Parks picknicken, ins Kino gehen mit dem "Pflegepersonal" oder zusammen zu kochen....
Für die ganze Rennerei zu den Behörden und die Wohnungssuche sowie den gesamten Paris-Aufenthalt überhaupt empfiehlt es sich, am besten gleich nach der Ankunft eine "Carte Orange" (= Monatsnetzkarte) für ungefähr 250 FF zu kaufen, damit man ein für alle Mal alle Fahrkartensorgen los ist. Es rechnet sich außerdem selbst noch, wenn man jeden Tag nur zweimal Metro oder Bus fährt, z.B. einmal zur Uni und zurück!
Die Praktika als "externes" in den Kliniken werden ab dem 5. Studienjahr mit monatlich ca. 1100 FF bezahlt. Die Nachtdienste werden unabhängig vom Studienjahr mit ca. 120 FF netto pro Nacht, am Wochenende das Doppelte, vergütet. Abgesehen davon kann ich jedem nur raten, den Kittel nicht um 12.59 h schon in den Spint zu räumen, sondern auch mal etwas länger zu bleiben als unbedingt nötig : Wenn man ein bisschen Interesse zeigt, darf man gleich so viel mehr (z.B. bei einer Lebertransplantation bei einem 8 Wochen alten Säugling assistieren. Gegen Mitternacht gab's dann Pizza und Champagner für alle; den Tag werde ich nie vergessen) und auch eigenständiger arbeiten - z.B. kleine Eingriffe (ME, etc.) im OP selbst durchführen! Wenn man dafür an einem strahlend schönen Wochentag gegen 11 h als "Tourist" in die Stadt gehen will, hat niemand etwas dagegen.
| Hochschulsystem-Vergleich | hoch |
Die Theorie ist in Frankreich auf ein gesundes Maß an für die Praxis relevantem Hintergrundverständnis beschränkt und wird einem in Form von Seminaren anhand von Fallbesprechungen mit Oberärzten, die es " richtig drauf " haben und sich "richtig ins Zeug legen", vermittelt. Natürlich gibt es auch Vorlesungen zur allgemeinen und speziellen Theorie, alles aber immer unter dem Aspekt der Relevanz!
Ab etwa Mitte des 3. Studienjahres verbringt man jeden Vormittag von 8 bis 13 h auf einer Station jeweils 3 Monate lang, inkl. mündlicher Abschlussprüfung, dann wird durchgewechselt. So hat man nach dem 6. Studienjahr insgesamt 14 verschiedene Fachbereiche, z.B. Kardiologie, Gyn, Pädiatrie, Viszeralchirurgie, Orthopädie, HNO, etc. durchlaufen und die häufigsten Notfälle und deren Behandlung gesehen und auch selbst durchgeführt: ZVK, EKG, Intubation, Pleurakatheter, Lumbalpunktion, Geburten, etc. Das ist die ideale Ausbildung für das, was uns als AiPler bevorsteht!
Nachmittags von 14 bis 17 h ist dann Vorlesung in der Fakultät. Immer etwa 1 bis 4 Wochen - je nach Fachvolumen - am Stück, dann ein paar Tage Pause zum Wiederholen und schließlich die schriftliche Abschlussprüfung im jeweiligen Fach, die vom Niveau, nicht aber vom Volumen (nicht 24 Fächer auf einmal!) unserem 2. Staatsexamen entspricht. Dabei werden meist Patientenanamnesen vorgestellt und man muss Diagnostik und Therapievorschläge bis zur Medikamentendosierung beschreiben. So wie es später auch täglich von einem verlangt wird - wieder einmal richtig praxisrelevant.
Rückblickend kann ich jedem, der mit dem Gedanken an ein Auslandssemester spielt, nur dazu raten, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Am besten dazu eignen sich meiner Einschätzung nach das 4. oder 5. Studienjahr, da man im 6. Studienjahr im PJ auch in Deutschland praktische Erfahrungen sammeln kann. Man kann natürlich auch ein oder mehrere PJ-Tertiale in Frankreich verbringen, wenn man vorher noch keine Gelegenheit dazu hatte oder es einen wieder zurück an die Seine zieht.
| Ansprechpartner | hoch |
Für die Fakultät Necker-Enfants-Malades (nur zur Info : es gibt in Paris 11 Fakultäten für Medizin) kümmert sich das Büro der A.P.E.C.H.E. (Association Pour les ÉCHanges Étudiants) um die Vergabe der Praktikumsplätze ebenso wie für die Ausstellung aller möglichen Bescheinigungen - sie sind für den Dekan zeichnungsberechtigt und haben alle wichtigen Stempel in der Schublade.
Es arbeiten dort drei Studentinnen, um sich ihr Taschengeld aufzubessern, die sehr hilfsbereit sind und für alle unsere Probleme und Nöte (bis auf die Wohnungssuche, versteht sich) ein offenes Ohr und meist eine passende Lösung parat haben. Zu erreichen sind sie unter :
A.P.E.C.H.E. Faculté de Necker - Enfants Malades 156, rue de Vaugirard F - 75015 Paris Tel.: 0033-1-40.61.54.28, Fax.:0033-1-45.67.53.33
An das Büro der A.P.E.C.H.E. sendet man auch die Bewerbungsunterlagen, diese bestehen aus:
| | evtl. Bescheinigung über Stipendium, z.B. DAAD, Sokrates... |
| | Internat. Geburtsurkunde (vom Standesamt) |
| | Sozialversicherungsnachweis (Formular E111) |
| | Nachweis über Berufshaftpflichtversicherung (meist ist man über die Eltern mitversichert, aber unbedingt kontrollieren) |
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