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Artikel vom 16. 03. 2007

Famulatur Chriurgie in Hualien, Taiwan

Nicht nur Hakenhalter und Blutabnehmer (2006)

Helene Klinker

Ich hatte im November 2005 die Idee, doch mal im Ausland eine Famulatur zu machen, und zwar an einem Ort, wo nicht viele Deutsche hingehen. Asien war mein Traumziel, und da ich mir bei Taiwan mit seinem großen Platzangebot beim DFA gute Chancen ausgerechnet hatte, war die Wahl schnell getroffen. Die durchweg positiven Erfahrungsberichte taten ein Übriges, mich zu überzeugen.

Übersicht


Motivation und VorbereitungNach oben hoch

Ich wollte gern in eine kleinere Stadt, und ich habe es nie bereut, nach Hualien gegangen zu sein. Für alle, die gerne abends am Meer sitzen und den Sonnenuntergang anschauen und die am Wochenende in den Bergen wandern möchten, ist Hualien eine sehr gute Wahl.

Ich habe mich auf den Aufenthalt in Taiwan nicht groß sprachlich vorbereitet. Wie schon aus anderen Berichten zu erfahren war, ist der Versuch, Mandarin in kurzer Zeit zu lernen, leider selten von Erfolg gekrönt. Der Reiseführer ‚Taiwan' aus dem Know-how Verlag Bielefeld ist umfangreich und geht genau auf Mentalität und Kultur der Taiwanesen ein, für einen ersten Eindruck sicher nicht schlecht. Auch für Ausflüge und Wanderungen informiert er gut. Ein kleiner Sprachführer in Mandarin bringt einem die nötigsten Ausdrücke bei und sofern er Sätze in chinesischen Zeichen beinhaltet, hilft er, sich vor Ort durch Draufzeigen zu verständigen. Es gibt aus dem selben Verlag auch noch ein Buch ‚Kulturschock China/Taiwan', das bestimmt sehr interessant ist.

Wichtig ist, dass man rechtzeitig das Visum beantragt. Es wurde bei mir schnell und unbürokratisch ausgefüllt. Als Reisezweck sollte man am besten ‚Reisen' angeben, denn ‚Praktikum machen' scheint für manche Beamte in der Visumsstelle nicht verständlich zu sein.
Ein Seminar habe ich vor Abflug nicht besucht.

Früchtestand in der Stadt
Früchtestand in der Stadt

Bevor man nach Taiwan reist, sollte man sich von dem Tropenmediziner seines Vertrauens beraten lassen. Bei mir wurden viele Impfungen aufgefrischt und einige, z. B. Japanische Enzephalitis und Hepatitis A, neu gegeben. Die Impfung für Japanische Enzephalitis mutet abenteuerlich an: Ich musste drei Mal zur Impfstelle gehen, ehe der Beipackzettel aus dem Japanischen ins Englische übersetzt war. Für diese Impfung muss man leider viel Geld hinlegen (ca. 150 €), und eigentlich ist sie nur nötig, wenn man neben Reisfeldern und Schweineställen schläft. Wer erst nach der Famulatur wandern möchte, kann sich auch gut vor Ort im Krankenhaus impfen lassen, es kostet nur einen Bruchteil des deutschen Preises.

Den Flug habe ich frühzeitig gebucht. Es empfiehlt sich, über Bangkok zu fliegen und dort noch Urlaub zu machen. Insgesamt hat der Flug ab Düsseldorf nach Bangkok über Dubai (Emirates) und weiter nach Taipei (KLM) ca. 950 € gekostet.


FamulaturNach oben hoch

Ich habe einen Monat auf der Chirurgie famuliert, dabei zwei Wochen in der viszeralen und zwei Wochen in der plastischen Chirurgie.
Auf beiden Stationen läuft der Tag ähnlich ab: Morgens Frühbesprechung und dann Visite mit dem Arzt, dem man zugeteilt wurde. Die Ärzte waren durchweg sehr nett, sprechen häufig gut Englisch und stellen jeden Patienten auf Englisch vor, stellen Fragen und besprechen Behandlungsschemata und Röntgenbilder. Häufig hat der Arzt auch noch Patienten auf der Intensivstation, sodass man auch hier Einblick bekommt.

Später geht es in den OP, wo man als ‚Clerk', also Famulant, eigentlich nur zugucken soll. In der Viszeralchirurgie habe ich selten am Tisch gestanden, in der Plastischen dafür mehr: Der ‚chief resident' (Chef der Assistenzärzte) ist ein sehr Netter, der einem das Nähen zeigt und auch mal eine Spalthaut nehmen lässt.
Am Nachmittag, wenn das häufig umfangreiche Programm abgearbeitet ist, geht es zurück auf Station, wo die Neuaufnahmen vom Oberarzt angesehen werden.

In Taiwan haben viele für uns wie in Stein gemeißelte Grundsätze keine Bedeutung, dafür sind ganz andere Sachen wichtig. Alles hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen, nur ein Beispiel: Wir Deutschen bitten häufig die Familie nach draußen, wenn ein Verband gewechselt wird. In Taiwan ist das undenkbar, muss die Familie doch vom Genesen des Kranken überzeugt werden. Somit wird die Wunde jeden Tag von den Verwandten mit begutachtet. Manchmal übernimmt auch eine nahe Angehörige die Pflege der Wunden.

Kontakt zu Patienten hatte ich leider kaum, denn nur sehr wenige Englisch sprechen konnten. Da war es hilfreich, dass viele Ärzte im Ausland studiert haben (USA, Kanada, Südafrika), gut Englisch sprechen und übersetzen konnten.

Die Ärzte haben eine andere Auffassung von Ihrer Arbeit als deutsche Ärzte, es gibt keine feste Wochenstundenzahl (man geht nach Hause, wenn die Arbeit getan ist - also häufig spät), nur eine Woche Urlaub im Jahr für die Assistenzärzte und man hat fest zugeteilte Patienten, für deren Wohl man in jeglicher Hinsicht zuständig ist.

Das Krankenhaus ist auf dem allerneuesten Stand: der OP-Trakt und die Intensivstation sind erst 2005 eingeweiht, es fehlt an keiner modernen Untersuchungsmethode.

In Taiwan gibt es eine gesetzliche Krankenversicherung, die alle lebensnotwendigen Maßnahmen bezahlt. Will man aber zum Beispiel eine Sigma-Resektion nicht offen sondern laparoskopisch durchgeführt haben, kostet das ca. €1000.

Das Medizinstudium ist ähnlich wie in Deutschland organisiert, die Studenten sind 4 Jahre an der Uni, im 5. und 6. Jahr nur noch im Krankenhaus und famulieren bzw. machen ihr PJ.

Interessant ist eine chirurgische Famulatur deshalb, weil viele Krankheitsbilder vorkommen, die man in Deutschland nur aus dem Lehrbuch kennt: Große Lebertumoren (HCC), häufig Magen-Ca und Mundhöhlenkarzinome, die mit den ausgefallensten Lappen (ein Stück Fibula ersetzt die infiltrierte Mandibula) rekonstruiert werden.

Untergebracht war ich während der Famulatur im Viererzimmer im Studentenwohnheim, allerdings allein. Glücklicherweise gab es eine Matratze, Decke und Kopfkissen, aber das ist nicht die Regel. In eine bequeme Iso-Matte zu investieren, hat sich sehr gelohnt. Die Alternative ist, von vielen Taiwanesen praktiziert, auf dem Holzboden des Betts zu schlafen…

Essen gibt es in der Kantine, die auf halbem Weg zwischen Wohnheim und Krankenhaus liegt - drei Mal täglich, umsonst und sehr lecker. Da das Krankenhaus buddhistisch ist, gibt es kein Fleisch, dafür Tofu in unbekannten Formen und Geschmacksrichtungen en masse. Wenn die Kantine geschlossen ist, kann man ganz in der Nähe frühstücken oder zu Abend essen, schon für 2 € ist man pappsatt. Das Essengehen im Allgemeinen ist sehr billig, ich habe nie zuhause gekocht.


GeldNach oben hoch

Die Lebenshaltungskosten in Taiwan sind geringer als in Deutschland. Während der Famulatur isst und schläft man umsonst und bekommt obendrein ein Taschengeld von ca. 20 € pro Woche. Die Wochenenden schlagen mit etwas mehr Geld zu Buche, wenn man sich ein Auto leihen, Zug fahren und sich etwas angucken möchte. Wer sich mit Souvenirs eindecken möchte, sollte dementsprechend Geldreserven einplanen. Einen Geldautomaten, der auch Deutsche Master-, Visa-, Cirrus-Karten und einige mehr annimmt, befindet sich in der Hauptstraße vom Krankenhaus Richtung Meer auf Höhe des Marmorbrunnens, nicht weit von der Strandpromenade. Einen Geldautomaten zu finden, der Deutsche Karten akzeptiert, ist zumindest in Hualien nicht so einfach, es gibt in der ganzen Stadt leider nur noch einen anderen Automaten. Travellerschecks haben wir nicht mitgenommen, denn es war schon von anderen Berichten zu hören, dass man Probleme mit dem Umtauschen bekommt. Mir persönlich hat die Postbank Spar Card gut geholfen, mit ihr sind vier Abhebungen im Ausland pro Jahr umsonst und sie wird an oben beschriebenem Geldautomaten akzeptiert.


BevölkerungNach oben hoch

In Taiwan leben ca. 20 Mio. Menschen, viele Nachkommen von Festlandchinesen, aber auch 17 verschiedene Ureinwohnerstämme, deren Brauchtum sehr gepflegt wird. Tourismus ist auf Taiwan zwar ein wichtiger Wirtschaftszweig, doch es ist vor allem der Binnentourismus, also Taiwanesen im eigenen Land, und die Touristen aus Japan, die viel Geld in das Land bringen. Touristen aus westlichen Ländern trifft man selten, vor allem in Hualien, das an der dünn besiedelten Ostküste liegt. In den vier Wochen, die ich in Hualien war, habe ich nicht mehr als zehn 'Weiße' gesehen! Man wird dann auch von den Taiwanesen neugierig beäugt, gerade eine Frau mit so einem riesigen Rucksack wie ich weckte häufig verwundertes Interesse. Dabei sind die Taiwanesen nie abweisend, sondern immer freundlich und bieten einem sofort Hilfe an, wenn man beispielsweise mit dem Stadtplan an einer Kreuzung steht.

Faszinierende Bergwelt im ‚Secret Valley’
Faszinierende Bergwelt im ‚Secret Valley’

Die Gastfreundschaft ist für unsere Verhältnisse fast schon unangenehm überschwänglich: Zusammen mit anderen Deutschen bin ich am Wochenende in die Berge gefahren zum Wandern. Leider war das Hotel, in dem wir schlafen wollten, schon ausgebucht; Wir waren in der Einsamkeit der Berge gestrandet, hatten keine Bleibe, keinen Sprit mehr und auch nichts zu essen. Auf dem Parkplatz vor dem Hotel hatten sich andere Reisegruppen versammelt, die uns daraufhin 'adoptierten': Eine versorgte uns mit warmer Suppe und Kuchen, eine Frau telefonierte für uns zum nächsten Dorfhotel, in dem sie auch wohnte, um dort noch ein Zimmer zu reservieren. Dort war schon alles für uns hergerichtet, die Frau hatte für uns Benzin organisiert, uns in der winzigen Dorfkneipe mit zum Frühstück angemeldet und ließ es sich nicht nehmen, uns dazu einzuladen. Häufig wussten wir nicht, wie wir uns angemessen bedanken sollten, so groß war die Gastfreundschaft. Dies ist nur eine der vielen Geschichten, die uns so passiert ist.

In Thailand, wo ich nach dem Aufenthalt in Taiwan noch war, sind die Menschen Touris gewöhnt und längst nicht mehr so entgegenkommend. Gerade auch deshalb ist ein Aufenthalt in Taiwan, verbunden mit einer Famulatur, so ein Erlebnis, denn man lernt ein Land kennen, das Fremden sehr offen und zuvorkommend gegenüber steht.


FazitNach oben hoch

Die Famulatur in Taiwan war sicherlich die beste, die ich bisher gemacht habe - ich kann jedem nur raten, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Fachlich sieht man eine Menge Krankheiten, die es in Deutschland nicht gibt, und die guten Englischkenntnisse und die Engelsgeduld der Ärzte sorgen dafür, dass man auch die Theorie dazu versteht. Man ist in Taiwan, anders als in deutschen Krankenhäusern, als Famulant kein Blutabnehmer und Verbandswechsler, sondern zum Lernen da. Die uneingeschränkte Gastfreundlichkeit der Menschen tut ein Übriges, um sich schnell wohlzufühlen.


Ich wünsche Euch viel Spaß dort!


 
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