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Famulatur in Dublin, Irland (2000)
Erlebnisse in der Notaufnahme und der Thorax-Chirurgie
Martina Hebenstreit
Übersicht
Bewerben sollte man sich mindestens ein halbes Jahr im voraus. Die Bewerbung selbst kann man relativ formlos gestalten, ein kurzer Lebenslauf und vielleicht ein Zeugnis über einen Sprachkurs in Englisch genügen. Nach ein paar Wochen erhielt ich dann Antwort. Man muss ein Formular ausfüllen, in dem man auch seine Wunschstation angeben kann. Außerdem muss man die Kopie einer erfolgreichen Hepatitis B Impfung mitschicken. Wiederum einige Wochen später erhielt ich die Bestätigung für zwei Monate Famulatur in der Notaufnahme (Department of Accident & Emergency).
| Mater Misericordiae Hospital | hoch |
Das Mater Misericordiae Hospital ist das größte Krankenhaus in Irland und liegt relativ zentral in Dublin. Als ausländischer Student durfte man dort alle Einrichtungen nutzen, die auch den irischen Studenten zur Verfügung standen. So gab es Umkleideräume, Duschen, Schließschränke und Aufenthaltsräume mit Billardtisch und Fernseher. Bevor ich am ersten Tag anfangen konnte. war zuerst noch etwas Bürokratie zu erledigen. So musste man sich eine ID - Plakette machen lassen, mit der man dann auch Bibliothek und Kantine benutzen durfte. Weiterhin musste man noch mal seinen Hepatitis B Titer vorzeigen. Eigentlich hatte man mir mitgeteilt, dass eine Unterkunft im Krankenhaus nicht möglich ist. Vor Ort konnte ich dann doch im angeschlossenen Studentenwohnheim wohnen (geht aber nur während der Ferien, also im August). Das Zimmer kostete 15 Pfund je Woche (20-25 EUR) und war einfach, aber ausreichend. Dusche und Küche gab es zur Gemeinschaftsbenutzung. Da ich auch noch im September im Krankenhaus war, musste ich aus dem Wohnheim ausziehen, konnte aber ein leerstehendes Dienstzimmer benutzen. Das war dann sogar kostenlos. Von anderen Studenten weiß ich, dass sie in der Jugendherberge gewohnt haben.
| Accident & Emergency | hoch |
Den ersten Monat habe ich in der Notaufnahme gearbeitet, meist frei nach der Fernsehserie ER genannt. Dort war ich direkt dem Chefarzt zugeteilt. Es ging morgens um 9 Uhr los und es wurde gearbeitet bis der Chef selbst nach Hause gehen wollte, meist zwischen 16 und 18 Uhr. In der Notaufnahme gab es einerseits die echten Notfälle, die dann mit dem Krankenwagen kamen, z.B. Autounfälle, Herzinfarkte, Lungenembolie, akutes Abdomen, etc. Diese wurden meist nur stabilisiert und dann sofort auf ITS oder in den OP gebracht. Der Großteil der Patienten entsprach aber ungefähr dem Arbeitsalltag eines Allgemeinmediziners. So kamen die Patienten mit Erkältungen, Allergien, nach Sportunfällen und mit Magenverstimmung. Meine Aufgabe war es, eine kurze Anamnese zu erheben, den Patienten zu untersuchen und dann dem Chefarzt zu berichten. Er fragte dann meist nach meiner Verdachtsdiagnose und was ich weiter machen würde. Dann sah er sich den Patienten selbst an und entschied, was weiter zu tun war. Kleinere chirurgische Eingriffe habe ich auch selbst durchgeführt, vor allem habe ich Platzwunden genäht, Abszesse eröffnet und Fremdkörper entfernt. Weiterhin habe ich sicher jeden Tag 5 bis 10 Frakturen diagnostiziert und in die Chirurgie geschickt. Wieviel man machen durfte, hing viel von Selbstinitiative ab. Es bietet einem niemand an, eine Wunde zu nähen, wenn man aber fragt, ob man es machen darf, sind die meisten Ärzte einverstanden. Nach ein paar Tagen kamen sie dann auch von selbst und fragten, ob ich wieder mal was nähen wollte. An manchen Tagen war in der Notaufnahme wirklich die Hölle los, dann hatten wir in neun Stunden über 100 Patienten, an anderen Tagen kamen nur zehn Patienten in 24 Stunden. Dann hat der Chefarzt meistens eine kurze "lecture" gegeben.
Haüfig habe ich in der Notaufnahme einen neurologischen Status nach Kopfverletzungen erhoben, und davon gab es ziemlich viele. Besonders montags am Morgen kamen viele Opfer von Kneipenschlägereien. Außerdem gab es leider sehr viele Betrunkene und Obdachlose, die von der Polizei gebracht wurden und die wir ausnüchtern mussten. Deshalb standen auch überall in der Notaufnahme security - guards, da es doch manchmal handgreiflich wurde.
Noch etwas zur Kleidung, es wird erwartet, dass man gut gekleidet ist, d.h. die Männer Hemd und Schlips, die Frauen am besten Rock und Bluse. Jeans und Birkenstockschuhe sind absolut indiskutabel, auch lange Haare bei Männern sind nicht gern gesehen. Nach 4 Wochen in der Notaufnahme wollte ich gern noch ein anderes Fachgebiet kennenlernen und erkundigte mich, ob ein Wechsel möglich wäre. Es ging problemlos und ich entschied mich für Herz- und Thoraxchirurgie.
| Herz- und Thoraxchirurgie | hoch |
Auf dieser Station ging es morgens um 8 Uhr mit der Visite los. Jeder Patient wurde kurz untersucht, befragt, Laborwerte und Medikamente überprüft und die Untersuchungen für den Tag festgelegt. Die Interns machten die Stationsarbeit relativ selbständig, der SHO und Registrar kamen nur zur Visite und standen sonst den ganzen Tag im OP. Ich habe meist am Nachmittag die neuen Patienten aufgenommen und untersucht. Weiterhin wird jeder Patient täglich einmal kurz untersucht und bei Verlegung und Entlassung wurde immer ein vollständiger Status erhoben. Bei ungefähr 50 Patienten und nur 2 Interns, waren die über Hilfe mehr als froh. Blutentnahmen konnte ich leider nicht machen, da es dafür spezielle "blood nurses" gibt. Aber wenn mal eine Braunüle oder ein Blasenkatheder zu legen war, durfte ich das machen.
An 2-3 Tagen pro Woche bin ich mit in den OP gegangen. Vor allem wurden Bypässe gelegt, auch Herzklappen ersetzt, Schrittmacher implantiert und natürlich Lungenkarzinome operiert. Bei den Operationen durfte ich mich steril waschen und nach einer Woche auch assistieren, absaugen und mit zunähen. Während der Operationen haben mir die Chirurgen immer geduldig erklärt, was sie machen und auch dafür gesorgt, dass ich was sehen konnte. Außerdem war 2x pro Woche nachmittags "outpatient clinic". Da wurden Patienten nach ihrer Operation nachuntersucht, Schrittmacher kontrolliert und neue Patienten voruntersucht und in den OP-Plan aufgenommen. Auch dabei durfte ich eigentlich immer assistieren. Diese Station war auch die einzige in ganz Irland, die Herztranplantationen durchführte. Für den Fall, dass nachts oder am Wochenende sich eine ergab, habe ich auch einen Beeper erhalten. Leider hat es während der 4 Wochen nicht geklappt.
Ich wollte natürlich in Irland nicht nur arbeiten, sondern auch Urlaub machen und dafür ist Irland bestens geeignet. Einen Flug gibt es für ca. 400-500 DM von jedem deutschen Flughafen nach Dublin. Dort erwartet einen dann meistens erst einmal ein Sprachschock. Auch bei guten Englischkenntnissen ist der irische Dialekt gewöhnungsbedürftig, aber spätestens nach zwei Wochen versteht man doch das meiste.
Dublin selbst ist eine sehr interessante Stadt, es gibt neben Sehenswürdigkeiten und Geschichte auch viele Pubs, Discos und Kinos. Man trifft junge Leute aus der ganzen Welt und die Iren selbst sind sehr freundlich und interessiert, so dass man immer jemanden findet, mit dem man sich unterhalten kann. Dublins Umgebung lässt sich gut mit Bussen erkunden. Besonders für einen Wochenendausflug bieten sich die Wicklow Mountains an.
Um Irland selbst kennenzulernen, sollte man ein Auto mieten - Vorsicht Linksverkehr und chaotische Fahrweise - und eine kleine Rundreise machen. In jeder Stadt findet man Jugendherbergen oder Bed&Breakfest, wo man für ein bis zwei Tage bleiben kann. Das Wetter ist übrigens wirklich so, wie überall geschildert, es regnet eigentlich fast jeden Tag. Also wasserfeste Sachen sind in Irland Pflicht. Unbedingt sollte man sich Irlands Westküste ansehen, besonders Connemara ist zwar karg, aber traumhaft. Dort sieht man, warum Irland die grüne Insel genannt wird. Wer an der neueren Geschichte interessiert ist, sollte nach Nordirland fahren. Obwohl mitten in Europa kam ich mir dort vor wie im Kriegszustand, die Polizeiwachen und Schulen waren teilweise gesichert, wie die Berliner Mauer. Als ich dort in einer Jugendherbergen übernachtet habe, wurde mir auch empfohlen mit niemandem über Politik zu diskutieren, man wüsste ja nie, ob der Gesprächspartner nicht bei der IRA ist.
Insgesamt waren in der Notaufnahme und in der Herzchirurgie alle Ärzte sehr freundlich und haben sich immer die Zeit genommen etwas zu erklären oder zu zeigen. Allerdings sollte man auf sie zugehen, fragen und sich interessiert zeigen, sonst verlieren sie auch schnell das Interesse. Die Hierarchie in der Klinik ist weniger streng als in Deutschland, bis auf den Chefarzt wird eigentlich jeder mit Vornamen angesprochen. Auch zu den Schwestern besteht ein eher lockeres Verhältnis, so gehen Schwester und Ärzte abends durchaus zusammen essen. Ein weitere Plus im Krankenhaus waren die sogenannten Resident's parties. Alle Ärzte zahlen monatlich einen festen Betrag in eine Kasse ein und davon wird einmal im Monat eine Party mit Essen und Getränken frei gefeiert. Noch zur Information, man sollte keine Famulatur am 01.07. beginnen, das ist der erste Tag der neuen Interns und die benötigen auch erst einmal ein paar Wochen um sich einzugewöhnen.
Insgesamt ist Irland ein sehr teures Land, Lebensmittel und Unterkunft sind nicht billig. Sogar den echt irischen Whisky bekommt man in Deutschland preiswerter. Auch das irische Essen ist nicht jedermanns Geschmack, es ist meistens ziemlich fad, aber sehr fett. Auf jeden Fall ist Irland eine Reise wert. Wer eine tolle Landschaft erleben und nette Menschen treffen moechte und vielleicht nebenbei auch noch ein paar Erfahrungen in der Medizin sammeln will, der sollte es einfach mal probieren. Die Chancen fuer eine Stelle sind ganz gut, Irland ist bei weitem nicht so mit Deutschen überlaufen wie England.
Wer sich für eine Famulatur an diesem Krankenhaus interessiert, hier ist die Adresse:
Mater Misericordiae Hospital Sisters of Mercy Medical Personnel Department Eccles Street 59 Dublin 7 Ireland
Weiter Infos gibt es auch unter:
http://www.mater.ie
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