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Artikel vom 28. 06. 2004

Ein Semester zwischen Strand und Hörsaal

Erasmus in Padova, Europas zweitältesten Uni

Thomas Rauen

Unbeschwerte Abende bei Pizza und Wein am Prato della Valle, chaotisches WG-Leben, sympathische, interessante Studenten aus ganz Europa, ein wenig italienische Hörsaalatmosphäre, Karneval in Venedig, eine ganze Menge an Organisationsaufwand, vier Wochen Famulatur in der Kinderklinik, allabendlicher "Spritz" auf dem Marktplatz...

Bild
Siegel der Universität
von Padova

Übersicht

Obwohl ich nur ein Semester lang an Europas zweitältester Universität in Padova studiert habe, waren die Eindrücke, die ich in dieser Zeit vom Leben und Studieren im italienischen Norden gewonnen habe unglaublich vielfältig und werden mir mit Sicherheit in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Da ich schon als Kind Italien in zahleichen Sommerurlauben als reizvolles Urlaubsland kennen gelernt habe und zudem in der Oberstufe einen Einblick in die italienische Sprache bekommen habe, stand für mich bereits zu Anfang meines Studiums fest: Ein Semester in Italien muss sein - im Nachhinein würde ich fast sagen: LEIDER nur eins!


Die Studenten prägen seit 1222 das StadtbildNach oben hoch

Padova bot sich insofern für mich an, da im Rahmen des von der europäischen Union geförderten Erasmus-Programms ein Partnervertrag zwischen der Uni in Padova und der Uni in Aachen besteht. Ich habe in Padova mein 10. Semester verbracht (im Sommer 2003) und hatte bis dahin in Aachen schon fast alle Klausuren geschrieben bzw. Blockpraktika absolviert. Im Rückblick eine durchaus zu empfehlende Entscheidung, bleibt doch dann für die "Erasmus-Zeit" neben der Uni auch noch ausreichend Zeit für andere Aktivitäten.

Typisch für Padova sind die verwinkelten Gassen und Bogengänge im ehemaligen jüdischen Ghetto
Typisch für Padova sind die verwinkelten Gassen und Bogengänge im ehemaligen jüdischen Ghetto

Immerhin bietet Padova, nur etwa 30 Kilometer von Venedig entfernt, eine Menge Sehenswertes: eine verwinkelte, kopfstein gepflasterte Altstadt, deren Gässchen und Bogengänge sich zum zentral gelegenen Marktplatz öffnen, auf dem sich allabendlich die Studenten zum traditionellen "Spritz" in den kleinen Bars treffen, dem typischen Getränk im norditalienischen Veneto, die kleine "Cappella degli Scrovegni" mit den einzigartig restaurierten Fresken des Künstlers Giotto aus dem 13.Jahrhundert, den Dom "Il Santo", gewidmet dem heiligen Antonius - neben Rom und Assisi Italiens wichtigste Pilgerstätte, den "Prato della Valle", einem der weltweit größten innerstädtischen Plätze - auch dieser im Sommer tagtäglich von Studenten übersät.

Schließlich ist die Uni zu nennen, gegründet 1222 von einer kleinen Gruppe von Gelehrten aus Bologna und damit die zweitälteste Universität überhaupt. Hier fanden im 16. Jahrhundert die ersten Sektionen menschlicher Leichen statt, das eindrucksvolle "Teatro Anatomico" - zu besichtigen im Uni-Hauptgebäude "Il Bo`" - gibt heute noch Zeugnis davon. Hier lehrte nicht nur Galileo Galilei seine neue Auffassungen über die moderne Astronomie, sondern auch berühmte Mediziner wie Vesalius, Falloppius und der rumänische Arzt Wirsung finden sich in der Reihe der großen Gelehrten, deren Wirken unsere moderne Sicht der Medizin maßgeblich mitgestaltete.

Bereits 1594 wurden im "teatro anatomico" menschliche Leichen seziert und der Anatomie auf den Grund gegangen
Bereits 1594 wurden im "teatro anatomico" menschliche Leichen seziert und der Anatomie auf den Grund gegangen

Die Nähe zu der Lagunenstadt Venedig, von Padova aus in einer halben Stunde mit dem Zug zu erreichen, lädt ebenfalls zu immer wieder sehr abwechslungsreichen Ausflügen ein. Wer über Karneval dort ist, sollte sich das stilvolle venezianische Treiben rund um die fünfte Jahreszeit nicht entgehen lassen. Auch die Ausstellungen zur "Biennale", eine Art kleine Weltausstellung, die sich jeen zweiten Sommer, das nächste Mal 2006, durch die ganze Stadt zieht, besonders bekannt wegen der gleichzeitig stattfindenden Filmfestspiele am "Lido di Venezia" ist sehr lohnenswert. Gut zu erreichen per Zug (sehr preiswert in Italien!), Bus oder Auto sind auch die anderen Kleinstädte des norditalienischen Veneto, beispielsweise Vicenza, Verona (legendär wegen Romeo und Julia), Bassano del Grappa.


Medizinstudium in Italien: noch mehr Theorie!Nach oben hoch

Grundsätzlich ist das System des italienischen Medizinstudiums - so wie ich es dort kennen gelernt habe - weit verschulter und theorielastiger als das deutsche. Ich hatte mir bereits vorab überlegt, den Orthopädiekurs samt mündlicher Abschlussprüfung sowie ein dreiwöchiges Blockpraktikum in Chirurgie sowie eine Famulatur in der eigens pädiatrischen Notaufnahme in Padova zu machen. Die dortige Kinderklinik erfreut sich in Italien eines herausragenden Rufes, in der Notaufnahme werden Kinder aus dem ganzen Land eingeliefert.

Vier Wochen Famulatur in der Kinderklinik des Uniklinikums
Vier Wochen Famulatur in der Kinderklinik des Uniklinikums

Wie gestalten sich die ersten Tage eines Medizinstudenten in Padova? Im Rahmen des "Ämter-Marathons" in den ersten Tagen ist eine Station die "Segreteria Studenti" an der via Lungargine Piovego, 2/3 (Mo-Fr. 10-12.30 / Di u. Do 15-16.30). Dort schreibt man sich sozusagen offiziell als Medizinstudent ein und kann nach ein paar Tagen sein "libretto" dort abholen, in dem alle Kurse und Praktika, auch die Prüfungsergebnisse (jede Prüfung wird mit Punkten bis maximal 30 benotet, 18 Punkte sind zum Bestehen nötig), eingetragen werden. Mit diesem "Büchlein" geht's dann los, die erste grosse (vielleicht die grösste?) Hürde während seines Studienaufenthaltes zu nehmen: Professoressa Arslan, Labormedizinerin in Padova und zugleich Erasmus-Beauftragte für die Medizinstudenten, eine ältere Dame, deren Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit sehr von ihrer Tagesform abhängt; anders formuliert: Sie KANN auch sehr nett sein. Auf jedem Fall empfehle ich dringend, sich in Euren ersten Tagen dort vorzustellen (Ihr Dienstzimmer ist im rechten Klinikumsflügel im dritten Stockwerk; nach 11 Uhr ist die Wahrscheinlichkeit am größten, sie auch dort anzutreffen). Ihr sollte man angeben, was man plant, während seines Aufenthaltes in Padova an Vorlesungen, Praktika und Prüfungen zu absolvieren (also "libretto" mitnehmen). Mit etwas Glück genehmigt sie einem diese Pläne und es kann losgehen.

Ich habe die Vorlesungen in Orthopädie gehört ("Malattie dell'apparato locomotore"), die einmal in der Woche über jeweils zwei Stunden stattfanden und in Padova jedoch aus vier Teilen bestehen (Allgemeine Orthopaedie, Traumatologie, Rheumatologie und Rehabilitationsmedizin), also eigentlich mehr als das, was zumindest die Orthopäden in Aachen vorsehen. Die italienischen Studenten sind -abhängig von ihrer Matrikelnummer- in zwei Gruppen (canale A / B) eingeteilt und die Vorlesungen finden getrennt für beide Kanäle statt, als Erasmusstudent ist es einem jedoch frei gestellt, welchen Kanal man besucht, die Inhalte sind selbstverständlich die gleichen. In den Vorlesungen wird man sehr eindrucksvoll Zeuge davon, wie sehr die italienischen Studenten das wortgetreue Auswendiglernen lieben, sitzen doch ziemlich viele dort mit einem Diktiergerät und schreiben dann zuhause alles in mehr oder weniger gut lesbarer Handschrift Wort für Wort ab und geben dann sozusagen den Vortrag des Professors als Kopiervorlage für die anderen in der "copisteria Lorena", Via Ospedale Civile, ab, was einem als Erasmusstudent die Vorbereitung auf die mündliche Abschlussprüfung durchaus erleichtert. Dass der Professor ohnehin jedes Semester ungefähr das Gleiche erzählt, scheinen die Italiener noch nicht ganz durchschaut zu haben. Jedes Semester finden sich immer wieder fleißige "Mitschreiber", als Tipp sei gesagt, man kann auch getrost den Mitschriften vom jeweils letzten Semester glauben.

Das Uniklinikum - Maximalversorgung im italienischen Norden
Das Uniklinikum - Maximalversorgung im italienischen Norden

Dann gehören noch einige so genannte "esercitazioni" zum Programm, die jedoch nicht -wie der Name eventuell vermuten lassen könnte- den praktischen Aspekt des Faches betonen sondern auch als nachmittägliche Vorlesungen stattfinden. Abgeschlossen wird der Kurs dann mit einer mündlichen Abschlussprüfung in allen vier Teilen (also auch mit vier Professoren!). In Italien sind mündliche Prüfungen weit verbreiteter als sie es in Deutschland sind, Klausuren als Abschlusstestate sind eher die Ausnahme. Mit jeder Prüfung hat der italienische Student dann das jeweilige Fach vollständig abgeschlossen, es gibt keine Staatsprüfungen am Ende eines Studienabschnitts wie die deutschen Examina. Zeichen dafür, dass ein Medizinstudium ohne "multiple choice" durchaus möglich ist!


Mündliche Prüfungen vor den Augen aller...Nach oben hoch

Es ist immer günstig, sich für die mündlichen Prüfungen mit ein paar Erasmus-Studenten zusammen zu schließen und um einen gesonderten Prüfungstermin zu bitten. Hat man dann die Mitschriften, die es für wirklich jedes Fach im Copyshop am Krankenhaus zu kaufen gibt, gut durchgeackert, sind die Prüfung gut zu schaffen. Noch ein Tipp: Im Team lernt's sich leichter - vor allem auch, weil man sich an das zusammen hängende Vortragen in einer fremden Sprache erst einmal gewöhnen muss. So wie ich das hier mitbekommen habe, sind auch die Prüfungen in Notfallmedizin, Dermatologie, Psychiatrie und Kinderheilkunde (letztere als einzige schriftlich) gut zu schaffen. Keine Panik, natürlich ist der Gedanke, eine fachliche Prüfung in einer fremden Sprache zu absolvieren, ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber es ist wirklich zu machen und durchaus eine Erfahrung wert!

Wo allmorgendlich Markt stattfindet, zieht es abends Hunderte Studenten zum traditionellen "Spritz"
Wo allmorgendlich Markt stattfindet, zieht es abends Hunderte Studenten zum traditionellen "Spritz"


Praktika selbstständig organisierenNach oben hoch

Mein chirurgisches Blockpraktikum und die vier Wochen in der Pädiatrie waren sehr interessant und auch sehr problemlos hier vor Ort zu organisieren. Man geht einfach in die entsprechende Klinik, stellt sich und sein Anliegen vor und in der Regel wird man sehr offen empfangen. Auch auf den Stationen, in den OPs bzw. in der pädiatrischen Notaufnahme waren alle sehr nett und erklärungswillig, wenngleich man auch keine allzu hohen Ansprüche an die Weiterentwicklung der medizinisch-praktischen Fähigkeiten stellen sollte (Eher "Mitlaufen" als selbst Aktiv-Werden!) Das italienische Medizinstudium sieht so gut wie keine Praktika vor, erst nach ihrem sechsjährigen Medizinstudium absolviert man hier ein sechsmonatiges "tirocinio", was etwa unserem PJ entspricht. Auch wenn die Ärzte dann am Anfang nicht so genau wissen, was sie einem als Erasmus-Studenten jetzt zeigen sollen/können, habe ich es als sehr interessant empfunden, einen Einblick in den italienischen Klinikalltag zu bekommen und einfach mal "Medizin auf Italienisch" mitzuerleben. Glücklicherweise gleicht die Terminologie der in Deutschland üblichen Fachsprache in großen Teilen, so dass man recht schnell mitbekommt, worum's geht!


Wohnheim oder WG, Einzel-oder Doppelzimmer?Nach oben hoch

Bei den Internet-Recherchen zur Wohnsituation in Padova stößt man recht schnell auf die Seiten der S.A.S.S.A., einer sehr sinnvolle Einrichtung, die dem Studentenwerk (ESU) angeschlossen ist und sich um die Unterbringung der Erasmusstudenten in Padova kümmert. Auf deren Homepage kann man sich einige Wochen vor seinem Aufbruch nach Padova für die Vermittlung eines Zimmers -sei's im privaten Appartement - unter Umständen im Doppelzimmer - oder im Wohnheim einschreiben und bekommt dann eine Bestätigung per e-mail zugesandt, das Zimmer (bzw. eine Auswahl von 2-3 Zimmern) letztendlich jedoch erst vor Ort zugewiesen. Was die Wohnheime angeht, so kann man leider vorher nicht explizit angeben, in welches Wohnheim man möchte, also ein wenig Glückspiel, die einzelnen Wohnheime variieren nämlich stark hinsichtlich Ausstattung, Sauberkeit und Stadtnähe. Die Alternative ist, über Aushänge, z.B.im Palazzo del Bo' (Unihauptgebäude im Zentrum) oder in den Mensen (Via S.Francesco, Pio X...), ein Einzel- oder Doppelzimmer zu finden, was - meiner Meinung nach - auch recht spontan und sofort möglich ist! Ich habe mein Zimmer gefunden, weil ich zufällig meinen Vormieter - auch ein deutscher Erasmusstudent - kannte und hatte dann ein etwa 6qm großes Einzelzimmer in einer italienischen WG, was insbesondere was die Sprache betrifft, von unschätzbarem Vorteil war. Die Variante mit dem Doppelzimmer mag am Anfang vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig klingen, die Doppelzimmer sind aber oft recht groß und wenn man sich dieses mit einem italienischen Studierenden teilt, sei gesagt, dass die Italiener oft (fast immer) am Wochenende nach Hause fahren und man das Zimmer dann für sich hat.

Homepage der Wohnungsvermittlung S.A.S.S.A.

   Externer Link http://www.sassa.org

Der obligatorische Espresso nach der Mensa in einem der kleinen Straßencafes
Der obligatorische Espresso nach der Mensa in einem der kleinen Straßencafes


Sprachkurse vor Ort angeboten, dennoch: Grundkenntnisse von VorteilNach oben hoch

Es macht sicher Sinn, sich vor seinem Aufenthalt ein paar Grundkenntnisse in der italienischen Grammatik und ein paar Vokabeln anzueignen, z.B. mit Hilfe der an der Heimatuni angebotenen Sprachkursen über 1-2 Semester. Alles Weitere hängt dann sehr stakt davon ab, in wie weit man selbst bereit ist, Italienisch zu lernen und zu sprechen. In den Vorlesungen hab ich am Anfang fast kaum ein Wort verstanden, das hat sich aber recht schnell verbessert. Als ich während meiner ersten Tage in der Chirurgie bei einem Patienten vom Stationsarzt mit der "medicazione" betraut wurde, und sich mir schlagartig verschiedenste Medikamente und Dosierungen im Kopf zu drehen begannen, klärte der Arzt, der meinen irritierten Blick offenbar sofort deuten konnte, mich auf, dass ich doch bloß den Verbandswechsel machen sollte. Wer sich entscheidet, in einer italienischen WG zu wohnen, hat sicher gute Chancen, sein "Alltags-Italienisch" zu festigen. Auch die italienischen Studierenden, die ich in den Vorlesungen kennen gelernt habe, sind meist -bei aller Strebsamkeit- sehr aufgeschlossen und hilfsbereit Erasmusstudenten gegenüber.

Außerdem kann man sich am Sprachinstitut für das so genannte "Tandem-Learning" anmelden und bekommt dann einen italienischen Studenten zugeteilt, der Deutsch lernen möchte, so dass man dann italienisch-deutsche Kommunikation betreiben kann. Ich fand das eine ganz sinnvolle Einrichtung. Dann gibt's auch noch semesterbegleitende Sprachkurse, ebenfalls vom Sprachinstitut organisiert, die einem nach einem Einstufungstest nicht nur die Grammatik, sondern auch gebräuchliche Redewendungen, Landeskunde und kommunikative Fähigkeiten vermittelt. Um Abschluss kann man eine kleinere Klausur mitschreiben, die einem die erfolgreiche Teilnahme an diesen Kursen bestätigt.

Homepage des Sprachinstituts an der Uni in Padova

   Externer Link http://claweb.cla.unipd.it

Venedig mit dem weltberühmten Markusdom - nur eine halbe Zugstunde von Padova entfernt
Venedig mit dem weltberühmten Markusdom - nur eine halbe Zugstunde von Padova entfernt


 
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