Medizinstudium
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Sizilien ist ein magisches Land.
Ohne selbst Sizilianer zu sein kann man diese Welt auch nie ganz ergründen. Doch wer echtes Interesse mitbringt; sogar ein wenig über das Land liest und vor allem die Menschen
wirklich kennenlernen will, kann selbst in einem Jahr eine Offenbarung erleben.
So ist
es mir nämlich ergangen.
Ich werde mein ganzes Leben nicht mehr aufhören, dorthin zurück zu
wollen.
Seit ich auf der Welt bin, war ich immer äußerst eng mit Italien verwachsen; als
ich noch sehr klein war habe ich viel Zeit in Italien verbracht. Darum ist für mich ein
Traum in Erfüllung gegangen, als ich nach Palermo gehen durfte. Denn zunächst ist Sizilien
eben auch Italien. Zunächst.
Schon Goethe stellte fest, dass Italien nur dann in seinem
Ganzen begriffen werden kann, sobald man in Sizilien angekommen ist. Erst dort liegt der
Schlüssel zum Erkennen. Echte Experten gehen sogar so weit, in dieser Insel die Synthese der
ganzen Welt zu sehen. Das klingt nach maßloser Übertreibung; wenn man über Sizilien spricht,
fällt es aber schwer, maßvoll zu bleiben. So ist denn dort auch alles heftiger, schillernder
und doch stimmiger als anderswo.
Wer einmal mit ganzem Herzen begriffen hat, was Palermo
ausmacht und was diese Stadt überhaupt bedeutet, wird sich diesem Zauber nicht mehr
entziehen können.

Goethe landete dort also am Nachmittag des 2. April 1787 und was er sah, ergriff ihn
sehr stark: "Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küsten
schwebte, als wir am schönen Nachmittag gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konturen,
die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie von Himmel, Meer und
Erde. Wer es gesehen hat, der hat es für sein ganzes Leben."
Hier, in diesem Eindruck
liegt die Quelle für den vielleicht schönsten deutschen Vers, der je über die
mittelmeerische Landschaft geschrieben wurde:
| Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer, und duftend schwebt der Äther ohne Wolken. |
Da es sich bei meiner Unternehmung immerhin um ein Studienjahr gehandelt hat, sollen einige praktische Hinweise folgen.
| Vorbereitung |
Es muss eine Erasmus-Partnerschaft zwischen der Heimatuniversität und jener Palermos
bestehen, um am regulären Erasmusaustausch teilnehmen zu können. Die Formalitäten sind dann
so wunderbar kleingehalten, dass ich sie nicht beschreiben brauche. Im Wesentlichen handelt
es sich nicht um viel mehr als das Ausfüllen zweier DIN-A 4 Formulare (sofern Plätze frei
sind). Das PJ und besonders Famulaturen dürften in Palermo überhaupt kein Problem
darstellen. Die Vorlaufzeit richtet sich hauptsächlich nach dem Andrang in beiden Ländern,
an Erasmusprogramm teilzunehmen. Auch können Teilnahmebedingungen dementsprechend variieren
- es gibt Universitäten, die Sprachtests durchführen.
Allerdings ist Palermo nach wie
vor zum Glück ein entlegener und verkannter Winkel Europas.
Das Erasmus-Programm ist
durch einen europäischen Fond mit etwa 150,- EUR pro Monat bezuschusst. Meist wird das Geld
en bloc am Anfang des Semesters überwiesen.
Studiengebühren werden keine
erhoben.
Ein Visum ist für deutsche Staatsbürger in Italien nicht erforderlich.
Ich
selbst hatte keine offizielle Aufenthaltsgenehmigung durch den italienischen Staat. Mit der
Immatrikulation und Anmeldung im Erasmusbüro Palermos ist man polizeilich gemeldet und es
dürften keine Schwierigkeiten auftreten.
Die Kontaktperson für Angelegenheiten
ausländischer Studenten ist die freundliche Signora Amalia Ciliberto, ihre
e-mail-Adresse ist:
| Ankommen und Herumkommen |
Auto
Ich selbst bin mit dem eigenen Auto nach Palermo gefahren. Jedem, der keine Angst hat vor einem andersgearteten Verkehr im Gegensatz zum hiesigen, kann ich dies nur ernsthaft ans Herz legen. Italien ist ein Land, in dem wirkliche Unabhängigkeit nur mit dem eigenen Vehikel "erfahren" werden kann. Der Verkehr funktioniert organischer und meinem Empfinden nach menschlicher, weil er kommunikativer als bei uns ist. Leider ist das Verkehrsaufkommen recht grotesk. Doch auch unsicherere Fahrer können sich schnell umstellen. Das Auto sollte man immer ganz leer lassen, das Handschuhfach offen, mit Wegfahrsperre oder sonstiger eingeschalteter Diebstahlsicherung kann man sogar getrost die Fenster offen lassen.

Versicherungsmäßig reicht die sogenannte Grüne Karte völlig aus. Fahrzeugschein und
Führerschein müssen stets griffbereit sein. Überhaupt muss man sich in Italien jederzeit und
überall ausweisen können.
Alkohol am Steuer wird mit erstaunlicher Großzügigkeit
gesehen, sobald jedoch ein Stummel einer selbstgedrehten Zigarette im Aschenbecher gefunden
wird, muss damit gerechnet werden, akribisch gefilzt und befragt zu werden. Allgemein
begegnen Ausländer beim Zusammentreffen mit Staatsorganen vielfach einer
laisse-faire-Haltung, was bestimmt Ausdruck der den Sizilianern innewohnenden Fremdenliebe
ist. Untereinander lassen sie wiederum gerne unnachgiebigere Töne anschlagen.
Bei
anfallenden Reparaturen sollte dem Mechaniker mit einem Sizilianer an der Seite
entgegengetreten werden - gerade Automechaniker verlangen häufig überzogenes Honorar von
Ausländern.
Wenn man sein Auto parken möchte, begegnen einem je nach Parkplatz manchmal
sogenannte posteggiatori, selbsternannte Parkwächter, die verlangen, auf das Fahrzeug
aufpassen zu dürfen - gegen ein von einem selbst zu bemessendes "regalino", ein
Geldgeschenk. Dies kann schon als anschaulicher Alltagsbeweis für typisches, klassisch
mafioses Verhalten gelten. Wer strikt die Zahlungspflicht ignoriert, kann manchmal
tatsächlich nach längerer Zeit der Zahlungsverweigerung Schaden an seinem Fahrzeug erleiden.
Es gilt, derartige Plätze zu vermeiden, oder sich mit kleinen Offerten hin und wieder
erkenntlich zu zeigen.
Flüge
Es gibt keine Direktflüge von Deutschland nach Palermo. Umgestiegen wird in Mailand oder Rom. Allerdings besteht die Alternative, Charterflüge nach Catania zu bekommen, um von dort mit einem sehr preiswerten Bus nach Palermo zu kommen.
Es gibt besonders günstige Angebote von
Palermo nach Deutschland. Dazu unbedingt einen internationalen Studentenausweis beim
Reisebüro CTS (Centro Turistico Studentesco) beantragen, dort gibt es äußerst billige
Flüge.
Vom Flughafen fährt eine zuverlässige Bahn im 20-Minuten-Takt bis zum
Hauptbahnhof. Von dort empfiehlt es sich, abgeholt zu werden oder sofort ein Taxi zu nehmen,
um nicht gepäckbehängt durch die Straßen zu irren.
Taxis gibt es übrigens nur am
Hauptbahnhof und an der Piazza del Politeama, ein Taxi aufzuhalten ist so gut wie
aussichtslos, da es kaum welche gibt.
Zug
Zugfahren ist insofern eine recht schöne Variante, da man gut mitbekommen kann, wie drastisch sich Italiens Kolorit gen Süden verändert und die eigene Seele auf diese Art am besten mitreist. Innerhalb Siziliens sind Zugfahrten jedoch eher anstrengend.
Schiff
Zweifellos stellt der Seeweg die überwältigendste Erfahrung schlechthin dar, in Palermo zu "landen". Es gibt Schiffe von Neapel und Genua, schnelle und langsame, also teure und billige. Das Auto aufs Schiff mitzunehmen kostet allerdings viel, wobei sich das Kalkulieren hier schon lohnt, weil die Benzinkosten und die Mautgebühr auch beträchtlich zu Buche schlagen können.
| Wohnen |
Hotel Confort
Ein paar Anmerkungen zu diesem merkwürdigen Auffangbecken für
Erasmus-Neuankömmlinge.
Ich habe die ersten zwei Wochen dort sehr genossen, da sich
gleich Kontakte zu Menschen aus aller Herren Länder ergeben haben. Das ist gerade am Anfang
wichtig, um Anschluss zu bekommen. Schon bald habe ich aber den großen Drang verspürt, etwas
für mich selbst zu finden, und zwar aus folgenden Gründen:
Es ist zwingend, sich die
Zimmer mit mindestens einer anderen Person zu teilen. Abgesehen von einem gesundem Maß an
Privatsphäre ist an Studieren schon gleich gar nicht zu denken, die Zimmer verfügen nicht
einmal über ein dafür wirklich dienliches Mobiliar.
Zwischen zwei und sieben Uhr nachts
bleibt die Haustür verschlossen - hartnäckige Ausgänger kommen aber nach mehrmaligem
Klingeln und gekünstelten Ausreden auf der einen und klassenzimmermäßigen Rügen auf der
anderen Seite auch während dieser peinlichen Klausurstunden ins Haus. Auf kniefälliges
Bitten hin bekommt man manchmal vom Padrone "Don Nicola" den Schlüssel des Tors vor dem
Ausgehen ausgehändigt.
Wer auszieht, muss immer mindestens den ersten vollen Monat nach
Einzug an das Hotel Confort bezahlen.
Im Hinblick auf die Wohnungssuche sei darauf
hingewiesen, dass die Lage immer dann knapper wird, wenn der Oktober und somit der
Semesterbeginn näherrückt. Im Grunde genommen ist es aber nicht allzu schwierig, ein
günstiges Zimmer in einer Studentenwohnung ausfindig zu machen, verglichen mit den
Schwierigkeiten, denen Studenten in deutschen Großstädten ausgesetzt sind.
Im Corso
Vittorio Emanuele (sog. Cassaro) bergauf, gleich nach den Quattro Canti auf der linken Seite
gibt es eine Wohnung mit vielen Zimmern, die nur an Studenten vermietet werden.
Sonst
führen oft Anschläge an Hauswänden zum Erfolg.
Das "Giornale delle Pulci", die dortige
Kleinanzeigenzeitung sollte unbedingt konsultiert werden.
Wasser
Das Wasser, das aus dem Hahn kommt, ist - abgesehen von seiner Knappheit - prinzipiell trinkbar. Trotzdem habe ich aus mangelndem Vertrauen in meine eigene körperliche Resistenz immer gekauftes Wasser aus Plastikflaschen getrunken. Jedes Haus besitzt Wassertanks, die in regelmäßigen Abständen mit Wasser beliefert werden, meistens jeden zweiten Tag. An den Tagen dazwischen muss man mit dem zuvor gelieferten Wasser haushalten.
Ruhestörung
Ein Lieblingswort der Deutschen. Italiener, in Sonderheit diejenigen des Südens haben
eine andere Empfindung des öffentlichen wie privaten Raums. Geräusche jeglicher Natur
gehören in deren Welt glücklicherweise unabdingbar zum Leben.
Ich selbst habe ein
kleines Ein-Zimmer-Appartment bewohnt, auf dem Dach eines Palazzo aus dem 18. Jahrhundert,
mit Terrasse und Blick auf Meer und Stadt. Es ist also durchaus möglich, als Fremder den
Mittelmeerzauber in seiner ganzen Kraft zu spüren. Ein Balkon ist leicht zu haben (die Stadt
ist ziemlich balkonreich) und sollte deshalb immer dabei sein.
| Medizin und Studium |
Die Universität von Palermo ist zwar nicht die älteste Siziliens, jedoch eine altehrwürdige Institution, die, was die medizinische Lehre angeht, nach Padua, Bologna und Neapel in Italien einen respektablen Ruf genießt. Als Mediziner in Palermo ist man campusartig ganz vom übrigen Uni-Leben abgeschnitten. Das Universitätsgeschehen kann nun auch sehr chaotisch sein, angesagte Prüfungstermine mit unentschuldigt ausbleibenden Prüfern sind Palermos Studenten gewöhnt. Studenten mit deutschem Hang zur Genauigkeit sollten sich also zweimal überlegen, nach Palermo zu gehen, um sich empörtes Kopfschütteln zu ersparen. Wie bei den meisten Auslandserfahrungen ist Geduld und hohe Anpassungsfähigkeit erforderlich, denn nur mit Entspanntheit kommt man in den Genuss der Fremde und eins ist sicher: In so gut wie allen Fachbereichen (außer Arbeitsmedizin, Psychosomatik und wenige andere Exoten) können Scheine gemacht werden, die in Deutschland anerkannt werden.
Der Erasmus-Student aus hat zwei Möglichkeiten, sein Studium dort zu
gestalten:
Einerseits existiert selbstverständlich die klassische Form des Studierens,
also das regelmäßige Besuchen von Vorlesungen, auf die manchmal kleine praxisorientierte
bed-side-teachings folgen, wenn auch in recht großen Gruppen von bis zu 15 Studenten. Die
Anwesenheit wird manchmal geprüft, fast immer jedoch bemerkt. Zu Ende jedes Semesters findet
eine mündliche Prüfung über alles in der Vorlesung behandelte statt. Die Form einer solchen
Prüfung erscheint uns fremdartig hinsichtlich unseres Schamgefühls: Alle Studenten müssen im
Hörsaal Platz nehmen und darauf warten, einzeln nach unten ans Pult gerufen zu werden, wo
sie dann mündlich von meistens zwei Dozenten befragt werden. Aufgrund der Weitläufigkeit des
Saals und der Redseligkeit der italienischen Studenten hört man kaum mit, was unten
gesprochen wird, dennoch erstaunte mich der Öffentlichkeitscharakter. Je nach Tagesform und
Sprachveranlagung des Professors kann die Prüfung manchmal sogar in Englisch abgelegt
werden.
Auf der anderen Seite werden nur für die Erasmus-Stipendiaten besondere
Mini-Famulaturen angeboten. Diese Variante des Studierens ist höchst interessant. Auf diese
Art lernt man nützliches Hand Anlegen, riecht echte palermitanische Krankenhausluft und
spricht ausgiebig mit den stets aufgeschlossenen und freundlichen Ärzten. Es sollte jedoch
sichergestellt sein, dass die dort insgesamt in einem Blockpraktikum absolvierte Stundenzahl
mit derjenigen übereinstimmt, die in der Heimatuniversität durch Ableisten der
anwesenheitspflichtigen Kurse im entsprechenden Fach angehäuft werden, andernfalls kann das
dortige Zertifikat in Deutschland nicht als Äquivalent anerkannt werden! Man kann selbst
entscheiden, ob man nach einer Mini-Famulatur geprüft werden will. Möglicherweise variieren
hierbei wieder die Anforderungen unter den deutschen Universitäten.
Der die Mediziner betreuende Fachbereichs-Koordinator ist Prof. Assennato (sofern er
dieses Amt dann noch bekleidet, Ämter in Sizilien können wechseln), ein herzlicher aber
etwas zerstreuter Mann. Sicherlich hat man mit ihm das große Los gezogen - indem er seine
guten Kontakte einsetzt, vermittelt er eigentlich jeden Praktikumsplatz. Um zu vermeiden,
immer wieder vertröstet zu werden, was sehr lästig werden kann, sollte man immer versuchen,
ihm mit Bestimmtheit zu begegnen. Er ist ein vielbeschäftigter Herz-Kreislauf-Spezialist,
der gewiss an viele Dinge gleichzeitig denken muss.
Der Zustand der medizinischen
Versorgung ist selbstverständlich nicht mit mittel- und nordeuropäischen Standards zu
vergleichen. Grundsätzlich, wie fast alles in Sizilien, spielt eine typische innere Haltung
und Einstellung gegenüber der eigenen Person, der Familie und letztlich der (Außen)welt eine
übermächtige Rolle.
Die fahrlässige Missachtung hygienischer Grundregeln ist leider eine
der augenfälligsten Fragwürdigkeiten süditalienischer Medizinpraktik. Bei aller Liebe zur
Ausgelassenheit erschrak ich immer wieder, wenn beispielsweise die Spitze einer
Abszessdrainage mit nichtsterilen Handschuhen berührt wurde, bevor sie eingeführt wurde.
Auch das Tragen von Atemmasken während OP´s wird von manchen nur halbherzig, nur über dem
Mund, durchgeführt. Die Ausbildung der Fachärzte ist nicht ganz ernst zu nehmen, zumindest
am Anfang ihrer Ausbildung, weil Fachärzte in spe fast nur zuschauen dürfen. So ist die
theoretische Bravour nach meiner Einschätzung im Allgemeinen sehr hoch, wirkliche technische
Fertigkeiten dagegen eigentlich auf wenige Könner begrenzt.
Leider ist die praktische
Teilnahme des Erasmus-Stipendiaten ähnlich eingeschränkt wie bei Famulaturen in deutschen
Häusern. Jedoch erlaubt die sizilianische Mentalität eine weitaus größere Offenheit
gegenüber dem Einsatzwillen des Studenten, insofern kann sich hin- und wieder die
Gelegenheit ergeben, kleine Dinge unter Anleitung selbst zu tun. Dies hängt stark vom
eigenem Auftreten ab und natürlich vom jeweiligen Arzt, der einen betreut.
Dem
Erasmus-Student wird gewissermaßen eine besondere Rolle zugewiesen und er wird vielfach
zuvorkommender behandelt als seine italienischen Studienkollegen. Außerdem sind die
Sizilianer in hohem Maße fremdenliebend und es sei darum jedem geraten, sich nicht zu
scheuen, sein Interesse zu zeigen. Oftmals wird die typisch mediterrane Lässigkeit
fälschlicherweise als Nichtbeachtung verstanden. Ich habe nur äußerst wenige enttäuschende
Erfahrungen gemacht, wenn es darum ging, meiner Person und meinem Interesse Aufmerksamkeit
zu verschaffen. Ein zu Deutschland kontrastierender Tatbestand: Sogar der Großteil der
leitenden Ärzte oder Operateure spricht gerne und freundlich mit Studenten und erklärt
bereitwillig und in der gebotenen Ausführlichkeit Medizinisches. Mir wurde kein einziges Mal
das sonst so häufig erlebte Gefühl gegeben, überflüssig zu sein , zu stören, oder nicht
genug zu wissen.
Ich habe elf Abteilungen gesehen und somit wurde mir das ganze
sizilianische Spektrum medizinischer Qualität aufgefächert. Die Palette enthält von Klinik
zu Klinik ganz unterschiedliche Niveaus.
Jeder, der sich für Medizin in Palermo
interessiert, kann gerne Kontakt zu mir aufnehmen, um eine Liste mit Beschreibungen aller
von mir erlebten Abteilungen zu bekommen.
Wer sich vorgenommen hat, in Palermo
selbstständiger zu lernen als in Deutschland, nehme sich Bücher mit und arbeite die am Tage
aufgeworfenen Fragestellungen abends theoretisch nach. Man kann nämlich eine Menge lernen -
auch ohne "rohrstockschwingende" deutsche Lehrkörper des "alten Schlags" mit ihrer
überzogenen Eitelkeit, persönlich beleidigt und mit Sanktionen auf Wissenslücken des
Studenten zu reagieren. Ich weiß selbstverständlich, dass hierzulande bei Weitem nicht alle
unsere Dozenten auf eine solche Beschreibung passen. In Sizilien hingegen scheint es aber
wohl zum Glück etwas weniger solch autoritärer Exemplare zu geben.
Einen Kittel
mitzubringen, erwies sich als notwendig. Sonstige Utensilien sind nicht unbedingt
erforderlich, außer bei persönlichem Interesse und Engagement.
Fleißige und interessierte Studenten sollten sich unverzichtbare Bücher selbst mitbringen, weil es anstrengend sein kann, Bibliotheken zu nutzen.
| Sprache |
Italienisch zählt zu den etwas weniger komplexen Kultursprachen Europas, vorausgesetzt
man wagt sich nicht an akademisches Niveau heran. Mit ein wenig Mühe und offenen Ohren
erlangt man schon sehr schnell Kenntnisse, die es erlauben, zusammenhängende Gespräche zu
führen. Die Geduld der Menschen in Italien ist unerschütterlich, denn sie geht oft so weit,
dass man gar nicht verbessert wird, sofern man nicht immer wieder ausdrücklich danach
verlangt. Man kann also auch mit sehr geringem Sprachwissen in Würde überleben.
Der
sizilianische Dialekt hingegen kommt sehr fremdartig daher und ist auch für gute
Italienischsprecher nur schwer zu erlernen. Einige wenige Worte dieser urtümlichen und
kraftvollen Sprachchimäre zu verstehen, kann schon als großer Erfolg gewertet werden. Fast
jeder Sizilianer beherrscht selbstverständlich auch klares Hochitalienisch und stellt sich
im Gespräch sofort auf den Ausländer ein.
Das medizinische Italienisch stellt kein
zusätzliches Problem dar, zumal fast alle Ausdrücke bekanntermaßen auf lateinische und
griechische Ursprünge zurückgehen und nur etwas unterschiedlich ausgesprochen werden. An der
Trivialterminologie würde es letztlich aber auch nicht scheitern. Im Übrigen kann man ohne
Weiteres einfallsreich Umschreibungen heranziehen, wenn man ein Wort nicht parat hat, dabei
bricht kein Zacken aus der Krone. Mangelhafte Sprachkenntnisse sollten also für niemanden
ein Hinderungsgrund sein.
Es gibt durch das Erasmusbüro organisierten Sprachunterricht
vor Ort. Das Besuchen dieser Veranstaltungen bedeutet verlorene Zeit, der Unterricht ist von
miserabler Qualität. Die entspannteste, einfachste und gleichzeitig effektivste Methode ist,
viel mit Italienern in Kontakt zu sein und womöglich in Eigenregie die Kenntnisse mit
Lehrmaterial zu vertiefen (heißer Tipp: "Italienisch ohne Mühe heute" für Anfänger oder
Fortgeschrittene, im Assimil-Verlag)
| Verpflegung |
Selbst kochen
Wer gerne die eigene Küche nutzt, wird erfahren können, wie billig und gesund man als
aus Deutschland kommender in Palermo leben kann. Die Qualität der Kost muss darum keineswegs
leiden, im Gegenteil: Die Frische und Vielfalt ist in dieser Ausprägung im übrigen Europa
nur schwer anzutreffen. Man gehe auf die wunderbaren, orientalisch anmutenden Märkte
"Ballarò", "Vucciria" oder "Capo". Dort ist wirklich alles zu haben.
Die Supermärkte
haben fast mitteleuropäisches Preisniveau und sind mindestens so gut sortiert, wie die
unsrigen.
Essen gehen
Für mich war es immer eine große Freude, in die ganz einfachen, namenlosen Gasthäuser
zu gehen - in eine "cucina casareccia". Dort wird echt und dadurch besonders gut gekocht, es
sind ausnahmslos Familienbetriebe und die Rechnung ist immer ungesalzen. Allerdings sind
diese Gaststätten nur mittags geöffnet, einst für die im Viertel Arbeitenden
gedacht.
Die Mensa bietet trotz Fließbandessen wirklich eine solide und schmackhafte
Verpflegung. Der Preis ist unschlagbar und die Öffnungszeiten ebenso. Jeden Tag außer
Sonntags ist mittags bis 14.15 und abends bis ca. 22.00 Uhr geöffnet. Es gibt vier Mensen,
von denen die kleinste die beste ist. Obendrein liegt diese auch noch gegenüber des Eingangs
zur Poliklinik, in der Seitenstraße Via Chiaramonte.
| Kultur |
Der Kunst- und vor allem Architekturinteressierte findet in Palermo sein Paradies. Man
besorge sich dazu ein seriöses Buch, es gibt ganze Bibliotheken, die sich mit dem
überbordenden Kulturerbe Palermos und Siziliens befassen (heißer Tipp: Eckart Peterich:
"Sizilien - ein Führer").
Da ich persönlich leider im Allgemeinen bei Medizinstudenten
vielfach wenig echtes Interesse an Kulturellem ausmachen konnte, verzichte ich hier auf
einzelne Hinweise, außerdem wäre es ohnehin unmöglich, in diesem begrenzten Rahmen
aufzuzählen, was die Menschen Sizilien hinterlassen haben und Sizilien der
Menschheit.
Zwei Häuser sind von Bedeutung für den Theater- , Opern- und
Konzertbegeisterten. Das Politeama und das Teatro Massimo. Das "Massimo" hat nun nach der
unfassbaren Renovierungszeit von 25 Jahren in neuem Klassizismusglanz wiedereröffnet und
bietet Schauspiel auf künstlerisch hohem Niveau. Es ist übrigens die drittgrößte Bühne
Europas.
Kinobesucher werden etwas enttäuscht sein, wenn sie Autorenkino,
Literaturverfilmungen oder alte Klassiker suchen. Hier herrscht doch eher kassenorientiertes
Programm vor. Das "La Fiamma" sei als kleine Ausnahme erwähnt.
Mit dem Palazzo Abatellis
beherbergt Palermo das bedeutendste Museum Siziliens, unter anderem sind dort Werke des
großen Renaissance-Meisters Antonello da Messina zu sehen.

| Ausgehen |
Palermo ist nicht Paris. Das Angebot ist begrenzt - aber nicht umso blasser. Jeder
Geschmack findet seine Nische. Das Lebensgefühl der Mittelmeermenschen, besonders wenn sie
abends ausgehen, manifestiert sich in gelebtem und gezeigtem Ästhetikbewusstsein. Herumgehen
und Herumstehen während man miteinander quatscht sind Abendaktivitäten, die bei unseren
klimatischen Verhältnissen erst gar nicht dauerhaft zur Debatte stehen könnten. Während man
sich in Deutschland fast immer zwischen vier Wänden mit anderen Menschen verabredungsgemäß
treffen muss, tritt im Süden eine natürlichere und mehr dem Zufall überlassene Fluktuation
des Sich-über-den-Weg-Laufens ein. Was die zunächst banal erscheinende Wettersituation
wirklich für Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben kann, muss am eigenen,
leichtbekleideten Leib erspürt werden. Das Lebensgefühl ändert sich in fundamentaler Weise.
Spannende Entdeckungen der sich ständig ändernden Anlaufpunkte für den Abend überlasse
ich gern dem Palermo-Novizen, es seien nur drei Orte erwähnt, die jeder Palermitaner kennt.
Diese Dauerbrenner haben wirklich Kultststatus erreicht:
Via Candelai, Maalox bzw.
Piazza Bologni und die Champagneria.
| Sport |
Es wurden sehr interessante Konditionen für Erasmus-Studenten angeboten, der
Tennis-Club Palermo 2 (TC2) in der Via S. Lorenzo als Beispiel - das palermitanische
Korrelat zum Club an der Alster - pries Tennis, Fußball, Fitness und Sauna zum sagenhaften
Preis von 10 Euro im Monat an. Man sollte sich rechtzeitig bei der liebenswürdigen
Erasmus-Koordinatorin Amalia Ciliberto erkundigen. Sie betreut engagiert alle
Auslandsstudenten und hat ihr Büro in der Piazza Marina im Palazzo Chiaramonte. Sie kann
auch sonst in vielen Fragen weiterhelfen, so etwa in puncto Wohnungssuche.
Im Übrigen
bietet Palermo mit dem schönen Art-Deco-Vorort Mondello (30 min mit Bus) eine sehr schöne
Bucht, mit zumindest zwischen Oktober und Mai klarem, türkisen Wasser und leerem Sandstrand.
Etwas unempfindlichere können durchaus auch im Januar und Dezember ein erfrischendes Bad
nehmen in der wärmenden Wintersonne.
| Gefahren |
Das Phänomen Mafia ist ein hochkomplexes und schwer erörterbares, darüber hinaus
bisweilen recht falsch eingeschätztes Thema. Leider wird es viel zu oft vereinfacht und zu
lächerlichen Allgemeinplätzen degradiert. Die meisten Filme und Bücher bieten denn auch
keine wirkliche Quelle der Erkenntnis über diese sonderbare Welt, sondern liefern meist nur
klischeebehaftete Zerrspiegel.
Wer überhaupt nur ein wenig davon verstehen will - als
jemand, der dieser Gegenwelt nicht angehört - bleibt nichts anderes übrig, als fundierte
Bücher zur Hand zu nehmen.
Ich empfehle dazu "Inside Mafia" von Giovanni Falcone oder
"Jetzt gehörst du nicht mehr dieser Welt" von Carmen Butta.
Nur so viel zur Beruhigung:
Der vielverzweigte Arm der Mafia berührt keinen Erasmus-Studenten.
Gefahren weitaus
kleinerer und wahrscheinlicherer Dimension liegen in Raubüberfällen und Diebstählen. Es ist
nicht ganz einfach, verlässliche Aussagen darüber zu treffen, in welchen Gassen man zu
welcher Tages- oder Nachtzeit nicht spazierengehen sollte.
Allgemein gilt:
Nachts (am besten auch tagsüber) nichts am Körper tragen, was man im Ernstfall nicht
entbehren kann. Falls es doch zu einem unangenehmen Zusammentreffen kommen sollte, sofort
alles hergeben. Gewalt kommt so gut wie nie ins Spiel. Die Diebe sind meist tatsächlich arm
und haben selbst auch keinen Spaß daran einen Raub zu veranstalten. Sexuelle Übergriffe sind
bei aller berüchtigten "Anquatsch-Offenherzigkeit" (die übrigens nicht als Einschüchterung
verstanden werden sollte) der Italiener die absolute Ausnahme und kommen nicht häufiger vor
als in unseren Breiten.
Diese kleine Gefahrenbeschreibung soll als Orientierung über die
schlimmeren Eventualitäten dienen und also bitte niemanden abschrecken. Ich halte nichts
davon, Dinge zu verharmlosen.
Mir persönlich ist in einem Jahr außer einem erfolglosen
Autoeinbruch nichts passiert, und auch von anderen habe ich nichts gehört, was über das in
Kauf zu nehmende Maß hinausgehen würde.
Man kann in Palermo heute durchaus ein vollkommen sicheres Leben führen.
| Viel Spass |
Hoffentlich war mein Bericht aufschlussreich und zumindest eine, wie ich hoffe, schöne
Vorahnung konnte sich einstellen. Ich freue mich immer sehr über jeden Anrufer, der mit dem
Gedanken spielt, die Palermo-Erfahrung auch zu machen und der vorab mehr darüber wissen
will. Mit meinen Erfahrungen stelle ich mich für jede Auskunft gerne zur Verfügung.
Mir
bleibt noch, jedem Mut zu machen, diese fantastische Möglichkeit wahrzunehmen. Sie ist ein
einzigartiges Privileg und eine Tür zu einer wunderbaren Welt.
Ein Jahr in Palermo macht
das Leben für immer reicher.
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