Medizinstudium
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Julienne kniet vor einem niedrigen Tischchen, auf dem Flaschen und Schalen stehen. Auf einer kleinen Platte verbrennt sie Kräuter, und ein weihrauchähnlicher, dezenter Geruch verbreitet sich in der kleinen Hütte. Ein paar Meter von uns entfernt liegen Juliennes Kinder dösend auf den Betten. Juliennes Mann assistiert bei der Anrufung des Geistes. Er verspritzt ein wenig Wasser an die mit Rumetiketten dekorierte Hüttenwand. Plötzlich beginnt Julienne sich ruckartig zu bewegen, sie ruft mit lauter Stimme unverständliche Worte, ihr Blick wird starr und kalt: Der Geist Ampelahova ist eingetroffen.
Die verwandelte Julienne spricht mit harter, unmenschlich wirkender Stimme zu den Anwesenden. Ihr Blick richtet sich auf uns. "Wer sind diese beiden Weißen?" fragt sie unvermittelt.
"Es sind zwei Europäerinnen, die die traditionelle Medizin in Madagaskar kennenlernen wollen", erklärt ihr Jean-Bertin, unser madagassischer Freund. Julienne nickt und begrüßt uns. Sie ist einverstanden, daß wir bei der Heilungszeremonie zugegen sind.
Irene und ich waren bereits seit zwei Monaten als Stipendiatinnen des ASA-Programms in Madagaskar. Unser Ziel war es, einen Einblick in die traditionelle Medizin des Landes zu gewinnen. Daher führten wir Interviews mit über zwanzig Heilerinnen und Heilern, Kräuterhändlern, Wahrsagern und Hebammen in verschiedenen Regionen Madagaskars. Wir sahen ihnen bei der Arbeit zu und unterhielten uns auch mit ihren Patienten. Unsere erste Etappe war das zentrale Hochland. Dort besuchten wir entlegene Dörfer, deren Bewohner keine Möglichkeit haben, moderne Krankenhäuser aufzusuchen. Im Dorf Manapa lebt der Heiler und Geburtshelfer Rapasy, der durch Massage der Kranken seine Diagnose stellt. Intuitiv weiß er, welche Heilpflanzen er dem Kranken verordnen muß, denn die Wahl des Heilmittels hängt nicht nur von der Krankheit, sondern auch von der Person des Erkrankten ab. Einige hundert Kilometer südlich, in der Stadt Fianarantsoa, sprachen wir mit dem Heiler Jean-Paul. Seine besondere Gabe zu heilen liegt in der Familie. Der letzte große Heiler war sein Großvater, der von den Kolonialmachthabern wegen Scharlatanerie umgebracht worden ist. Jean-Paul, hauptberuflich Lehrer, heilt beispielsweise mit Spinnenextrakt oder seinem eigenen Speichel Brüche und äußerliche Verletzungen.
| Besessenheit durch einen Geist |
Im Süden Madagaskars liegt Tuléar (Toliara), eine der sechs Provinzhauptstädte Madagaskars. Neben einem trostlosen und heruntergekommenen Stadtzentrum aus der Kolonialzeit beherrschen Wellblechhütten und Holzhäuser das Stadtbild. Julienne wohnt mit ihrer Familie am Stadtrand von Tuléar. Sie ist eine Tromba, eine Frau, die von einem heilkundigen Geist besessen ist. Es ist der Geist der Frau Ampelahova aus dem Ort Kokobalotranotsimirindy im Süden Madagaskars. Seit Jahren schon benutzt dieser Geist fast täglich den Körper von Julienne als Medium, um auf diese Weise Kranke zu heilen, die zu Julienne kommen.
An dem Tag, an dem wir Julienne besuchen, bringt eine Mutter ihre halbwüchsige Tochter zur Behandlung. Auch diese wird von einem Geist heimgesucht, der in der Brust des Mädchens sitzt. Die Tromba vermutet, daß es sich um den bösen Geist Andriamandamy handelt. Die Therapie ist unkompliziert. Julienne gibt dem jungen Mädchen einen Aufguß aus verschiedenen Heilpflanzen und Rinderfett zu trinken. Die vom Geist besessenen Körperteile reibt sie mit einer Tinktur aus Kräutern, mit Kohle und mit Porzellanerde ein. Währenddessen erklärt sie dem jungen Mädchen die Behandlung. Mit Hilfe der Therapie werde der Geist innerhalb von einer Woche aus dem Körper des Mädchens weichen, verspricht sie. Zurück
| So wurde Julienne zu einer Tromba |
Auch Julienne wurde krank, als sie erstmals von dem Geist Ampelahova besessen wurde. Sie litt an heftigen Schmerzen im Kopf, im Bauch und in den Beinen. Im Krankenhaus konnte man sich ihre Beschwerden nicht erklären und schickte sie wieder nach Hause. Daraufhin suchte sie traditionelle Heiler auf. Doch auch diese standen zunächst vor einem Rätsel. Erst ein Wahrsager konnte ihr helfen: Er teilte Julienne mit, daß sie von einem Geist besessen sei und daß dieser Geist durch sie sprechen wolle. Zwar konnte er Julienne von ihren Beschwerden befreien, aber es war ihm unmöglich, den Geist zu vertreiben. Der Geist war zu stark, Julienne mußte ihn akzeptieren. So wurde die große und kostspielige Zeremonie der Inthronisation durchgeführt. Der Geist Ampelahova teilte Julienne mit, wie sie sich in Trance versetzen müsse, um ihn hervorzurufen. Er forderte sie auch auf, im Garten ein kleines Häuschen errichten zu lassen, in dem er sich aufhalten könne. Hier lebt seither der Geist Ampelahova, wenn er nicht umherwandert. Mit der Inthronisation erwarb Julienne auch die Fähigkeit, im Zustand der Trance durch den Geist zu heilen. Doch am Anfang schämte sie sich, öffentlich als Tromba, als Besessene, hervorzutreten. Inzwischen versetzt sie sich fast täglich in den Trancezustand, um ihre zahlreichen Patienten zu behandeln. Nur Montag und Donnerstag kann sie den Geist nicht hervorrufen: An diesen Tagen irrt Ampelahova umher.
Am Ende der mehrstündigen Heilungszeremonie verabschiedet sich der Geist auch von Irene und mir. Er lädt uns ein wiederzukommen, wenn er das nächste Mal anwesend ist. Dann verschwindet er - und zurück bleibt eine erschöpfte Julienne, die keine Erinnerung an die letzten Stunden hat, in denen der Geist ihren Körper bewohnte.
| Quacksalberei oder magische Medizin? |
Für mich war diese Zeremonie der Tromba eine der faszinierendsten Begegnungen während meines halben Jahres in Madagaskar. Aber die Tromba war auch ein verwirrendes Erlebnis. Nüchtern denkenden Europäern fällt es schwer, an eine Geisterheilung zu glauben. Der Grat zwischen Quacksalberei und wirkungsvoller Therapie scheint hier besonders schmal.
Einerseits war das, was sich vor meinen Augen abgespielt hatte, überzeugend und einleuchtend. An die Allgegenwart der Ahnengeister im madagassischen Alltag hatte ich mich schon gewöhnt, auch für meine madagassischen Freunde stand die Existenz der Geister außer Zweifel. Wie aber sollte ich die Tromba und ähnliche Erlebnisse analysieren und in meiner Studie über traditionelle Medizin einordnen?
Unzufriedenheit mit der westlichen Schulmedizin und die Suche nach alternativen, ganzheitlichen Methoden haben in Europa zu einem Ethnoboom geführt. Die WHO bemüht sich seit einigen Jahren um die Anerkennung traditioneller Heilmethoden. Diese Kehrtwendung läßt sich sogar datieren: Bei der Weltgesundheitskonferenz der WHO in Alma Ata 1978 wurde ein neues gesundheitspolitisches Konzept für die Dritte Welt gesucht und gefunden: "Public Health Care" hieß das neue Zauberwort. Es beinhaltet auch die Rückbesinnung auf traditionelle Heilverfahren und deren Integration in die neuen Basisgesundheitsprogramme. Damit machte die WHO jedoch lediglich das bestehende medizinische System zum politischen Konzept, denn in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens sucht über die Hälfte der Bevölkerung ohnehin traditionelle Heilkundige im Krankheitsfall auf. War dieses Programm der WHO also nur eine billige Notlösung angesichts der gescheiterten Entwicklungshilfeprojekte der 70er Jahre? Immerhin trug das neue WHO-Konzept zur Anerkennung traditioneller Heilverfahren bei. Während der Kolonialzeit war traditionelle Medizin nicht als solche bezeichnet worden, vielmehr war von Zauberei, Scharlatanerie oder Hexerei die Rede gewesen. So berichtete auch der deutsche Reisende Graf von Pappenheim 1906 aus Madagaskar: "Die eingeborene Heilpflege steht auf der niedersten Stufe der Kurpfuscherei." Um den traditionellen Therapieverfahren den Nimbus der Quacksalberei zu nehmen, wird heute versucht, sie auf den Boden westlicher wissenschaftlicher Normen zu stellen und ihre Wirksamkeit zu beweisen. Ein schwieriges, fast unmögliches Vorhaben. Denn auch die Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit sind kulturspezifisch. Die therapeutischen Konzepte anderer Medizin-systeme lassen sich mit westlichen, naturwissenschaftlichen Methoden nicht klassifizieren und auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen. Nur bezüglich der Heilpflanzen ist es europäischen Wissenschaftlern gelungen, einen Einblick in die traditionelle Medizin zu erhalten. Für einige Pflanzen, die seit Jahrhunderten von Heilkundigen angewandt wurden, konnte das wirksame Agens nachgewiesen werden. Ethnobotaniker hoffen auf weitere, vielversprechende Wirkstoffe, beispielsweise gegen Tumor- und Infektionserkrankungen.
| Ist traditionelle Medizin wirksam? |
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Aus Madagaskar zurückgekehrt, wurde ich häufig gefragt, ob mit der traditionellen Medizin tatsächlich gute Heilungsergebnisse erzielt werden können. Je nach Einstellung des Fragenden zu sogenannten alternativen Heilmethoden wurde mir diese Frage eher skeptisch gestellt (manchmal mit der Andeutung, daß meine Studie ohnehin sinnlos sei) oder sehr interessiert, dies vor allem von jenen, die sich unter einer traditionellen Medizin eine ganzheitliche, humane Medizin vorstellen. Doch auf diese Frage kann ich keine Antwort geben. Die Wirksamkeit einer Therapie ließe sich nach dem Grad der Besserung einer Erkrankung beurteilen. Doch welche Parameter sollten dazu verwendet werden? Sollte man die Methoden der westlichen Medizin einsetzen, beispielsweise Blut abnehmen und ein Röntgenbild anfertigen lassen? Bei einigen Erkrankungen wie bei Frakturen, Durchfallerkrankungen oder Ekzemen wäre dies theoretisch denkbar: Krankheiten, hinter denen relativ leicht objektivierbare Beschwerden stehen. Schwieriger wird diese Vorgehensweise bei unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen oder Leistungsabfall, undurchführbar bei Krankheiten, die im System der westlichen Medizin nicht vorgesehen sind, beispielsweise die Besessenheit durch einen Geist.
Ein Urteil über die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der traditionellen madagassischen Medizin kann ich nicht abgeben. Im Grunde war unsere Studie auch nicht darauf angelegt, diese Frage zu beantworten. Wir haben uns mit anderen Themen beschäftigt: der Ausbildung der Heiler, dem Ablauf der Konsultationen, den verschiedenen Therapieformen oder der Ansicht der Heiler über die Genese der jeweiligen Erkrankungen. Aber jeder der Heiler kannte andere Möglichkeiten, zu einer Diagnose zu gelangen: durch Massage, durch Wahrsagerei, durch Analyse des Speichels des Patienten, durch Intuition oder durch eine körperliche Untersuchung. Wir erfuhren von den vielen unterschiedlichen Vorstellungen über die Ursachen von Krankheiten. Manche machten Zauberei und Geister für Erkrankungen verantwortlich, andere sprachen von natürlichen Ursachen wie falsche Ernährung oder schlechte Lebensbedingungen. Die Therapie erstreckte sich vom Verschreiben von Heilpflanzen über das Verhängen von Tabus bis zum Austeilen von Talismanen. Jedes Interview zeigte neue Aspekte der traditionellen Medizin Madagaskars auf. Je mehr ich erlebte und erfuhr, desto schwerer fiel es mir, das Gesehene einzuordnen. Ich hatte das Gefühl, anschließend kaum mehr über "die" traditionelle Medizin zu wissen als vor meiner Reise nach Madagaskar. Mehr als einen Einblick in ein fremdes Medizinsystem kann ein Aufenthalt von wenigen Monaten nicht vermitteln, aber es war ein sehr faszinierender Einblick in eine ganz andere Art zu heilen.
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