Medizinstudium
Bücher/Medien
Arzt im Beruf
![]() ![]() |
|
Infos | Länder | Infopakete | Weblogs | Reisemedizin | Entwicklungshilfe | Literatur | Bericht schreiben
| Auslandsforum
|
|
|
|
![]() |
Übersicht
Jörgen Nordenström, Professor am Karolinska Institut in Stockholm und dort zuständig für den internationalen Chirurgiekurs, eine Handvoll Ärzte und die beiden Kurs-Sekretärinnen sind mit von der Partie, als es heißt zwei Tage im schwedischen Spätsommer gut zu essen, zu trinken, zu saunen - und Seminare unter freiem Himmel zu halten. Wie zum Beispiel das Rollenspiel mit dem Thema Traumamanagement: "Bitte möglichst nur eine dünne Braunüle legen", mimt Ulrik Lindforss, ein erfahrener Chirurg, einen etepetete Arzt, der den gebrochenen Knöchel wichtiger findet als die Vitalfunktionen. So wird es eben nicht gemacht im Falle eines Polytraumas. Die pädagogisch wertvolle Comedyeinlage wird frenetisch beklatscht - von Studenten aus ganz Europa.
| Das Karolinska Institut |
Das renommierte Stockholmer Karolinska Institutet (KI) ist die erste Adresse unter fünf möglichen für ein Medizinstudium in Schweden. Nicht nur Medizin wird hier gelehrt, auch Biochemie, Physio-und Ergotherapie, Genetik oder Biomedizin. Wissenschaftler des Karolinska vergeben die Nobelpreise für Medizin und Physiologie. Das KI hat zahlreiche Partneruniversitäten in aller Welt. In Deutschland sind es Berlin, Homburg, Bonn und Heidelberg. Besonders stolz ist das KI auf seinen zur Hälfte aus ausländischen Studenten bestehenden internationalen Chirurgiekurs auf Englisch. Einige Unis wie zum Beispiel die Uni Heidelberg haben mittlerweile das klinische Studium in seiner Struktur den europäischen Spitzenunis wie dem KI angeglichen, so dass man ohne große Schwierigkeiten im siebten Semester dieselben Scheine in Stockholm machen kann wie zuhause. Kein Semester geht verloren. Skandinavien ruft damit umso verlockender - nachdem die Hürden für ein ERASMUS-Stipendium genommen sind und die Zusage für den internationalen Chirurgiekurs am KI vorliegt.
Die Betreuung durch das KI umfasst Einführungstage, Ansprechpartner, die sich Zeit nehmen, Willkommensgeschenke wie Rucksäcke oder bezahlte Sprachkurse. Außerdem gibt es offizielle Kurs-Aktivitäten, bei denen die Lehrenden selbstverständlich mit von der Partie sind. Ob Ausflug in die Inselwelt vor Stockholm, Besuch von Sportevents oder Weihnachtsfeier - die Kosten trägt das Karolinska.Institut. Ebenso gehört ein Empfang im Rathaus dazu. Im berühmten Blauen Saal. Hier findet jedes Jahr am zehnten Dezember das Nobelpreisbankett statt.
| Der Kurs |
Wie sieht aber nun die viel gelobte, praktische Ausbildung in Schweden konkret aus? Der Kurs selber findet außerhalb von Stockholm in Huddinge statt. Das Universitätskrankenhaus Huddinge ist ein an einen mittelgroßen Flughafen erinnerndes Krankenhaus der Maximalversorgung. Up to date was internetfähige, moderne Computer angeht. Überall stehen die PCs - auch im OP. Die Patientenakten sind schließlich alle digital verfügbar inklusive der Röntgenbilder. Eine Hälfte des Kurses besteht aus den Fächern Urologie, Orthopädie, Anästhesie und Radiologie. In der zweiten Hälfte werden ausschließlich chirurgische Disziplinen gelernt. Die Ausbildung erfolgt nach dem Prinzip sogenannter "clinical rotations", wobei Studenten jeweils eine oder zwei Wochen in einer Abteilung verbringen. Es wird erwartet, dass man an den Operationen aktiv teilnimmt - was häufig lange Tage bedeutet. Der Stundenplan umfasst gerade im Emergency Room auch Schichtdienste, dort ist man zu Wochenend- und Nachtdiensten eingeteilt. Ebenso sind die Ambulanzen Pflicht, in denen man einem Arzt zugeteilt ist oder auch seine eigenen Patienten hat.
Auf dem Stundenplan stehen weiterhin so Abkürzungen wie KUA, KTC, MS, PBL und OSCE - allesamt moderne Lehr - Konzepte in der Medizin. Da ist in Orthopädie zum Beispiel die "klinisk utbildningsavdelning" (kurz KUA), was soviel heißt wie Klinische Ausbildungsstation.
| Die klinische Ausbildungsstation |
"Ihr seid nie allein - ihr habt euer Team." Der Orthopäde Per Lindblom erklärt am ersten Tag mit ruhiger Stimme, warum keiner Angst haben muss auf der Ausbildungsstation total überfordert zu sein. Zwei Wochen auf einer Station mit orthopädischen Patienten, die primär von Studenten der verschiedenen medizinischen Ausbildungsgänge gemanagt wird. Zusammen sollen zukünftige Ärzte, Schwestern sowie Ergo- und Physiotherapeuten lernen im Team zu arbeiten - ob bei Visite, Schreiben der schwedischen Arztbriefe oder bei der Entscheidung, qualifiziert nach Hilfe zu rufen.
Harald Brismar, ein verantwortlicher Tutor, war zwar beeindruckt von den Anatomiekenntnissen der deutschen und tschechischen Studenten. "Was doch auffällt ist, dass die meisten noch nicht so viel mit Patienten zu tun hatten - das konnte man beispielsweise hier auf KUA sehen." Aber heißt das nicht mehr Arbeit für die Tutoren, wenn die ausländischen Studenten erst noch den Umgang mit Patienten lernen müssen? "Ja, sicherlich, aber das ist es wert. Die Austauschstudenten bringen den Kurs erst richtig in Gang. Sie sind natürlich auch in gewisser Weise ausgesucht und deshalb sehr motiviert."
| Das klinische Tainingszentrum |
Da gibt es das "Kliniskt tränings-centrum" (KTC). Zum einen werden hier Fertigkeiten geübt wie Katheterisierung, Nähen oder Herz-Lungen-Wiederbelebungen. Ein Anästhesiesimulator stellt studentische Teams vor akute Probleme, z.B. mimt er einen kollabierenden Patienten.Die Teams sollen hier ABCD - Algorithmen erlernen. Da die Studenten in den OPs fast immer ran müssen, wenn es was zu nähen gibt, steht im KTC zum üben alles bereit. Und nicht nur das: die fürsorgliche Art der zuständigen Schwester fürs KTC lädt zum vorbeikommen ein. Die gemütliche, etwas mollige Pernilla, die aussieht wie die Schokoladentrunk verkaufenden Pausenmütter in der Schule, räumt sofort ihren Arbeitsplatz: "An dem Rechner läuft die CD-ROM nicht? Dann komm hier an meinen PC. Da ist das Nähprogramm installiert!" Kein langes Zögern. Der Knoten soll doch das nächste Mal im OP schneller klappen. Das war ja peinlich.
| Die Nachmittage der kleineren Eingriffe |
Und es gibt die Minor Surgery-Nachmittage (MS). Je zwei Studenten werden Lipome, Naevi und Nägel ambulant entfernen - und natürlich die Wunden nähen. Alles unter Anleitung eines Arztes.
Freitag ist der Theorietag. In Form von problem based learning-Seminaren (PBL-Seminaren) wird hier ein- bis zweimal die Woche vermittelt, wie man die verschiedensten gesundheitlichen Probleme managed. Teilweise anhand von Papercases, wenn gerade keine Patienten verfügbar sind. So wird nicht eine einzelne Krankheit pro Sitzung abgehandelt, sondern gleich mehrere, wenn es zum Bespiel um einen Patienten mit Bauchschmerzen geht. "Um Probleme lösen zu können, müssen Medizinstudenten erstmal lernen, die richtigen Fragen zu stellen", erläutert Jörgen Nordenström, der diesjährige Studydirector, das Konzept. Damit unterscheidet sich der Kurs von den anderen drei in Stockholm parallel stattfindenden, rein schwedischen Kursen des Karolinska, in denen POL eine untergeordnete Stellung einnimmt. Am selben Tag finden auch die Vorlesungen statt.
| Der Kurzprüfungsmarathon |
Die praktische Ausbildung umfasst aber auch die Evaluierung dessen, was man gelernt hat: Die Prüfungen sind anders. Geprüft wird gleich dreifach. Praktische Prüfungen finden in Form eines OSCE (objective structured clinical examination) statt, einer Art Prüfungs-Parcours bei der Studenten erworbene Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. So müssen etwa Röntgenbilder befundet, Gelenke untersucht oder Katheter gelegt werden. Schriftlich sind über sechs Stunden lang verschiedene Patienten-Fälle von der Aufnahme bis zum Follow-Up aufzuarbeiten. Und last, but not least gilt es mündlich eine kurz zuvor erhaltene Patientenakte vorzustellen und damit verwandte Fragen, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zu diskutieren - anderthalb Stunden lang.
Diese Prüfungsform erhält übrigens auch vermehrt an deutschen Universitäten Einzug. Mehr dazu unter
| Das Feedback der Teilnehmer |
Wie aber denken die Studenten über eine derartige Kurs-Struktur? Peter Bucek kommt aus der Tschechei und kennt bereits von seiner Heimatuni in Prag das System der "clinical rotations" durch verschiedene Abteilungen. "Neu war für mich das Gefühl, dass ich nach dem Kurs Patienten angemessen gegenübertreten, befragen und untersuchen kann - das hatte ich in Prag noch nie." Er würde wieder kommen, stünde er noch einmal vor der Wahl. Etwas unbekannt war für ihn das System der großen Ambulanzen mit Sprechstunden für bestimmte Patientengruppen. Trotzdem: "Da habe ich das meiste gelernt." Die Einstellung der Ärzte hier - die Studenten aus der zweiten Reihe in die erste zu holen - hat ihm am meisten gefallen. Die Berliner Medizinstudentin Nora Berger stimmt zu. Sie sagte gegenüber der Universitätszeitung "Karolinska-Bladet", das Austauschstudenten nach dem Verhältnis zwischen Studenten und Lehrern befragt hat: "Hier in Schweden werden wir endlich wie die zukünftigen Kollegen behandelt, die wir ja sind. Nämlich respektvoll!" Leichter wird das sicherlich auch durch die Umgangsweise. Mit "Du, Jörgen?" werden Fragen an Professor Jörgen Nordenström eingeleitet. Geduzt wird in Schweden jeder, ohne Unterschied. Undenkbar in Spanien, Italien und Deutschland.
Guilio hält die theoretische Ausbildung in Italien für fundierter
Giulio Spinucci studiert Medizin in Peruggia und ist nicht ganz so enthusiastisch: "Es ist fast schon zu praktisch. Zum Glück hab ich einige dieser Fächer bereits vorher gelernt." Die theoretische Ausbildung in Italien ist, laut Giulio, fundierter. "Die Systeme sind sehr unterschiedlich", konstatiert er. "Ich kann den Kurs allerdings jedem empfehlen, der mit dem Gedanken spielt, Chirurg zu werden - heißt, er sollte schon eine theoretische Grundlage haben." Kritik kommt aber auch von deutschen Studenten: "Wie eine große Famulatur, die straff durchorganisiert ist", sagen einige. "Eher ein Studium, das die theoretische Ausbildung schleifen lässt, dafür aber auf die spätere Tätigkeit vorbereitet", die anderen.
Die Unterteilung in Kleingruppen fördert nicht den Kontakt unter den Studenten
Ein Problem eint dann wieder alle Studenten. Innerhalb des Kurses gibt es weitere Unterteilungen in Kleingruppen, in denen zum Beispiel Seminare gehalten werden oder das Bedsideteaching stattfindet. Diese Gruppen sind entweder rein schwedisch oder bestehen nur aus Austauschstudenten. Der Kontakt zu schwedischen Studenten beschränkt sich daher auf die alltäglichen Mittagspausen im Studentenpausenraum und auf die Vorlesungen. Lasse Wilhelmsson, einer der achtzehn schwedischen Studenten im Kurs, spricht da für viele: "Ich mag die internationale Atmosphäre im Kurs. Nur die getrennten Kleingruppen finde ich eben unangebracht." Dies helfe nicht, miteinander in Kontakt zu kommen. "Man muss allerdings auch sagen, dass viele schwedische Studenten im Durchschnitt älter sind und ihr eigenes Leben mit Partner, Kindern und altbekannten Freunden haben. Das macht es manchmal etwas schwierig."
Das ist ein internationaler Kurs so wie Medizin eine internationale Sache ist.
Jörgen Nordenström wiederum verteidigt die getrennten Kleingruppen: "Teilweise weil wir nicht genügend Personal haben, das perfekt Englisch spricht, teilweise auch weil sich in den früheren Kursen schwedische Studenten über ihre Übersetzerfunktion für Austauschstudenten beschwert haben, ist es jetzt so. Auch wenn ich persönlich jedem sage: Das ist ein internationaler Kurs so wie Medizin eine internationale Sache ist. Wir müssen uns gegenseitig helfen. Das erwarte ich von allen im Kurs." Besteht für ihn ein Unterschied zwischen den Studenten? "Die Austauschstudenten sind viel motivierter als die schwedischen. Sie sind zum Beispiel länger im Krankenhaus. Aber es ist natürlich ein größerer Aufwand, weil sie auch mehr forden und nachfragen." Mit einem Augenzwinkern fügt er noch hinzu: "Aber wir wissen ja alle, dass Austauschstudenten eben auch hier sind, um Land und Leute kennen zu lernen - und diese Motivation und Offenheit tut uns allen letztlich sehr gut."
| Das müssen Sie anstellen, um auch nach Schweden zu kommen |
Insgesamt besuchen etwa 36 Studenten den Kurs im Wintersemester, das in Schweden von Ende August bis Mitte Januar geht. Die deutschen Unis haben von den 18 ERASMUS-Plätzen je nur einen oder zwei Plätze im Kurs und der Andrang ist entsprechend groß.
Die Auswahlkriterien für ein solches Auslandsstudium unterscheiden sich von Uni zu Uni. So gibt es in Berlin mündliche Auswahlgespräche während in Heidelberg nach Aktenlage, Physikumsnote und Empfehlungsschreiben, entschieden wird. Bis Anfang Januar sollte man sich für das in Schweden bereits Ende August beginnende Wintersemester beworben haben. Schwedischkenntnisse werden zu dem Zeitpunkt bereits vorausgesetzt, zumindest in Heidelberg. Des weiteren steht logischerweise ein kompletter Umzug nach Schweden an.
Letztendlich gilt aber: ist man erst einmal von der eigenen Uni und dem KI angenommen, ist die restliche Organisation ein Kinderspiel.
Diese Links können ihnen bei ihrer Suche nach Informationen weiterhelfen
Ansprechpartner:
Zuständig für die Austauschprogramme des Karolinstka Institutes ist Magdalena Palmquist
Zuständig für den Chirurgiekurs ist die Kurssekretärin Helene Jansson
| Land auswählen | |
|
|
| Neue Auslandsberichte | |
|
| Via Newsletter | |
|