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Artikel vom 09. 10. 2006

Innere-Famulatur im Drei-Länder-Eck Basel

Auf den Spuren von Erasmus und Paracelsus... (9/2006)

Sigrid Disse

Auf den Spuren von Erasmus und Paracelsus sollte meine erste Klinik-Famulatur beginnen. Doch wie kam ich gerade auf Basel, wo einst schon Paracelsus Medizin studierte und Erasmus von Rotterdam für religiöse Toleranz eintrat?

Übersicht

Schon früh hatte ich von einer Famulatur im französischen Ausland geträumt. Für die ersten Blutabnahmen und Patientenaufnahmen nach den klinischen Untersuchungskursen des fünften Semesters schien da eine Stadt im deutsch-französischen Grenzgebiet ideal. Beidseits des Rheins gelegen und bequem von meiner Heimatstadt Mainz aus in dreistündiger Bahnfahrt zu erreichen, fiel mit Basel meine Wahl also auf die älteste Universitäts- und zugleich drittgrößte Stadt der Schweiz.


Bewerbung und AnreiseNach oben hoch

Etwa drei Monate vor Famulaturbeginn bewarb ich mich im städtischen Universitätsspital um einen Famulaturplatz und bekam bald darauf eine Stelle als "Unterassistentin" zugesagt. So lautet die offizielle Bezeichnung der schweizer (und deutschen) PJler und auch der zahlreichen dort anzutreffenden deutschen Famulanten. Das in der Schweiz als "Wahlstudienjahr" bekannte Äquivalent des deutschen PJ wird bereits im fünften Studienjahr absolviert. Allerdings gibt es für schweizer Studenten vorher keine Famulaturen, in denen praktischen Tätigkeiten, die über das theoretische Studium hinausgehen, gelernt werden können. Entsprechend hoch war die Anzahl sowohl schweizerischer als auch deutscher "Kollegen" im gesamten Spital, sodass es viel Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit "Gleichgesinnten" gab: Beim Mittagessen wurden die Neuigkeiten von den Stationen ausgetauscht, angefangen vom Bericht über eine gerade erfolgreich durchgeführte Aszitespunktion, eine gute Anamnese bei einem älteren und kognitiv schon etwas beeinträchtigten Patienten, bis hin zur guten Laune des Oberarztes während der Visite.


Mein erster Tag auf StationNach oben hoch

Zunächst wurden mit der für alle Unterassistenten zuständigen Pflegedienstleiterin, Fr. Cerminara, alle Formalitäten geklärt. Die Aufenthaltsbewilligung war beantragt und das für UA's übliche einmonatige Gehalt zur Abdeckung der Miete im Personalwohnheim und einem Teil der Lebenshaltungskosten sollte am Ende der Famulatur per Scheck ausgezahlt werden - es war also doch nicht nötig, extra ein Schweizer Bankkonto zu eröffnen. Dann ging es auf Rundtour durchs gesamte Spital.

Auf meiner Station für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie angekommen, wurden ein zweiter, auch aus Deutschland stammender Famulant und ich sogleich von der für Verwaltungsaufgaben zuständigen Patient Administration Manager (PAM) mit Aufgaben überrollt. Dort mussten wir Laborzettel nach einem nicht auf Anhieb zu erschließenden System ordnen, hier Krankengeschichten von Patienten per Rohrpost im Archiv bestellen, dann Röntgenmappen einsortieren und Befunde per Fax oder Telefon anfordern.


Fremdsprache SchwyzerdütschNach oben hoch

"Nu schnufen 'se mal tief een und uus": Während die (meisten) Patienten dieses und ähnliche Kommandos der Schweizer Ärzte problemlos verstanden, mussten meine Hochdeutsch gewöhnten Ohren sich erst mal an die neuen Schwingungen gewöhnen. Anfangs dachte ich, da seien englische oder französische Patienten ja noch leichter zu verstehen. Aber nach ein bis zwei Wochen gab sich auch das, und "schnufen" und "grüezi" wurden Teil meines Standardvokabulars.


Blutabnehmen? Fehlanzeige!Nach oben hoch

Die "Venenpunktionen", wie das Blutabnehmen in der Schweiz genannt wird, ist Aufgabe der Pflege, nicht der UAs. Entsprechend überrascht war ich, mich nicht gleich am ersten Tag mit Nadel und Stauschlauch bewaffnet auf die Suche nach dem kostbaren Lebenssaft machen zu müssen. Da ich jedoch meine rudimentären, jeglicher Routine entbehrenden Fähigkeiten des Stechens ausbauen wollte, bat ich die Schwestern, mir diese Aufgabe soweit als möglich zu überlassen. Dies gestaltete sich schließlich trotz freundlicher Kooperationsbereitschaft seitens der Schwestern insgesamt schwierig. Viele Blutabnahmen standen früh morgens auf dem Programm, als UA war ich oft in der Visite oder bei einer Fortbildung und somit unabkömmlich.


Ein typischer Tag auf StationNach oben hoch

In den nächsten vier Wochen war der Tagesablauf bestimmt von der morgendlichen Visite, der knapp dreiviertelstündlichen, obligatorischen Fortbildung ("Konsiliarvisite") sowie der Röntgenbesprechung. In der Röntgenbesprechung wurden jeweils die Röntgen-, CT- und MRI-Bilder der beiden Stationen für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie bzw. Kardiologie per Beamer projiziert und durch den zuständigen Radiologen vorgestellt. Auch ohne Vorkenntnisse auf diesem Gebiet konnte ich so bald diffuse Infiltrate als Pneumonie deuten und Pneumothoraces oder den für Lungenembolien typischen Gefäßabbruch einer Hilusarterie erkennen.


Theorie und Praxis: Der ideale MixNach oben hoch

Von geradezu geheiligter Wichtigkeit waren die zahlreichen Fortbildungen:

 Nicht zu verpassen war die Konsiliarvisite; meistens wurden Infektiologen und Nephrologen befragt. Dies war manchmal ganz interessant, oft aber auch sehr speziell.
 Außerdem fand die sogenannte DOKO statt (Donnerstags-Konferenz) mit externen Referenten über Themen wie das "reactive Makrophage Activation Syndrome" oder "Katheterinfektionen".
 Interessant waren oft die Fallvorstellungen mit Prof. Schifferli, die extra für die UAs in Form eines Quiz' durchgeführt wurden.
Einmal wöchentlich fand im "Journal Club" eine Besprechung einer aktuellen Publikation statt.
 Besonders spannend war der regelmäßige "Fall du Chef". Hier ließ der Chefarzt die Ober-, Assistenzärzte und UAs über einem schwierigen Fall aus seinem langjährigen Erfahrungsbereich brüten.
 Am besten fand ich allerdings die eigens für UA veranstaltete Fortbildung, in der einmal wöchentlich Themen wie "Vaskulitis", "Schrittmacher", "Wie messe ich Schläfrigkeit?" oder "Die Leber und ihre Krankheiten" vorgestellt wurden. Hier gab es dann auch die Möglichkeit, in ungezwungener Atmosphäre Fragen zu stellen.

Wo Patienten pfeifen, rasseln, brummenNach oben hoch

Meine Station behandelte schwerpunktmäßig pneumonologische Patienten. Für mich also die passende Gelegenheit zur Übung in Auskultation und Perkussion. Auch in puncto Herzgeräusche war das ganze Spektrum vertreten von der 4/6 Aortenstenose bis hin zur Trikuspidalinsuffizienz.

Aber nicht nur zum Zuhören, auch zum Zuschauen gab es viel: Ich sah mehrere Koronarangiografien sowie eine Lungenfunktionsmessung. Bei der LuFu lag mir die Frage auf der Zunge, was nur solche COPD-Patienten mit Klaustrophobie machen, wenn sie in einen Bodyplethysmografen müssen.

Als eine Patientin über Brustschmerzen klagte, hieß es endlich einmal selbst Hand anlegen: ein EKG sollte geschrieben werden - nur gut, dass ich gerade vorher noch einmal die Position der Elektroden wiederholt hatte...


Nach Feierabend und am Wochenende lädt Basel zum Verweilen einNach oben hoch

Am Abend lud der Rhein zu Spaziergängen entlang der von Straßencafes und Restaurants gesäumten Promenade ein.

Weiter rheinaufwärts war das Bild von prächtigen alten Bäumen geprägt und ließ mich so den nicht selten bis 18 Uhr dauernden Klinikalltag vergessen. In der wunderschönen Basler Innenstadt konnte ich dank gut ausgeschilderter Rundwege auf den Spuren bekannter Basler Persönlichkeiten wandeln ("Paracelsus-Rundweg") und Erasmus' Grab besichtigen. Als Zeichen der Ehre liegt er, im protestantischen Münster begraben, obwohl er ein katholischer Priester war. Unzählige Pubs, Cafés und Restaurants standen zum Treffen mit anderen UAs zur Verfügung. Einzig die Größe unserer studentischen Geldbeutel begrenzte das Vergnügen.


Immer einen Wochenendausflug wert: Der "Zolli"

Nachdem ich meinen für UAs monatlichen obligatorischen Wochenenddienst bereits in der ersten Woche hinter mich gebracht hatte, und das zweite Wochenende total verregnet gewesen war, hatte der Wettergott an Wochenende Nummer drei schließlich ein Einsehen und ich bewunderte bei strahlendem Sonnenschein den Orang-Utan-Nachwuchs, Kängurus sowie die Fütterung der Pelikane im Basler Zoo. Sämtliche Grünanlagen und Spazierwege sind dort mit besonderer Liebe hergerichtet.


Museen in Basel: Wer die Wahl hat, hat die Qual

Bei anfangs auch im September noch sommerlichen Temperaturen wurde das Wetter gegen Ende des Monats zunehmend sintflutähnlicher. An freien Tagen fiel die Wahl dann schwer zwischen Pharmazie-Museum, Musik-Museum, Tinguely Museum Moderner Kunst und der "Basler Papiermühle"... schließlich entschied ich mich für das Historische Museum.
Gerne gesehen hätte ich ja auch noch die in Tramentfernung liegende, größte Freilichtanlage der Schweiz, die Römerstadt "augusta raurica" mit unterirdischem Brunnenhaus und antiker Brotbackstube.


ResümeeNach oben hoch

Hinter mir liegen vier spannende Wochen, in denen ich vor allem gelernt habe, Patienten aufzunehmen und zu untersuchen. Außerdem konnte ich viele Krankheitsbilder der Inneren Medizin, die mir vorher nur in Lehrbuch oder Vorlesung begegnet waren, von der Diagnose über die Therapie bis zur Entlassung des Patienten in vivo kennen lernen. Insgesamt halte ich erste klinische Vorerfahrungen für eine Famulatur in der Schweiz für empfehlenswert.


 
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