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Artikel vom 31. 08. 2007

21. Sommerseminarwoche in Davos 2007

Das hat sich gewaschen!

Veronika Buschmann

AAAAHHHHHJAA!- Tief atme ich durch in der frischen Bergluft, als ich in Davos aus dem Auto steige. Wie schon letztes Jahr habe ich einen Platz für die Sommerseminarwoche in Davos ergattert. Darauf habe ich mich schon seit Wochen gefreut! Nicht nur beim Käse-Fondue lernen wir Prof. Siegenthaler besser kennen.

Übersicht


Ankunft in DavosNach oben hoch

Mittlerweile hat sich auch der Regen verzogen, der uns auf der Hinfahrt fast von der Straße gespült hätte. Ich bin nur froh, dass ich nicht selbst fahren musste - dank der im Voraus versendeten Teilnehmerliste haben sich wieder schnell Fahr- und Wohngemeinschaften gefunden. Ich habe in beidem Glück: Nach guter Landung in den Bergen erweisen sich auch meine Mitbewohner als 100% "WG-tauglich".

Die Zeit, die bis zur Seminareröffnung am Sonntagabend noch verbleibt, nutzen wir zu einer ersten Erkundungstour: Was hat sich verändert in Davos? Mein Laptopstecker passt auch dieses Jahr nicht in die Steckdose und beschert mir einen Dr.-Arbeit freien Abend, ohne dass ich ein schlechtes Gewissen haben muss. Die Lebenshaltungskosten sind nach wie vor so hoch wie unsere Spannung auf die Seminarwoche. Jedoch zeigen sich schon beim ersten Rundgang bisher unbekannte Gefahren - "Achtung, fliegende Golfbälle", verheißt ein Schild neben dem Wanderweg.


Klimawandel in DavosNach oben hoch

Wir ergreifen die Flucht und retten uns zur offiziellen Seminareröffnung. Doch auch hier werden wir mit Gefahren konfrontiert, die zwar nicht ganz neu sind, aber immer noch von zu vielen verleugnet werden: Dr. Ulrike Lohmann referiert über den Klimawandel und seine Folgen. Auch wer nur selbstgefälschten Statistiken glaubt, muss wohl akzeptieren, dass der Mensch hier einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Dass die Klimaveränderung nicht nur für touristen- und damit wetterabhängige Orte wie Davos relevant ist, ist leicht einzusehen: Obwohl ich im April gerne mit verfrühter Sommersonne um die Wette strahle, werfen die zu erwartenden Hautfalten und erst recht -tumoren ihre Schatten voraus und treiben mich in selbigen. Und dass sich Krankheitserreger über milde Winter noch mehr freuen als Frostbeulen, zeigt die Zunahme von Infektionskrankheiten wie FSME auch in den vormals kalten Monaten.


Interdisziplinäres SeminarNach oben hoch

Am Montag geht's dann richtig los. Im interdisziplinären Seminar kann ich mich selbst testen: Habe ich im PJ was gelernt? Es läuft gar nicht schlecht, im Großen und Ganzen kann ich bei den Differentialdiagnosen gut mithalten. Was ich allerdings eher meinen Auslandstertialen zuschreibe als dem Blutsaugen, zu dem wir PJler an meiner Heimat-Uni abgestellt wurden.


Jedoch erweisen sich - oh Wunder! - auch meine vom IMPP eingetrichterten "Vorurteile" als hilfreich: Stichwort "Russlanddeutscher"- "TBC!!" und "Kongo"- HIV!!"- die Verschaltung erfolgt fast unbewusst. Dennoch: In diesen beiden Fällen handelt es sich nicht um die richtige Diagnose. Offensichtlich jedoch ist derartiges Schubladendenken in der Medizin angezeigt, solange man die Schublade nicht ganz schließt. So fragt auch Prof. Siegenthaler, nachdem ein Fall mit den Worten "47jähriger Patient, Stapelfahrer" eingeleitet wurde, gleich nach für diesen Beruf typischen Erkrankungen. Da muss ich aber passen - es war dann auch AT1-Mangel, also eine Erbkrankheit.


Dermatologie- und NotfallseminarNach oben hoch

Es folgt das Derma-Seminar: Puuhhh, ich kann gar nicht hingucken! Da rollen sich mir die Zehennägel hoch, Derma ist einfach nicht mein Fach. Auch wenn es eigentlich sehr spannend ist, aber in der Beziehung sind meine Spiegelneurone überaktiv. Immerhin darf ich mich freuen: Solange ich meine Joggingrunde weiterhin brav morgens vor den Seminaren drehe, besteht noch keine wesentliche Gefahr durch Sonnenschädigung. Die ist vor allem zwischen 11 und 15 Uhr gegeben - während sich der Davoser Durchschnittstourist gerade der Bergwelt und damit der Höhensonne aussetzt. Doch für uns ist Rettung nahe: Das Notfallseminar füllt die "Mittagspause".

Leider erweist es sich selbst als behandlungsbedürftig was die Qualität angeht. Im Laufe der Woche schrumpft die Teilnehmerzahl zusehends. Dabei wäre Fortbildung in diesem Bereich dringend nötig: Laut vorgestellten Studien erfolgt bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung über 25% der Zeit keine Kompression, in fast 40% der Fälle eine zu geringe und in über 60% wird der Bewusstlose hyperventiliert.

Und was sich am nächsten Tag im EKG-Kurs an Wissenslücken bei den Kursteilnehmern - immerhin großteils langjährig tätige Hausärzte - offenbart, ist nicht gerade geeignet, mich zu beruhigen. Immerhin, soviel gibt das durchschnittliche Wissen her: Nicht das EKG behandeln, sondern den Patienten. Wenn der trotz Nulllinie im EKG recht munter mit mir redet, stimmt vielleicht doch was mit den Elektroden nicht.


Neurologie-Seminar bei Prof. MumenthalerNach oben hoch

Genaueste Patientenbeobachtung und Anamneseerhebung liegt auch dem neben Prof. Siegenthaler zweiten Grand Senieure der Seminarwoche am Herzen: Mit Spannung erwarten wir die Neuro-Vorlesung von Prof. Mumenthaler. Nachhaltig beeindruckt von dessen Auftritt im letzten Jahr habe ich dafür schon kräftig Werbung unter den anderen Studenten gemacht. Und meine Erwartungen werden erfüllt: Auf seine ganz eigene, gewitzte Art vermittelt Prof. Mumenthaler die Differentialdiagnosen neurologischer Auffälligkeiten. Gespickt mit zahlreichen Aha-Effekten beeindrucken die Vorlesungen des immerhin 82-jährigen Mumenthalers nicht nur mich. Ob "Schwimmbrillenkopfschmerz" oder J.K. Rowlings Muskelathrophien - gerade durch die Hintergrundinfos zu den Patienten behält man die Fakten besser im Gedächtnis.

Und Mumenthaler scheut sich auch nicht, die Seminarteilnehmer aus seinen eigenen Fehlern lernen zu lassen, selbst wenn der Lerneffekt sich darauf beschränken sollte, in Zukunft lieber mit Lufthansa zu fliegen als mit gewissen afrikanischen Airlines, die gerne synkopierende Piloten der Konkurrenz anheuern. Gott sei Dank wusste ich das nicht vor meinem PJ-Tertial in Südafrika; über die Dumpingflüge hatte ich mich wiederholt gefreut.


Käsefondue mit Prof. Siegenthaler - Intime InfosNach oben hoch

Im Gegensatz zu Prof. Siegenthaler ist Prof. Mumenthaler außerhalb der Vorlesungen kaum zu sehen, und so erhalte ich auch keine Gelegenheit, mir ein Autogramm für mein "Fallgruben Neuro"-Hörbuch zu besorgen. Anders Prof. Siegenthaler: Nicht nur signiert er eine ganze Wagenladung seiner "Differentialdiagnose", sondern sucht auch aktiv den Kontakt zu Seminarteilnehmern. Uns Studenten widmet er sogar einen ganzen Abend - zum original Schweizer Käsefondue geht es in ein abgelegenes Seitental. Beeindruckend nicht nur, welche Portionen des Traditionsessens in den eher schmächtigen alten Herren hineingehen, sondern auch wie offen er aus seinem Leben und besonders von der Beziehung zu seiner Frau, die ihm immer sehr nahe stand, berichtet.

Auch Prof. Blum und Dr. Moradpour, die uns begleiten, haben Interessantes aus ihrem Leben zu berichten: So wollte Dr. Moradpour an sich niemals und auf keinen Fall Innere machen, bewarb sich bei Prof. Siegenthaler lediglich für seinen PJ-Abschnitt, "um versöhnlich mit dem Fach abzuschließen und endlich mal gute Innere" zu erleben. Auch nach diesen Wochen war Dr.Moradpour noch überzeugt, Kinderchirurgie machen zu wollen und ging dafür nach New York. Nach einiger Zeit doch an seiner Wahl zweifelnd, habe er auf einem Sonntagsspaziergang gerade darüber nachgedacht, als ihm Prof. Siegenthaler entgegenkam und ihn mit den Worten begrüßte: "Und, haben Sie sich jetzt für die Innere entschieden?" - Diese Begegnung jenseits des Atlantik schien Dr. Moradpour als eindeutiger Schicksalswink.

Während seiner weiteren Ausbildung landete er dann in Freiburg bei Prof. Siegenthalers "Zögling" Prof. Blum: der Kreis schloss sich. Die "Dreiecksbeziehung" funktioniert offensichtlich hervorragend, auch wenn es im ersten Moment verwundert, wenn Prof. Blum - immerhin selbst nicht mehr ganz der Jüngste - bei seinen Vorlesungen immer noch vom ehemaligen Lehrer kritisch überwacht wird. Wie wir feststellen, ist diese Überwachung jedoch keineswegs böse gemeint. Zudem stellen wir fest, dass in anderer Beziehung die vormaligen Schüler die Kontrolle übernommen haben: Mit Argusaugen wird beim Fondue und auch an den anderen Abenden darauf geachtet, dass Prof. Siegenthaler nicht zu spät nach Hause kam.


Während ich über diesen Aspekt schmunzele, bleiben mir bei anderen Berichten über "den Prof" die Brotstücke fast im Halse stecken. Als Dr. Moradpour etwa vom Ablauf der Visite inklusive "Rasurkontrolle" erzählt, fühle ich mich sehr an meinen neurotischen Chefarzt aus Südafrika erinnert, dessen striktes Regiment so manchen PJler früher als gedacht den Heimflug antreten ließ. Und auch Prof. Siegenthaler selbst bekennt sich offen zu seinen hohen Anforderungen, offen äußert er sein Missfallen über das "Nachlassen der Arbeitsmoral" unter den heutigen Ärzten. Die Verfügbarkeit rund um die Uhr gehört für ihn - selbst kinderlos und mit einer Medizinerin verheiratet - fest zum Medizinerberuf dazu. Mit Anliegen wie Überstundenausgleich oder familienfreundlichen Arbeitszeiten kann man ihm sichtlich keine Freude machen… So bin ich doch recht froh, Prof. Siegenthaler nicht als Chef kennenzulernen, sondern mit der Seminarwoche auf wesentlich angenehmere Weise
von seinem Wissen zu profitieren.


Prof.-Siegenthaler-Award für Nachhaltigkeit in der MedizinNach oben hoch

Kritisch steht Prof. Siegenthaler dieses Jahr auch der Entscheidung des Springer- Verlages für den Träger des Prof.-Siegenthaler-Award für Nachhaltigkeit in der Medizin gegenüber: er wird nicht müde zu betonen, dass der Preis zwar seinen Namen trage, er auf das Urteil der Jury jedoch keinen Einfluss habe. Den Preisträger, Sortis, hält er zwar für ein sehr gutes Medikament - aber eben für nur einen Lipidsenker unter vielen.

Zugegeben: Auch das vor dem Essen stattfindende Symposium kann nur schwer eine Überlegenheit von Sortis gegenüber den Konkurrenten herausstellen. Aber wir wollen mit Kritik an diesem Abend lieber sparsam sein und danken dem Sortisproduzenten Pfizer für die Einladung ins 5-Sterne Hotel. Man will ja nicht kleinlich sein… Und sicher schluckt so mancher Teilnehmer das angepriesene Medikament, um nach dem Diner nicht allzu lange am aufgetischten Rinderfilet kauen zu müssen. Obwohl dieses hauchzart ist und quasi auf der Zunge zerschmilzt, dürfte der dekorierend die Teller zierende Thymian nicht bei Allen ausreichen, die Blutfette im Zaum zu halten.

Diesen "natürlichen" Fettsenker habe ich auf der Heilkräuterwanderung schätzen gelernt, mit der auch ich mich - mit nur halbschlechtem Gewissen - vor dem mittäglichen Notfallseminar gedrückt habe. Schließlich darf der Erholungsaspekt nicht zu kurz kommen; Prof. Siegenthaler selbst stellt es fast als Sünde dar, die Davoser Umgebung nicht zu erkunden.


Heilkräuterwanderung - nicht mit einer KräuterhexeNach oben hoch

Die Wanderung wird nicht, wie ich befürchtet hatte, von einer "Kräuterhexe", sondern von einer Arzthelferin geleitet - folglich kann ich mich als Schulmedizinerin zu erkennen geben, ohne mich dabei in die Brennnesseln zu setzten. Sollte man Selbiges einmal getan haben: Löwenzahnmilch draufschmieren. Macht zwar unschön gelb, aber dieser "Ikterus" lässt sich doch recht einfach beseitigen.


Sehr unterhaltsam geht es weiter; obwohl ich für die Wanderung auf das Notfallseminar verzichten muss, werden wir auch hier mit Akutintervention vertraut gemacht: Die Blasen am Fuß einer Teilnehmerin werden mit Huflattich so wirkungsvoll behandelt, dass sie ganz in Vergessenheit geraten. Sonnenbrand lässt sich wunderbar mit Ampferblättern kühlen, auch wenn wir bei diesem Selbsttest aussehen wie Krautwickel. Das Zeug kühlt so wunderbar, dass ich mir ein Büschel unters Kopftuch packe. Die Behandlung von grauem Star mit nächtlichen Scharfgarbe-Auflagen auf dem Augenlid würde jedoch, zumindest was mich angeht, gehöriges Vertrauen in den Placeboeffekt erfordern.


Freizeitangebot in Davos: Von Marathon bis RotlichtliNach oben hoch

Wem eine schlichte Wanderung nicht genug ist, der kann sich auch mit den nach und nach eintreffenden Teilnehmern des Davos-Marathon messen, der am Wochenende stattfindet. Obwohl ich seit letztem Jahr regelmäßig auf dem Heidelberger Königsstuhl unterwegs war und beim Joggen das "Grüazzi" schon ohne Kreislaufkollaps und meist sogar lächelnd herausbringe, überlasse ich die 78 (!) km des Marathons doch lieber Anderen…

Es locken zwischen Swiss Bike und Davos-Marathon auch zahlreiche weitere Angebote, und auch der Wettergott ist uns schließlich doch noch gut gesonnen. So trifft man sich auf den verschiedenen Berghütten wieder, nachdem man die Höhe je nach Wanderlaune zu Fuß oder mit einer der für uns kostenlosen Seilbahnen bezwungen hat. Die frische Bergluft genießend können wir auf den Spuren Thomas Manns wandeln, der hier zu seinem "Zauberberg" inspiriert wurde oder "Kirchners Katzen" bewundern. Wer sich lieber auch außerhalb des Seminars mit fremden Körpern beschäftigt, den locken "30 Jahre Barbie" - und evtl. auch das "Rotlichtli". Inwieweit dort jedoch außer dem Karaoke-Superstar auch Körperkontakt gesucht wird, weiß ich nicht zu berichten. Derartige Detektivspiele überlasse ich den Nachfolgern Sherlock Holmes, dessen Erfinder Conan Doyle sich ebenfalls von der Davoser Bergluft im wahrsten Sinne des Wortes inspirieren ließ.


Ob für die Brüder Grimm ähnliches galt? Tatsächlich würde ich mich nicht wundern, in der märchenhaften Umgebung freundlich von Schneewittchen und den 7 Zwergen gegrüßt zu werden. Über die in Ordenstracht nordic-walkende Nonne bin ich zwar noch überrascht, aber schon die Mutter, die gutgelaunt einen Zwillingsbuggy den holperigen Bergpfad hinaufschiebt, nehme ich als selbstverständlich hin. Zu gut ist mir noch der joggende Methusalem in Erinnerung, der mich letztes Jahr allmorgendlich auf der Strecke ließ…


Was im Gedächtnis bleibtNach oben hoch

Und was wird mir dieses Jahr im Gedächtnis bleiben? Auf jeden Fall wieder eine hochinteressante und in allen Beziehungen lehrreiche Woche. Getrübt wird die Freude lediglich von der Vorahnung, im nächsten Jahr trotz Siegenthalers Klagen über die reduzierten Arbeitszeiten in deutschen Krankenhäusern wohl keine Zeit zu finden, erneut an der Sommerwoche teilzunehmen.

Allen Anderen sei gesagt: Nutzt die Chance, solange Ihr sie habt! Mit Koryphäen wie Prof. Siegenthaler kommt man selten derart zwanglos ins Plaudern.


Sommerseminarwochen der VorjahreNach oben hoch
LinkSommerseminarwoche 2006
 
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