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Artikel vom 10. 10. 2006

Famulatur in der Hochgebirgsklinik Davos

Kinder- und Jugendlichenstation in der Schweiz, Sommer 2006

Susanne Schulze

Davos ist in jeder Hinsicht eine Reise und eine Famulatur wert. Und das nicht nur im Winter zum Ski- und Snowboardfahren. Ein Monat ist eine gute Zeitspanne, um sich in der Hochgebirgsklinik Davos intensiv mit einigen wenigen sehr speziellen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen.

Übersicht


Motivation und VorbereitungNach oben hoch

Davos: "Da, vo`s schoen ist" ist sagen die Einen. "Da, vo`s teuer ist" die Anderen. Und wenn sie das Wortspiel mit "leicht", "bergig", "sonnig", "freundlich", "angenehm" oder "stille" machten, hätten sie auch Recht. Wenn man Davos sagt, meint man Thomas Mann und den Zauberberg, Luftkurort und Wintersport, Wirtschaftsgipfel und internationale Kongresse, Lawinenforschung und Segelboote. Für irgendetwas davon muss man sich schon interessieren, sonst findet man den kleinen Ort nicht auf der Landkarte. Im Osten der Schweiz, irgendwo in den Graubündner Alpen gelegen, ist er fern der großen Städte.

Als ich im Herbst 2005 damit begann, verschiedene Schweizer Spitäler wegen einer Famulatur im Sommer 2006 anzuschreiben, musste ich erfahren, dass die meisten bereits bis 2008 ausgebucht sind. Die Absagen kamen schnell und im freundlichen Ton. Als ich schon nicht mehr daran dachte, erreichte mich die E-Mail aus der Hochgebirgsklinik in Davos, wo im August noch ein Famulaturplatz frei war. Den nahm ich sofort. Die weiteren Formalitäten waren ganz unkompliziert: Ausweiskopie und Auslandskrankenversicherung, Unterschrift und ein paar E-Mails, ein Kittel ist mitzubringen und Unterkunft und Verpflegung gibt es für 50 Schweizer Franken pro Woche, damit war schon alles geregelt.


Ankunft in den ZauberbergenNach oben hoch

Aus der Mitte Deutschlands, über Basel und Landquart, mit ICE und gemütlicher Räthischer Bahn dauert die Fahrt etwa fünfzehn Stunden. Es geht stetig bergauf. Der Weg führt am Ende ganz abenteuerlich durch Tunnel, über Brücken, hinein ins Hochgebirge. Etwas schneller und dafür vielleicht weniger erlebnisreich geht es mit dem Auto.
Die Hochgebirgsklinik liegt zwischen den Ortsteilen Davos Wolfgang und Davos Dorf, gleich in Sichtweite des tiefen und blauen Davoser Sees und ist nicht zu verfehlen. Mit nur etwas Organisationstalent erwischt man einen der Klinikbusse, die die Patienten vom Bahnhof abholen. Man spart sich (oder verpasst) auf diese Weise den ersten Weg durch den kleinen Wald und die gute Luft zur Hintertuer des Hauptgebäudes.
Als ich ankomme ist an der Rezeption viel Betrieb. Ein Vater mit seiner jungen Tochter war etwas schneller als ich und regelt gerade ihren Gepäcktransport. Als ich nach meiner Unterkunft und dem Schlüssel frage, stellt sich heraus, dass der nicht an der Rezeption hinterlegt wurde. Aber nach ein paar Anrufen und etwas Wartezeit erscheint die Frau, die die Personalwohnungen verwaltet. Sie bringt mich in mein Zimmer, in dem sich zwei Betten, ein großer Schrank, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein gemütlicher Sessel, Waschbecken und Spiegelschrank befinden. Toiletten und Dusche erreicht man über den Flur. Sie werden von allen acht bis zehn Bewohnern der Etage genutzt. Zu Kollisionen kam es in meiner Zeit trotzdem nie.

Zwischen meiner Ankunft und dem Arbeitsbeginn liegt der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, den ich nutze, um mir einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen. Noch ist es Sommer, die Gipfel sind schneefrei und die Kühe stehen auf den Almen. Zu Fuß gelange ich bequem innerhalb weniger Stunden nach Frauenkirch am anderen Ende des langgestreckten Tales. Auf dem Rückweg komme ich an schönen Bauerngehöften und Pensionen und an dem von Lärchen beschatteten Waldfriedhof vorbei. Aus einem Haus kommt ein fröhlicher junger Mann gesprungen und verteilt mit kindlicher Freude in seinem Vorgarten kleine Wimpel mit dem Motiv der Schweizer Flagge.
Die offiziellen Feierlichkeiten finden am Abend im Kurpark statt. Bei Regen versammeln sich die Davoser und ihre Gäste, um einer Blaskapelle und mehreren Reden zu lauschen. 20 Uhr läuten im ganzen Lande die Glocken. Danach singt man den Schweizer Psalm, freut sich über den Lampionumzug der Kinder. Essend und trinkend erwarten die Einwohner in gelassener Geduld auf das Feuerwerk, den Höhepunkt des ganzen Festes.


Die FamulaturNach oben hoch

Am nächsten Morgen finde ich mich im Personalbüro ein. Dort bezahle ich 250 Schweizer Franken für fünf Wochen Unterkunft und eine Schlüsselkaution von 50 Schweizer Franken. Dafür erhalte ich einen Essensausweis und ein paar Merkzettel. Anschließend lerne ich Dr. Schupp kennen, den Kinderdermatologen, bei dem ich meine Famulatur machen werde. Er zeigt mir das Haus und stellt mich dabei einigen Leuten vor. Er prüft mich freundlich, indem er mir gleich am ersten Tag zwei Aufnahmegespräche mit neu angekommenen Patienten überlässt. Meine Ergebnisse werden nachher besprochen. Fehlendes wird ergänzt und Unklarheiten werden ausgebügelt. Es wird immer auch ein bisschen Dermatologie gelehrt. Auf diese Weise arbeite ich von Anfang an recht selbständig, ohne wirklich Fehler machen zu können. Auf alle Fragen und Probleme antworten mir Ärzte und Schwestern stets freundlich und geduldig. Außerdem kann ich mir jederzeit über das Telefon ein gerechtes "Feedback" zum nächstmöglichen Zeitpunkt einholen.

Der erste Tag stellt somit ein komprimiertes Abbild der folgenden fünf Wochen dar. Neben den Patientenaufnahmen am Dienstag und Mittwoch und dem anschließenden Diktieren der Aufnahmebefunde nehme ich an den unterschiedlichen Visiten teil: Pneumologie und Dermatologie, Jugendlichenstation und Mutter-Kind-Bereich. Ich höre mir die vielfältigen Vorträge im Rahmen der Elternschulungen an: Vorträge zu allen Aspekten des kindlichen Asthmas und der Neurodermitis und einiges mehr. Ich lerne während der Allergieklinikkonferenz die internen Probleme des Hauses kennen und sehe bei Prick-Tests und Lungenfunktionsprüfungen zu. Darüber hinaus zeigt man mir die UV-Therapie und die Salbenräume. Ich besuche die Schule und die Schwimmhalle und unterhalte mich mit dem Klinikpfarrer über die Seelsorge im Krankenhaus.
Die Arbeitszeiten sind sehr angenehm. Ich bin von 8 bis 13 Uhr und zwischen 16 und 19 Uhr im Krankenhaus. Die lange Mittagspause ist gut geeignet um am See spazieren zu gehen oder darin zu baden. Alternativ kann man auch auf das Seehorn oder die Totalp wandern oder zum Flüela-Pass radeln. Und wenn man mag, kann man in dieser Zeit auch in Davos Angelegenheiten erledigen und zu Mittag essen.


Die HochgebirgsklinikNach oben hoch

Die Hochgebirgsklinik ist eine deutsche Rehabilitationseinrichtung, die sich auf Erkrankungen der Haut und der Atemwege spezialisiert hat. Die klimatischen Bedingungen sind besonders günstig für Menschen mit Asthma und atopischem Ekzem, welches denn auch die vorherrschenden Krankheitsbilder in dieser Klinik sind. Mit einigem selbstironischen Stolz wird in verschiedenen Vorträgen auf die Untersuchungen verwiesen, die zeigen, dass es in diesen Höhen keine Hausstaubmilben mehr gibt. Ein pfiffiger Knabe holt seine rote Hausstaubmilbe im Kuscheltierformat hervor und verkündet der versammelten Visite: "aber eine gibt es doch". So etwas ist vielleicht "typisch Pädiatrie", vielleicht aber auch "typisch Davos". Die Leute sind freundlich und hilfsbereit. Auf den vielen Wegen durchs Haus grüßt jeder jeden. Schnell und leicht kommt man sowohl mit den Kollegen und Eltern als auch mit den Patienten der Erwachsenenklinik ins Gespräch.

Davos hat eine lange Tradition als Kurort für Lungenerkrankungen. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden hier zahlreiche Sanatorien zur Behandlung der Tuberkulose. Eine der Patientinnen war Thomas Manns Frau. Sein Besuch bei seiner Frau lieferte die Bilder und Gedanken zum großen Roman "Der Zauberberg". Obwohl die Tuberkulose keine Rolle mehr spielt und ein Teil der Krankenhäuser schließen musste, ist noch etwas von der Atmosphäre der Kurklinik spürbar. Im Vergleich zum Akutkrankenhaus funktioniert vieles mit mehr Zeit und Komfort sowie mehr unmittelbarer Gemeinschaft zwischen Behandelnden und Behandelten. All diese Aspekte von "Reha" kann man in Davos kennen lernen. Die Erfahrungen können Anlass sein darüber nachzudenken was "Heilung" ist und was "chronische Krankheit" bedeutet. Es bietet Raum zu reflektieren, was Medizin ist und was sie tun will. Mit etwas Glück findet man jemanden, der sich auf die Gespräche einlässt.


Fazit und EmpfehlungNach oben hoch

Davos ist in jeder Hinsicht eine Reise und eine Famulatur wert. Und das nicht nur im Winter zum Ski- und Snowboardfahren. Ein Monat ist eine gute Zeitspanne, um sich intensiv mit einigen wenigen sehr speziellen Krankheitsbildern auseinander zu setzen. Man muss nicht Dermatologe werden wollen, um sich für die Neurodermitis zu interessieren. Mit Allergologie hat sowieso jedes Fach seine Berührungspunkte. In der Hochgebirgsklinik lernt man neben den Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie vor allem die Betroffenen unter sehr authentischen Umständen kennen. Man erfährt viel über ihr Leben mit der Krankheit. Sie berichten von ihren langwierigen Dialogen mit den Krankenkassen und ihren vielfältigen Versuchen, auch außerhalb der Schulmedizin Hilfe zu finden. Außerdem fühlen sich viele nach all den Jahren mit der Landschaft Davos verbunden... . Diese Geschlossenheit der Krankheitsbilder korrespondiert mit der Geschlossenheit des Klinikgeländes und seiner Bewohner. Klinik, Mitarbeiterwohnungen, Schule, Kirche, Bibliothek und Essen befinden sich an einem Ort. Eine Famulatur in Davos ist gewiss eine Lehre fürs Leben.
Daneben sind die Berge um Davos ausgezeichnet geeignet zum Wandern. Es gibt im Ort selbst und in den Nachbardörfern neben der Natur und der Schweizer Bergidylle noch viel mehr zu entdecken. Kunst, Geschichte, Sport, Wissenschaft, Botanik und Seilbahntechnik bieten viele Zerstreuungsmöglichkeiten. Wenn es zu eng wird, bieten sich Ausflüge nach Chur, Landquart nach Zürich und Bern an. Und ehe man sich's versieht, ist ein Monat auf dem Zauberberg vorbei.

Ich habe Davos als eine für mich wichtige Station erlebt und würde mich freuen, wenn mein Bericht den einen oder anderen zur Famulatur in der Hochgebirgsklinik anregt. Für weitere Informationen stehe ich gern zur Verfügung, möchte aber auch auf die Homepage der Klinik verweisen:

   Externer Link www.hochgebirgsklinik.ch

 
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