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Artikel vom 04. 01. 2005

Innere-PJ in der Schweiz 2004

Unikrankenhaus CHUV in Lausanne

Hanne Vogt

Kurzbewertung: Kein lohnenswerter PJ-Platz, da sehr schlechte Betreuung, Freizeitwert der Gegend super, aber wegen relativ langer Arbeitszeiten (8.00–18.00) selten zu nutzen…

Übersicht

Also ich kann vor einem PJ im CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois) nur warnen! Die 4 Monate, die ich dort verbracht habe, empfand ich als quälend lange Zeit. Ich war echt froh, als das Praktikum rum war!!!!


Große ErwartungenNach oben hoch

Dabei war ich hochmotiviert, als ich in Lausanne ankam. Ich hatte ein Apartment im schönen Wohnheim Cedres direkt am Genfer See ergattert (privat organisiert, da offizielle Wartelisten urlang!), hatte einen Freund in der Gegend, mit dem ich vorher schon die schöne Gegend des Wallis erkundet hatte und zudem war es noch mein erstes Tertial, auch noch in meinem Traumfach Innere! Dass man in der Schweiz soooo viel lernen sollte, war ja bekannt! Mein Französisch war nach meinem ERASMUS-Jahr auch ganz passabel…
Topbedingungen für ein super Tertial – dachte ich!


Der "nette" BeginnNach oben hoch

Dann kam der erste Tag: Wie mit Mme Bernard, der Studentenbetreuerin, abgesprochen, wurde ich auf eine allgemeine Innere Station gebracht und von ihr in die Montag-Frühbesprechung hineindirigiert. Ca 30 Ärzte saßen dort und der Chef erzählte gerade was von einer neuen Studie. Neugierig schaute ich mich um, musterte meine zukünftigen Arbeitskollegen. Dass von ihnen keiner mal nach mir schaute, hielt ich noch für scharfes Interesse am Vortrag. Als dieser zu Ende war und alle hinausstürmen wollten, sprang ich auf und stellte mich vor – und erntete max. 2 Kopfnicker.
2 Sekunden später stand ich allein im Raum!

Schnell eilte ich den davonrennenden Ärzten hinterher und hing mich an eine Oberarztähnliche Frau. Nachdem ich sie etwas mühsam auf mich aufmerksam gemacht hatte und sie fragte, ob ich nicht einem Arzt zugeteilt werden sollte, seufzte sie ziemlich vernehmlich und nahm mich scheinbar ziemlich genervt mit ins Arztzimmer, wo 6 Ärzte schon am Laborwerte abheften waren. Sie verkündete, dass eine neue Praktikantin da sei, und fragte, ob es Freiwillige gebe! Daraufhin lautes "Nö, nicht ich schon wieder", "Ich hatte doch letzte Woche schon einen", "ich bin selber erst so kurz da"….

Zu guter Letzt wurde ich dann einer im 8. Monat schwangeren Ärztin zugeteilt. Die wollte die letzten 3 Wochen ihrer Restarbeitszeit nur noch schnell hinter sich bringen (in der Schweiz gibt es keinen Mutterschutz vor der Geburt!) und hatte auch noch 2 kleine Kinder zu Hause, weswegen sie auf keinen Fall später nach Hause wollte als nötig. Verständlich, aber für mich eher ungünstig! Denn wenn ich mal Fragen stellte (bei den gähnend langweiligen 4-stündigen Visiten – wir haben bis zum Essen nichts andres gemacht!) erklärte meine Ärztin nichts mit mehr als 3 Sätzen!
Bei einer komplexeren Frage der Art: Wie wird denn jetzt so ein Myokardinfarkt Patient bei euch behandelt, wie viele Tage bleibt er da und welche Untersuchungen werden routinemäßig gemacht? Ignorierte mich meine Ärztin auch schon mal, als hätte sie mich nicht gehört!


Lustloses SystemNach oben hoch

So ging es die ganzen 2 Monate, auch die folgenden Ärzte hatten wenig Lust mir was zu erklären, lieber schimpften sie auf das Krankenhaussystem, welches sie ausbeute. Wohlgemerkt: Ärzte haben dort im schlimmsten Fall 12 Patienten, aber in der Regel 8! Also halb so viele wie in vielen Kliniken bei uns.

Fazit: Ich habe versucht mir aus einem EKG-Buch selber das erkennen von Hemiblocks… beizubringen, mein Versuch eines Arztbriefes wurde nicht mal korrigiert, zu viel Aufwand, da hat ihn die Ärztin lieber selber noch mal geschrieben! Keine Fortbildungen für Studenten, auch nicht vom Oberarzt, der wohl eigentlich dafür zuständig ist. Aber die Stationsärzte hatten selber oft Fragen an ihn und schnappten ihn sich immer, wenn er mal auftauchte.

Kurz: Meine Motivation sank auf ein jämmerliches Tief! Ich nahm die neuen Patienten auf (die Entrees) – ca 3 pro Woche, da das dortige Klientel hauptsächlich aus bettlägerigen Langzeitpatienten bestand, oder sonstigen schwer krebskranken Patienten, die oft lange blieben. Stand mir bei den Visiten die Beine in den Bauch... Und ging irgendwann immer öfter mit dem anderen deutschen PJler Kaffee trinken.


Ein kleiner LichtblickNach oben hoch

Einziger positiver Punkt: Sobald eine "Intervention" bei einem Patienten zu machen war, etwa eine Aszitespunktion oder Lumbalpunktion, durfte ich sie machen! Keine Ahnung warum hierbei eine solche Großzügigkeit herrschte, aber das habe ich immerhin mitgenommen!
Irgendwann habe ich auch angefangen eigene Patienten zu betreuen. Da wurde es etwas kurzweiliger, aber irgendwie war auch das halbherzig, wahrscheinlich auch von meiner Seite: die Ärzte haben auch dabei noch vieles selber gemacht, was sie für wichtig hielten, statt mit mir zu reden und mir dabei zu helfen, die richtigen weiteren Schritte selber zu finden! Ich hatte leider auch keinen Piepser, wodurch mir einfach vieles entging.

Einen weiteren Monat verbrachte ich noch in der Notaufnahme, wo ich die Patienten selbstständig aufnahm und die ersten Schritte (RÖ, Sono…) in die Wege leitete. Ganz spannend, aber auch hier kein wirkliches Lernen, da die Oberärzte, denen man den Fall präsentieren musste, nur schnell kapieren wollten, um was es geht, aber kein Interesse am Vermitteln von Wissen hatten!

Bei den Infektiologen im 4. Monat war es das erste Mal menschlich gesehen ein Traum, weil der kroatische Arzt und die gerade aus Kuba zurückgezogene Tessinerin sehr offen waren. Sie waren die ersten, die auch mal ein Interesse an mir hatten, mit denen ich abends weggegangen bin. Die meisten anderen Schweizer empfand ich als sehr oberflächlich und spießig.
Fachlich ist es in der Infektio etwas heikel, da die Patienten fast ausnahmslos Leukämien haben und hier nicht viel mehr zu tun war, als die Isolation zu wahren und die Fieberkurven im Auge zu behalten bzw. schnell mit Antibiotika zu kontern, sobald die schwer Immunsupprimierten einen Keim eingefangen hatten.

Zum Schluss noch eine Bekräftigung: Nach 2 Monaten kam eine Freundin von mir auf die gleiche Station wie ich und war genauso entsetzt. Ebenso wie ihre PJ-Kollegin und wie mein anderer PJler. Ein weiterer Freund war auf der Neuro im CHUV und fand's auch ganz furchtbar, weil man einfach echt verlassen dasteht.
Vielleicht lag es auch an der Station, angeblich soll es auf anderen Stationen Ärzte und Oberärzte geben, die auch mal ein interessantes Röntgenbild hinhängen und den Studenten zeigen wollen und sogar einfach von sich aus mal was erklären. Bei mir war es definitiv nicht so, ich würde kein zweites mal dorthin gehen!


Einige sonstige Fakten:

 Wohnen kann man in Schwesternwohnheimen für 450–600 Sfr also 300-400 Euro. Die billigeren sind um die 9 qm groß, haben eigene Küche und Bad, aber sind meistens schon ziemlich alt. Es lohnt sich auch in Studentenwohnheimen zu suchen, Preise dort vergleichbar.
 Das Essen in der Kantine ist gut, kostet aber auch ca. 12 Sfr (8 Euro).
 Dem gegenüber steht ein Monatslohn von ca. 700 Sfr (ca. 460 Euro).


KommentareNach oben hoch

Kommentar eines Lesers:

Ich kann Hannelore nur zustimmen. Zuviel Langeweile fuer zuwenig Geld. Das schlimmste waren für mich in Lausanne die unglaublich langen Visiten und der unglaublich geringe Lerneffekt.
Lausanne Innere im CHUV nicht empfehlenswert... hätte gerne was gelernt aber hier im CHUV nicht möglich...


Kommentar eines Lesers:

Während meines Erasmusaufenthalts in Lausanne habe ich am CHUV ähnliches erlebt. Vor allem auf der Inneren fühlte man sich wie ein im Situs vergesser Tupfer der wohl am besten von den Chirurgen entfernt werden sollte, wo die Situation übrigens auch nicht besser ist.
Der Lernerfolg war sehr gering und durch die langen Arbeitszeiten kam die Freizeit in der herrlichen Gegend zu kurz.
Danke für den ausführlichen Beitrag an Hanne. Ich bin ganz Deiner Meinung.


Kommentar einer Leserin:

Schweiz ist nicht gleich Schweiz...
Ich arbeite jetzt seit 4 Jahren in der Schweiz und habe noch nirgens von so schlechten Bedingungen gehört. In der Schweiz gibt es die Möglichkeit für alle Auszubildenden Ihre Bewertung der Klinik in eine Liste einfliessen zu lassen. Das sollte man in einem solchen Fall unbedingt tun, aber jeder Student hat auch die Möglichkeit diese Listen einzusehen...
Arbeitszeiten sind in der Regel länger, aber Stressfreier....
Nun noch Mutterschutz: ist auch vorhanden, aber nicht wie in Deutschland 8 Wochen vor Geburt und 8 Wochen danach - aber viele versuchen so viel wie möglich hinterher zu nehmen.
Also die Schweiz hat auch viele schöne Seiten - versucht es mal in Münsterlingen am Bodensee oder in Herisau...
P.S. Für Anfänger sind hier kleinere Kliniken eher zu empfehlen...


Kommentar eines Lesers:

Das hört sich ja schrecklich an. Ich bin in Genf (Genève) in der Uniklinik nun fast schon 2 Jahre und solche Verhältnisse herrschen hier nun wirklich nicht. Es wird sicherlich nicht viel "teaching" betrieben und die "Westschweizer" können auch etwas ruppig oder französisch arrogant auftreten, aber im Allgmeinen herrscht ein angenehmes Klima. Die Schwestern sind um einiges relaxter als in Germany und mit mehr Kompetenzen ausgestattet (es gibt hier ein Heer von "aides soignantes", die die Schwestern entlasten, die Schwestern legen Zugänge und nehmen Blut ab) und man darf sehr viel selber machen. Viele Ärzte werden hier für "reine" klinische Tätigkeiten eingestellet, während andere eben "nur" forschen. Andererseits hat man dafür auch gleich sehr viel mehr Verantwortung. Die Oberärzte sind aber eigentlich jederzeit erreichbar. Eine relativ strikte Umsetzung einer 50-Stunden-Woche und gute Bezahlung sind sehr angenehm und Genf eine tolle Stadt.;-) Aber auch hier kann man vielleicht Pech haben mit der Station, Abteilung oder den Kollgen. Ist mir aber noch nicht zu Ohren gekommen.


Kommentar von zwei Leserinnen:

Sehen wir ein bisschen anders... Chirurgie/Innere 05

Also, bei uns ist es glücklicherweise anders gelaufen!! Wir können das PJ Tertial im Chuv nur empfehlen! Wir beide wurden jeweils von unseren Sekretaerinnen vorgestellt und jeweils einem Assistenzarzt zugeteilt. Viszeralchirurgie ist vielleicht etwas anstrengend gewesen, da viel zu viele Ärzte auf Station und im Op waren, sodass man nicht viel zu tun hatte, aber Thorax/Gefäßchirurgie war wirklich toll! Die Arbeitstage waren zwar wirklich lang, aber die meisten Ärzte hatten immer Zeit uns etwas zu erklaeren.
Was wir gar nicht nachvollziehen können ist die Meinung über die Urgence: Wir beide haben extrem viel gelernt, haben eigenständig gearbeitet und selbst die Spezialisten, die wir zum Konsil gerufen haben, haben sich regelrecht gefreut uns Dinge beizubringen. Also: bewerbt euch in Lausanne, wir können es weiterempfehlen!


LinkBericht aus Herisau (nicht sehr positiv)
 
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