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Übersicht
| Die Bewerbung |
Bei einer Bewerbung ist zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz zu unterscheiden. In der französischen Schweiz werden die Plätze zentral von den beiden medizinischen Universitäten Genf oder Lausanne vergeben, eine Bewerbung ist also nur dort möglich. Meines Wissens können beide Unis jeweils Plätze an allen französisch-sprachigen Kliniken vergeben. In meinem Fall war die Klinik sowohl Lehrkrankenhaus der Uni Genf als auch der Uni Lausanne.
Aus meinen Erfahrungen heraus und den Erzählungen von Bekannten kann ich eine Bewerbung über die Uni Genf nur ausdrücklich empfehlen, da die Einschreibe- und Verwaltungsgebühren in Lausanne deutlich höher sind. Eine Bewerbung über die Uni Genf richtet man an das "Centre Médical Universitaire (CMU), Faculté de Médecine" (Adresse s.u.).
Der entsprechende Ausbildungsabschnitt wird dort als "année d’études à option" bezeichnet. Zurzeit ist Mme Ariane Favre für die Organisation verantwortlich, sie ist sehr nett und hilfsbereit. Auf meine allgemeine eMail-Anfrage hin wurden mir das entsprechende Formular und eine Liste der erforderlichen Unterlagen zugeschickt. Neben Lebenslauf, Abiturzeugnis, Examenszeugnissen, Hepatitis B-Impfung, Empfehlungsschreiben des Dekans (reine Formsache) war ein Sprachzeugnis nötig, das ich mir von meiner ehemaligen Schule über mehrere Jahre Unterricht, inklusive Leistungskurs, ausstellen ließ.
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In der Schweiz ist es allgemein üblich, sich sehr früh zu bewerben, sowohl für feste Stellen als auch für "stages" (PJ-Plätze). Das heißt aber nicht, dass es nicht auch anders geht, da viele Schweizer ihre Plätze kurzfristig wieder absagen oder einfach noch ausreichende Kapazitäten vorhanden sind. Die Plätze direkt an den beiden Uni-Kliniken scheinen dabei deutlich beliebter und eher vergeben zu sein als an kleineren peripheren Häusern.
Meine erste Kontaktaufnahme mit Mme Favre erfolgte etwa 7-8 Monate vor Beginn des Tertials. Ich empfand es dabei als sehr angenehm, dass sie mir mehrere Möglichkeiten anbot, ich immer genug Zeit zum Antworten hatte und das PJ-Tertial auf diese Weise in kleinen Schritten bis hin zur unterschriebenen Vereinbarung immer konkreter wurde. Es war für mich sehr hilfreich, nicht sofort zu- oder absagen zu müssen, da ich noch mitten in Examensvorbereitung und der Planung des PJ steckte, oft mehrere Anfragen unterwegs waren und so immer wieder einige Entscheidungen anstanden.
Wer sich auf diese Weise bewirbt, ist für die Dauer des "stage" als Student an der Uni Genf eingeschrieben, was anscheinend auch für die Anerkennung bei einigen Landesprüfungsämtern in Deutschland erforderlich ist. Die Einschreibegebühren liegen bei ca. 60 CHF (ca. 40 EUR), die vorab überwiesen werden müssen. Wenn möglich, sollte man das über Bekannte mit einem Konto in der Schweiz abwickeln, da von Deutschland aus Überweisungsgebühren von ca. 25 EUR anfallen.
| Die Formalitäten |
Als "stagiaire-médecin" erhält man in der Regel einen Arbeitsvertrag und bekommt auch ein geringes Gehalt. Die Bezahlung kann dabei von Kanton zu Kanton oder auch in den einzelnen Krankenhäusern recht unterschiedlich ausfallen. In meinem Fall erhielt ich pro Monat ein Brutto-Gehalt von ca. 750 CHF. Nach Abzug von Steuern, Sozialversicherungen und Unterkunft (250 CHF, s.u.) blieb ein Netto-Gehalt von ca. 400 CHF übrig.

In der Schweiz kann man das PJ in der Regel nur für ganze Kalendermonate ableisten. Da man vertraglich gebunden ist, wollte ich nicht versuchen, daran etwas zu ändern. Durch Freizeitausgleich, den ich mir in meinem ersten Tertial mit Nacht- und Wochenenddiensten erarbeitet hatte, konnte ich schon vor dem deutschen Tertial-Wechsel in der Schweiz beginnen. Meinen Urlaub, der mir offiziell in der Schweiz zustand, sammelte ich bis zum Schluss, um wieder entsprechend früh das dritte Tertial anfangen zu können. Die Bescheinigungen ließ ich mir von allen Häusern nur für die offiziell nötigen 16 Wochen innerhalb der vorgegebenen Termine ausstellen, um Problemen mit dem Prüfungsamt aus dem Weg zu gehen.
Die nötigen Schritte, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, wurden vom Krankenhaus begonnen. Vor Ort musste ich mich noch offiziell anmelden, 60 CHF zahlen, Passbilder besorgen, meinen Arbeitsvertrag vorlegen, um nach einiger Zeit einen "Ausländer-Ausweis" zu erhalten, der einen berechtigt, für ein Jahr in der Schweiz zu arbeiten.
Da meine Krankenversicherung auch alle Leistungen im Ausland übernimmt, musste ich in Deutschland keine zusätzliche Versicherung abschließen. In der Schweiz hätte man mich aber gerne pflichtversichert und so war ich bis eine Woche vor meiner Abreise aus der Schweiz damit beschäftigt, die entsprechenden Stellen mit immer neuen Formularen letztendlich erfolgreich davon zu überzeugen, dass ich ausreichend versichert bin.
Eine Berufshaftpflichtversicherung wurde nicht ausdrücklich gefordert, ist aber sicherlich sehr sinnvoll. Wer Mitglied im Marburger Bund wird, erhält eine kostenlose PJ-Haftpflichtversicherung, die auch im Ausland gültig ist und so hohe Deckungssummen hat, dass sie auch für ein Tertial in den USA ausgereicht hätte. Die Mitgliedschaft im Marburger Bund ist als Student kostenlos, die Versicherung selbst läuft über die DBV-Winterthur, Versicherungsbestätigungen können in verschiedenen Sprachen angefordert werden.
| Die Anreise |
Die Anreise per Zug wäre mit zwei- bis dreimaligem Umsteigen bis Vevey problemlos möglich gewesen. Mir stand ein Auto zur Verfügung, worüber ich sehr froh war: Sowohl An- und Abreise mit meinem gesamten Gepäck, als auch Ausflüge und Besorgungen vor Ort ließen sich so sicherlich viel bequemer und flexibler bewerkstelligen. Die Jahres-Vignette für die Schweizer Autobahnen kostet 27,- EUR. Das Bahnnetz in der Schweiz ist prinzipiell gut aus-gebaut.
| Die Unterkunft |
Eine Unterkunft konnte mir relativ problemlos vom Krankenhaus gestellt werden: Am Standort Samaritain gibt es kein Personalwohnheim, in unmittelbarer Nähe befindet sich aber eine Schule für Krankenpflege mit einem entsprechenden Wohntrakt. In dieser Schule mietet das Krankenhaus Zimmer an, wobei die Zimmer relativ klein, aber hell und ordentlich sind. Waschbecken und kleiner Kühlschrank befinden sich im Zimmer; Dusche, WC, Küche und Fernsehraum teilen sich die Bewohner eines Stockwerks, es gibt ein Telefon für das ganze Haus und Waschmaschinen. Das Zimmer kostete 250 CHF pro Monat.
Da die angemieteten Zimmer nebeneinander lagen, wohnte ich zeitweise mit anderen PJ-Studenten (meistens noch ein/e Deutsche/r), Famulanten oder Assistenzärzten auf einem Gang. Dabei entwickelte sich unter uns ein sehr angenehmes und freundschaftliches Zu-sammenleben.
Wie ich auch aus den Erzählungen von anderen erfuhr, scheint es bei kleineren, peripheren Krankenhäusern oft problemloser möglich zu sein, ein Zimmer über das Haus zu bekommen, wohingegen die Uni-Kliniken in Genf oder Lausanne oft keine Zimmer anbieten können.
| Die Anerkennung |
Da es sich um ein offizielles Lehrkrankenhaus einer Universität handelte, war die Anerkennung beim Prüfungsamt in Würzburg kein Problem. Auch in dem Krankenhaus-Adresskatalog des Landesprüfungsamtes Nordrhein-Westfalen, der vom Prüfungsamt Würzburg gelegentlich als Referenz angegeben wird, ist das Haus enthalten. Ich war für diese Zeit offiziell als Student der Universität Genf immatrikuliert, was anscheinend auch von einigen Landesprüfungsämtern für eine Anerkennung des Tertials erforderlich ist.
| Die Literatur |
Ein Buch, das in keiner Kitteltasche der französischen Schweiz fehlt, ist der „SURF, guide médical thérapeutique“ von Philippe Furger. Es handelt sich dabei um eine hervorragende und ganz konkrete Hilfe für den ärztlichen Alltag und ist eine Sammlung von Diagnosekriterien, Entscheidungshilfen, Algorithmen, Scores, Therapieschemata und Dosierungen, die sich jeweils auf hochwertige und aktuelle Publikationen stützen.
Das Buch lässt sich dort in den Buchhandlungen kaufen oder bestellen und kostet ca. 60 CHF. Inzwischen gibt es diesen Band (Innere quick) und einen speziellen Notfall-Band (Innere quick - Notfall) auch in deutscher Übersetzung im Thieme-Verlag. Auf dem deutschen Markt gab es meines Wissens bisher keine Bücher, die für die Praxis so konkret und hilfreich waren wie diese.
Während meines Aufenthaltes in der Schweiz konnte ich mich ebenfalls anfreunden mit dem „Oxford Handbook of Clinical Medicine“, das in Englisch verfasst und sehr gut ist, manchmal aber etwas zur Sprachverwirrung beigetragen hat.
Ein Medikamentenverzeichnis für die Kitteltasche gibt es in der Schweiz ebenfalls zu kaufen, allerdings kann einem das sehr handliche, deutsche „Arzneimittel Pocket“ aus dem Börm-Bruckmeier-Verlag auch oft gute Dienste erweisen, da immer mehr Arzneimittel unter einem international gültigen Handelsnamen auf dem Markt sind.
Als Hilfe bei einem Aufenthalt im französischsprachigen Ausland dient sicherlich „Le français médical“ von Ulrike Stömmer aus dem Thieme Verlag. Hilfreich fand ich das leider etwas knappe Wörterbuch am Ende des Buches und die Angaben im Kapitel zur Anamneseerhebung. Es passt prinzipiell auch gut in die Kitteltasche, die enthaltenen Texte zu den einzelnen Fächern erschienen mir aber oft wenig nützlich, da es umständlich ist, dort nach passenden Vokabeln zu suchen, die im Wörterbuch am Ende nicht enthalten sind.
Ein richtiges „Medizinisches Wörterbuch“ wie z.B. von D. W. Unseld, medpharm scientific publishers, bietet natürlich einen wesentlich größeren Wortschatz, ist aber auch unhandlicher und teurer (ca. 70 CHF), die gelegentlich hilfreiche Lautschrift fehlt. Ein besseres, vergleichbares Produkt konnte ich leider nicht finden.
Der einzige Reiseführer, den ich speziell für diese Region gefunden habe, ist im Müller-Verlag erschienen: „Genferseeregion“ von Barbara Reiter und Michael Wistuba. Er ist gut gemacht und enthält Informationen, die in allgemeinen Reiseführern über die Schweiz weniger detailliert dargestellt sind.
Allgemeine Reiseführer über die Schweiz gibt es ausreichend, ganz unterhaltsam zu lesen ist auch die „Gebrauchsanweisung für die Schweiz“ von Thomas Küng, Piper-Verlag.
| Die Sprache |
Die offizielle Sprache der "Suisse romande" ist Französisch. So wie die gesamte Schweiz ist besonders die Region um den Genfer See von einer gewissen Internationalität und Menschen anderer Muttersprachen geprägt. Das Verständnis für Probleme und Unsicherheiten mit der Sprache ist daher sehr viel höher als ich es beispielsweise in Frankreich erlebt habe. Jeder Schweizer dort lernt Deutsch in der Schule, sprechen kann es allerdings kaum jemand, manche können Deutsch aber ansatzweise verstehen.
Gerade am Anfang entsteht so durch die sprachliche Komponente eine zusätzliche Unsicherheit. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich kann man sich zunächst nicht so spontan an Gesprächen beteiligen, wie man es sonst in seiner Muttersprache gewohnt ist. Bei Tischgesprächen oder bei der Visite ist man anfangs so sehr damit beschäftigt, dem Geschehen überhaupt zu folgen, dass es nur sehr schwer fällt, sich auch noch aktiv zu beteiligen. Im Umgang mit Patienten wurde mir einerseits bewusst, wie wichtig Sprache ist, um ein entsprechendes Verhältnis aufzubauen. Andererseits konnte ich gerade dort merken, wie wichtig die allgemeine Grundhaltung den Patienten gegenüber und die nonverbale Kommunikation sind, und wie sensibel sie von Patienten aufgenommen werden.
Sprachlich besonders profitieren konnte ich durch den privaten Umgang und die Freundschaften, die sich mit Muttersprachlern ergaben. Gerade das Zusammenleben im Wohnheim war in dieser Hinsicht sehr bereichernd. Auf diesem Weg konnte ich auch etwas Einblick in das Leben der Studenten und Assistenten dort bekommen. Da es meistens noch einen weiteren deutschen ‚stagiaire’ gab und auch eine Reihe von Assistenzärzten aus Deutschland stammten, war es mir auch immer wieder möglich, mich auf Deutsch zu unterhalten und auszutauschen.
| Das Krankenhaus |
Das Hôpital Riviera besteht aus vier Gebäuden an vier Standorten (Samaritain/Vevey, Provi-dence/Vevey, Montreux, Mottex/Blonay), die vor einiger Zeit miteinander fusioniert sind und in räumlicher Nähe im Kanton Vaud am Nord-Ost-Ufer des Genfer Sees liegen.
Nach dem in der Schweiz üblichen Klassifizierungssystem wird das gesamte Hôpital Riviera mit seinen vier Standorten in die zweite Kategorie hinter den Universitätskliniken eingestuft, es umfasst insgesamt 277 Betten der Akutversorgung und 75 Rehabilitations-Betten. Das Hôpital Riviera ist sowohl Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Universität Lausanne als auch der Universität Genf. An den Standorten Mottex und Providence/Vevey gibt es nur noch Reha-Betten, in Montreux ist die Chirurgie mit weiteren chirurgischen Disziplinen untergebracht.

Ich habe die gesamten vier Monate in der Inneren Medizin am Standort Samaritain in Vevey gearbeitet. Dort gibt es neben der Innere Medizin die Fachrichtungen Pädiatrie, Gynäkologie/Geburtshilfe und HNO, sowie Radiologie, die Notfallambulanz und eine Intensiv-Station. Zur Abteilung der Inneren Medizin gehören dabei zwei normale Stationen mit jeweils 15 Betten, eine Privatstation mit maximal 15 Betten, eine Tages-/Wochenstation mit bis zu 10 Betten, die Intensivstation mit 6 Betten und die Ambulanz.
Die Innere Medizin ist dort nicht spezialisiert, so dass das Spektrum der behandelten Fälle relativ breit ist, häufige Krankheitsbilder häufig, und seltene selten sind. Eine Situation, die ich im Ausbildungsabschnitt des PJ als wesentlich sinnvoller und lehrreicher erachte, anstatt direkt in einem sehr eingeengten Blickwinkel die spezialisierten Untergruppen einer Fachdisziplin zu betrachten. Da anscheinend die Versorgungsstruktur, die unserem kassenärztlichen Notdienst entspricht, nicht so gut ausgebaut ist, nimmt die Ambulanz im Krankenhaus eine wichtige Rolle für die Breitenversorgung der kleinen und eher allgemeinmedizinischen Fälle ein.
Die Abteilung für Innere Medizin wird von drei gleichberechtigten Chefärzten geleitet, eine Situation, die in Deutschland nur schwer vorstellbar erscheint. Im klinischen Alltag nehmen die Chefärzte die Rolle ein, die in Deutschland erfahrenen Oberärzten entspricht. Die klassische Oberarzt-Rolle gibt es nicht, stattdessen gibt es "chefs de clinique" oder "chefs de clinique adjoints", bei denen es sich um erfahrene Ärzte handelt, die bereits ihren Facharzt gemacht haben oder kurz vor der Facharztprüfung stehen. Sie sind dementsprechend den Assistenten noch etwas näher und daher auch besser ansprechbar und verfügbar. Eine Stufe tiefer befinden sich die Assistenzärzte in verschiedenen Lehrjahren, die, ebenso wie inzwischen in Deutschland, direkt nach dem Studium als Assistenten beginnen.
Die Abteilung für Innere Medizin war prinzipiell nicht spezialisiert, für alle speziellen Fragestellungen wurden niedergelassene Fachärzte zu Rate gezogen, die für das Haus als "consultant", also konsiliarisch arbeiteten. Untersuchungen wie Echokardiographie, Gastroskopie, Endoskopie, EEG, Gefäß-Doppler wurden von diesen Fachärzten dann im Krankenhaus durchgeführt. Somit ergab sich in meinen Augen eine sehr viel engere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung als in Deutschland und ein niedergelassener Kollege wurde fachlich ganz sicher nicht geringer geschätzt, sondern als Fachmann betrachtet, den man um Rat fragt.
| Die Arbeit |
In der Inneren Medizin arbeiten in der Regel vier "médecin-stagiaires", von denen zu meiner Zeit immer zwei aus Deutschland kamen. Es ist dabei üblich, dass die "stagiaires" in Blöcken von jeweils vier Wochen im Haus rotieren. Die Schweizer Studenten bleiben insgesamt nur die erforderlichen drei Monate in der Inneren Medizin. So ergab es sich für mich, dass ich jeweils einen Monat auf den beiden normalen Stationen verbrachte, einen Monat auf der Privat-Station und den letzten Monat in der Ambulanz.
Der Arbeitstag begann um 8 Uhr und endete für uns offiziell um 18 Uhr, die Mittagspause war mit insgesamt 1,5 Stunden recht lang. Pro Monat standen uns 2 Tage Urlaub zu, Studientage wie in Deutschland gab es nicht. Es wurde von uns "stagiaires" erwartet, dass wir auch Wochenend- und Spätdienste machten: Jeweils einmal pro Woche einen Spätdienst, d.h. nach dem normalen Tag bis 23 Uhr, wofür man einen halben Tag Ausgleich erhielt. Jeweils einmal im Monat einen Wochenenddienst, d.h. Samstag und Sonntag mit je 12 Stunden, wofür es insgesamt zwei Tage Ausgleich gab. Die Dienste verbrachten wir dabei in der Ambulanz und unterstützten dort den Dienst habenden Kollegen.
Da ich in den ersten drei Monaten auf den Stationen arbeitete, konnte ich durch die Dienste die Arbeit in der Ambulanz bereits kennen lernen, bevor ich in meinem letzten Monat den ganzen Tag dort arbeitete.
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Der Tag auf den normalen Stationen begann mit einer orientierenden Runde, anschließend setzten sich die Assistenten normalerweise zu einem kurzen Kaffee zusammen. Ab 9 Uhr fand die Visite statt, die zweimal in der Woche von einem "chef de clinique" begleitet wurde. Wie in der Inneren Medizin üblich, erstreckte sich die Visite über den ganzen Vormittag, um 11.30 Uhr traf man sich dann zum "colloque", an dem alle Ärzte, "stagiaires" und Chefärzte teilnahmen. Von den Assistenten wurden dort noch ungeklärte Fragen zu einzelnen Patienten gestellt und in der Runde diskutiert.
Anschließend fand ein bis zweimal pro Woche eine Fortbildung statt, zu der oft ein als "consultant" arbeitender Facharzt als Referent eingeladen wurde. Die Ausrichtung war dabei immer sehr praktisch, an der klinischen Versorgung und dem Informationsbedarf der Assistenten in den ersten Berufsjahren orientiert. Nach dem gemeinsamen Mittagessen schloss sich dann eine längere Mittagspause an, die man unterschiedlich nutzen konnte. Am Nachmittag wurde die normale Stationsarbeit erledigt, um 17 Uhr traf man sich nochmals zur radiologischen Besprechung. Der Arbeitstag endete offiziell um 18 Uhr, es konnte jedoch auch leicht später werden.Auf den Stationen war es üblich, dass man als "stagiaire" seine eigenen ein bis drei Patienten übernahm, für die man sich um Vorbefunde, Medikamenten-Anordnungen, Untersuchungs-Anforderungen, aktuelle Befunde, Telefonate, tägliche Dokumentation und auch den Entlassungsbrief kümmerte.
Das alles natürlich immer in Rücksprache und unter Kontrolle, doch die Impulse durften dabei schon von einem selbst kommen. Das war eine Rolle, mit der ich mich anfangs sicherlich noch etwas überfordert fühlte. Einerseits stellten sich Fragen und Aufgaben, mit denen ich so bisher noch nie konfrontiert worden war, andererseits erleichtert es die Fremdsprache eben nicht, Telefonate zu führen, Befunde telefonisch zu erfragen, Untersuchungen anzumelden und am Patientenbett die Visite zu machen. Da gestaltete es sich nun ganz unterschiedlich, wie gut die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den einzelnen Kollegen auf Station klappte. So gab es Phasen, in denen ich mit meiner Rolle auf Station eher unzufrieden war und wiederum andere Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, mich sinnvoll einbringen zu können. Freunde von mir hatten es in der Schweiz erlebt, dass sie zeitweise eine ganze Station alleine regeln mussten. Das war bei mir allerdings nie der Fall gewesen.
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an der Rettungswagen-Anfahrt |
Der Tag in der Ambulanz begann mit einer Übergabe durch den Nachtdienst. Nach dem ebenfalls kurzen Kaffee kümmerte man sich den ganzen Tag um die Patienten die dort eintrafen. Am Mittagessen beteiligte man sich, Mittagspause und Teilnahme am "colloque" mussten meist ausfallen, da man die Patienten, die man zu betreuen hatte, schlecht warten lassen konnte.
Einerseits nahm die Ambulanz eine wichtige Rolle für die Breitenversorgung ein: D.h. auch Patienten mit Rückenschmerzen, Mittelohr- oder Blasenentzündung stellten sich dort ambulant vor und wurden versorgt. Andererseits war die Ambulanz die Anlaufstelle für alle Notfallpatienten und Patienten zur stationären Aufnahme, die durch Notarzt, Rettungsdienst oder auch geplant das Krankenhaus aufsuchten. Dort wurde dann die Erstversorgung, Diagnostik und Entscheidung über weiteres Vorgehen durchgeführt.Während meines Monats in der Ambulanz nutzte ich, so wie bereits in Deutschland, mit Begeisterung die Möglichkeit, den Notarzt bei Einsätzen zu begleiten. Das war für "stagiaires" bisher dort nicht so üblich gewesen, doch mit meiner Erfahrung und Rettungssanitäter-Ausbildung wurde es mir relativ problemlos (Kleidung, Piepser…) ermöglicht. Der Notarzt wird von diesem Krankenhaus permanent gestellt, das Fahrzeug ist am Haus stationiert. Das Versorgungsgebiet umfasst ein Stück des Ufers sowie das Hinterland, ist eher ländlich geprägt und hat nur ein geringes Einsatzaufkommen. Daher habe ich in dieser Zeit auch nur eine überschaubare Zahl an Einsätzen erlebt, die dafür teilweise aber umso eindrücklicher und einprägsamer waren: U.a. zwei Tauchunfälle, wobei es in einem Fall zu einer Reanimation in einem kleinem Boot auf dem See kam, bei denen wir jeweils auf spektakuläre Weise Unterstützung aus der Luft durch die in der Schweiz hervorragend geschulte und trainierte Rettungsflugwacht (REGA) erhielten. Es hat Spaß gemacht und war für mich sehr interessant, dieses Notarzt-System, boden- und luftgebunden, und die Zusammenarbeit mit dem sehr gut ausgebildeten nicht-ärztlichen Rettungsdienstpersonal kennen zu lernen.
Nur für uns "stagiaires" bot einer der Chefärzte einmal pro Woche ein "colloque" von ca. einer Stunde Dauer an: Einer von uns bereitete dafür einen klinischen Fall von Station vor und wir diskutierten dann gemeinsam mit ihm über diesen Patienten. Zusätzlich war immer noch etwas Zeit um allgemeine Fragen zu klären. Für alle Ärzte in der Inneren wurde im "Journal-Club", einmal pro Woche, von einem Assistenten eine aktuelle medizinische Veröffentlichung präsentiert. Das Bemühen um Fortbildung war also sicherlich recht ausgeprägt und immer an aktuellen Erkenntnissen und Veröffentlichungen ausgerichtet.
| Das Leben |
Die gesamte Region rund um den Genfer See ist landschaftlich sehr schön und kann einem eine sehr hohe Lebensqualität bieten. Insgesamt waren es oft lange Arbeitstage im Krankenhaus, ein Tag hatte daher nur wenig freie Zeit. Bei mir blieb meist das Bedürfnis zurück, mehr Zeit für die Gegend und die Freizeit im Allgemeinen zu haben. Der Freizeitausgleich für Wochenend- und Spätdienste machte es aber möglich, auch in der Woche mal einen freien Tag zu nehmen oder ein Wochenende zu verlängern. Für mich stellte es auch eine Entschädigung für Vieles dar, wenn ich nach einem langen Tag abends noch in den See springen konnte.
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Vevey ist eine kleine Stadt mit ca. 15.000 Einwohnern, liegt direkt am Nord-Ost-Ufer des Genfer Sees, zwischen Montreux und Lausanne, und hinterlässt einen etwas größeren Eindruck als man es rein von der Einwohnerzahl erwarten würde. Die Uferpromenade ist sehr schön und erstreckt sich bis in den nächsten Ort, die kleine Altstadt ist sehr gepflegt und hat Atmosphäre. Gerade in den Sommermonaten gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, von Oldtimer-Treffen über Nationalfeiertag bis zum Triathlon, die einen recht lebendigen Eindruck der Stadt vermitteln.
Es gibt zwei Kinos, im Sommer auch open-air, ein Theater und einige Museen. Charly Chaplin und seine Nachkommen lebten viele Jahre in Vevey, Le Corbusier baute für seine Mutter eine „Villa“ am Ortsrand, der aus Schwaben ausgewanderte Heinrich Nestle erfand dort das Milchpulver und legte damit den Grundstein für den Nestlé-Konzern, dessen Weltkonzernzentrale sich immer noch in Vevey befindet. Große Strände wird man vergeblich suchen, doch es findet sich eine Reihe von schönen Badeplätzen, um im See zu schwimmen.
Montreux ist nicht weit entfernt, eher touristisch geprägt, lässt aber teilweise doch noch einen gewissen Charme alter Zeiten verspüren.
Lausanne, als nächste Universitätsstadt, ist mit Auto und Zug ca. 20 min entfernt. Auch wenn ich zunächst nur etwas schwer Zugang zu dieser Stadt gefunden habe, handelt es sich doch um eine recht studentische und lebhafte Stadt mit zahlreichen lohnenswerten Museen.
Genf, am westlichen Ende des Sees, ist mit Auto und Zug ca. eine Stunde entfernt. Mit 400.000 Einwohnern ist Genf gar nicht so groß ist, hinterlässt aber durch Eleganz und Internationalität den gewissen Eindruck einer Weltstadt. Diese Stadt, mit ihrem edlen und internationalen Flair, fand ich immer sehr anziehend und war relativ oft dort. Die schöne Altstadt liegt etwas erhöht, von der Promenade hat man Blick auf den Mont Blanc, an der "Rive droite" gibt es schöne Parks, in den "Bains de Paquis" kann man mit Blick auf die Stadt im See schwimmen.
Für Bergtouren in allen Längen und Schwierigkeitsstufen ist die Region rund um den Genfer See ebenfalls ein hervorragender Ausgangspunkt. Am Nordufer gibt es einige kleinere Gipfel, von denen man teilweise schon einen schönen Blick auf den See hat, das französische Südufer steigt sehr viel steiler an. Die längste Tour führte uns zu dritt am Südufer des Sees mit einer Hütten-Übernachtung von Frankreich wieder zurück in die Schweiz.
Rund um den See gibt es noch zahlreiche schöne Ausflugsziele, die sich vor allem mit dem Auto gut erreichen lassen: Eine Fahrt entlang des französischen Südufers, über Evian und Yvoire, vermittelt wieder einen ganz neuen landschaftlichen Eindruck des Sees. Yvoire ist eine sehr schöne mittelalterliche Stadt, die sich auch von der Schweiz aus mit einem Schau-felraddampfer erreichen lässt. Auch weitere Touren nach Frankreich sind gut möglich: Von Genf aus kann man Lyon, zweitgrößte Stadt Frankreichs in 1,5 Stunden erreichen.
| Das Praktische |
Das Leben in der Schweiz ist sehr teuer, die Region um den Genfer See ist innerhalb der Schweiz nochmals besonders teuer. Daher kann man auch das Gehalt nicht wirklich als Verdienst sondern nur als teilweisen Ausgleich für die hohen Lebenshaltungskosten ansehen.
Ein kostenloses Bank-Konto kann man als Student sicherlich bei mehreren Banken abschließen, ich habe mir relativ problemlos ein Konto bei der Post eingerichtet. Mit Studentenausweis, Personalausweis und Angabe einer festen Adresse erhält man ein kostenloses Konto und eine Karte, mit der man Geld abheben und an sehr vielen Stellen in der Schweiz bargeldlos bezahlen kann. Für eine online-Kontoführung zahlt man einen geringen monatlichen Betrag. Auslandsüberweisungen in die oder aus der Schweiz sind sehr teuer (20 bis 25 Euro) und sollten sich irgendwie vermeiden lassen.
Da ich keinen direkten Festnetzanschluss hatte, kaufte ich von einem Kollegen eine Schweizer prepaid Mobilfunkkarte beim Anbieter Swisscom, was sich für mich als gut und nützlich erwiesen hat. Ein Handy wird in der Schweiz als "Natel" bezeichnet, in Anlehnung an den Tarif der Swisscom. Eine praktische Übersicht mit Preisen und Funktionen der einzelnen Anbieter gibt es auch auf Deutsch unter
Swisscom ist vergleichsweise teuer hat aber ein sehr gutes Netz.
| Das Fazit |
Es war für mich eine ausgefüllte Zeit, oft auch anstrengend, aber mit sehr vielen schönen und interessanten Erlebnissen und Eindrücken. Es gab sicherlich Phasen, in denen ich mich unwohl fühlte, mir das Leben dort zu anstrengend und ich mit dem Tag im Krankenhaus und meiner Rolle auf Station unzufrieden war, und der sprachliche Reibungsverlust die Sache nicht einfacher machte. Insgesamt bleibt aber sowohl persönlich als auch fachlich ein sehr positiver Eindruck zurück. Es war in jeder Hinsicht bereichernd und ich würde es jederzeit wieder so machen!
Es ist Unsinn zu glauben, bei einem PJ-Tertial im Ausland wäre automatisch alles viel besser als in Deutschland. Fachlich gesehen sind für ein PJ-Tertial wahrscheinlich zwei Dinge entscheidend: Einerseits die strukturellen Gegebenheiten, d.h. die Rolle, die man als Student dort üblicherweise einnimmt. Andererseits die persönliche Komponente, d.h. die Kollegen, an die man gerät und mit denen man dort zusammenarbeitet, was sich eben sehr schlecht planen und voraussehen lässt.
Strukturell werden Studenten in der Schweiz sicherlich eher in den klinischen Alltag eingebunden als in Deutschland und in ihrer Rolle auch schon etwas höher angesehen. Dazu gehört es, dass Studenten bereits eher eigene Aufgaben übernehmen und teilweise eigenverantwortlicher arbeiten können. Insgesamt habe ich mich immer willkommen gefühlt, sowohl von ärztlicher Seite aber gerade auch vom Pflegepersonal.
Die Überlegung, gerade auch wegen der Fremdsprache die ganzen vier Monate an einem Ort und Krankenhaus zu bleiben, war für mich sicherlich richtig. Auch nach zwei Monaten hätte ich bereits einige Erfahrungen und Eindrücke mitnehmen können, doch nach vier Monaten stellt sich doch noch ein ganz anderes Gefühl der sprachlichen und fachlichen Sicherheit ein, das befriedigend sein kann.
Die Tatsache, dass die Kittel nur kurze Ärmel hatten und man aus vielen Patientenzimmern einen schönen Blick auf Berge und See hatte, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man viel arbeitet und viel Zeit im Krankenhaus verbringt. Dafür hatte ich aber immer den Eindruck, dass man sich den Tag etwas angenehmer und stressfreier gestaltet, als es vielleicht in Deutschland manchmal der Fall ist. Dazu gehören eben auch die sozialen Rituale wie das Mittagessen oder der gemeinsame Kaffee auf der Terrasse in der Sonne.
Die französische Schweiz ist von der Mentalität und Lebensweise sicherlich immer noch Schweiz und nicht Frankreich. Gerade in dieser landschaftlich schönen Gegend bleibt oft der Eindruck einer sehr ordentlichen und heilen Welt zurück. Der französische Einfluss ist aber groß und die Westschweiz unterscheidet sich daher in vielerlei Hinsicht deutlich von der deutschen Schweiz. Es war für mich ganz sicher kein Nachteil, nicht in Frankreich gewesen zu sein.
Ich hoffe, mit diesem Bericht allen, die sich mit der Idee eines PJ-Tertials im Ausland beschäftigen, einerseits einen allgemeinen Eindruck über ein Tertial in der französischen Schweiz und andererseits ganz konkrete Informationen zu meinem Aufenthalt in dieser Klinik gegeben zu haben. Ich kann jedem nur raten, ein solches Auslands-Tertial zu machen und die Überlegungen und Planungen dafür auf sich zu nehmen.
| Anhang: Adressen |
Für die Bewerbung an der Université de Genève:
Das Krankenhaus:
Eine Liste aller Schweizer Krankenhäuser findet sich unter:
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