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| Aufwärmphase |
Doch die Vorfreude ist nicht ungetrübt: Ich absolviere gerade mein PJ-Wahltertial, das mir entgegen aller Befürchtungen sehr gut gefällt. Was wird mein Betreuer dazu sagen, dass ich mich für eine Woche in die Schweiz verabschiede? Schnell ist jedoch geklärt: Von dieser Seite gibt es keine Probleme - ich muss nicht einmal von meinen Fehltagen zehren, sondern kann das Seminar als Studienzeit deklarieren. Angesichts des Programms ist das auch nicht unberechtigt: Früh um 8.30 geht es los, abends um 19h ist die letzen Veranstaltung zu Ende. Na dann wird wohl nicht viel Zeit bleiben, die Davoser Berge und die gute Luft zu genießen…?
Aber darüber kann ich mir vor Ort noch genug Sorgen machen. Erstmal heißt es: Hinfahrt und Unterkunft organisieren. Dank der Liste der Teilnehmer sind per Email schnell eine Mitfahrgelegenheit und WG-Mitbewohner für eine Ferienwohnung gefunden; angesichts der 45 Franken, die in Davos schon die Jugendherberge kostet, die günstigste und sicher auch unterhaltsamste Wohnmöglichkeit.
| "Grüatz'i miteinan'd!" |
Entspannt lehne ich mich auf der Rückbank des Fiesta zurück, der tatsächlich das gesamte Gepäck von vier Studenten fasst. Die nächste Herausforderung besteht darin, Mittagshitze und Stau zu umgehen, wobei uns trotz des Starts zu unchristlicher Stunde nur Letzteres glückt.
Am Ziel angelangt können wir eine "Diagnose" sofort stellen: Eine schönere Umgebung bietet ein Kongress wohl selten. Ein Bach plätschert vor unserem Balkon, die Wiesen sind sattgrün und lassen glückliche Kühe vermuten und auch das Bergpanorama lädt zum Wandern ein. Die Motivation, knallhart das Seminar durchzuziehen, schwindet rapide…
Sonntag, die Sommersonne scheint durchs Fenster, Urlaubsfeeling macht sich breit…
Bis zum Beginn des Seminars haben wir noch genug Zeit, die ersten nicht-geistigen Gipfel zu erstürmen und bemühen uns, das Klischee "deutscher Tourist" zu erfüllen: auch in Flip-Flops lässt es sich wandern.
Nachdem wir uns einen ersten Überblick verschafft haben, wollen wir uns ansehen, wozu wir offiziell in Davos sind. Ob Prof. Siegenthaler so nett ist, wie er mir beschrieben wurde? Am Rednerpult steht ein kleiner Mann, der so gar nicht abgefahren wirkt oder so, als würde er in fernen akademischen Sphären schweben. Tatsächlich, er ist es! In seiner Ansprache begrüßt er uns Studenten sogar gesondert, bittet uns , anschließend, im Foyer auf ihn zu warten. Nachdem sich verschiedene hohe Tiere die Ehre gegeben haben, genießen wir unseren ersten Aperol mit dem Professor, der uns mitteilt, wo und wann wir uns mit ihm zum legendären Fondueessen treffen. Außerdem mahnt er uns gleich prophylaktisch zur Pünktlichkeit bei den Seminaren… Also doch kein Wandern und am-See-Liegen…?
| Volle Kraft voraus! |
Hoch motiviert und sehr gespannt erwarte ich, was uns wohl geboten wird. Das Internistische Seminar scheint schon mal sehr lohnend: Verschiedene Krankheitsbilder aus der Praxis werden erläutert. Ich bin erstaunt, wie viel ich aus den Fächern, die mir nach einem Freisemester und dem PJ-Beginn nicht mehr so ganz gegenwärtig sind, doch noch weiß. Aber ich bin auch erschrocken, was ich alles nicht weiß. Und ich soll in 3 Wochen ins Innere-Tertial starten?
Anschließend "Akute Infektionen": Will ich immer noch nach Südafrika? So ganz nett sehen die Rickettsien nicht aus…
Die Motivation des ersten Tages wird noch genutzt, den Notfallkurs zu besuchen, der netterweise nur an einem Tag stattfindet. Wir bekommen die neuesten Richtlinien zur Reanimation vorgestellt und erproben anhand einer mit dem PC verbundenen Puppe unser Können. Dabei stellt sich das Maskenbeatmen als echte Herausforderung dar, ich hatte das gar nicht so kompliziert in Erinnerung! Das hatte doch damals immer geklappt…? Der Kursleiter hat wohl Recht, da hilft nur "üben, üben, üben": Sogar das Notfallteam hat anfangs Schwierigkeiten.
Für den Abend haben wir uns zum Grillen am See verabredet. Nun gilt es also schnell noch ein paar Sachen einzukaufen und den - hier oben doch etwas kühleren - Sommerabend genießen.
| Kampf der "fitten Alten" gegen das Teufelchen |
Am nächsten Morgen starte ich mit der Kraft der guten Bergluft eine morgendliche Joggingrunde und rechne es selbiger Luft zu, dass ich von mehreren fitten Senioren überholt werde, die mich nett anlachen und im Gegensatz zu mir genug Luft haben, um mir ein kräftiges "Grüatzi" zuzurufen…
Doch nicht nur auf den Wanderwegen, auch in der Kongresshalle tummeln sich die "fitten Alten" und zeigen uns Jungen, dass sie keineswegs den Bezug zur aktuellen Medizin verloren haben. "HIV? Bei einem 80jährigen nach Thailandreise? Sextourismus hin oder her, aber ist das nicht weit hergeholt?", denke ich noch, als wir nach Differenzialdiagnosen gefragt werden und ein doch etwas älterer Kongressteilnehmer seinen Verdacht äußert. "Der will sich wohl besonders modern geben", moniert mein inneres Teufelchen. Angesichts der Lösung des Falls bleiben diesem aber weitere kluge Kommentare im Hals stecken. Merke: Auch 80jährige können noch "Risikoverhalten" zeigen!
Davon müssen wir uns erstmal erholen und gönnen uns eine Auszeit am Davoser See. Umgeben von fast mediterraner Atmosphäre kann ich mich sogar aufraffen, meinen Ken Follet in der Tasche zu lassen und statt dessen die Fortbildungen aus der Medical Tribune zu lesen, die wir mit den Kongressunterlagen bekommen haben.
| Käsefondue mit Prof. Siegenthaler |
Nach weiteren Vorträgen steht am Abend eine weiteres Highlight der Woche an: Käsefondue mit Prof. Siegenthaler! Doch nicht nur er gibt uns die Ehre, auch die Mitorganisatoren Prof. Blum aus Freiburg und Prof. Mompadour sind ebenso wie zwei Assistenten dabei.
Prof. Siegenthaler, immerhin 83 Jährchen alt, hatte selbst noch vor 3 Monaten nach komplizierter Krankheitsgeschichte schließlich eine Hüft-TEP bekommen und war gesundheitlich schwer angeschlagen - doch ein weiteres Mal bekommen wir eine Demonstration der kurativen Wirkung der Davoser Luft: Nicht nur Appetit des Professors ist als sehr gesund zu bezeichnen, auch geistig ist er absolut auf der Höhe. Sehr eindrucksvoll erzählt er von seiner Laufbahn, die ihn über viele Stationen u.a. in der Schweiz, Deutschland und den USA schließlich wieder nach Zürich führte. Mobil zu sein, das wünscht er sich auch von den heutigen Medizinern. Ihm selbst war und ist die Unterstützung und der enge Kontakt zu Studenten ein großes Anliegen, das wird an diesem Abend deutlich. Gar nicht arrogant wirkt er, will im Gegenteil mit seinen Erfolgen zeigen, was man erreichen kann, wenn man genug Fleiß und Motivation aufbringt - und einen guten Mentor findet. Seine zentrale Botschaft an uns Studenten: Er spricht sich sehr für die Unterstützung des Nachwuchses aus. Aber dieser muss auch zeigen, dass er es wert ist. Eine 42h-Woche, von den Ärzten in Deutschland hart erkämpft, lehnt er strikt ab, die Schweizer 55h-Woche ist für ihn das Mindeste. Und das als rein klinische Tätigkeit. Möchte jemand forschen, muss dies danach Zeit finden. Ein weiteres Anliegen von Prof. Siegenthaler: Man soll wissen, was man will, wobei er die rein klinische Tätigkeit gegenüber der Forschung keinesfalls als minderwertig ansieht.
Sehr beeindruckt bin ich auch von dem tiefen Respekt, mit dem alle von der vor 12 Jahren verstorbenen Gattin von Prof. Siegenthaler reden. Prof. Siegenthaler selbst erzählt an diesem Abend viel von ihrem gemeinsamen Leben, deutlich zu spüren ist die tiefe Bindung zwischen den beiden. Die gemeinsame Zeit nutzte das Ehepaar neben der eigenen medizinischen Tätigkeit immer auch zur Förderung des studentischen Nachwuchses, auf Kosten eigener Kinder: Ihre Familie waren für sie die Patienten. Diese durften sich dementsprechend als "ganzer Mensch" mit eigener Geschichte angenommen wissen. Die heute viel zu häufige Registrierung als "die Galle in Zimmer 5" wäre wohl undenkbar gewesen. Überhaupt bedauert Prof. Siegenthaler die heutige Spezialisierung der Ärzte sehr. Ihm ist es ein Anliegen, dass jeder Internist den gesamte Patienten im Blick behält, statt ihn bei Beschwerden über Herzstolpern abzuweisen, weil er sich als Gastroenterologe nicht zuständig fühlt.
Insgesamt ein angenehmer, inspirierender Abend, der mir nochmals einen deutlichen Motivationsschub gibt. Voller Enthusiasmus erwarte ich also den nächsten Tag.
| Das weitere Programm |
Der Vormittag findet auf schon gewohnt lehrreichem Niveau statt. Um für die Veranstaltungen am Nachmittag wider fit zu sein, veranstalten wir ein "Höhentraining" und nehmen den "Panorama-Höhenweg" in Angriff. Der Weg hat den Namen zu Recht, tief unter uns glitzert der Davoser See in der Sonne, wir blicken über das ganze Tal. Hoffentlich behalte ich auch bei den folgenden Vorträgen den Überblick!
Derartig mit Frischluft gedopt bin ich bereit für ein weiteres Highlight des Seminars: Den Neurologievortrag hält heute Prof. Mumenthaler. Ich werde nicht enttäuscht. Was ich über neurologische Notfälle zu hören bekomme, ist lehrreich und nützlich für alle Zuhörer. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung am nächsten Tag! Aber bis dahin erstmal entspannen. Die Jungs haben gekocht, ich bin mal gespannt.
Am nächsten Morgen habe ich gottlob keine Symptome einer Lebensmittelvergiftung, im Gegenteil: Die frische Bergluft befähigt auch mich zu ungeahnten Höhenflügen. Ich weite meine morgendliche Joggingrunde spontan ein bisschen aus; inzwischen kann auch ich meinem Joggingflirt ein "Morgen" zurufen, ohne in akute Atemnot zu geraten. Mehr ist aber nicht drin. Bis ich mit meiner Morgenbekanntschaft mithalten kann, der trotz seiner sicher 70 Jahre seit 15 Jahren den Davoser Alpinmarathon mitläuft, müsste ich noch einige Wochen hier bleiben.
| Walther Siegenthaler MMV-Award 2006 |
Am Abend dann die mit Spannung erwartete Verleihung des "Walther Siegenthaler MMV-Award 2006", den solche Medikamente erhalten, die nachhaltig in der Medizin von Bedeutung waren und immer noch sind, unter anderem wurde etwa Aspirin damit ausgezeichnet. Heute Abend werden Vertreter der Firma Roche den Award für ihr Produkt MARCOUMAR entgegennehmen. Was uns alle jedoch noch mehr lockt als das wissenschaftliche Symposium zur Blutgerinnung, das die Vortragsreihe des heutigern Tages erweitert, ist der Rahmen des Event-Hotels Belvedere, 5 Sterne, mit anschließendem Dinner. Ich habe doch gar nichts schickes zum Anziehen dabei! Ob ich überhaupt reingelassen werde? Wenn nicht, komme ich zum nächsten Weltwirtschaftstreffen, um als Gegendemonstrant die Ungerechtigkeit der Welt anzuklagen.
Doch meine Befürchtungen erweisen sich als unbegründet, wenn auch ein Schild darauf hinweist, dass ein Jackett zum Essen erwünscht ist. Doch der schicke Kongressteilnehmer, der stets mit Anzug, Krawatte und Laptop in der Reihe vor uns sitzt, kommt in einer Art Schlafanzug daher - da kann ich ja nicht allzu sehr danebenliegen mit meinem Auftreten.
Der Abend gestaltet sich dann auch sehr interessant, trotz der späten Stunde lerne ich noch Neues - so wurde die gerinnungshemmende Wirkung der Cumarine eher zufällig entdeckt: In Nordamerika starben in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auffällig viele Kühe nach dem Verzehr verfaulten Süßklees an schwersten Blutungen: die Geburtsstunde von Marcoumar.
Nach dem langen Seminartag und der abendlichen Vortragszugabe wird unsere Geduld schließlich belohnt: Das anschließende Festdinner lässt keine Wünsche offen, weder gustatorisch noch was das Ambiente angeht! Doch auf die Dauer wird es fast unheimlich, wenn der Kellner schon vor mir registriert, dass mein Glas leer ist.
| Freitag: Der Endspurt! |
Während sich unser "Training" dem Ende nähert, rücken im Kongreßzentrum schon die Anwärter für den Alpinmarathon an, der am Wochenende stattfindet. Im Gegensatz zu der geballten Ladung Fitness, die sich damit breitmacht, wirken meine Mitbewohner doch eher etwas erschlagen. Dabei gibt sicher nicht nur der gestrige Abend, sondern auch die Flut an Informationen, die die Woche gebracht hat, noch einiges zu verdauen.
Mit Chlamydien bei HIV wird im heutigen Seminar die Brücke zum Beginn der Woche geschlagen, wenn auch diesmal ohne Reisen mit entsprechendem Risikoverhalten. Und auch der eindrucksvolle Fall von FSME macht klar, dass auch in Mitteleuropa niemand vor unschönen Infektionen gefeit ist. Da kann ich dann ja beruhigt meine Koffer packen und für mein Chirurgie-Tertial nach Südafrika fliegen. Doch zunächst heißt es Abschied nehmen von der guten Schweizer Bergluft.
Mein Fazit nach einer sehr lehrreichen Seminarwoche: Ich habe nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich meinen Horizont erweitern können und nehme ein riesiges Bündel Motivation für das Erklimmen weiterer Berge in meiner medizinischen Laufbahn mit. Wir sind uns alle einig: "Isch gua´t t´schi, od´r? Tipptopp!"
Und nächstes Jahr wieder die gleiche WG!
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