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Zuletzt geändert am 21. 04. 2005

Vom Käse und seinen Löchern

Als AiP in der Schweiz

Autor ist der Redaktion bekannt

Der Schweizer Käse – bekannt durch seine Reichhaltigkeit, Würze und durch das Bergidyll, das damit ebenfalls verkauft wird – beinhaltet auch die aus dem Reifungsprozess stammenden kohlendioxidreichen Bereiche: die Löcher. Diese Löcher sind selten Gegenstand der Betrachtung, da sie nur Nebenprodukt der Käseherstellung sind.

Übersicht

Wie dem auch sei, ich möchte nachfolgend über den Käse und auch die Löcher im Bereich der medizinischen Ausbildung als Assistent und Unterassistent in der Schweiz, in Appenzell Ausserhoden (Herisau) und des Berner Oberlandes, ein Wort verlieren.


Der KäseNach oben hoch

Zuerst lernte ich die Schweizer Ausbildung zum Mediziner als Unterassistent in Frutigen im Fach Chirurgie kennen und war begeistert. Als Unterassistent war ich oft erste Assistenz bei Operationen. Zudem wurde ich in der Ambulanz gut eingearbeitet und eingewiesen, so dass ich bald selbständig Patienten behandeln durfte.
Außerdem wurde darauf Wert gelegt, einen Soft-Cast-Verband anlegen und eigenständig kleine Wundversorgungen durchzuführen zu können. Bei freundlichen, respektvollen Chefärzten in einem vorbildlichen Team auf Station wurde somit eine hohe Arbeitsbelastung gerne akzeptiert. Abends trafen sich Unterassistenten öfters mit den deutschen und schweizer Assistenten bei Käse und Wein, um den Arbeitstag ausklingen zu lassen. Rundum eine tolle Zeit, bei der ich auch die wunderschöne Bergwelt erkunden konnte. Durch diesen Start war ich durchweg optimistisch, eine gute Ausbildung zum Chirurgen/Orthopäden im Käseländle erhalten zu können.

Daher bewarb ich mich auf eine Assistenz in der Chirurgie in der Schweiz. Aus familiären Gründen wünschte ich mir etwas mehr Grenznähe und stellte mich deshalb in Herisau vor. Der freundliche Chef und sein leitender Oberarzt warben im Vorstellungsgespräch damit, dass Assistenten der Chirurgie im ersten Jahr auf jeden Fall dazu angeleitet würden, kleinere Eingriffe (Appendizitis, Hernien, Abszesse) selbständig durchzuführen. Zudem würden Assistenten in interdisziplinäres Notfallteam eingeteilt und könnten dabei weitere Erfahrungen auch außerhalb der Chirurgie sammeln. Eine Weiterbildungsberechtigung für 1 ½ bis 2 Jahre würde vorliegen, weshalb auch eine längere Verweildauer erwünscht sei. Auch ein Gespräch mit einem Altassistenten vor Ort ließen keine Zweifel an diesen Angaben für mich aufkommen.


Die LöcherNach oben hoch

Nach einem guten Start, d.h. nach 2 Tagen Einarbeitung war ich zuständig für eine Station mit 12 -16 Patienten in einem Kollegium mit 5 weiteren Assistenten verteilt auf 5 Stationsbereiche. Nach den ersten drei Monaten begann ich jedoch die Situation vor Ort etwas skeptischer zu beurteilen. Was war von dem Käse geblieben, oder in welchem Loch steckte ich gerade?

Erstaunlicherweise wurden Assistenten nahezu monatlich auf den Stationen gewechselt, wodurch eine Kontinuität in der Zusammenarbeit mit den Stationsschwestern unmöglich gemacht wurde. Auch eine Begabung in der Dienstplanung durfte vermisst werden, da oft zum ersten eines Monats Dienste, Stationseinteilung, Urlaub und Fortbildungen für denselben Monat bekannt gegeben wurden.

Besonders ungemütlich mündete dies für eine meiner Kolleginnen an einem Freitag im Abendrapport, in dem Sie unangekündigt für eine Woche in Kompensation (Überstundenausgleich) geschickt wurde, obwohl sie schon längst um Planung ihrer Überzeit gebeten hatte, um auch gewisse soziale Kontakte zu arrangieren. Sie wurde jedoch immer mit dem Hinweis, dass Sie derzeit nicht abkömmlich sei, vertröstet.

Oh, ich erwähnte Überstunden, Überstunden wurden vorbildlich durch eine elektronische Zeiterfassung festgehalten. Dabei galt zu beachten, dass die Regelarbeitszeit 50 Wochenstunden betrug, die Arbeitsbelastung wöchentlich bei 65-70 Stunden lag. Dabei artikulierte der leitende Oberarzt mehrfach, sich doch früher auszustempeln, um diese Zeiten nicht zu erfassen, und im gleichen Zuge wünschte er sich mehr Engagement für das Spital in der Überzeitkompensation.
Doch wie kam dieses Überzeitvolumen zustande? Gründe dafür liegen darin, dass Statistiken bis zu 4fach von den Assistenten manuell erfasst werden sollten – natürlich nur zur gegenseitigen Kontrolle der Daten. Zudem wurde nahezu keinerlei medizinisch selbstständiges Handeln geduldet, geschweige denn gefördert.
Vielmehr ging es darum, immer parat nach einer bisweilen deutlichen Wartezeit - oft auch beim Patienten - die Anordnungen des leitenden Oberarztes entgegenzunehmen, dann schriftlich festzuhalten und die entsprechenden Formulare auszufüllen - unabhängig ob es um einen Routinethorax oder postoperative Kontrolle ging, die Hände waren immer an die konkrete Weisung des Oberarztes gebunden. Die Weisung selbst jedoch fand auch durchaus den Weg über die Schwestern oder auch ganz ein einem vorbei statt. Dies konnte dann auf der nächsten Visite der Anlass für eine wüste Beschimpfung des Assistenten vor dem Patienten bedeuten.

Nun, eigentlich sind das noch nicht unbedingt ungewöhnliche Ineffizienzen in einem Gesundheitsbetrieb und es würden sicher noch viele weitere erwähnt werden können.


"…wie eine deutsche Eiche"Nach oben hoch

Einzigartig wurde die Situation in Herisau dadurch, dass all diese Ineffizienzen mit einer beispiellosen Feindlichkeit gegenüber Deutschen verknüpft wurde. Nicht nur dass ein Stationsarzt vor Patienten beschuldigt und beschimpft wurde, unabhängig von der Sachlage, sondern auch die Offenbarung, dass deutsche Assistenten hier absichtlich willkürlich in Urlaub und Diensten, wie Stationseinteilung, geplant wurden.

Diese Feindlichkeit gipfelte zum Beispiel in einer Bemerkung des Oberarztes während einer Operation zu einem Assistenten mit "dass er still seinen Haken und seine Klappe zu halten habe wie eine deutsche Eiche".

Leider wurde auch in jeder Fortbildung für Hausärzte der Region die deutsche Medizin als schlechtes Beispiel herangezogen. Ich muss zugeben, obwohl ich im Nahen Osten, Kanada und Großbritannien gearbeitet habe, dass mir eine solche Feindlichkeit gegenüber Deutschen bisher unbekannt war und ich mich vor einem reaktiven Patriotismus meinerseits zu fürchten begann.

Doch wie passt dies in das idyllische Bild eines Schweizer oder besser Appenzeller Spitals?
Bei Recherchen stellten die Assistenten in Herisau fest, dass bei der jährlichen Evaluation chirurgischer Abteilungen in der Schweiz durch Assistenzärzte unser Spital den vorletzten Rang inne hatte – wohl zu recht. Diese war bis vor kurzem unter

   Externer Link www.fmh.ch

online zugänglich wurde jedoch auf Bitten einiger Chefärzte vorerst vom Netz genommen.

CAVE! Zudem stellte sich heraus, dass die Weiterbildungsberechtigung im Spital Herisau von zwei Jahren auf ein Jahr gekürzt wurde. Neuen Kandidaten wird im Vorstellungsgespräch jedoch immer noch der alte Stand mitgeteilt.


ResümeeNach oben hoch

Auch in der Schweiz sei eine Überprüfung auf Löcher unter der Oberfläche dringend empfohlen.


Aber was blieb – oder warum bin ich ein Jahr dort geblieben?

Trotz vermehrter diplomatischer Bemühungen aller Assistenten trat keine Veränderung ein, weshalb Mitte 2004 fünf von sechs Assistenten das Spital verließen. Für meine Weiterbildung im Fach Chirurgie profitiere ich durch Erfahrung, die ich als Stationsarzt gesammelt habe. Ich habe als Anwärter des Facharztes für Chirurgie lediglich fünf (!) Operationen eigenständig durchführen dürfen.

Was sich wirklich nützlich zeigte, waren die vier Monate auf der interdisziplinären Intensiv- und Notfallstation. Dort habe ich viele wertvolle Erfahrungen in der Behandlung gängiger medizinischer Krankheitsbilder (Herzinfarkt, Schlaganfall, unklares Abdomen) erworben. Nicht zuletzt wurde dort – im Gegensatz zur chirurgischen Abteilung – ein Klima gepflegt, welches zu selbständigen, differentialdiagnostischen Arbeiten motivierte unter Einhaltung des gegenseitigen Respekts unter Leitung der medizinischen Chefärzte.

Abschließend möchte ich hiermit jedem ernsthaft an der chirurgischen Ausbildung interessierten Assistenten von diesem Spital abraten. Auch wenn ich dort mehr als in Deutschland verdient habe, war es das Geld nicht Wert. Möchte jemand allgemeinmedizinische Erfahrung sammeln, möge er sich besser in der medizinischen Abteilung dort bewerben oder unter Inkaufnahme der Zeit in der chirurgischen Abteilung, die Periode in die Notfall- Intensivabteilung nutzen lernen.

 
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