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| Wie kommt man an eine Famulatur in der Schweiz? |
Wenn man in der Schweiz ein PJ-Tertial oder eine Famulatur verbringen möchte, muss man sich entweder Jahre im Voraus oder sehr kurzfristig bewerben - in der Hoffnung, dass Plätze durch Absagen frei geworden sind.
Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, was super geklappt hat. Meine Bewerbung für eine Stelle in der Orthopädie im Februar/März habe ich im November losgeschickt.
Die Anfrage und später auch die Bewerbung waren unkompliziert per Email möglich. Ich musste nie lange auf eine Antwort warten und konnte alles, von der Studienbescheinigung bis hin zur Zimmersuche, bequem vom heimischen PC erledigen.
Da es in der Schweiz offiziell keine Famulaturen gibt, sollte man vorher schon einmal famuliert haben und eher in den höheren Semestern der Klinik studieren.
In der Schweiz bewirbt man sich einfach um eine Unterassistentenstelle. Unterassistenten, oder auch UHUs, sind alle Schweizer Medizinstudenten im letzten oder vorletzten Studienjahr. Damit entspricht die Stelle ungefähr dem deutschen PJ.

Foto: Christian Klein
| Die Zimmersuche - schnell und unkompliziert |
Zusammen mit der Zusage zur Stelle als Unterassistent bekam ich von der Klinik gleich einige Email-Adressen für Unterkünfte in Walenstadt. Da die Zimmer im Personalwohnheim schon belegt waren, habe ich mich für ein ehemaliges Schwesternwohnheim entschieden, das jetzt in privater Hand ist.
Für 350 SFR im Monat bekam ich ein möbliertes 16 m²-Zimmer in einem Wohnheim direkt neben dem Spital. Wie in den meisten Personalwohnheimen in der Schweiz handelte es sich auch hier um ein Zimmer im 80er-Jahre-Stil mit einem Waschbecken. Die Duschen und das WC befanden sich auf dem Flur. Außerdem gab es noch einen Aufenthaltsraum und eine Küche, die vom gesamten Wohnheim genutzt werden konnten.
Auch wenn die Einrichtung vielleicht nicht aus dem neuesten IKEA-Katalog stammte, reichte die Unterkunft für die Zeit des Aufenthalts vollkommen aus. Abends gab es oft UHU-Treffen im Aufenthaltsraum mit gemeinsamem Spaghetti-Essen.

Foto: Christian Klein
| Der erste Tag - eine Umstellung im Vergleich zu Deutschland |
Der erste Arbeitstag begann mit dem Morgenrapport. Jeden Morgen um 7:30 Uhr trafen sich alle Ärzte zur Besprechung der letzten Röntgenbilder und der Aufnahmen der Nacht.
Nach einer sehr netten Begrüßung standen die obligatorischen Behördengänge ins Personalbüro, in die Wäscherei und der Besuch beim Betriebsarzt auf dem Programm. Kurz darauf wurde ich mit einem Telefon und einer ID-Karte ausgestattet und ein PJler zeigte mir das Spital.
Gewöhnungsbedürftig war, dass sich alle geduzt haben - vom Unterassistenten bis zum Chefarzt , was die Atmosphäre viel entspannter machte. Viele Themen wurden beim Kaffee besprochen und ich fühlte mich als Student nicht wie ein Fremdkörper. Auf Fragen bekam ich gerne ausschweifende Antworten und die Ärzte erkundigten sich mehrfach, wie es mir denn auf der Station gefiel.

Foto: Christian Klein
| Die Arbeit auf der Station |
Das Spital Walenstadt ist zwar nur ein kleines Krankenhaus mit rund 140 Betten. Es sind aber viele Fachrichtungen vertreten. Neben chirurgischen und medizinischen (internistischen) Stationen gibt es eine Orthopädie, eine Gynäkologie, eine Dialysestation und eine kleine Intensivstation.
Da die Orthopädie in Walenstadt einen hervorragenden Ruf hat, wurden Patienten aus einem großen Einzugsgebiet versorgt.
Ein sehr breites Spektrum an Eingriffen gestaltete die Arbeit sehr abwechslungsreich.
Neben Hüft- und Knieendoprothesen wurden auch Schulterprothesen eingesetzt. Zusätzlich konnte ich mir Kreuzbandplastiken, Meniskektomien, Eingriffe an der Rotatorenmanschette oder Hallux-Operationen ansehen. Durch die Nähe zu den Skipisten kamen noch viele Frakturen und Verstauchungen, sowie Patellarsehnendurchtrennungen dazu.
Neben der Assistenz im Operationssaal gehörte zu meinen täglichen Aufgaben die Aufnahme, Untersuchung und Aufklärung der Patienten. Nach Rücksprache mit den Stationsärzten durfte ich Röntgen- und Physiotherapieverordnungen erstellen, Medikamente verordnen und Rezepte schreiben. Auch das Verfassen von Entlassungs- und Verlegungsberichten gehörte zum Stationsalltag.
Wann immer Fragen auftraten, bekam ich bereitwillige Antworten, egal ob auf der Station, im Operationssaal oder in der Notaufnahme.

Foto: Christian Klein
| Lange Arbeitszeiten |
Bei dieser netten Atmosphäre war es auch nicht weiter schlimm, dass ich als UHU meist zehn bis zwölf Stunden pro Tag im Spital war.
Die Schweizer Ärzte haben Arbeitsverträge von 55 Stunden pro Woche. Das klingt zunächst viel, bedeutet aber auch, dass die ganze Arbeitszeit bezahlt wird. In Deutschland sind die meisten Ärzte zwar auf 40 Wochenstunden angestellt, arbeiten aber meist trotzdem bedeutend länger. Oft wird dabei die Mehrarbeit in deutschen Kliniken nicht vergütet, so war jedenfalls der Tenor der deutschen Ärzte, die jetzt in der Schweiz arbeiten.
Interessant ist auch, dass die Spitalsärzte in der Schweiz am Anfang ihrer Karriere nur 20 Tage Urlaub im Jahr haben. Dazu kommen aber noch Kompensationen nach Nacht- und Pickettdiensten. Der Nachtarzt arbeitet immer eine Woche durch - jeweils von 20:00 Uhr bis 8:00 Uhr, bekommt danach aber eine ganze Woche frei. Durch diese Kompensationsdienste kommen die Ärzte dann doch auf 9 Wochen Freizeit im Jahr.

Foto: Christian Klein
| Pickett-Dienste - immer ein Erlebnis |
Auch als Student hat man die Möglichkeit, Pickett-Dienste zu leisten. Das bedeutet, dass man nach seinem regulären Dienst einen Pieper und ein Not-Telefon bekommt. Sobald eine dringende Operation ansteht, bei der die Chirurgen Hilfe brauchen oder wenn die Notaufnahme sehr voll ist, wird man angepiept und muss in kurzer Zeit in die Klinik kommen. Es kann aber auch sein, dass kein Anruf kommt und dass man durchschlafen kann.
Für drei Pickettdienste in der Woche bekam ich in Walenstadt einen Tag frei, für den Pickett-Dienst von Freitagabend bis Montagfrüh gab es zwei freie Tage.
Die Pickett-Dienste waren besonders interessant, wenn es in der Notaufnahme viel zu erledigen gab. Da dort Patienten aller Fachrichtungen untersucht wurden, war für viel Abwechslung gesorgt. Ich durfte weitgehend selbständig die Patienten untersuchen und zusammen mit dem Notfallarzt die weitere Diagnostik und Therapie erarbeiten.

Foto: Christian Klein
| Freizeitausgleich - garantiert ohne Langeweile |
Als Lohn für die Pikettdienste bekam man einen Tag in der Woche frei. An Wochentagen waren die Skipisten in der Regel nicht so überfüllt. Da man mit der ID-Karte vom Spital zusätzlich Rabatt bekam, war für sportliche Ertüchtigung gesorgt.
Neben Wintersport eignet sich die Schweiz auch hervorragend zum Wandern, Bergsteigen und Fahrradfahren.
Die großen Städte wie Bern, Basel und Zürich sind ebenfalls eine Reise wert. Überall kann man noch alte Häuser, kleine Gassen mit Cafés und viele Sehenswürdigkeiten finden.
Auch nach Feierabend war für ein breites Freizeitprogramm gesorgt. Wir UHUs und die Mitarbeiter des Spitals gingen regelmäßig zusammen weg. So waren wir abends gemeinsam beim Bowling, im Lokal oder beim Picknick. An einem anderen Abend hat ein Assistenzarzt bei sich zu Hause für 18 Leute gekocht, während einen Tag später zusammen im Spital ein Filmabend über den Beamer veranstaltet wurde.
Diese gemeinschaftlichen Aktionen verstärkten das gute Arbeitsklima und rundeten eine sehr schöne Famulatur ab.

Foto: Christian Klein
| Walenstadt - ich komme wieder! |
Christian Klein studiert Medizin und ist Via medici online-Lokalredakteur für Rostock
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