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| Beeindruckendes Wiedersehen |
Auf dem Weg nach Arusha, wo ich meine zweite Famulatur in einem staatlichen Krankenhaus geplant hatte, begegnete ich, wie es das Schicksal wohl wollte, beim Verlassen der Fähre von Bukoba und Mwanza wieder dem italienischen Missionar. Er trug einen Jungen auf dem Rücken, der, wie mir der Missionar erzählte, vor wenigen Wochen bei einem Motorradunfall beide Beine und einen Arm verloren hatte. Die Szene berührte mich sehr. Keiner der vielen Menschen kam ihm zur Hilfe, dem weißen kleinen Mann, der geschultert einen schwarzen Jungen ohne Beine und mit nur einem Arm zum Prothesenmacher trug. Ich bewundere Menschen, die eine solche Kraft aufbringen, nur um anderen Menschen zu helfen.

(Foto: Natalie Linsenmaier)
| Unterschiede zwischen Stadt und Land |
Nach einer Woche Pause und einem traumhaftem Strandurlaub auf Sansibar im indischen Ozean trat ich also meine zweite Famulatur im Mt Meru Hospital in Arusha an, einem der größten staatlichen Krankenhäuser in einer der größten Städte Tansanias.
In zwei zeitlich direkt aufeinander folgenden Famulaturen in einem staatlichen städtischen und einem ländlichen missionarischen Krankenhaus kommt man nicht umhin Vergleiche anzustellen. Gleich war, dass ich von Anfang an Verantwortung übertragen bekam und voll in das Team eingebunden wurde. Ich durfte kleine OPs selbstständig durchführen und bei Größeren assistieren. Auf alle Fragen bekam ich eine geduldige Antwort und ich habe mich durchweg gut aufgehoben gefühlt. Doch auch Unterschiede sind zu bemerken.
Was mir am meisten auffiel, war, dass es den staatlichen Krankenhäusern weniger an Personal, dafür mehr an Ausstattung mangelte, was in dem Missionskrankenhaus in Ndolage eher umgekehrt gewesen war. Kamen in Ndolage auf über 1 Million Menschen neun Ärzte, aber zwei elektrische OP Tische , 2 Koagulatoren und 2 elektrische Absaugpumpen, so gab es in Mt. Meru Hospital weder einen elektrischen OP Tisch noch Absauggeräte oder elektrische Gefäßkoagulatoren. Dafür arbeiteten aber alleine in der chirurgischen Abteilung 6-8 Ärzte.
Was sich auch deutlich bemerkbar machte, war der Unterschied Land-Stadt. Im Mt Meru traf ich auf weitaus mehr Verkehrsopfer, Opfer von Bandenkriegen mit Messerstichen zwischen den Rippen und im Oberschenkel oder auch schlimm zugerichtete niedergeknüppelte und mit Benzin angezündete Diebe, an denen Selbstjustiz geübt wurde. Das Leben in der Stadt ist insgesamt sehr viel härter.
Es gab Tage an denen waren bis zu 10 Betten mit jeweils zwei Patienten oder mehr belegt. Es gab einen Tag an dem ein mit zwei Straßenkids belegt war, die die Ärzte noch während der Visite wieder auf die Strasse schicken wollten, obwohl der eine noch einen unbehandelten Bruch des Schienbeins ausgerechnet im Bereich der Wachstumsfuge hatte.
Jeden Tag sah ich Kinder mit schlimmsten Verbrennungen am Körper, die sie sich in der heimischen Küche zugezogen hatten, weil es nun mal die billigste Variante ist auf Holzkohle auf dem Boden zu kochen. Haftgefangene, die auch in diesem Krankenhaus behandelt wurden, erzählten mir von Strafen, die sich wenig gerecht anhörten. Trotzdem beklagten sie sich nie darüber. Sie waren einfach froh von uns eine Behandlung zu bekommen, auch wenn die - es fällt mir schwer das zu schreiben - leider bei manchen Ärzten nicht menschenwürdig ausfiel. An keinem der Tage hörte ich einen der Patienten jammern oder ein schlechtes Wort über das Gesundheitssystem verlieren.
| Ärztemangel bei schlechter Bildungspolitik |
Es wird wohl noch viele Jahre dauern bis dieses Land nicht mehr abhängig ist von ausländischen Spendengeldern, und es muss sich vieles grundlegend ändern. Vor allem auch in der Haltung der Regierung bezüglich der Förderung des Gesundheits- und Bildungssystems. Denn es gibt sehr gute Ärzte in Tansania, die an hiesigen Universitäten eine gute Ausbildung genossen haben. Allerdings ist das Studium nur für die Reichsten der Reichen bezahlbar. Diese wandern als "fertige" Ärzte in die Nachbarländer ab, da die Bezahlung in Tansania wahnsinnig schlecht ist. Ein Arzt verdient zwischen 300- 400 $. Genug um eine Familie zu ernähren, aber ein Auto ist schon nicht mehr bezahlbar. Daher gibt es nur sehr wenige studierte Ärzte. Die anderen sind "medical officers", die eine dreijährige Ausbildung genossen haben und sich nach einigen Jahren in Praxis auch Ärzte nennen. Sie leisten wirklich gute Arbeit und profitieren, neben den Patienten, am meisten vom Besuch internationaler gut ausgebildeter Ärzte, die ihnen etwas beibringen.
Das Mt Meru Hospital ist auch ein Ausbildungskrankenhaus, so dass ich hin und wieder mit einheimischen Medizinstudenten zusammen auf Visite war und auf die Abschlussfeier des diesjährigen Jahrganges eingeladen wurde. Mit viel Essen, Musik und Tanz wurden auf afrikanische Art und Weise die zukünftigen "medical officers" gefeiert.

(Foto: Natalie Linsenmaier)
| Mangelwirtschaft wohin man schaut |
Doch auch an medizinischem Equipment fehlt es an allen Ecken und Enden. Es gab Tage an denen keine OPs durchgeführt werden konnten, da es keine Infusionslösungen gab. Der Blutzucker konnte selbst bei bekannten Diabetespatienten mehrere Wochen nicht gemessen werden, da es zwar Geräte aber keine "sticks" gab. Soweit ich weiß, gibt es in ganz Tansania nur drei CT-Geräte. Behandlungen wie Strahlentherapie oder Dialyse können, wenn überhaupt, in Dar es Salam, der größten Stadt Tansanias durchgeführt werden. Ein Transplantationssystem gibt es nicht. Die Tests, die auf Syphilis testen sind veraltet und unzuverlässig, doch es ist kein Geld für die besseren Tests da.
Beispiele wie diese könnte ich noch sehr viele mehr bringen, aber ich glaube, das reicht als Eindruck.
| Karibu sana = Herzlich Willkommen |
Zu guter Letzt soll ich von beiden Krankenhäusern eine Einladung an all diejenigen Studierenden übermitteln, die motiviert sind und Interesse haben ebenfalls dort zu famulieren.
Umgekehrt danke ich den Krankenhäusern dafür, dass sie mich nur auf eine Email-Anfrage hin so herzlich aufgenommen haben, mir einen Einblick in ihre Arbeit gewährt haben ohne eine Gegenleistung zu verlangen, und dafür, dass ich so Vieles bei ihnen lernen durfte.
| zum Famulaturbericht Ndolage von Natalie Linsenmaier |
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