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Artikel vom 16. 08. 2007

Famulatur in Tansania - Ndolage

Ein Erfahrungsbericht (2007)

Natalie Linsenmeier

Der Beginn der ersten Famulatur ist wohl für jeden Medizinstudenten ein besonderer Augenblick. Das erste Mal ein bisschen Verantwortung übernehmen und das tägliche Stationsleben kennen lernen. Natalie Linsenmaier hatte sich für diesen Moment Tansania ausgesucht. Nach längerer Planung (Via medici online berichtete) war es Mitte April endlich soweit. Im Folgenden berichtet Natalie auch mit einem kritischen Auge über ihre Eindrücke und Erfahrungen.

Übersicht


Typisch AfrikaNach oben hoch

Trotz vorhergesagtem Regen begrüßte mich Sonnenschein in Entebbe am Victoria Lake (Uganda). Lachende schwarze Gesichter erwarteten mich als ich am Mittwoch, den 18. April, aus dem Flughafengebäude heraustrat. Erst am Sonntag reiste ich weiter nach Tansania, dem eigentlichen Ziel meiner Reise. Die Zeit dazwischen verging schnell mit einer Wanderung entlang des Ufers des Victoria Lakes und mit Marktbesuchen, wo der Geruch von gerösteten, gemahlenen und unbehandelten Erdnüssen in der Luft hing. Wo die bunten Gewürze und die Kleider der Frauen, die Musik, die aus allen Ecken dröhnte, die lachenden Händler und die Passanten das Leben zu einem einzigen großen Fest machten.

Im Bus holperte ich, auf dem Weg zu meiner ersten Famulaturstelle, über Stock und Stein dem Ndolage Hospital in der Kagera Region in Tansania entgegen. Im Bus traf ich einen italienischen Missionar, der in der gleichen Region schon seit vielen Jahren als Physiotherapeut tätig war. Trotz seiner wirklich freundlichen und hilfsbereiten Art machte er mir ohne Worte in kurzer Zeit klar, dass ich mir ein eigenes Bild vom Leben dort machen sollte.

5 Tage nach meiner Ankunft in Afrika erreichte ich schließlich den Busstand von Bukoba, wo ich herzlich von dem deutschen Arzt, der zu dieser Zeit in Ndolage tätig war, und von seiner Familie abgeholt wurde.
Nach weiteren zwei Stunden Fahrt mit dem Jeep erreichten wir das Krankenhaus, wo ich erst mal nach ganz afrikanischer Art drei Stunden auf den Schlüssel für "unser Haus" warten musste. In sechs Zimmern, einem großen Wohnzimmer, Garten, Veranda, Küche, Bad und WC, alles mit Strom (zumindest nachts) und fließendem Wasser durften zwei weitere Studenten und ich für je 2, 50 Euro am Tag wohnen. Das Haus hatte für dortige Verhältnisse einen luxuriösen Standard zu bieten.


OP ruft Dr. ...Nach oben hoch

Meinen ersten Tag in einem afrikanischen Operationssaal verbrachte ich fast gänzlich mit einem 83-jährigen Arzt aus Schweden, der drei Monate im Jahr hier lebt und arbeitet. Mit ruhiger Hand operierte er maldeszendierte Hoden, Leistenbrüche, alte gebrochene Kniescheiben, entfernte fußballgroße Lipome und führte Explorationslaparatomien durch. Das war ein sehr gebräuchliches diagnostisches Mittel, denn ein CT gibt es leider nicht. Bei dringendem Verdacht auf Tumor, Ileus oder Ähnlichem wird der Bauch einfach eröffnet und nachgesehen. Bei all diesen Eingriffen erklärte der Arzt mir nebenbei noch Vieles und ließ mich assistieren.

Der schwedische Arzt auf Visite (Foto: Natalie Linsenmaier)
Der schwedische Arzt auf Visite
(Foto: Natalie Linsenmaier)


Der tägliche ÜberlebenskampfNach oben hoch

Schnell merkte ich, dass es einfach nur an mir selbst lag, wie viel Verantwortung ich übernehmen wollte und wie weit in mich einbrachte. Die Türen stehen einem dort für fast alles offen.

Eines Tages assistierte ich bei einem Notfallkaiserschnitt. Als das Baby das Licht der Welt erblickte atmete es nicht. Reanimation eines Neugeborenen! Ich blieb die ganze Zeit bei dem Neugeborenen und kümmerte mich um das kleine Wesen. Alle sagten es würde sterben, doch das wollte ich nicht und konnte nicht einfach dabei zusehen wie dieses hilflose Baby starb. So habe ich den ganzen Tag damit verbracht dafür zu sorgen, dass es warm gehalten wurde und Sauerstoff bekam. Wenn nötig, habe ich es abgesaugt und ihm mit einer Spritze ohne Nadel Glucoselösung eingeflösst. Meine Bemühungen wurden belohnt: Das Baby hat überlebt! Doch wie sieht seine Zukunft aus? Die Mutter war geistig stark behindert und sehr arm. Alleine kann sie das Kind sicherlich nicht groß zu ziehen. Doch vielleicht mit der Hilfe ihres Mannes, der sich als ihren Bruder ausgab?

Es hat überlebt! (Foto: Natalie Linsenmaier)
Es hat überlebt!
(Foto: Natalie Linsenmaier)


Mach ich hier das Richtige?Nach oben hoch

Nach solchen Begebenheiten stellen sich einem viele Fragen und sie wurden mir auch hinterher von kritischen Freunden gestellt. Ist es mein Recht mich in diesem Masse einzumischen? Hätte ich nicht gehandelt, hätte vermutlich niemand gehandelt und ein Leben wäre kaum geboren, schon wieder beendet gewesen. Oder ist es sogar meine Pflicht als Medizinstudent aus Deutschland eine solche Ethik vorzuleben, dass jedes Leben lebens- und erhaltenswert ist?
Ich denke jeder muss sich selbst seine Antwort darauf geben und richtig und falsch gibt es bei diesem Thema wohl nicht.


Unvergessliche ErinnerungenNach oben hoch

Die Zeit in Ndolage verging wie im Flug. Schon nach kurzer Zeit hatte sich eine Art Alltag eingestellt und die Tage und Patienten im Krankenhaus verschmelzen schon jetzt in meiner Erinnerung. Doch einige Momente bleiben stärker in meinem Gedächtnis haften.

Zum Beispiel ein Krebspatient im Endstadium, der so arm war, dass er nicht mal genug Geld zum Essen hatte. Erklärend muss man sagen, dass es dort nicht so zugeht wie in deutschen Krankenhäusern, wo jeder morgens, mittags und abends eine Mahlzeit den Bedürfnissen entsprechen vorgesetzt bekommt. Hier muss sich jeder Patient selbst versorgen. Eine Woche lang brachte ich dem Patienten Tee, Wasser und Essen, bevor ich diese Aufgabe einer Krankenschwester übertragen konnte, die von da an mit den 1000 Schilling (das sind etwa 60 Cent) die ich ihr täglich gab, den Patienten bis zu seinem Tod in der kommenden Woche versorgte.

Eine andere Patientin die ich nicht vergessen kann ist eine schwangere Frau, die mit rupturiertem Uterus im Krankenhaus eintraf. Das Kind war tot, die Gebärmutter wurde mit einer Angelleine - hier ein beliebtes Nahtmittel - genäht.

Auch das Leuchten in den Augen einer alten Frau mit amputiertem Fuß, als ich ihr eine Packung Kekse schenkte, werde ich nie vergessen, denn es war wie das Weihnachtsglänzen in Kindergesichtern.

Oder die schöne Frau mit den Verbrennungen am ganzen Körper. Ich wollte sehr gerne ihr ausdrucksvolles Gesicht fotografieren. Als Preis verlangte sie ein Foto von mir, das sie anschließend ganz stolz den anderen Patientinnen zeigte.

Natalie und die schwer verbrannte Patientin (Foto: Natalie Linsenmaier)
Natalie und die schwer verbrannte Patientin
(Foto: Natalie Linsenmaier)

Auch die Donnerstage, an denen wir mit der "mobile clinic" in die Dörfer fuhren, um Kinder gegen Masern, Mumps und Röteln zu impfen, ihren Ernährungsstatus zu überprüfen und Schwangerenberatung durchzuführen, werden bleiben.


Das Leben neben dem KlinikalltagNach oben hoch

Zum Alltag gehörten auch die Kirchgänge am Sonntag. Die Messen in Afrika sind anders als in Deutschland. Bis in die letzte Bank sitzen Alt und Jung. Doch kaum einer kommt pünktlich zum offiziellen Gottesdienstbeginn. Zunächst tröpfeln die Chormitglieder ein und mit jeder Stimme mehr wird der Gesang und Tanz des Chores kräftiger und schöner und begleitet das Eintreffen der restlichen Kirchenbesucher. Immer wieder wird gelacht, getanzt und gesungen zwischen Predigt, Segen und Gebet. Am Ende des Gottesdienstes, zumindest in den protestantischen Kirchen, findet eine Auktion der Lebensmittel statt, die von manchen anstelle einer Kollekte mitgebracht werden. Diese Auktionen sind immer wieder eine Riesengaudi und finden, wenn es nicht regnet vor, ansonsten in der Kirche statt.
Einmal beteiligte ich mich an einer solchen Auktion, was alle Anwesenden zum Feiern veranlasste. Dass ich "mzungu" (=Europäer, wird allen Weißen auf der Strasse ständig hinterher gerufen) auf Kisuaheli mitsteigerte, erfreute ihre Herzen. Und so kam es, dass die nächsten Donuts die versteigert wurden, von einem Mann für die Mgeni (= Fremde) ersteigert wurden.

Auktion von Lebensmittel vor der Kirche (Foto: Natalie Linsenmaier)
Auktion von Lebensmittel vor der Kirche
(Foto: Natalie Linsenmaier)


Das Gesundheitssystem in TansaniaNach oben hoch

Bevor ich den Bericht über die Zeit in dem Missionskrankenhaus in Ndolage schließe, möchte ich noch einige Worte über das Gesundheitssystem in Tansania verlieren, wie es sich mir darstellte.

Ein Versicherungssystem, das das ganze Land abdeckt, gibt es nicht. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die vom Staat angestellt sind und deren Angehörige. Doch es gibt lokal kleine Versicherungen, die nur wenige Menschen in Anspruch nehmen, da es einfach zu teuer für sie ist. Patienten die nichts haben, kein Geld, keine Versicherung und keine Angehörigen sind auf die Hilfsbereitschaft des Krankenhauses angewiesen oder bleiben einfach unbehandelt.

In Ndolage hat der deutsche Missionsarzt, der mich am Anfang abgeholt hatte, etwas ins Leben gerufen, dass sich Poor Patient Fund nennt (=PPF). Eine hauptsächlich von deutschen Spendengeldern finanzierte Einrichtung, die gewährleistet, dass jeder Patient eine medizinische Versorgung erhält. Ich durfte an einigen Treffen des PPF-Komitees teilnehmen und konnte somit einen kleinen Einblick in diese Einrichtung gewinnen. Einheimische engagierte Mitarbeiter des Krankenhauses formen dieses Gremium und verwalten den PPF. Mit den Geldern wird außerdem die Geburtenhilfe gefördert, so dass Mütter nur einen sehr geringen Beitrag zahlen müssen, wenn sie im Krankenhaus gebären. Dadurch konnte die Zahl der Fälle, wie zum Beispiel eines rupturierten Uterus (Folge eines zu späten Kommens ins Krankenhaus), drastisch gesenkt werden.

Seit einiger Zeit nun schon ist allerdings das Thema HIV und Aids-Hilfe in Deutschland sehr viel populärer geworden, was es zunehmend schwer macht für den PPF Geld aufzutreiben, da er eben nicht auf den Retrovirus und seine Opfer spezialisiert ist. Diesen Monat startet der PPF ein neues Projekt, das die Behandlung der Kinder fördert und dazu führen soll, dass mehr Kinder und diese besser und früher behandelt werden können. Geplant ist dieses Projekt zunächst bis Ende des Jahres. Dann hängt es von weiteren Spendengeldern ab, ob es möglich ist dieses Projekt fortzusetzen. Wer Interesse hat ein klein wenig dazu beizutragen, kann das über folgende Spendenadresse tun:


Spendenkonto: Vereinte Ev. Mission, KD-Bank, BLZ 350 601 90, Konto-Nr.: 90 90 90 8, Verwendungszweck: Kennwort Ndolage-PPF und komplette Adresse (für die Spendenbescheinigung).


KontaktNach oben hoch

Chief Medical Officer
Ndolage Hospital
P.O. Box 34 Kamachumu
Kagera
Tanzania
Tel: 255282222038

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Linkzum Famuaturbericht Arusha von Natalie Linsenmaier
 
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