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Artikel vom 29. 08. 2011

Chirurgie an der Fifth Avenue

PJ an der Mount Sinai School of Medicine, New York

Claus Bley

Die USA - genauer gesagt New York - hatte es mir angetan, nachdem ich 2006 mit einem Freund auf einem Kurztrip dort war. Während meinem PJ wollte ich mir dieses medizinische "Ausland" näher ansehen. Die englische Sprache fiel mir leicht und ich sah US-Serien und Filme immer auf Englisch an. Ich war also bestens gerüstet, um in mein Chirurgie-Tertial nahe "ground zero" zu starten.

Übersicht


OrganisationNach oben hoch

Über die Webseite der AAMC, Association of American Medical Colleges, fand ich schnell heraus, dass der Staat New York eine "foreigner"-Klausel hat, die die Aufenthaltsdauer für Famulatur und PJ auf maximal 12 Wochen beschränkt.
Ein komplettes Tertial besteht aber aus 16 Wochen, was sollte ich tun?
Eine Möglichkeit war, den gesamten PJ-Urlaub ans Ende des Tertials zu hängen und vier Wochen lang herumzureisen.
Doch der erhebliche finanzielle Faktor und die Furcht vor einer zu kurzen Vorbereitungszeit auf das Hammerexamen bewogen mich, mein Chirurgie-Tertial in jeweils acht Wochen in New York und acht Wochen in Kapstadt in Südafrika zu splitten. Über die Webseite der Mount Sinai School of Medicine (MSSM) fand ich alle nötigen Informationen und Formulare und bekam einen Eindruck davon, wie bürokratisch dieser Weg werden würde.
Ich benötigte eine ganze Reihe von Bestätigungen, angefangen mit Bescheinigungen meiner Uni über absolvierte "Coreclasses", das sind Fächer wie Allgemeinchirurgie, Pädiatrie, Gynäkologie, Innere Medizin oder Chirurgie, bis zu speziellen Formularen der MSSM sowie ein Lebenslauf und ein Nachweis über meine Finanzen. Eindrücklich warnt die Webseite der MSSM davor, unvollständige Bewerbungen nicht zu bearbeiten und keine Rückmeldung über das was fehlt, zu erwarten sei. Da half mir nur genaues Schauen und Hoffen, dass ich nicht doch eine Kleinigkeit vergessen hatte.
Eine "Application Fee" von 300 US-Dollar war im Vorfeld zu entrichten, die per "Traveller-Cheques" ihren Weg nach New York fanden. Ansonsten verlangt das Haus 500 US-Dollar "Teaching Fee" für jeweils vier Wochen.
Während ich noch auf eine Zusage von der MSSM wartete, kümmerte ich mich paralell um ein Visum bei der amerikanischen Botschaft in Frankfurt, da dies auch einige Zeit bis zur Bewilligung in Anspruch nimmt.
Dann kam der lang ersehnte Brief aus New York: Ich hatte ein "placement" für je vier Wochen in der Cardio- und Thoracicsurgery sowie in der Liver-Transplant-Surgery erhalten.

New York bei Nacht
New York bei Nacht


UnterkunftNach oben hoch

Meine Unterkunft wollte ich eigentlich über eine hilfreiche und umfassende Wohnungswebsite suchen. In einer studivz-Gruppe wurde ich aber vorher spontan fündig: ein Zimmer in Brooklyn wurde zur Miete für 900 US-Dollar angeboten. Das war zwar eine stolze Summe, aber durchaus im Rahmen der in New York üblichen Mietpreise. Die Personalwohnungen des Krankenhauses kosteten ähnlich viel und waren zu der Zeit, als ich dort war, leider belegt.

LinkWohnungsmöglichkeit in New York

Das KrankenhausNach oben hoch

Mitte Juni war es endlich so weit, ich trat den Weg in den "Big Apple" an.
In New York angekommen, klappte alles Weitere ohne Probleme: Die Wohnung war gut, der Weg nach Manhattan leicht zu finden und auch die Formalia im Krankenhaus waren zu bewältigen.
Am ersten Tag holte ich meinen Kittel und mein "ID-Tag" ab, das mir jeden Tag den Weg an den Sicherheitskräften vorbei garantierte, denn kontrolliert wird hier spätestens seit September 2001 überall.


Herz- und ThoraxchirurgieNach oben hoch

Ich verbrachte meine ersten vier Wochen auf der Herz- und Thoraxchirurgie, dort war ich als deutscher Student nicht allein, denn eine PJ-Kollegin von derselben Heimat-Uni war auch dort. Allerdings wussten wir beide nichts voneinander, bis wir uns am ersten Tag im "Briefing" sahen - sehr witzig!
Der Arbeitsbeginn im Krankenhaus ist viel früher als in Deutschland: Beginn war um 6.30 Uhr mit Kurzvisite und Besprechung der Neu-Aufnahmen. Anschließend ging es in den OP bis oft in den späten Abend hinein. Es beschwerte sich aber niemand, wenn man als PJ-ler den Heimweg um 18 Uhr oder auch früher antrat.
Während der Rotation bekam ich das gesamte Spektrum der Herz- und Thoraxchirurgie zu sehen. Das MSSM verfügt über mehr als 25 OP-Säle, von denen alleine sechs von den Herzchirurgen belegt werden. So gab es immer etwas zu sehen, auch wenn ich nicht selbst für OPs eingeteilt war. Oftmals war ich als zweite oder bei größeren Operationen als dritte Assistenz eingeteilt und durfte kleinere Tätigkeiten verrichten.


Leber- und TranplantationschirurgieNach oben hoch

Während meiner letzten vier Wochen in der MSSM hatte ich den Eindruck schon ein (fast) fertiger Arzt zu sein. Am ersten Arbeitstag wurde mir gleich einer der Transplant-Piepser in die Hand gedrückt mit Instruktionen, was genau zu tun wäre, wenn er losginge.
Das Team war sehr nett, kommunikativ und stets bereit mir zu helfen. Auf meiner Station arbeiteten überwiegend indische Ärzte, die mehr im Krankenhaus zu leben schienen als zuhause. Das überraschte mich nicht, denn als "Intern" ist das Leben, durch viele TV-Serien bekannt, kein Zuckerschlecken.
Der Tagesablauf sah bei den Lebertransplantations-Chirurgen völlig anders aus, als in der vorherigen Rotation. Hier lag der Schwerpunkt eindeutig beim Visitieren, einmal zählte ich fünf Visiten an einem Tag! Dementsprechend wenig gab es im regulären Tagesbetrieb für mich als Student zu tun und musste mich auf das Mitlaufen, Zuhören und das Beantworten der Fragen vom Chef beschränken. Die wirkliche Arbeit begann erst abends oder nachts, wenn der berüchtigte Piepser tatsächlich losging und anzeigte, dass irgendwo in den USA jemand gestorben war, der bereit war, nach dem Tod seine Organe für andere zu spenden. In einer kleinen Gruppe von maximal vier Personen, ein bis zwei Ärzte, ein Perfusionist und ich, trafen uns dann am Krankenhaus und wurden mit dem Auto und Polizeieskorte an den Flughafen gebracht. Von dort flogen wir zu dem Krankenhaus, indem der Spender bereits für die Transplantation vorbereitet wurde.
Die Mitarbeit im OP vor Ort war wesentlich umfangreicher als ich gedacht hatte: neben Haltenähten, Kanülierungen und Zunähen durfte ich manchmal sogar beim Präparieren der Organe auf einem Seitentisch behilflich sein, während das andere chirurgische Team noch dabei war Organe zu entnehmen. Die Herz- und Thoraxchirurgen dürfen wegen der Ischämiezeit immer zuerst operieren, danach kommt die Leber- und Darmentnahme dran, dann die Nierenentnahme und zuletzt die Hornhaut. Danach war wieder Flughafentransfer und Rückflug angesagt. Wenn jemand bei der Transplantation der Organe bei den Empfängern dabei sein wollte, war das möglich - jedoch nur als Zuschauer. Am nächsten Morgen war dann glücklicherweise erst einmal Ausschlafen angesagt.

Ärzte bei der Pause   Alle Fotos: C. Bley
Ärzte bei der Pause Alle Fotos: C. Bley


FazitNach oben hoch

Insgesamt hat sich der Auslandsaufenthalt für mich gelohnt: Ich konnte mir ein gutes Bild davon machen, was es heißt, als Arzt in den USA zu arbeiten. Das Sightseeing kam in den zwei Monaten in New York nicht zu kurz. Die Stadt hat mich ebenso fasziniert, wie die hochentwickelte Medizin, die dort praktiziert wird. Ein dauerhaftes Arbeiten in den USA kommt für mich aber nicht in Frage. Die Formalitäten und der Aufwand dort arbeiten zu können, z.B. das dreiteilige amerikanische Examen ablegen, ist hoch. Auch die komplizierten Einreisebestimmungen und das Arbeitspensum, dass gerade für Anfänger eher abschreckenden Charakter hat, hält mich von einem Berufsstart in den USA zurück. Auch hier in Deutschland wird fabelhafte Medizin praktiziert und ich bin angekommen in meinem Wunschberuf als Anästhesist - sehr glücklich mit meiner Tätigkeit.


LinksNach oben hoch
   Externer Link Mount Sinai School of Medicine

   Externer Link Assoziation of American Medical Colleges

 
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