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Facharztausbildung in Florida

Facharztausbildung an der Universität von Florida (2000)

Dr. med. Christoph N. Seubert

Übersicht

Dr. med. Christoph N. Seubert befindet sich zur Zeit im letzten Jahr der Anästhesieausbildung in den USA. Er hat in Würzburg Medizin studiert und in Karlsruhe das PJ gemacht (1990/91). Einen Abschnitt des PJ verbrachte er in seiner jetzigen Arbeitstätte an der Universität von Florida. Dr. Seubert ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Für Via medici beschreibt er seinen Arbeitsalltag und schildert die Beweggründe für seinen Auslandsaufenthalt.


Erster Schritt: PJ-Tertial in USANach oben hoch

"Der Auslandsabschnitt des PJs kam über persönliche Kontakte mit einem Professor der Anästhesie hier zustande, die ich während eines Schüleraustauschaufenthalts geknüpft hatte. Die Arbeit in den USA hat mich auch letztlich dazu bewogen, in die Anästhesie zu gehen, da Anästhesie ansonsten im Medizinstudium nur am Rande erwähnt wird. Da mir die Arbeit in der Anästhesie im PJ Spaß gemacht hat, habe ich mich im Anschluss formal für die Facharztausbildung beworben und einen Platz außerhalb des Matches zugesichert bekommen. Voraussetzung war allerdings, dass ich Approbation und ,Board exams‘ in der Zwischenzeit absolviere. So konnte ich mich also allein auf der Basis meines persönlichen Eindrucks und des dreimonatigen PJ-Abschnittes bewerben.


Bessere, praxisorientierte AusbildungNach oben hoch

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in einem fundamentalen Unterschied der Ausbildung in den USA im Gegensatz zu Deutschland: In Deutschland darf man zumeist erst dann Eingriffe durchführen oder Entscheidungen fällen, wenn man allen möglicherweise Beteiligten demonstriert hat, dass man mit dem theoretischen Hintergrund des Eingriffs vollständig vertraut ist und wenn niemand, der in der Rangordnung weiter oben steht, Lust auf oder Übungsbedarf für den betreffenden Eingriff hat. Dies führt in der Praxis oft dazu, dass man quasi Schlange steht. Hier in USA ist es eher so: see one, do one, teach one. Ich weiß, dass ich verallgemeinere, aber ich denke, viele werden sich in der Beschreibung wiederfinden.

Weitere Gründe für eine Ausbildung in den USA sind für mich zum einen die besondere Bedeutung, die den Ausbildungsgesprächen beigemessen wird. Ich gehöre zu den Leuten, die Schwierigkeiten haben, ein Lehrbuch der Inneren Medizin bei Seite eins anzufangen und zwei Monate später mit gutem Lernerfolg bei Seite 1257 wieder aus der Hand zu legen. In diesen Gesprächen werden die medizinischen Themen dagegen sehr gut vertieft.

Der zweite Vorteil ist, dass die Facharztausbildung nach einem festen ,Lehrplan‘ abläuft. Um als Institution in den USA Fachärzte ausbilden zu können, muss das Programm den Regeln einer nationalen Aufsichtsbehörde entsprechen. Spätestens alle 5 Jahre werden die Lehrinhalte überprüft. Daher bemühen sich die Einrichtungen, einen strukturierten Lehrplan zu erarbeiten, der das ganze Spektrum eines Fachgebiets abdeckt. Für die Anästhesie heißt dies festgelegte Zeiten beispielsweise in der Intensivmedizin, Kardio-, Neuro- und Kinderanästhesie und Schmerztherapie im Verlauf einer dreijährigen Ausbildung. Für mich bedeutet das eine vollständige Ausbildung in einer vorhersagbaren Zeit: etwas, das in Deutschland nur schwierig zu erreichen ist.


US-Examina, Dauer der Facharztausbildung und EinkommenNach oben hoch

Die US- Examina habe ich erst nach dem PJ gemacht. Ich denke, dass es besser gewesen wäre, USLME Step 1 nach dem 1. Staatsexamen und Step 2 nach dem 3. Staatsexamen zu machen. Meine Empfehlung dazu: Die Examina nicht unterschätzen, da es wichtiger ist, die Examina beim ersten Anlauf zu bestehen als weit überdurchschnittlich zu sein. USLME Step 3 wird von den einzelnen Bundesstaaten der USA angeboten und ist zumeist mit der Bewerbung um eine Lizenz zur Berufsausübung in dem jeweiligen Staat verknüpft. Je nach Staat muss man auch ein bis drei Jahre der Facharztausbildung absolviert haben. Ich habe USLME Step 3 vergangenen Dezember absolviert.

Genauere Informationen dazu waren vor meiner Abreise in einem Buch von Wally Esch mit dem Titel "Medizinstudium und Facharztausbildung in den USA" zu finden. Ich bin mir nicht sicher, ob es neu aufgelegt worden ist, aber vor einigen Jahren hätte ich es unbedingt für Pflichtlektüre gehalten. Es enthält auch Informationen über Dauer der Facharztausbildung (Anästhesie 4 Jahre), Visum und Einkommen. In der Regel erhält man ein Visum für jeweils ein Jahr, das mit der Verpflichtung zur Rückkehr in das Herkunftsland verbunden ist und für maximal 7 Jahre Ausbildung erhältlich ist. Das Einkommen liegt zwischen 27.000$ und 38.000$, je nach Region und Ausbildungsjahr. Es gibt aber oft noch Gelegenheit, zusätzlich Geld zu verdienen im sogenannten "moonlighting", da viele Amerikaner nach der Uni beachtliche Schulden haben (50.000-150.000$ Studiengebühren).


Typischer ArbeitstagNach oben hoch

Mein typischer Arbeitstag beginnt um 6:30 damit, dass ich meine OP für die erste Narkose herrichte. Zur Zeit mache ich Narkosen für gefäßchirurgische Eingriffe und auf dem Plan heute steht eine Karotisendarterektomie und ein Aortenaneurysma, das die Nierenarterien einschließt.

Für die erste Narkose bereite ich neben dem Check des Narkosegeräts und der Intubationsausrüstung auch eine invasive Blutdruckmessung und Medikamente zur Behandlung von Hyper- und Hypotension vor. Um 7.00 Uhr bis 7.35 Uhr ist dann Vorlesung, die im dreijährigen Zyklus alle Teilgebiete der Anaesthesie abdeckt. Das Thema heute ist die Prämedikationsvisite bei Kindern mit congenitalen Herzvitien als Teil des Kardioanästhesie-Vorlesungsblocks. Um 7.50 Uhr hole ich meine Patientin zum OP und lege eine arterielle Kanüle in Lokalanaesthesie während ein Elektrophysiologie-Assistent die Elektroden zur EEG-Ableitung anlegt. Obwohl die Patientin mit 35 kg Körpergewicht und 74 Jahren sehr gebrechlich wirkt, verläuft die Operation ohne Zwischenfälle und das EEG bleibt auch während der Abklemmung der Karotis unverändert. Auch mein Attending ist heute guter Laune, obwohl er heute nacht noch für zwei Lebertransplantationen zuständig sein wird. Gegen 11.30 wecke ich die Patientin auf und verlege sie neurologisch intakt in den Aufwachraum.

Noch während der Narkose habe ich die Intubation und invasive Druckmessung für die zweite OP vorbereitet. Die restlichen Vorbereitungen gehen nach drei Jahren Übung rasch von der Hand und gegen 12.15 Uhr ist der zweite Patient im Saal. Während der Narkoseeinleitung sehen wir die Pulsation des Aneurysmas deutlich durch die dünne Bauchdecke. Ich lege einen ZVK und zwei periphere Zugänge, bevor wir den Patienten in Seitenlage bringen um eine Liquordrainage zu legen, die während der Abklemmung der Aorta die Kollateraldurchblutung des Rückenmarks verbessern soll. Anschließend positionieren wir den Patienten für den Eingriff. Während der Patient abgewaschen wird, plaziere ich eine transösophageale Ultraschallsonde und führe eine orientierende Untersuchung des Herzens durch. Es ist mittlerweile 14.15 Uhr, Zeit für ein spätes Mittagessen. Die Operation verläuft ebenfalls gut, wenngleich 2.500 ml Blutverlust und 20 Minuten mesenteriale Ischämie konzentriertes Arbeiten verlangen, um dem Patienten eine gute Chance zu geben, die Operation gut zu überstehen. Gegen 17.30 Uhr verlege ich den Patienten beatmet auf die Intensivstation. Nach einer Verschnaufpause sehe ich noch einen Patienten für den folgenden Tag und hole mir die Informationen über meine drei anderen Fälle aus dem Computer. Nach einem kurzen Anruf bei dem Attending für den nächsten Tag, gehe ich gegen 19.00 Uhr nach Hause. Gott sei Dank sind nicht alle Tage so anstrengend und lang, aber wie heißt es so schön: no pain, no gain!


Prädikat: Empfehlenswert!Nach oben hoch

Kann ich es empfehlen, für die Facharztausbildung in die USA zu gehen? Im Großen und Ganzen: Ja! Es sollte aber jedem klar sein, dass die Ausbildung hier häufig arbeitsintensiv ist. 70–90 Wochenstunden inklusive Dienste sind nicht ungewöhnlich und eine korrekte Übersetzung des Konzepts "Überstunde" gibt es nicht. Für Amerikaner ist dies eine letzte Hürde vor einer gutbezahlten Stelle mit z.T. recht entspanntem Lebensstil. Im Austausch besteht die Möglichkeit eine umfassende und oft sehr gute und in Deutschland angesehene Ausbildung zu bekommen. Auch die Möglichkeit, akademische Kontakte zu knüpfen, ist von Vorteil.

Habe ich es je bereut, in die USA gegangen zu sein? Ja, gelegentlich schon, wie bei so vielen langfristigen Entscheidungen. Aber nie so sehr, dass ich es nicht noch einmal machen würde.

    Dr. med. Christoph N. Seubert
    Dept. of Anesthesiology
    University of Florida, College of Medicine
    PO Box 100254
    Gainesville, FL 32610-0254
    USA
    Fax: (352) 392-7029
   E-Mail Seubert@anest1.anest.ufl.edu

 
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