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Schon im Winter, also über ein halbes Jahr vor meiner Famulatur, begann ich meine Reise zu planen und zu organisieren. Der Lehrverantwortlichen Jane Roggensack in Fargo, wo die Verwaltung des Klinikverbandes von Sanford Health ihren Hauptsitz hat, schrieb ich eine E-Mail: Ich stellte mich vor, erklärte was eine Famulatur ist und beschrieb meine Motivation einen Monat in Bemidji davon zu absolvieren. Entsprechend der amerikanischen Mentalität wurde das Projekt "Deutsche Medizinstudentin in Bemidji" mit Enthusiasmus aufgenommen. Es dauerte einige Wochen bis sie mit Verwaltung und Versicherungen geklärt hatte, welche Voraussetzungen ich zu erfüllen hatte und welche Dokumente sie von mir benötigte. Ich buchte einen Flug über Minneapolis direkt nach Bemidji, denn eine Autofahrt von Minneapolis nach Bemidji dauert etwa fünf Stunden. Da die Flüge im Sommer in die USA sehr teuer sind, sollte man möglichst früh den Flug buchen. Ein Visum beantragte ich jedoch nicht, denn mir erschien der bürokratische Aufwand für einen Monat Aufenthalt zu hoch. Aber Vorsicht: Bei der Einreise darf man in einem solchen Fall nicht erwähnen, dass man in den USA arbeiten will bzw. ein Praktikum machen will. Es könnte sonst sein, dass man vorzeitig wieder in Deutschland ist, ohne jemals einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt zu haben.
Unbedingt erforderlich ist eine (Berufs-)Haftpflichtversicherung und der Tuberkulose-Hauttest. Diesen Test kann man für 20 Euro beim Gesundheitsamt in Hannover Südstadt durchführen lassen - außer man hustet sowieso Blut oder ähnliches. Weitere Kosten entstehen für ein Polizeiliches Führungszeugnis und dessen Übersetzung ins Englische. Ein Dutzend weiter Formulare über meine Person, meine Uni, Impfungen, Schweigepflicht und verschiedene Einverständniserklärungen kommen hinzu. Bei Fragen rief ich oftmals in Minnesota direkt an, das ist bei den "Amis" zwecks Motivation und Präsenz immer zu empfehlen.
| Famulatur und Krankenhaus |
Mitte Juli ging es endlich los. Von der Klinik hatte ich bereits einen Plan bekommen, wann ich in welchem Bereich tätig sein sollte. Ich wollte gerne eine Famulatur in der Inneren und Allgemeinmedizin machen und wurde zu meiner Freude in der ersten Woche für den Emergency Room (ER) eingeteilt, der eine Mischung aus allen möglichen Fachrichtungen darstellte. Das Personal, egal ob Sekretärin, Schwester oder Arzt, hieß mich herzlich willkommen und freute sich, dass eine deutsche Medizinstudentin etwas von ihnen lernen wollte. Ich war die erste nicht-amerikanische Studentin in ihrem Krankenhaus bisher. Für die meisten war das sogar so exotisch, dass sie es kaum glauben wollten. Mein Exoten-Status hatte den Vorteil, dass mir viel erklärt und gezeigt wurde. Jede Woche war ich einem anderen Arzt zugeteilt, wenn ein interessanter "case" auf einer anderen Station lag, sagten mir trotzdem andere Ärzte Bescheid, damit ich den Patienten zu sehen bekam oder bei einer OP zusehen konnte.
Das Krankenhaus in Bemidji ist in ein "Hospital" mit 118 Betten und eine "Clinic" aufgeteilt. Im Hospital liegen die stationären Patienten und in der Clinic werden Patienten aller Fachrichtungen ambulant versorgt. Daneben gibt es noch mehrere Gebäude, in denen Physiotherapie, Krankengymnastik und Rehabilitation im Pool und in Fitnessräumen angeboten werden. Anspruch darauf haben in den USA allerdings nur Patienten mit dem entsprechendem Leistungskatalog ihrer privaten Krankenversicherung.
Obwohl der Durchlauf mit 20 000 Patienten pro Jahr sehr hoch ist, empfand ich die Arbeitsatmosphäre relativ entspannt und die Stimmung beim Personal sehr gut. Während dieser Famulatur habe ich kein Blut abnehmen und keine Zugänge legen können, denn dafür gibt es extra ausgebildetes Personal. Die Aufgabenverteilung ist in den USA anders geregelt, als bei uns. "Nurses", also das Pflegepersonal, haben viel mehr Verantwortung als in Deutschland. Jedem Arzt wird eine eigene "Nurse" zugeteilt, die organisatorische und kleinere medizinische Aufgaben, wie Impfungen und das Messen der Vitalzeichen, übernimmt. Außerdem gibt es "Nurse Practicianer" und "Physicians Assistances", die eine Zwischenstufe im Aufgaben- und Entscheidungsbereich von Schwestern und Ärzten darstellen. Für alle drei Berufe muss man studiert haben.
| Erste Woche |
Im Emergency Room muss jeder Patient, unabhängig von seiner Versicherung, ärztlich angesehen und behandelt werden. Manche Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Native Americans, bekommen sogar Geld, wenn sie diese medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Ein Arzt meinte zu mir, dass viele dieser Patienten zuerst einen Stop im Emergency Room einlegen, bevor sie bei Walmart einkaufen gehen können. Vor dieser Famulatur wusste ich nur wenig über die Kultur der Native Americans oder von dem, das heute noch davon übrig ist. Viele werden in sehr schlechte soziale Verhältnisse geboren und leben isoliert von der weißen Bevölkerung in einem bestimmten "district". Übergewicht, Alkohol und Drogen sind die größten gesundheitlichen Probleme dieser Bevölkerungsgruppe. Leider stellte ich fest, dass die meisten trotz staatlicher Unterstützung wie kostenlosem Zugang zu Colleges und Universitäten nicht aus diesem Dilemma herauskommen.
Häufig werden die Ärzte von diesen Patienten mit diffusen Schmerzen und dem Verlangen nach Morphinderivaten, vor allem "Dilaudid" konfrontiert. Nach Ausschluss ernster Differentialdiagnosen, geht jeder Arzt unterschiedlich damit um. Verweigert ein Arzt die Ausstellung eines solchen Rezeptes, läuft man in Amerika, wie man manchmal hört, im schlimmsten Fall Gefahr von einem verzweifelten Menschen erschossen zu werden. Manchen erscheint es vorteilhafter zumindest einen leichteren "Painkiller" oder Valium zu verschreiben, damit die Leute irgendetwas in der Hand halten, wenn sie das Krankenhaus wieder verlassen.
Das Problem mit den Schmerzmitteln betrifft ebenso alle anderen Bevölkerungsgruppen, wenn auch nicht mit gleichen Ausmaß. Amerikanische Ärzte verschreiben lieber "Painkiller", als sich vom Krankenhaus-Management zurechtweisen zu lassen, ihre Patienten als "Kunden" zufrieden stellen zu müssen. Die allgemeine medizinische Versorgung der Gesamtbevölkerung ist insgesamt sehr viel schlechter als in Deutschland, doch der Vorteil dieses Systems ist, dass den Patienten zum Teil mehr Service zukommt z.B. intensive Beratung für Therapieformen oder Vorgehen und nicht so schnell abgefertigt werden. Beschwerden der Patienten kann sich das Krankenhaus genausowenig leisten wie juristische Klagen. Amerikanische Ärzte verordnen eine Unmenge an Tests, um sich vor gerichtlichen Verfahren zu schützen. Für das Krankenhaus ist es günstiger Labor-, Röntgen- oder CT-Untersuchungen auch bei unwahrscheinlichen Verdachtsdiagnosen durchzuführen, als einen Prozess vor Gericht zu riskieren. Die Tatsache, dass z.B. Röntgen- und Laboruntersuchungen immer gemacht werden, auch unabhängig von ihrer therapeutischen Konsequenz, erklärt zum Teil die unglaublich hohen Ausgaben der USA für ein gleichzeitig sehr unfaires Gesundheitssystem. Die Angst verklagt zu werden, nimmt manchmal so abstruse Formen an, dass Ärzte "shortness of breath" mit "sobreath" abkürzen, anstatt "sob" zu schreiben, da man unter "sob" auch "son of a bitch" verstehen könnte. No kidding!
Während der Woche im ER habe ich ein sehr breites Spektrum an Patienten gesehen: kleinere Schnittwunden und Platzwunden, fiebrige Kinder, Schulterluxationen, diabetischer Ketoazidose, Pankreatitis und einem geplatzten Bauchaortenaneurysma. Nach einer Woche war ich in Differentialdiagnosen von "chest pain" und "abdominal pain" fit. Nur Schussverletzungen haben in dieser Woche gefehlt. Vermutlich, weil in Minnesota gerade mehr geangelt als gejagt wurde. In den Wäldern von Minnesota stellen die sogenannten "tick born illnesses", also Krankheiten wie Borreliose, Anaplasmose und Babesiose und durch Zecken übertragen werden, ein häufiges Problem dar. Sie rufen bei den Patienten sehr unterschiedliche Symptome hervor. Von den beiden letzteren hatte ich trotz meines Scheins in Mikrobiologie noch nie zuvor gehört. Mysteriös waren für mich auch die Namen sehr häufig verschriebener Medikamente wie z.B. "Tylenol" oder "Acetaminophen". Dank Online-Suchmaschinen verwandelte sich meine anfängliche Ratlosigkeit schnell in Aha-Effekte. Bei beiden Namen handelt es sich um Paracetamol.
| Zweite und Vierte Woche |
Die zweite und vierte Woche verbrachte ich in der Clinic, dort erhielt ich Einblicke in die amerikanische "Family Medicine", die am ehesten der Allgemeinmedizin entspricht. Ziel der "Family Medicine" ist es die Patienten von den teureren Spezialisten fernzuhalten und der ganzen Familie eine grundlegende medizinische Versorgung zu bieten. Dementsprechend bekam ich, ähnlich wie im ER, Patienten zwischen 0 und 99 Jahren zu sehen, die mit den unterschiedlichsten Problemen ihren Arzt konsultierten. Da Bemidji eine sehr ländliche Gegend ist, enthält der Aufgabenbereich der Ärzte ein sehr weites Spektrum. Ein Allgemeinmediziner entfernt Pigmentflecken, macht Abtastungen der Brust und Abstriche bei Frauen, "pelvic exam", Schwangerschaftsuntersuchungen, Geburten und Untersuchung von Kindern. Erst wenn es weiterer Abklärung bedarf, überweist der "Family Physician" den Patienten zum Spezialisten. Ich hatte dort zwei tolle Wochen, weil ich sehr viel machen durfte und viele Krankheitsbilder gesehen habe. Von Schilddrüsen und Lymphknoten tasten, in Augen und Ohren gucken, Reflexe klopfen, Knie und Hüfte untersuchen, Minimal Mental Test, PAP-Abstrichen und einer Geburt war alles dabei.
| Dritte Woche |
Die Tage auf der "Internal Medicine" begannen mit den "morning rounds", die ähnlich einer deutschen Visite ablaufen, aber nur bestimmte Patienten betraffen. Danach empfangen alle Internisten ihre ambulanten Patienten in der "Clinic". Abends schauten sie noch mal nach den Patienten auf Station, um Ergebnisse von Untersuchungen auszuwerten und das weitere Vorgehen zu besprechen. Anders als in der Family Medicine waren die Patienten älter und viel häufiger mit Krankheiten wie Herzinsuffizienz, COPD, Gelenkbeschwerden und Tumoren geplagt. Auch die richtige Einstellung der vielen Medikamente, die sich möglichst nicht gegenseitig beeinflussen und keine Nebenwirkungen hervorrufen sollten, nahm viel Zeit während der Sprechstunde ein. Wegen diesem eher älteren Patientengut, spricht man auch von der "Medicine of the Adult".
| Freizeit in Minnesota |
Minnesota ist ähnlich zu Ostfriesland, der Teil des Landes, über den man sich gerne lustig macht. Wer "How I met your mother" kennt, weiß ungefähr wie die Witze über Marshall Eriksen und seine Familie in Minnesota lauten. Tatsache ist, dass Minnesota eine sehr ländliche Gegend ist, in der die Menschen sehr gerne Zeit in der Natur verbringen. Es ist der Staat der "10 000 Lakes" und wüsste man es nicht besser, so könnte man denken, man befände sich in Norwegen oder Schweden. Entsprechend groß ist auch der Erholungswert: Schwimmen, Wasserski oder Kanu fahren, Angeln und Jagen gehen sind Möglichkeiten seine Freizeit zu verbringen - zumindest im Sommer. Im Winter liegt hier sehr viel Schnee und die Temperaturen fallen auf bis zu minus 30 Grad Celcius. Alle Seen sind zugefroren und Icefishing, Eishockey spielen oder Schlittschuh laufen, ist die vorherrschende Freizeitbeschäftigung. Mit dem Auto kann man Ausflüge nach Minneapolis, Duluth am Lake Superior, nach Kanada, zur Mississippi-Quelle oder zum Yellow Stone Nationalpark unternehmen.
| Unterkunft |
In Bemidji bin ich privat untergekommen, im Krankenhaus habe ich einige Aushänge für die Vermietung von Zimmern gesehen. Immerhin hat diese Stadt eine eigene kleine Universität mit etwa 6000 Studenten und ein paar sehr netten Kneipen. Erstaunlicherweise sind viele Leute mit dem Fahrrad unterwegs. Mit etwa 12 000 Einwohnern ist Bemidji so überschaubar, dass ein Fahrrad im Sommer eine gute Alternative zum Auto darstellt.
| Kontakt |
Lehrbeauftragte des Sanford Health ist:
Gerne beantworte ich Fragen zu meiner Famulatur auch persönlich:
Ansonsten wünsche ich: "Good luck and have fun!"
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