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Artikel vom 15. 10. 2004

Famulatur Neurochirurgie an den National Institutes of Health, USA

Sommer 2004

Mortimer Gierthmühlen

Nachdem ich nun, wie in diversen anderen Famulaturberichten nachzulesen, viele Semesterferien in deutschen Krankenhäusern verbracht hatte, plante ich schon seit längerer Zeit, die langen Sommersemesterferien ein Jahr vor dem 2. StEx im englischsprachigen Ausland zu verbringen. Und so kam ich nach Amerika.

Übersicht


Die AuswahlNach oben hoch

Durch Zufall las ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel über eine Studentin, die eine vierwöchige Famulatur in einem anscheinend recht berühmten, mir zu dem Zeitpunkt allerdings völlig unbekannten Krankenhaus in den USA verbracht hatte - dem Warren Grand Magnussen Clinical Center der National Institutes of Health (NIH) in Bethesda bei Washington.
Von diesem Artikel begeistert, suchte ich sogleich die angegebene Internetseite auf, unter der man die erforderlichen Anmeldeunterlagen finden sollte. Nach einigen technischen Problemen gelangte ich auch in das Auswahlmenü und wählte die Rubrik "Clinical Electives Program" (CEP) für Humanmediziner - das Programm, das den deutschen Famulaturen und, mit ein wenig Geschick, auch dem deutschen PJ entspricht.


Die BewerbungNach oben hoch

Hier fand ich auch sämtliche Stationen, die für amerikanische und ausländische Studenten zur Verfügung stehen - hier wird von der NIH-Verwaltung überhaupt kein Unterschied gemacht: Unter anderem auch das Fach Neurochirurgie, das mich schon seit längerer Zeit interessiert hat.
Für die Anmeldung benötigt das Office of Education (OoE) unter Leitung von Kenny Williams, einen äußerst hilfsbereiten und fähigen Mitarbeiter, zwei Empfehlungsschreiben der Fakultät, wobei eines davon vom Dekanat selbst stammen muss. Auch einen TOEFL-Test mit Mindestpunktzahl von 213 war vonnöten, den ich in meinen Frühjahrsferien in München ablegen musste.
Neben einem Motivationsschreiben und einem Lebenslauf, interessiert die NIH zudem eine Liste an Publikationen, die man im Laufe oder nach seinem Studium angefertigt hat. Nach Verschicken aller Unterlagen gut 8 Monate vor dem geplanten Famulaturtermin wartete ich einige Monate auf eine Antwort vom OoE, die schließlich im April bei mir eintraf.


Neurochirurgie ja, Innere neinNach oben hoch

Ursprünglich hatte ich 4 Wochen Neurochirurgie und 4 Wochen Innere Medizin in den NIH geplant, allerdings wurde mir vom Supervisor der Inneren mitgeteilt, dass sie nur einen Platz zu vergeben hätten, dieser Service unheimlich hart umkäpft wäre und amerikanischen Studenten hierbei der Vorrang gegeben werden würde - nunja, ich entschied mich dann spontan für 8 Wochen Neurochirurgie, was ich auch nicht bereut habe. Nach einem Bestätigungsschreiben benötigte ich vom Dekanat noch eine Unterschrift, dass meine Uni die Famulatur auch anerkennt - sei es drum, in den USA ist das notwendig und ein großer Akt, die deutschen Unis geben vermutlich alle schulterzuckend ein Autogramm.


Die NIHNach oben hoch

Die National Institutes of Health sind, wie der Name schon sagt, ein Zusammenschluss mehrerer Institute auf einem Campus, die sich den wissenschaftlichen Topthemen der Zeit widmen. Unter anderem seien hier zu nennen das National Cancer Institute (NCI), in dessen früherem cardiovaskulären Service die erste künstliche Herzklappe eingepflanzt worden ist. Auch viele Chemotherapeutika, die heute zur Standardtherapie von Leukämien und Lymphomen gehören, wurden hier entwickelt. Im NINDS, dem National Institutes for Neurological Disorders and Stroke, wurden die in der Neurologie weltweit verwendeten NIH-Scores entwickelt und viele Radiologen kennen das Bildbearbeitungsprogramm NIH-Image.
Da die NIH nicht nur campusinterne (intramurale), sondern auch nationale und zum Teil sogar internationale Forscherteams unterstützt, kann man sie in etwa vergleichen mit der in Deutschland tätigen Deutschen Forschungs Gemeinschaft (DFG) - wobei die NIH mit einem Jahresbudget von knapp 30 Milliarden Dollar sicherlich ein wenig mehr finanziellen Spielraum hat als das deutsche Pendant. Unter anderem aus diesem Grunde waren über 50 Nobelpreisträger des letzten Jahrhunderts an den NIH tätig.


Wissenschaftler, Studenten und Schüler forschenNach oben hoch

Die NIH leben von Austausch und Fluktuation, deswegen werden enorme Gelder in die Rekrutierung von jungen Wissenschaftlern investiert. Viele amerikanische Schüler haben die Möglichkeit, in einem extra Schülerprogramm für ein paar Wochen in Bethesda zu forschen, under-graduate-Students kommen für bis zu 2 Jahre hierher, um sich fit für die Wissenschaft an der Uni zu machen und Studenten und fertige Wissenschaftler haben die Möglichkeit, für mehrere Jahre an NIH-Labors als Postdocs oder Research-Fellows zu arbeiten. Mit Ausnahme der Teilnehmer am Clinical Electives Program und am Schülerprogrammen werden alle anderen Mitarbeiter und Studenten ordentlich bezahlt. Studiengebühren fallen bei den NIH nicht an, im Gegensatz zu anderen Universitäten in Amerika.


Die UnterkunftNach oben hoch

Nachdem ich nun eine Zusage mit Datum bekommen hatte - die Famulaturen beginnen immer am ersten Montag eines Monats - musste ich mich um eine Unterkunft kümmern. Aufgrund des hohen Studentenverkehrs in Bethesda fand ich dann mit Hilfe des Office of Education eine Unterkunft direkt neben dem NIH-Campus, was sich als außerordentlich sinnvoll erwies. Wohnen ist teuer und man kann sich glücklich schätzen, ein Zimmer in einem Haus für 600$ im Monat zu bekommen.


Forschungsschwerpunkte der KlinikNach oben hoch

Auf der Neurochirurgie werden relativ wenige, ausgesuchte Patienten behandelt, da es sich nicht um ein reguläres Krankenhaus, sondern um eine Forschungsklinik handelt. Die Behandlung ist für Patienten kostenlos, wenn die Krankheit in ein klinisches Forschungsprotokoll passt und die Ergebnisse vom NIH verwendet werden können - dann erhalten die Patienten eine Behandlung auf allerhöchstem Niveau ohne Kostenlimit. Schwerpunkte der neurochirurgischen Forschung an den NIH sind unter anderem die Hypophysentumore und Patienten mit der Chiari-I-Malformation. Man darf also nicht erwarten, ein sehr großes Spektrum an Krankheiten oder gar Traumata zu Gesicht zu bekommen. Als Student bekommt man nach einer kurzen Einführung in das Krankenhaus eine eigene Sicherheits-ID mit Foto und einen Computerzugang für die Patientendaten und wird direkt in das Team der Station mit eingebunden.


Mein ArbeitstagNach oben hoch

Im Gegensatz zu einem normalen Krankenhaus ist in den NIH der Klinikalltag mit Forschung direkt verzahnt. Die Studenten - bis zu 3 arbeiten auf der neurochirurgischen Abteilung - kümmern sich um die Vorvisiten, präsentieren Patienten, nehmen an klinischen Experimenten teil und sind sehr gern im OP gesehen. Aufgrund der heiklen Natur der Neurochirurgie ist der Einsatz bei OPs natürlich arg begrenzt, aber die eine odere andere Hautnaht oder Lumbalpunktion ist schon mit drin. Die restliche Zeit können die Studis in der Bibliothek oder im Rechnernetzwerk Informationen zu den zum Teil unglaublich seltenen Kolibri-Erkrankungen anlesen, diese Patienten untersuchen und an klinischen Konferenzen, Großvisiten und Forschungspräsentationen teilnehmen, was den Horizont auf diesen Gebieten unheimlich erweitert.

Am Puls der Forschung!

Tagtäglich finden an jedem Institut Vorlesungen statt mit Ergebnissen, die noch nie veröffentlicht worden sind - es ist ein unglaubliches Gefühl, direkt am Puls der Forschung zu sitzen und Wissenschaftlern lauschen zu können, deren Ergebnisse möglicherweise in einiger Zeit in die klinische Therapie auf der ganzen Welt einfließen werden. Da mich die Neurochirurgie sehr interessierte, habe ich gleich zu Beginn der Famulatur beim Oberarzt angefragt, ob es möglich wäre, an einer kleinen klinischen Studie teilzunehmen: Mit viel Elan wurde ich sofort in einen Versuch integriert und als Teampartner gesehen - man sollte sich also nicht zurückhalten und die Ärzte immer fragen, wenn man an einer Publikation mit teilnehmen möchte.


Erste MissverständnisseNach oben hoch

Die ersten vier Wochen waren für mich ein wenig verwirrend, da ich als Student mit einer etwas strafferen Einbindung in die klinische Routine und mit einer akademischen Lehrtätigkeit meines Stationsarztes gerechnet hatte. Dies hängt natürlich immer vom entsprechenden Stationsarzt ab, wobei meiner anscheinend stillschweigend von mir erwartet hatte, selbständig Vorvisiten zu machen und Patienten zu präsentieren und etwas verschnupft war, als ich dieses nicht von mir aus tat - ein klassischer Fall eines Missverständnisses also. Ein anderer Arzt half mir dann mit dem amerikanischen System, sodass ich in der zweiten Famulaturhälfte von meinem über meine plötzliche Wandlung überraschten Stationsarzt begeistert in den Visitenablauf integriert wurde. Dies bedeutete für mich natürlich, weitaus früher aufzustehen - und so stand ich für einen zwischen 6:15 Uhr und 6:45 Uhr beginnenden Arbeitstag oft um 4:45 Uhr auf, um von 5:30 Uhr bis 6:15 Uhr die Patienten zu sehen und in der dann folgenden Morgenvisiste zu präsentieren. Keine Sorge, man gewöhnt sich an alles - sogar an frühes Aufstehen!


Mein FazitNach oben hoch

Wer gern ein breites Spektrum an Krankheiten und Traumata sehen und eine große Patientenzahl behandeln möchte, ist mit einer Famulatur an den NIH sicherlich falsch beraten und sollte besser an ein öffentliches Krankenhaus gehen. Für jemanden, der sich für eine akademische Hochschulkarriere interessiert und einen Einblick in den Schrittmacher der Forschung haben möchte, lohnt sich eine Famulatur an einem Institut in Bethesda aber auf jeden Fall. Man lernt Wissenschaftler aus aller Welt kennen, knüpft Verbindungen und hält Kontakte, bekommt einen kleinen Eindruck von dem, was einem in der Uniklinik an Forschungsthemen erwarten kann und hat vor allem die Möglichkeit, sich die Tür für einen längeren Research-Fellowship-Aufenthalt während der Facharztausbildung offenzuhalten.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, im Morgengrauen auf einen riesigen Campus zu fahren, die National Library of Medicine (die größte Medizinbibliothek der Welt und Heimat von PubMed) in der Ferne zu sehen und das Gefühl zu haben, an einem Ort zu sein, der an der medizinischen Fortentwicklung so maßgeblich beteiligt ist wie nur wenige andere Einrichtungen auf der Welt - und man selbst ist, wenn auch nur für verschwindend kurze Zeit, ein kleiner Teil davon.


Tipps und TricksNach oben hoch

Wer sich bewerben möchte, sollte dieses ungefähr 8 Monate im Voraus tun. Hierzu geht man einfach auf die unten genannte Homepage, wählt das Clinical Electives Program an und startet die Application-Form. Hier werden Lebenslauf, Publikationsliste und Motivationsschreiben, die man alle im Voraus geschrieben haben sollte, eingefügt und die Emailadressen genannt, unter denen das Office of Education die Empfehlungsschreiben des Dekans und eines anderen Fakultätsmitgliedes anfordern kann. Per Post müssen dann einige Bestätigungen und Zeugnisse nachgeschickt werden, was allerdings sehr unbürokratisch erfolgt. Sollte sich der Mitarbeiter im Office längere Zeit nicht melden, einfach einmal anrufen und den Stand der Dinge erfragen!
Als Visum benötigte man 2004 ein B1-Visum, das man allerdings persönlich in Berlin beantragen muss. Nach einem kurzen Interview ("Was machen Sie denn in Washington? Ahh, Krankenhaus, Sie sind Student? Schönschön, haben Sie noch Fragen? Nein? Dann können Sie wieder gehen, danke...") bekommt man rund eine Woche später seinen Pass samt Visum zugeschickt. Das hört sich einfach an, und das ist es auch - vorausgesetzt, man hat sich frühzeitig um einen Termin in der Botschaft gekümmert! Ansonsten kann es sehr schnell dunkel aussehen, denn ohne Termin kein Interview, kein Visum und keine Famulatur.
Einmal Studi an den NIH, solltet ihr auf jeden Fall eine kostenlose Metrokarte beantragen, die man für den Verzicht auf einen Campus-Parkplatz bekommt. Und auch eine kostenlose Bibliothekskarte in der National Library of Medicine sollte man sich, und sei es nur für's Fotoalbum, besorgen...
Für's Essen sorgen zwei Caféterias, die zu ziemlich hohen Preisen mittelmäßiges Essen verkaufen. Aber mit ein wenig Geschick schafft man es, für 10$ am Tag essensmäßig einigermaßen geschmackvoll über die Runden zu kommen. Um nicht exponentiell zuzunehmen, immer auf Light-Produkte Wert legen und morgens Magerjoghurt mit Müsli essen. Diese Art von Ernährung verzeiht dann gelegentliche Cheeseburger-mit-Milkshake-Futteranfälle!


KontaktNach oben hoch

Wer noch Fragen hat, kann mich gern anschreiben:

   E-Mail m.gierthmuehlen@braintask.de

   Externer Link Bewerbungsseite der National Institutes of Health

 
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