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Artikel vom 05. 07. 2007

Neurochirurgie-Famulatur an der Mount Sinai School of Medicine, USA

New York im Juni 2007

Sandro Valle

Ich hatte bisher keine Auslandserfahrung gesammelt, wollte aber unbedingt zumindest einmal über den berühmten Tellerrand hinaus schauen. Nachdem eine Bewerbung für Finnland leider aus Mangel an Plätzen erfolglos verlaufen ist, entschied ich mich, eine Famulatur in Übersee in Angriff zu nehmen.

Übersicht

Central Park
Central Park


Per Zufall in die USANach oben hoch

Dass ich auf die Idee gekommen bin, eine Famulatur in den USA zu machen, ist eher dem Zufall zu verdanken: Mein Onkel lebt in New Jersey und einer seiner Arbeitskunden ist der Chairman des Department of Neurosurgery, sprich der Neurochirurgie, an der Mount Sinai School of Medicine. Eins führte zum anderen und der Direktor meinte, ich soll mich gerne bewerben, er würde sich auf mich freuen.

Ich wollte und will zwar nie Neurochirurgie machen, aber die Gelegenheit war günstig und die Verpflegung sowie Unterkunft über die Familie gesichert. Das Mount Sinai Krankenhaus ist für eine Reihe wichtiger Entdeckungen bekannt, wie z.B. Morbus Crohn und Morbus Cushing, und steht ganz in der Tradition jüdisch-amerikanischer Wissenschaft.


Bewerbung und J-1 VisumNach oben hoch

Die Bewerbung sollte auf jeden Fall zeitig erfolgen!

Ich habe anfangs die Schwierigkeiten etwas unterschätzt und gedacht, eine Bewerbung um ein "elective" liefe in den USA wie in Deutschland ab: formelles Schreiben, Antwort und gut ist...

Weit gefehlt!

Die Antwort des Chefarztes per Email kam zwar prompt, die Sekretärin wies mir für den Zeitraum Mai/Juni eine freie Stelle zu.
Doch einige Wochen später bekam ich eine Email des Amtes für auswärtige Studenten und Einwanderungsangelegenheiten, ich möchte mich doch bitte offiziell bei der Universität bewerben, mit all den offiziellen Bewerbungsunterlagen.
So habe ich also im Oktober begonnen, mich durch die schier riesige Fülle an erforderlichen Dokumenten zu kämpfen.

Mount Sinai Medical Center
Mount Sinai Medical Center

Nachdem sich der Bewerber ein Fach ausgesucht hat, braucht er die erforderlichen Impfungen, Bewerbungsformulare, Letter of Good Standing, Zeugnisse und Lebenslauf. Die notwendige Bescheinigung, ich müsse das USMLE Step 1 nicht haben, da das Physikum gleichwertig sei, habe ich selbst anfertigen lassen und vom Dekan meiner Uni unterschreiben lassen. Dann musste ich 200 $ Bewerbungsgebühren zahlen.

Medizinische Daten und Laborwerte müssen übrigens alle auf Englisch sein, was mich wieder einige Zeit gekostet hat. Mein Hausarzt hat dann alles unterschrieben, was ich ihm gegeben habe.

Eine ganz andere Geschichte ist das sog. J-1-Visum. Laut amerikanischem Konsulat reicht für Famulaturen ein Besuchervisum aus, Mount Sinai verlangt aber explizit ein J-1-Visum. Dafür benötigt man die obig genannten Dokumente alle noch einmal und zusätzlich wieder 200$, eine Kopie des Reisepasses, eine Auslandskranken- und Haftpflichtversicherung und einen Nachweis über gesicherte finanzielle Verhältnisse, alles wieder auf Englisch und offiziell übersetzt.

Einplanen sollte man für all das mindestens 1 Jahr, um auf Nummer sicher zu gehen. Ich habe die Zusage der Universität mit dem Acceptance Letter im März bekommen, Famulatur-Start war schon am 21. Mai 2007.

Mit dem J-1-Formular ging ich dann zum Konsulat (nach Terminvergabe bei der sehr teuren Hotline) und habe wenige Tage später gegen eine saftige Gebühr mein Visum im Pass per Post erhalten.


Letter of EligibilityNach oben hoch

Ein weiteres Problem ist der sog. "Letter of Eligibility" des Staates of New York. Sozusagen eine Einladung des Bürgermeisters.

Dafür braucht man wieder ein Formular und muss 30$ mitschicken. Es handelt sich um das Dokument, das mit Abstand am längsten dauert! Mehrere Telefonanrufe und Emails blieben unbeantwortet, bis ich das Dokument vier Monate später per DHL-Kurier 3 Wochen vor Reiseantritt in meinem Postfach fand.

Eingangshalle des Mount Sinai Hospital
Eingangshalle des Mount Sinai Hospital


Reisevorbereitungen und AnkunftNach oben hoch

Nun konnte die Reise losgehen. Den Flug habe ich über Expedia gebucht, also British Airways, nur zu empfehlen. Gar nicht empfehlen kann ich hingegen, viel Medizinisches mitzunehmen. Ein Stethoskop oder technische Geräte braucht man nie, ich hatte lediglich das Buch "Handbook of Neurosurgery" (ca. 60 Euro) eingepackt

Nehmt keinen Kittel mit, keine weißen Hosen! Aber was Ihr auf jeden Fall braucht, ist ein Anzug mit Krawatte für die Herren, für die Damen etwas einfach Elegantes.


Studiengebühren und FormalitätenNach oben hoch

Das wichtigste Formular, DS-2019, muss man die ganze Reise über behalten, es wird sowohl vom Konsulat als auch von der Flughafenbehörde und vom Amt für Einwanderung abgestempelt. Anschließend lässt man sich seine ID-Karte geben, eine Aufstellung über Rechte und Pflichten und einen Termin über die Teilnahme am "TDS-Training". Dies ist ein 2-stündiger und schrecklich langweiliger Computerkurs für alle Studenten an der MSSM, damit sie das Computersystem kennenlernen und Anordnungen dokumentieren können. Der Kurs ist angeblich Pflicht, allerdings hab ich in den 5 Wochen kein einziges Mal einen Computer benutzt, meinen Login hab ich nie abgeholt.

Ein weiteres eher langweiliges Detail ist die Pflichtteilnahme an einem Online-Kurs über Patientenrechte und Privatsphäre, der wahnsinnig umfangreich ist und Stunden dauert. Diesen Kurs müssen die Studenten in der ersten Woche absolvieren.

Nachdem ich ein gewöhnungsbedürftiges hüftlanges weißes Stück Stoff abgeholt hatte - lange Kittel tragen die Studenten nicht - konnte es endlich losgehen.


Pendeln und öffentliche VerkehrsmittelNach oben hoch

Da ich in New Jersey gewohnt habe, musste ich um 4 Uhr aufstehen und dann etwa 2 Stunden mit Bus und U-Bahn zur Arbeit fahren, was ebenfalls ins Geld gingt. Eine Unterkunft in NY selbst kann ich nur empfehlen. Die "public transportations" außerhalb New Yorks sind furchtbar schlecht ausgebaut! Die Amerikaner selbst fahren alles mit dem Auto ab.

Das Krankenhaus ist relativ zentral gelegen, direkt am Central Park und von daher bequem mit der U-Bahn zu erreichen.


Stationsalltag und ArbeitsalltagNach oben hoch

Es gibt wie bei uns Assistenzärzte, die sog. "Residents", die je nach Erfahrung eine gewisse Rangfolge einnehmen, so gibt es beispielsweise den "Chief Resident". Daneben gibt es eine Reihe von "attending surgeons" (Fachärzte) und eben den Chairman.

Bereits um 6 Uhr morgens wird die Visite gemacht. Ein Team von ca. 5 Ärzten bespricht die einzelnen Patienten, geht die Zimmer ab und nimmt kurze neurologische Untersuchungen bei den Patienten vor. Um 7 Uhr ist an manchen Tagen Röntgendemo und Frühbesprechung, in der die neuesten Bilder und Scans sowie Angiographien besprochen werden.

Bei den Grand Rounds
Bei den Grand Rounds

Mittwochs finden die "Grand Rounds" statt. Da schmeißt man sich in Schale, es gibt Kaffee, Donuts und Kuchen, und man bekommt wissenschaftliche Vorträge, Forschungsergebnisse der Abteilung oder einfach nur Qualitätsverbesserungsmaßnahmen mit Fallvorstellungen zu hören. Stets sehr lehrreich und interessant! Ebenso gab es sehr viele Fortbildungen außerhalb dieser Zeit.

Ebenfalls mittwochs findet der Studentenunterricht bei Dr. Richard Winn statt, dem Autor des Standardwerks "Youman's Neurological Surgery", sehr sympathisch, sehr lehrreich: eine Art Fragerunde mit Powerpoint-Präsentationen.

Es wird jeden Tag operiert, wobei der OP-Plan für Studenten oft recht eintönig sein kann. Es werden insbesondere Bandscheiben, Hirnblutungen und Tumoren aller Art operiert, entweder offen oder mit Mikroskop, Aneurysmen werden gecoilt oder geclipt, Traumata versorgt oder Vertebroplastiken durchgeführt. Einige der Eingriffe sind beeindruckend, wie zum Beispiel eine mikrochirurgische Resektion eines Akustikus-Schwannoms mit lehrbuchreifer anatomischer Präparation der Hirnnerven und des Tumors.

Leider muss ich sagen, dass sich die Famulatur aus praktischer und medizinischer Sicht für mich als deutschen Studenten eher nicht gelohnt hat.


Negative AspekteNach oben hoch
 Ich war kein fester Bestandteil des Teams. Ich konnte machen was ich wollte und war eigentlich total überflüssig. Ob man da ist oder nicht, interessiert niemanden. Ich war die ersten Tage total motiviert und hatte gehofft, mich würde jemand unter seine Fittiche nehmen, aber die jungen Assistenzärzte sind teilweise viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und haben oft keine Lust etwas zu unterrichten oder sich den ganzen Tag mit einem Studenten zu beschäfitgen. Das gleiche gilt für die älteren Ärzte.
 Die Famulatur bestand weitgehend darin, bei OPs zuzuschauen, man hat keine wirkliche Aufgabe. Amerikanische Studenten bestätigten mir, dass sie selbst nicht viel mehr machen dürften. Bedingt durch die heikle Anatomie und Erkrankungen und dadurch, dass oft mit einem Hochleistungsmikroskop gearbeitet wird, bleibt dem Studenten meist nur der Blick auf den Plasma-Fernseher.
 Erklärt wird auf Anfragen immer, spontan allerdings selten.
 Die gewohnten "Studenten-Tätigkeiten" wie Blutabnehmen, Nadeln legen, Anamnese machen und die Station versorgen fallen hier komplett weg. Als Hakenhalter wird man ebenfalls nicht angesehen und so ist OP-Präsenz stets freiwillig.
 Der Patientenkontakt war nahe Null. Viele der Patienten schlafen ständig, Ärzte sind außer bei der Morgenvisite selten bei ihnen und die Schwestern sind Studenten nicht gewöhnt. Neurologische Untersuchungen habe ich dementsprechend kaum durchgeführt.
 Alles ist hier "herausragend", "excellent" und "great". Nach einigen Wochen kann man die teilweise nicht mehr ernst zu nehmende kumpelhafte und dennoch ellenbogenartige "jeder-muss-der-Beste-sein-Mentalität" nicht mehr ertragen. Dennoch wird stillschweigend vorausgesetzt, dass sich jeder Student bei jedem neuen Gesicht eine halbe Stunde lang vorstellt, auch die ausländischen Studenten.

Ich bin an manchen Tagen einfach um 12 gegangen, um Sightseeing zu betreiben.

Positive Aspekte:

 Alle bleiben immer freundlich und hilfsbereit. Alle nennen sich beim Vornamen, man kann stets Fragen stellen und wird praktisch nie angeschnauzt.
 Dr. Frank Moore, ein netter Belegarzt, spricht gerne Deutsch und so konnte ich mich einige Male steril waschen und sogar den ersten Schnitt mit Skalpell führen und assistieren! Also unbedingt an ihn halten! Ebenso bot er mir an, einmal in sein Krankenhaus nach New Jersey (Englewood Hospital) zu kommen und ihm dort zu helfen. Die OPs dort waren interessant, leider stellte sich heraus, dass ausländische Studenten per Gesetz Patienten nicht anfassen dürfen. Allgemein haben die Amerikaner ständig Angst, von Patienten verklagt zu werden.
 Der Studentenunterricht bei Dr. Winn.
 Man kann machen was man will, sich die OPs selbst einteilen oder auch andere Abteilungen besuchen.
 Die Stadt

Hygiene im KrankenhausNach oben hoch

Eine sehr merkwürdige und teilweise entsetzliche Vorstellung von Hygiene haben die Amerikaner: Alle laufen hier in "Scrubs", der Krankenhauskleidung bzw. OP-Wäsche herum. Bereits in der U-Bahn und auf der Strasse sieht man Schwestern und Ärzte aller Art darin rumlaufen. Dieselbe Kleidung wird auch im OP dann getragen und über den Tag nicht mehr gewechselt.

Eine OP-Schleuse gibt es nicht, man kann den OP gelassen mit Straßenschuhen betreten und in Scrubs wieder verlassen.

Die Händedesinfektion ist ein Gräuel: Eine Minute mit einem Jod-Schwamm oder einer milchigen Paste, die angeblich 99,99% der Keime vernichten soll und gleichzeitig als Pflegebalsam herhält, muss reichen. Das gute deutsche Sterilium und die 3-Minuten-Desinfektionsmethode habe ich schnell vermisst. Oft wird das Desinfektionsmittel danach mit Leitungswasser abgespült. Ebenso wird der Patient selbst nur 1 Minute eingerieben und es interessiert keinen, wenn der Patient kurz vor dem Hautschnitt noch unrasiert ist. Haare im OP-Gebiet scheinen nicht so wichtig genommen zu werden. Eine dramatisch hohe Komplikationsrate an Infektionen gibt es dennoch nicht.

Times Square vom Theater aus gesehen
Times Square vom Theater aus gesehen


FazitNach oben hoch

Aus medizinischer Sicht ist eine Famulatur wie ich sie gemacht habe weniger zu empfehlen. Man lernt zwar theoretisch etwas und alle sind sehr nett und hilfsbereit, aber bedingt durch die neurochirurgische Thematik gibt es so gut wie keinerlei praktische Erfahrung, die man nicht auch in Deutschland machen kann.

Wer noch nie in NY war, wird sich an der Stadt wahrscheinlich nicht satt sehen können. Gotham hat viel zu bieten und selbst nach fünf Wochen hat man längst noch nicht alles gesehen. Gut: Es gibt eine Menge Vergünstigungen über das Krankenhaus!

New York ist tatsächlich genauso, wie man es sich vorstellt: laut, überfüllt, herrlich bunt, vielfältig, aufregend, abwechslungsreich. Harlem, The Bronx, der Central Park, das Metropolitan Museum, Times Square sind nur einige wenige Plätze, die Ihr unbedingt besuchen solltet. Man kommt schnell in die tägliche Pendelei rein und fühlt sich wie ein "echter New Yorker" neben all den müde wirkenden und sich abhetzenden Menschen.

Meine Kosten in der Übersicht:

 ca. 800 Euro Gebühren und Studienbeiträge
 420 Euro Flugkosten
 ca. 170 Euro Fahrtkosten (Pendeln)
 mehrere hundert Euro für Essen und Vergnügungen. Achtung: Die Unterkunft habe ich nicht eingerechnet, da ich bei Verwandten umsonst gewohnt habe! Eine Wohnung kann im Einzelfall sehr teuer werden!

Ein positives Fazit gibt es aber natürlich doch: ich habe in dieser Zeit gelernt, mit Menschen anders umzugehen, habe mein Englisch aufpoliert, gelernt selbständiger zu sein, habe neue Erfahrungen gemacht und mein "erstes Mal" mit dem Skalpell in den USA gehabt - sowas ist doch fürs Leben..


Wichtige AdressenNach oben hoch

Mount Sinai:

   Externer Link http://www.mssm.edu

   Externer Link http://www.mssm.edu/students/handbook/electives/forvisit_stu

Mrs. Jeanneth Persaud
Visiting Student Coordinator / Medical Education
Tel: 46691
Fax: (212) 369-9013
E-mail: jeanneth.persaud@mssm.edu
Building: Annenberg Building, Room: 5-16
One Gustave L. Levy Place - Box 1257
New York, New York 10029-6574

Mrs. Yovanna Torres (Achtung! Heisst jetzt Yovanna Lopez)
Visiting Student Coordinator
The Mount Sinai Medical Center / International Personnel
320 E 94th Street, 5th Floor
New York, NY 10128
Tel: (212) 731-7744

   E-Mail yovanna.torres@mssm.edu


LinksNach oben hoch

Letter of Eligibility:

   Externer Link http://www.mssm.edu/medschool/electives/pdf/nys_eligibility.

J-1-Visa-Antrag:

   Externer Link http://www.mssm.edu/students/handbook/electives/pdf/j_1_shor

   Externer Link http://german.germany.usembassy.gov/germany-ger/visa/antrag.

Sonstige Links

   Externer Link http://www.englewoodhospital.com

   Externer Link http://www.njtransit.com

   Externer Link http://www.redandtan.com


Central Park
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