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Artikel vom 18. 07. 2011

Medizinstudium USA vs Europa

Is the grass really greener on the other side? - Eine Analyse

Sarah Schroth

Zwei Monate durfte ich in den berühmt-berüchtigten OP Sälen, Patienten- und Ärztezimmern des "Stanford Hospital and Clinics" im sonnigen Kalifornien verbringen. Eine spannende Zeit und gute Gelegenheit, um einen ganz persönlichen Einblick in das Leben der Medizinstudenten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu werfen. Im Vergleich mit Europa stellte ich einige überraschende Unterschiede fest.

Übersicht


Amerika - Land of the free (workers)Nach oben hoch

Natürlich trifft man in Stanford eine sehr spezielle und selektionierte Auswahl der wahrscheinlich ehrgeizigsten und intelligentesten Studenten des Landes. Aber dennoch faszinierte mich die Disziplin, das Engagement und der "Drive" meiner Studienkollegen von Übersee. Während ich mich in Bern um 7 Uhr schlechtgelaunt und verschlafen zur Visite, Blutabnahme und Röntgenbesprechung schleppe , sind die Studenten in den USA meist schon seit 3 Stunden auf den Beinen.

Stanford Campus Foto: S. Schroth
Stanford Campus Foto: S. Schroth


Tagesablauf - Und Action!Nach oben hoch

Seit eh und je versteht es sich von selbst, dass die Studenten während ihrer Praktika um 4 oder 5 a.m. die Pre-pre-rounds (also die Vor-vor-Visite) bei ihren Patienten absolvieren. Dabei schreiben sie die Laborwerte der Nacht auf und prägen sie sich so gut wie möglich ein. Nachtwachen und Pflegedienste werden ausgequetscht und die Patienten werden einmal kurz untersucht.

Danach folgen die Pre-rounds mit dem Resident (Assistenzarzt), damit dieser das Wichtigste nochmals kontrollieren und schlussendlich dem Attending (Facharzt) präzise präsentieren kann. Der Rest des Tages sieht nicht anders aus. Ein gemeinsames Mittagessen ist die Ausnahme. Im Normalfall ist die Mahlzeit irgendwie an die Arbeit gekoppelt. Rasch wird ein Sandwich während des Journal Club verdrückt oder ein nahrhafter Ceasars Salad eingeworfen, während man an seinem neusten Case Report arbeitet.

Sarah Schroth in Scrubs Foto: S. Schroth
Sarah Schroth in Scrubs Foto: S. Schroth

Und so nimmt der Tag seinen Lauf. Für die Studenten gibt es immer Arbeit. Dass sie bis 9 oder 10 p.m. im Spital noch die letzten Runden drehen, die letzten OPs miterleben um danach den Wecker auf 4 a.m. zu stellen, ist nicht ungewöhnlich. Immer unterwegs, immer in Aktion. So habe ich die Amerikaner in ihrem Element erlebt.


Unterschiede im Studienaufbau, den Kosten und der MentalitätNach oben hoch

Anders als viele Studenten in Europa, die Medizin oft aus einer Laune und einem Interesse an Naturwissenschaften heraus beginnen, sind die amerikanischen Studenten von ihrer Entscheidung für das Medizinstudium fest überzeugt. Die meisten haben präzise Ziele, Wissen genau was sie erreichen wollen und stürzen sich mit vollem Tatendrang in die Arbeit.

Ein Grund dafür ist sicher der unterschiedliche Aufbau des Studiums. Während man sich in Europa direkt nach dem Gymnasium für einen Studiengang entscheiden muss, absolvieren die Amerikaner zuerst ein vierjähriges "Undergraduate" Programm. In diesen vier Jahren besuchen und absolvieren sie Kurse verschiedener Fächer ihrer Wahl, vergleichbar mit einem "Studium Generale". Erst nach diesen vier Jahren entscheiden sie sich, im Alter von meist 21 Jahren, was sie nun mit ihrem Leben anfangen wollen. Die Tatsache, dass sie im College sehr viele Informationen und Einblicke in verschiedene Studienrichtungen erlangen, trägt sicher dazu bei, dass die Entscheidung zum Medizinstudium sehr bewusst und gezielt getroffen wird.

San Francisco- Blick vom Dolores Park Foto: S. Schroth
San Francisco- Blick vom Dolores Park Foto: S. Schroth

Ein weiterer entscheidender Unterschied sind die Kosten des Studiums. Während in der Schweiz und Deutschland Empörung darüber herrscht, dass das Studium überhaupt Geld kostet, sind unsere Studiengebühren wie Peanuts gegenüber den 40.000 US Dollar, die US-amerikanische Studenten pro Jahr für ihr Studium hinblättern. Wer gezwungen ist, so viel Geld in seine Ausbildung zu stecken, der wird jede Minute davon nutzen wollen und sich immer vor Augen halten, wir viel die Ausbildung tatsächlich wert ist. Aufgrund der hohen Studienkosten sind die meisten Studenten und Ärzte bis zum Erlangen ihres Facharztes verschuldet. Damit haben sie kaum eine andere Option als das Studium zu beenden und ihre Schulden nach Stellenantritt endlich zu begleichen.

Der Ehrgeiz der Mediziner widerspiegelt für mich eine Einstellung der Amerikaner, die mir in vielen Bereichen aufgefallen ist: Sie akzeptieren die Situation wie sie ist, finden sich damit ab und machen das Beste daraus. Warum sollten die Studenten heute weniger arbeiten, als es schon die vergangenen 100 Jahre der Fall war?

Anders als in Europa, wird weniger hinterfragt, und es besteht wenig Interesse an bestehenden Strukturen zu rütteln. Viele Studenten sehen den Vorteil darin, dass sie zwar unnötige Arbeit machen, dies jedoch genau das ist, wofür sie später sowieso die volle Verantwortung übernehmen müssen. Während hier in der Schweiz und auch in Europa allgemein viele Assistenzärzte nach Abschluss des Studiums ins kalte Wasser geschmissen werden, wissen die Studenten an den Amerikanischen Universitäten ganz genau, was während ihrer Residency (Facharztausbildung) auf sie zukommt.


Praktikum in den USA - Tipps für InteressierteNach oben hoch

Ein Praktikum in den USA ist mit viel Bürokratie und finanziellem Aufwand verbunden. Ein Weg die Bürokratie zu umgehen ist, über Beziehungen zu der Heimatuniversität zu versuchen, einen Arzt persönlich anzuschreiben. So bekommt man oft die Möglichkeit, einen Platz als "Visiting Student" zu ergattern, ohne wesentliche Kosten und unnötigen Papierkram. Als "Visiting Student" hat man zwar wenige Möglichkeiten "Hands On", also praktisch arbeiten zu können, doch aufgrund der strengen Regelungen ist dieser Umstand auch über dem komplizierten offiziellen Weg nicht wirklich besser.

Straße in San Francisco Foto: S. Schroth
Straße in San Francisco Foto: S. Schroth

Zum Glück sind die Amerikaner meist außerordentlich gastfreundliche und offene Menschen. Somit wird viel und gerne erklärt und Fragen sind immer willkommen. Das gute Teaching und der ungezwungener Umgang miteinander, ist Ausgleich für das praktische Erlernen von Fähigkeiten, auf die man dort verzichten muss. Alle waren sehr darum bemüht, dass ich einerseits viel lernte, andererseits aber meine Zeit in den USA auch außerhalb des Krankenhauses genießen konnte. So erhielt ich als "Visiting Student" oft einen Sonderstatus und meine Arbeitszeiten überschritten selten einen 7a.m. - 6p.m. Rhythmus.

Damit blieb mir immer genug Freizeit für Trips nach San Francisco, den Highway 1 entlang zu düsen und die sonnigen Kalifornischen Strände zu besuchen


Kleines Lexikon zum SchlussNach oben hoch

Undergraduate: Vierjähriges grundständiges Studium, ähnlich des Bachelor Studiums
Med School: Vierfähriges Postgradute Studium an einer medizinischen Fakultät
Resident: Assistenzarzt
Attending: Facharzt
Pre-pre-rounds: Visite des Medizinstudenten
Pre-Rounds: Visite des Assistenzarztes
Rounds: Visite mit Facharzt
Case Report: Fallstudie

 
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