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Artikel vom 06. 04. 2009

Abi, Berufsausbildung, Studium, Ärztin, Karriere - Brustkrebs

Ist das Leben planbar?

Kathleen K.

"Ich bin 32 Jahre alt, keine Risikofaktoren für Brustkrebs, keine familiäre Vorbelastung. Ich war immer gesund, bin sportlich, ernähre mich gesund und fettarm. Es kann einfach nichts Schlimmes sein, sagt mein Verstand. Mein Gefühl dagegen schreit." Kurz bevor sie ihre neue Stelle in der Chirurgie antritt, bemerkt die Ärztin im dritten Weiterbildungsjahr, Kathleen K., einen beunruhigenden Tastbefund in ihrer linken Brust. Und auf einmal ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Übersicht


Marathon in BarcelonaNach oben hoch

Es ist geschafft, mein fünfter Marathon in Wunschzeit, ich bin stolz auf mich. Wer kann das schon von sich behaupten? Zufrieden kommen mein Freund und ich Anfang März 2007 von unserem sportlichen Wochenende in Barcelona zurück. Während ich im Bett meine kaputten Muskeln und Sehnen abtaste und mich frage, ob so ein Stress über 42 Kilometer und 195 Meter wirklich gesund ist, stutze ich plötzlich: an meiner linken Brust ist ein komischer Knubbel. Stirnrunzelnd untersuche ich das Ding, welches deutlich an der Außenseite meiner linken Brust tastbar ist. Was ist das denn? Ich erinnere mich daran, wie ich nach dem letzten Marathon vor einem Jahr in Lissabon eine üble Mastitis davongetragen habe, trotz Sport-BH. Ich stehe auf und lasse meinen Freund tasten. Er zuckt die Schultern, was soll es schon sein?

Am nächsten Morgen telefoniere ich mit einer Freundin aus dem Studium, sie ist wie ich im 3. Weiterbildungsjahr und wird Gynäkologin. Eine Zyste, mutmaßt sie, vielleicht ein Fibroadenom. Der Gynäkologe meines Vertrauens ist noch in meiner ehemaligen Uni-Stadt Ulm. Soll ich mir einen Termin holen und die 2 Stunden Autofahrt für vielleicht nichts auf mich nehmen? Ich bin unschlüssig. Im Laufe des Tages werde ich doch nervös und beschließe, nach dem Dienst direkt ins hiesige Kantonsspital zu fahren - dort gibt es ein Senologiezentrum.


Der erste Befund sieht harmlos ausNach oben hoch

Gesagt, getan. Gegen 17 Uhr stehe ich an der Pforte der Frauenklinik. "Ich habe da einen komischen Knoten in der Brust", erkläre ich der Empfangsdame und komme mir dabei irgendwie blöd vor. Sie interessiert sich für meine Daten und die Krankenversicherung und schickt mich in den sechsten Stock. Ich betrete das Senologiezentrum, hier ist es ruhig, niemand zu sehen. Ich finde eine Krankenschwester und erzähle noch einmal meine Geschichte. Ich muss warten. Nach wenigen Minuten kommt ein Radiologe. Er ist ein Namensvetter und ist mir gleich sympathisch. Mittlerweile bereue ich es schon fast, überhaupt hergekommen zu sein. Wir gehen in ein Untersuchungszimmer, dabei berichte ich von meinem Marathon vor vier Tagen und dass ich letztes Jahr auch schon Probleme mit den Brüsten gehabt hätte.
Im Ultraschall findet er das corpus delicti schnell: Rund, gut abgrenzbar, innen schwarz. Jetzt siegt doch die Neugier und die Erleichterung. Na bitte, sieht harmlos aus. Er schallt sehr gründlich, mir dauert es schon wieder fast zu lange, ich will nach Hause. Irgendwann meint er, ja, es könnten zwei Zysten sein, jedoch wäre eine gelappte Struktur darin. Er tendiert eher in Richtung Fibroadenom. Aha, was ist das denn? Er beruhigt mich, nichts Schlimmes. Wenn ich es ganz genau wissen wolle, könne er es punktieren. Der Gedanke an eine fette Nadel in meiner Brust löst in mir keine Begeisterung aus, ich verzichte. Wir unterhalten uns noch kurz und ich verziehe mich gut gelaunt nach Hause. Wenige Tage kommt der Brief, hier steht eindeutig: Verdacht auf drei kleine Fibroadenome, Kontrolle in 3-6 Monaten empfohlen.

Zwei Wochen später sitzen wir im Flieger nach Thailand, 4 Wochen Backpack-Tour liegen vor uns. Ich freue mich, schließlich habe ich kurz vorher 10 kg abgenommen und passe in knackige Klamotten. Es wird ein toller Urlaub. Zurück zu Hause beginne ich mit den Vorbereitungen auf meine neue Stelle. Ich habe bis jetzt ein Jahr Psychiatrie und ein Jahr Rehabilitationsmedizin hinter mir und wechsle zum Mai in die Chirurgie. Ein Jahr brauche ich für den Schweizer Facharzt für Allgemeinmedizin. Ich freue mich auf die Stelle, der Chef scheint sehr nett zu sein und überhaupt habe ich habe ich nur Gutes gehört. Ich will vor allem in die Notaufnahme und weiterhin Notarzt fahren, beides wurde mir zugesichert. In den letzten sechs Monaten habe ich meine Dissertation geschrieben. Die letzten freie Tage will ich für den Feinschliff verwenden, denn in der Chirurgie werde ich sicher keine Zeit mehr dafür haben.


Ziehende Schmerzen treten aufNach oben hoch

An irgendeinem der Tage habe ich das Gefühl, Schmerzen in meiner Brust zu haben. Als ich mich darauf konzentriere, bin ich mir nicht mehr sicher. Dann wache ich eines Nachts auf und bemerke ganz deutlich einen feinen, ziehenden und dumpfen Schmerz in meiner linken Achsel. Die nächste Nacht wache ich wieder auf, der Schmerz ist wieder da, genauso wie davor. Misstrauisch höre ich tagsüber auf meinen Körper und tatsächlich, der Schmerz ist immer da. Er beunruhigt mich und ich fange wieder an zu telefonieren. Es werden mir verschiedene Tipps gegeben, ich soll doch mal zu diesem oder jenen Brustspezialisten gehen ... ich warte ab. Der Schmerz geht nicht weg, ich bekomme Angst. Am 2. Mai soll ich meine neue Stelle anfangen, der 1. ist im Kanton Sankt Gallen Feiertag - an meinem Wohnort Chur, der im Kanton Graubünden liegt, jedoch nicht. Ich schreibe dem Radiologen im Senologiezentrum eine Mail, ob ich nicht noch einmal für eine Kontrolle vorbeikommen könne, irgendwas stimme nicht und ich würde im neuen Job nicht krank werden wollen.

Gesagt, getan. Ich bekomme am 1. Mai morgens einen Termin. Mein Freund begleitet mich. Diesmal bin ich ziemlich nervös. Wir machen wieder einen Ultraschall. Der nette und sonst so gesprächige Radiologe sagt nichts. Mein Freund sitzt am Fußende und streichelt mir aufmunternd meine Füße. Ich verstehe nicht, was der Radiologe die ganze Zeit schallt. Er guckt hier und da und scheint sich selbst nicht sicher zu sein. Dann stellt er auf dem Monitor eine große, runde schwarze Struktur ein. Ich werde ungeduldig: "Was ist denn nun, frage ich, ist das das Fibroadenom? Ist es größer geworden?" Er antwortet: "Das ist ein Lymphknoten." Ich erstarre und meine Augen füllen sich schlagartig mit Tränen. Ein Lymphknoten? So groß? Das heißt doch nichts Gutes. Gleich darauf schimpfe ich mit mir selber und bin froh, dass im dunklen Zimmer keiner meine Tränen sieht. Mann, mann, ich reagiere nicht wie eine Ärztin, sondern wie ein Idiot. Er schallt weiter, schweigend. Irgendwann ist er fertig. Zwei der drei Fibroadenome wären konfluiert. Wir sollten eine Mammographie machen.


So hatte ich mir meinen letzten Urlaubstag nicht vorgestelltNach oben hoch

Es gibt kein Halten mehr, ich breche in Tränen aus. Wozu eine Mammographie, was denkt er denn, was es ist? Der Radiologe schweigt. Eine Schwester kommt, hüllt mich fürsorglich in ein Handtuch ein und bringt mich in das Nachbarzimmer. Nach der Mammographie warte ich und heule grundlos. Die Schwester bringt mir mitfühlend ein Glas Wasser. Ich gehe in den Befundraum und schaue auf die Bilder: Aha, so könnte es auch auf dem Jupiter aussehen. Ich dränge den Radiologen zu einer Antwort, er schweigt jedoch. Man könne nichts sagen. Er werde für mich einen Termin zur Magnetresonanztomografie (MRT) ausmachen, anschließend werden wir eine Stanzbiopsie machen. Ich werde wütend. Er soll mir jetzt sagen was er denkt, schließlich hat er doch schon tausende von Mammographien gesehen! Er äußert sich nicht, wir sollen abwarten. Den Termin fürs MRT bekomme ich für morgen. Na toll, mein neuer Chef wird sich freuen.

Verstört fahren wir nach Hause. Dort erwartet uns eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, die Radiologie bittet um Rückruf. Ob wir nicht gleich zum MRT kommen könnten? Natürlich!! Ich rufe wieder im Senologiezentrum an und kann anschließend zur Biopsie kommen. Mein Freund fährt mich wieder ins Spital. So hatte ich mir meinen letzten Urlaubstag nicht vorgestellt! Im Vorbereitungsraum ein netter Pfleger, wir kommen ins Gespräch und ich fühle mich überhaupt nicht als Patientin. Dann muss ich ein Krankenhemd anlegen und bekomme einen venösen Zugang. Ich schaue dem ganzen Procedere erstaunt zu, denn ich war ja noch nie Patientin - noch nie auf der "anderen Seite". Im MRT wird mir ganz komisch. Ist das vielleicht eng. Ich bin froh wieder raus zu sein. Zu meiner Verärgerung darf ich die Bilder nicht sehen, man scheucht mich raus, der nächste Patient wartet.


Vergrößerte LymphknotenNach oben hoch

Wir fahren wieder zur Frauenklinik. Ich stürze sofort in das Befundzimmer, der Radiologe begutachtet gerade das MRT. Ich kann nicht viel erkennen, außer vielen großen runden Strukturen in meiner Achsel. Ich bin verstört, alles vergrößerte Lymphknoten. Ich taste in meine Achsel und erschrecke: Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen?! Ein Lymphknoten ist riesig, mehrere andere daneben. Was soll das nur bedeuten? Ich versuche mich zu beruhigen, das kann ja alles reaktiv sein.

Ich liege wieder auf der Untersuchungsliege. Mir wird alles genau erklärt, jedoch kapier ich nichts mehr. Ich versuche tapfer zu sein und lächle, während ich nicht aufhören kann zu weinen. Lokalanästhesie, ein kleiner Schnitt, Stanzbiopsie. Ich merke nichts. Ich sehe, wie der Inhalt der Stanze in ein Röhrchen entleert wird: weißes, bröckeliges Zeug. Mir wird schlecht. Das ist jedenfalls kein gesundes Brustgewebe. Ich soll liegen bleiben und bekomme Eis zum Kühlen, die Schwestern sind einfach rührend nett. Kurz darauf fahren wir nach Hause. Die Histologie gibt's in 2-3 Tagen. In mir tobt ein Gefühlschaos, ich weiß nicht, was das alles bedeuten soll. Es ist spät geworden und wir telefonieren wieder. Die Eltern meines Freundes, seine Schwester, meine Freunde - meine Eltern sind im wohlverdienten Urlaub. Ich überlege kurz, sie anzurufen, aber wozu Pferde scheu machen wenn vielleicht nichts herauskommt.

Am Abend sitzen wir warm eingepackt und in Decken gehüllt auf der Terrasse und trinken Bier. Wir reden und reden. Ich versteh das nicht. Der Tag hat mich völlig ausgelaugt. Betrunken und etwas weniger besorgt gehe ich ins Bett.


Alle schweigenNach oben hoch

Mein erster Arbeitstag in der Chirurgie besteht aus einem Einführungstag. Ich muss mich den ganzen Tag konzentrieren. Anschließend melde ich mich auf meiner neuen Station, da wird weiter erklärt. Halb sieben gehe ich todmüde nach Hause, ich kann mir eh nichts mehr merken. Am nächsten Tag bin ich alleine auf einer chirurgischen 24-Betten-Station, der Oberarzt ist auf Fortbildung, super. Was man im 3. Jahr alles können soll! Irgendwie geht der Tag herum und abends sitzen wir wieder dick eingepackt auf der Couch, trinken Bier, reden und telefonieren. Wenn ich meinen Freund nicht hätte... Es häufen sich besorgte Anrufe und sms, wie es mir geht, wie ich das Warten ertrage? Tja, wie geht's einem wohl dabei? Beschissen, ich stehe völlig neben mir.

Der nächste Tag. Am Nachmittag halte ich es nicht mehr aus und rufe im Senologiezentrum an, vielleicht ist die Histo ja schon da? Der Oberarzt wäre in einer Besprechung, mir ist das egal, ich verlange ihn ans Telefon. Er kommt an den Apparat. "Und?", frage ich aufgeregt. Er möchte den Befund nicht mit mir am Telefon besprechen. Ich bitte, bettel und schimpfe, er soll es mir gefälligst sofort sagen, ich bin wütend! Keine Chance. Ich solle mit meinem Lebensgefährten morgen 13.15 Uhr kommen, dann wäre auch ein Gynäkologe anwesend um das weitere Procedere zu besprechen. Na toll. Ich sitze in meinem Büro und heule wie ein kleines Kind. Ich rufe meinen Freund an, er beruhigt mich halbwegs und verspricht, zu dem Termin mitzukommen. Irgendwie geht der Tag rum, mir geht's nicht gut. Ich gehe zu meinem leitenden Arzt und bitte um einen freien Nachmittag, es klappt. Abends sitzen wir auf dem Balkon und reden. Es muss ja keine schlimme Diagnose sein, wo soll es denn her kommen? Ich bin 32 Jahre alt, keine Risikofaktoren für Brustkrebs, keine familiäre Vorbelastung. Ich war immer gesund, bin sportlich, ernähre mich gesund und fettarm. Es kann einfach nichts Schlimmes sein, sagt der Verstand. Mein Gefühl dagegen schreit.

Der histologische Befund - versehentlich zugestellt

Am Freitag hetze ich viel zu spät aus der Klinik und düse nach Hause. Ich soll meinen Freund zu Hause abholen, wir wollen dann zusammen fahren. Aus Zeitnot fahre ich eine Abkürzung. Als ich wieder auf die Hauptstraße komme, sehe ich meinen Freund die Straße hochlaufen, puh, beinahe hätten wir uns verpasst. Er steigt auf den Beifahrersitz, in der Hand ein Stück Papier das er mir wortlos reicht. Ich fahre los und lese gleichzeitig. Allerdings begreife ich gar nicht, was da steht. Es ist MEIN histologischer Befund: maligne Zellen, faktisch überall zirkulierend, am ehesten invasiv-duktales Mamma-Carcinom, suspekte Lymphknoten. Ich mach eine Vollbremsung, ich kann nicht mehr Autofahren und wechsle auf den Beifahrerseitz. Ich starre das Stück Papier an, das aus Versehen in Kopie an meine Adresse geschickt wurde. So viele Zahlen und Werte, was bedeuten sie? Und was soll das heißen, Mamma-Carcinom? Ich hab doch keinen Krebs!! Ich schluchze, ich kann nicht mehr. Das ist doch alles ein böser Traum....

Völlig verheult kommen wir im Senologiezentrum an. Der Gesprächsraum, mein Freund, der Radiologe, ein mir fremder gynäkologischer Oberarzt. Aha, ich hätte die Histo schon bekommen. Von dem Gespräch danach weiß ich nur noch wenig. Ich heule, schreie, bin verzweifelt, ich benehme mich wie der absolute Alptraum-Patient. Genau vor diesen haben wir immer Horror, wenn wir schlechte Nachrichten überbringen - aber in diesem Moment ist mir das egal. Ich weigere mich, diese für mich absurde Tatsache zu akzeptieren. Nie im Leben habe ich Brustkrebs, niemals. Mein Freund redet, er fragt und fragt, ich sitze nur noch auf meinem Stuhl und schluchze vor mich hin. Der Oberarzt ist mir unsympathisch, ich mag ihn nicht, er ist kühl und distanziert. Interessiert er sich überhaupt für mich?! Er wirft Plattitüden um sich, gemeinsam gehen wir den Kampf gegen den Krebs an, sagt er, bla bla. Ich hasse ihn. Man will mich gleich nächste Woche operieren, dann bestrahlen und dann sieht die Welt schon wieder anders aus. Ich muss hier raus.


Krisensitzungen und TelefonateNach oben hoch

Zu Hause sitzen wir wieder auf dem Balkon. Ich kann es nicht fassen, ich kann diese Diagnose nicht begreifen. Mein Freund fängt an zu telefonieren, schließlich wartet alle Welt auf das Ergebnis. Überall Entsetzen, Mitgefühl, aufmunternde Worte. Ich muss es meinen Eltern sagen, aber wie? Sie sind keine Ärzte, wie erkläre ich das am besten, ohne dass sie gleich in Ohnmacht fallen? Ich rufe zuerst meinem Bruder an, er weiß nicht, was er sagen soll. Du musst es Mutti und Vati sagen, meint er. Ich hole tief Luft und rufe an, es bricht mir fast das Herz. Meine Mutter ist stark und tapfer am Telefon, sie muntert mich auf. Aber ich weiß was in ihr vorgeht. Je mehr ich telefoniere, desto absurder wird das Ganze: "Hallo, ich bin es. Ich habe übrigens Brustkrebs, die aggressivste Variante. Sonst geht's uns gut, das Wetter ist schön."

Ich muss mit meinem Chef reden. Immer wieder rufe ich an, immer ist er unterwegs. Dann eben der Leitende Arzt, der mich eingestellt hat. Ich finde ihn nett und habe Vertrauen zu ihm, ich mache einen Termin aus. Wir fahren in die Klinik. Ich lege die Histo auf den Tisch, ein skurriles Beweisstück. Ich bräuchte nächste Woche frei, ich weiß nicht wie es danach weitergeht. Mein Chef zeigt Verständnis. Ob er es den anderen sagen dürfte? Klar.

Wieder zu Hause, schicke ich einer Freundin aus dem Studium eine sms und frage um Rat. Ich erinnere mich, dass sie in Erlangen an der Uni in der Gynäkologie ist, vielleicht hat sie noch einen Rat. Ich brauche dringend Zweitmeinungen, ich zweifle immer stärker an den Aussagen des Gynäkologen. Meine andere Freundin und die Schwester meines Freundes sind bereits auf dem Weg zu uns. Als sie nach drei Stunden eintreffen, ist Krisensitzung. Meine Freundin will mich mit in ihre Klinik nehmen, ihr Chef wird mich operieren. Sie telefoniert mit ihm und schildert nochmal den Befund. Ich beobachte sie und merke, dass er etwas Unangenehmes sagt. Sie will es mir zunächst gar nicht sagen. Bei der Größe des Tumors solltest du eine neoadjuvante Chemo machen, sagt sie. Chemo? Chemo?! Davon war noch nie die Rede! Ich mache sowieso nichts, wovon meine langen blonden Haare ausfallen werden. Keine Diskussion. Zum Thema Prognose äußert sich niemand. Auch egal, ich hab ja Bücher und das Internet und kann selbst nachlesen.


Der erste konkrete PlanNach oben hoch

Am Samstag ruft die Erlanger Freundin zurück, sie kommt gerade aus dem Thailand-Urlaub zurück. Zu meiner Überraschung ist sie seit 2 Jahren in der Onkologie tätig und beschäftigt sich ausschließlich mit Brustkrebs. Der Chefarzt erforscht besonders die aggressive Variante des Her2Neu-positiven Karzinoms, meines Karzinoms. Wir telefonieren lange, sie erklärt mir alles ausführlich und zum ersten Mal kommt Ruhe in mich. Um eine Chemotherapie werde ich nicht herumkommen, aber wir machen sie neoadjuvant. "Du bist jung, es gibt dafür Kriterien und die St. Gallener Konsensus-Empfehlung. Vorher einen Port. Was ist mit der Familienplanung?" Ich erschrecke, natürlich wollen wir noch Kinder! "In Erlangen wird die Kryokonservierung von Eierstockgewebe durchgeführt, eine Rückversicherung. Meine private Versicherung würde es zahlen. Komm doch zu uns", sagt sie. "Lass Dich beraten und hol Dir eine Zweitmeinung. Unser Chefarzt ist kompetent, ich rede gleich Montag mit ihm und organisier dir die Termine. Wir schaffen das!" Mir wird leichter ums Herz, es gibt einen Plan. Wir werden nach Erlangen fahren, am Dienstag nach den Staging-Untersuchungen. Es geht mir besser, puh. Erstmal mit den Mädels shoppen gehen.

Am Montag folgen weitere Untersuchungen: Sonographie, Szintigraphie. Ich werde gestagt. Ich bin aufgeregt, es geht um alles oder nichts. Metastasen bei Neudiagnose bedeuten eine Lebenserwartung von 12-36 Monaten. Und Brustkrebs metastasiert verdammt schnell. Ich hoffe und hoffe. Lieber Gott, bitte dass nicht auch noch. Meine Angst und Nervosität bei den Untersuchungen sind nicht mehr in Worte zu fassen. Das Szinti ist unheimlich, bis dato wusste ich nicht, was ich meinen Patienten eigentlich antue damit. Ich scheine Glück zu haben. Montag Abend heißt es: T2 Nx M0. Es muss noch mehr Alkohol in mich hinein.


Hoffnung und die ersten SchritteNach oben hoch

Mein Freund hat Urlaub genommen und fährt mit mir nach Erlangen. Ich war noch nie als Patient stationär in einem Krankenhaus, ein komisches Gefühl. Ich bekomme ein Einzelzimmer und ein Zustellbett für meinen Freund, der mir eh nicht mehr von der Seite weicht. Dienstag laufen endlos viele Untersuchungen, dann das Gespräch mit dem Chefarzt. Er ist jung, zuversichtlich und mir sehr sympathisch, meine Freundin ist dabei und ich schöpfe Hoffnung. Ich werde es schaffen, WIR werden das schaffen. Ich habe noch keine Fernmetastasen und trotz des aggressiven Befundes erstellen wir einen kurativen Plan:

 8x neoadjuvante Chemo
 nach 4x Zwischenstaging
 2-3 Wochen nach der 8. Dosis OP,
 Bestrahlung und das lebensrettende Herceptin 1 Jahr weiter

Ich kann trotzdem weiter arbeiten und ich werde auch weiter arbeiten.

Am Tag darauf, Mittwoch, erfolgt die laparoskopische Kryokonservierung des Eierstockgewebes in Vollnarkose, Donnerstag Port-Implantation in Vollnarkose, Freitag erste Chemotherapie mit Epirubicin/Cyclophosphamid, am Samstag nach Hause. Mir gefällt der Plan, er ist nach meinem Geschmack. Ich bin jung und ich bin eine Kämpfernatur. Ich werde nicht aufgeben. Ich habe fürs Abitur gekämpft, für den Studienplatz und während des ganzen Studiums. Jetzt, wo ich es endlich geschafft habe und die Liebe meines Lebens gefunden habe, werde ich nicht aufgeben. Ich bin 32 Jahre alt, jung und sportlich. Ich werde kämpfen, ich werde es schaffen.


Mein erster LeuchtturmNach oben hoch

Nur eins macht mich traurig: Sollten wir irgendwann die nächsten Jahre heiraten wollen, werde ich kurze Haare haben oder eine Perücke tragen. Ich flachse traurig mit meinem Freund darüber. Dann lass uns vorher heiraten, meint er, der ewige Unabhängige und Freiheitsliebende. Ehrlich??? Ein Anruf auf dem Standesamt: Es gibt keinen Termin mehr vor Pfingsten. Ich bin traurig, die Haare werden nicht länger halten, maximal 14 Tage nach erster Chemo. Der Standesbeamte fragt nach und wir erklären ihm die Situation. Ein Wunder geschieht: Wir bekommen einen Extratermin, so etwas gibt es für besondere Fälle. Ich denke an die Worte des Erlanger Chefarztes: Die nächsten Monate werden hart, wir sollen uns Leuchttürme setzen. Der erste blinkt mir schon freudig entgegen, denn ich werde in Kürze heiraten. Wir werden es schaffen. Und: Ich liebe meinen Mann!


Die Autorin arbeitet nach wie vor als Ärztin in der Schweizer Klinik, ihr Vertrag wurde verlängert, ihr Rigorosum hat sie Ende 2007 bestanden. Nächstes Jahr wird sie ihre Facharztweiterbildung zur Allgemeinärztin abschließen. Die Haare sind wieder gewachsen und sie reist mit ihrem Mann rund um den Globus, so wie es ihre freie Zeit zulässt.

 
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