Medizinstudium
Bücher/Medien
Arzt im Beruf
![]() ![]() |
|
|
|
| Ein wichtiges Thema, doch... |
Erfahrungen mit einer HIV-Postexpositionsprophylaxe nach Stich- oder Schnittverletzungen oder Inokulation von Material von HIV-positiven Patienten? - Niemand redet darüber. Ich eigentlich auch nicht. Ich habe im Internet nach Erfahrungsberichten gesucht und keine gefunden. Das hat mich aber auch nicht groß verwundert. Kollegen erzählten mir davon in kleiner Runde - nachdem ich das alles erlebt hatte.
Aber von sich aus spricht keiner davon. Warum nicht? Warum spricht niemand darüber? Es ist doch eine allgegenwärtige Gefahr für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind! Ein wichtiges Thema! Jeder weiß von ihm, von diesem Virus, das an vierter Stelle der Welt-Todesursachenstatistik steht und der Gefahr, die immer da ist, bei jeder Blutentnahme, bei jeder Clexane-Spritze, bei jeder Probe im Labor. Immer.
| Warum man lieber schweigt |
Ich denke, ich weiß, warum sich kaum jemand dazu äußert. So ein Erlebnis ist etwas, was den Einzelnen mit seinen ureigenen tiefsitzenden Ängsten konfrontiert und in eine Situation bringt, die nur schwer zu erfassen und verarbeiten ist. Einige der Betroffenen, die eine Postexpositionsprophylaxe machen mussten, haben mit Sicherheit auch schlechte Erfahrungen gemacht in dieser Zeit des Hoffens und des Bangens. Nach meinen eigenen Erlebnissen möchte ich auch, dass nicht allzu viele Leute davon wissen. Ein Beispiel: Als ich in der Chirurgie beim D-Arzt war, sorgte ich für einen Auflauf. Nicht etwa, weil ich beim Blutabnehmen umgekippt war. Nein, allein die Tatsache, dass der Indexpatient (der Patient, bei dem ich mich mit der Kanüle verletzt hatte) HIV-positiv getestet worden war, schien für die Schwestern ein ausreichender Anlass zu sein, mich alle einmal ansehen zu wollen. Eine Kollegin, die mich begleitete, meinte anschließend, dass sie dachte, ich wäre umgefallen, weil so viele Leute plötzlich in den Raum stürmten. Ich kam mir vor wie im Zoo. Einige von ihnen müssen wohl gedacht haben: Ach wie, tatsächlich?! Ich dachte das gibt's nur im Film. - Nein, das ist Realität und wie war das doch gleich mit der Schweigepflicht unter Schweigepflichtigen?
| Es ist da... immer und überall |
Wir alle im Gesundheitswesen sind täglich der Gefahr ausgesetzt! Viele verdrängen es einfach. Schutzmaßnahmen wie Handschuhe sind normal, gehören einfach dazu. Jeden Patienten als potentiell positiv ansehen ist die Order. Aber tun wir das wirklich?
Das Virus, vor dem alle Angst haben, geht aber mehr oder weniger an vielen vorbei. Man hört davon, hat vielleicht mal einen Patienten gesehen, von dem man wusste: positiv. Aber es sei auch hier nochmal erwähnt: es gibt eine Menge nicht erkannter HIV-positiver Patienten. Das kann der nette Versicherungsvertreter mit der Radiusfraktur sein oder die Dame, die mit Bauchschmerzen kommt. Wie gesagt, das Risiko ist da, immer und überall, doch vielen ist es relativ fern - mich trifft es schon nicht, heißt es oft.
| Du bist dran! |
Doch dann plötzlich ist er da, der Tag, an dem du selbst auf einmal derjenige bist, für den die Gefahr Gestalt annimmt. Gestalt in Form eines Skalpells, einer Kanüle oder einer zerberstenden Laborprobe. Und dann?
Verzweiflung, Angst ...
Dann ist plötzlich alles anders. Angst wird neu definiert. Kaum etwas, das du vorher erlebt hast, wird auch nur annähernd dem gleichen, was vor dir liegt, wenn aus dem HIV-Verdacht beim Indexpatienten ein positiver Such- und dann Bestätigungstest wird. Vielleicht wusstest du aber auch, dass der Patient bereits positiv getestet wurde. Dann sind sie sofort da - die Fragen, die wie die Niagarafälle auf dich einstürzen, auf die du aber keine Antwort weißt. Und auch die Gedanken, die dich die nächste Zeit nicht in Ruhe lassen werden.
Angst wird dein ständiger Begleiter sein, Angst wie du sie noch nie zuvor gefühlt hast - tief in deinem Inneren. Zahlen kreisen in deinem Hirn - je nach Verletzungsart unterschiedliche Risiken: 0,3 % - halten sich Viren an Zahlen? Gehöre ich zu den 99,7 % oder zu den 0,3 %? Dir fällt das Beispiel aus Mikrobiologie ein: in einer Badewanne voll mit Wasser reicht ein Tropfen Hepatitis-B-infiziertes Blut um sich anzustecken. Aber dagegen bist du geimpft. Die HIV-Übertragbarkeit ist hundertmal geringer. Und wieder fängst du irgendwie an zu rechnen.
Ich habe Verzweiflung gespürt, Wut, Ärger, Aggression und jede Menge Angst. Ich war wie betäubt, innen hohl. Ich fragte mich, wann endlich der Bulldozer von meinem Körper runterkommt, der mich überrollt und mir die Luft zum atmen nahm. Ich fragte mich eine ganze Menge, sogar Fragen, von denen ich vorher nicht angenommen hätte, dass ich sie mir je stellen würde.
Doch eins mach nie: stelle dir keine "Was wäre, wenn..." - Fragen. Das ist gefährlich! Ich glaube, mein Chef hat nicht umsonst zu mir gesagt, ich möge bitte nicht auf dumme Gedanken kommen und Kurzschlusshandlungen sein lassen. Man ist in dieser Situation manchmal unberechenbar, denn Gefühle schießen in einer Intensität durch die Seele, wie es nur schwer zu ertragen ist.
... und Hoffnung
Aber da war noch etwas: Hoffnung. Hoffnung, die mir meine Kollegen, Freunde und die Familie gegeben haben. Hoffnung, dass es alles gut ausgeht und Zuversicht, dass ich aus der Sache mit heiler Haut hervorgehen würde. Sie fingen mich auf und gaben mir Halt, nach dem ich dringend suchte. Natürlich hatte ich Angst vor zu viel Zuversicht und Hoffnung - es könnte sich alles in Luft auflösen und ich würde noch tiefer fallen. Doch ich klammerte mich an ein Stückchen dieses wunderbar hellen Streifens und hoffte, dass er mich mitnimmt - hinaus aus diesem Loch.
Wenn Du Glück hast, endet alles nach kurzer Zeit, wenn der HIV-Test des Patienten negativ ist. Der Spuk ist dann vorbei.
Vielleicht musst du aber auch vier Wochen oder zumindest einige Tage, bis die endgültigen Testergebnisse da sind, eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) betreiben. Das klingt einfach, aber das ist es nicht. Es folgen Tage mit diesem Wirrwarr an Gefühlen, Gedanken und Fragen, die einen manchmal fast wahnsinnig machen. Die Nebenwirkungen der Medikamente können auch noch dazukommen. Wir sind inzwischen in der glücklichen Lage, eine medikamentöse PEP durchführen zu können. Vor einigen Jahren noch sah die Sache ganz anders aus. Niemand weiß bisher, ob eine PEP tatsächlich das Risiko einer Ansteckung senkt. Es gibt bis jetzt keine eindeutigen Studien darüber, nur Hinweise, die in diese Richtung gehen. Allen Zweiflern an einer PEP zum Trotz möchte ich sagen: besser der Versuch einer PEP als gar nichts! Selbst wenn die Nebenwirkungen manchmal ziemlich unangenehm sind, es ist eine Chance.
Mit all dem Hoffen und Bangen überstand ich dann die vier Wochen und war HIV-negativ und Hepatitis C-negativ. Das war ich auch nach 3 Monaten und einem halben Jahr - alles glücklich gelaufen! In dieser Zeit achtete ich auf jede Kleinigkeit: Schnupfen, Halsweh, gar Fieber? Nein, Gott sei Dank nicht.
Dann irgendwann erscheint einem das Ganze wie ein böser Traum, den man mal hatte und der jetzt vorbei ist. Aber allmählich wird mir bewusst, es war Realität, erschreckende Realität, die mich bei jeder Erinnerung wieder erschaudern lässt. Man freut sich, dass man Glück hatte, so richtig Glück meine ich, und die Welt sieht wieder bunt aus. Wahrscheinlich hat man sich in dieser Zeit verändert. Meine Meinung über bestimmte Dinge und das Leben allgemein ist eine andere geworden. Mein Alltag kommt wieder. Langsam. Endlich.
Doch eines werde ich nie vergessen: es kann mir jeden Tag wieder passieren.
| Die Fakten |
Folgende Artikel von Maren Oldörp beleuchten die Fakten zu HIV und Hepatitis und erläutern, was nach einer Stichverletzung zu tun ist. Wissenschaftliche Beratung: Dr. med. Matthias Lademann, Abt. f. Tropenmed. und Infektionskrankh., Universität Rostock
| HIV-Diagnostik |
| Schnitt- und Stichverletzungen im Klinikalltag: Prophylaxe und erste Handlungsanweisungen |
| Schnelle Hilfe bei Stichverletzungen in der Klinik: Die PostVir-CARD |
| Nur für Via medici Abonnenten: |
Therapie der HIV-Infektion
Als 1981 von der CDC eine neue Krankheit definiert wurde und zwei Jahre später erstmals das verursachende HI-Virus isoliert werden konnte, dauerte es noch eine ganze Weile bis schließlich ein Medikament zur Therapie entwickelt wurde. 1987 kam mit Zidovudin (AZT) das erste antiretrovirale Medikament auf den Markt. Mit inzwischen etwa 20 Medikamenten ist die HIV-Therapie zumindest soweit erfolgreich, dass eine deutliche Lebensverlängerung für die Patienten erreicht werden kann.
| Therapie der HIV-Infektion |
| Rückmeldungen von Lesern |
| Endlich mal! |
Ich habe genau das gleich erlebt. Als ich, nachdem ich mich gestochen hatte (es war während meiner ersten(!!) Famulatur), völlig aufgelöst zur Stationsärztin ging, meinte sie nur, ob die Patientin wohl so aussähe, als ob sie HIV oder Hepatitis hätte. Und dann sagte sie nur, ich könne ja zum Betriebsarzt gehen - aber das wäre eine Menge Aufwand. Das wars.
Später habe ich das noch einmal bei einem Pjler erlebt, aber in dem Haus wurde ganz anders damit umgegegangen. Viel offener und unkomplizierter. Aber dem Pjler ist das sehr nahe gegangen. Zum Glück ist alles gut gegangen.
Ich finde den Artikel hervorragend. Auch, dass nicht nur über HIV, sondern auch über Hepatitis B und C gesprochen wird! Hoffentlich gibt es bald mehr von den Artikeln, denn viele meiner Kommilitonen lassen immer noch die Handschuhe weg und überspielen die Gefahr! An meiner Uni ist da übrigens nie ein Wort zu gesagt worden!
Verena (Name von der Redaktion geändert)
| Vielen Dank!! |
Vielen Dank für den Erfahrungsbericht "Es kann auch Dir passieren!". Auch ich habe mich im PJ nach einer Blutentnahme bei einer Hepatitis C positiven Frau mit der Kanüle verletzt. Die Erkrankung der Patientin wurde mir erst bei der Durchsicht alter Arztbriefe bekannt, die Planette war nicht besonders gekennzeichnet!!! Mehrere Nächte habe ich mir
über die möglichen Spätfolgen dieser Krankheit den Kopf zerbrochen und das Internet nach Beiträgen zu diesem Thema durchsucht. Ich kam mir damals alleingelassen vor, nachdem ich der Stationsärztin von dem Vorfall berichtet hatte, sagte sie nur: "Wieso, Du bist doch versicherungsrechtlich über die Uni abgesichert". Zum Glück waren meine Untersuchungs-Ergebnisse später beim Betriebsarzt alle negativ.
Eine deartige Angst wollte ich nie wieder erleben, ich habe den Arztberuf daher nach dem 3.Stex aufgegeben!
Mit freundlichen Grüßen Bernd (Name von der Redaktion geändert)
| Es muß sich endlich etwas ändern! |
Ich absolviere gerade mein chirurgisches PJ-Tertial und bin geschockt, wie tabu dieses lebenswichtige Thema im Krankenhaus ist. Ich bin die einzige, die bei Blutabnahmen und beim Legen von Zugängen Handschuhe trägt. Dafür habe ich schon so manch spöttisches Wort geerntet.
Hierbei bin ich jedoch zum Glück für mich selber verantwortlich, im OP sieht es dagegen ganz anders aus. Als "Hakenhalter" befinden sich meine Hände oft in gefährlichem Terrain. Es gibt fast keine OP, bei der ich nicht mindestens ein Mal mit einer Pinzette oder Schere gepieckt werde. Dass die Nadeln regelmäßig meine Hand berühren, wenn der Operateur näht oder knotet, ist auch die Regel. Wenn ich dann doch mal ängstlich die Hand wegziehe, bekomme ich auch noch Ärger. Mit bloßem Auge waren meine Handschuhe immer intakt, doch aus der Hygiene und der Mikrobiologie weiß man, daß viele Handschuhe häufig kleinere unsichtbare Löcher haben.
Aus diesem Grund würde ich mich auch wesentlich sicherer fühlen, wenn ich während großer OPs 2 Paar Handschuhe tragen könnte, wie es ja auch empfohlen wird - bei uns gibt es (als Sparmaßnahme?) immer nur 1 Paar - auch bei 10h OPs. Selbst während einer Operation bei einem sicher HIV-positiven Patienten trugen laut meinem Mit-PJler alle nur 1 Paar Handschuhe.
Nicht selten bekomme ich auch Spritzer ins Gesicht, die Operateure natürlich auch - und keinen stört´s. Bei meiner Famulatur in den USA mußte bei jeder potentiell gefährlichen Arbeit ein Einmal-Mundschutz mit einem großen Plastik-Visier getragen werden. Dass es diese Regelung hier nicht gibt, ist bestimmt auch eine Kostenfrage. Wenn man sich beschwert oder versucht auszuweichen, wenn einem das Blut vom OP-Tisch genau in den Schuh läuft, wird man verspottet - es sei doch nur Blut.
Diese Ignoranz macht mich wahnsinnig. Ich frage mich, ob alle diese Gefahr verdrängen oder wirklich nicht sehen. Ich bin noch jung und möchte mir nicht schon im PJ HIV oder HCV einfangen. Man arbeitet ganz umsonst und muß sich dann noch in Gefahr bringen! Ich wage es leider viel zu selten, etwas zu sagen oder um Schutzmaßnahmen zu bitten - aus Angst als Angsthase oder Feigling verspottet zu werden.
Man sieht den Patienten doch oft nicht an, ob sie infektiös sind - getestet wird dies aus Kostengründen vor großen Operationen ja auch nicht. Dies zeigt, wie falsch, gefährlich und kostenbezogen hier mit diesem Thema umgegangen wird. Es müßte völlig normal und Routine sein, sich vor HIV, HCV etc. schützen zu dürfen!!
Michaela (Name von Via online geändert)
| Gleiche Rechte für Ärzte wie für Schwesternschülerinnen |
Ich kann den Artikel inzwischen immer noch nicht lesen, obwohl so viel Zeit vergangen ist. Es setzt bei mir immer noch Bilder und Flashbacks in Gang. Heute morgen war der Abwurfbehälter im Stationszimmer verschwunden. Ich fragte die Schwestern, wo er denn sei. Antwort: "Da ist unsere Schwesternschülerin mit unterwegs zum Insulinspritzen. Die müssen den Abwurfbehälter auf dem Tablett haben. Ist Vorschrift." Mir klappte nur kommentarlos die Kinnlade runter. Es fehlten mir die Worte. Als ich vor einigen Wochen mehrere Abwurfbehälter (kleinere) forderte für die Tabletts bei den Blutentnahmen und für die Famulanten, da hieß es: "Geht nicht!" bzw. "... können wir nicht so viele bestellen." Wie sagen meine Schwestern auf Station immer so schön zu den Patienten? - "Geht nicht heißt will nicht und will nicht ist faul." Manchmal hätte ich als Arzt doch gerne die Rechte, die eine Schwesternschülerin hat!
Kommentar des Autors des obigen Artikels
| Mein Studienort | |
|
|
| Neues bei Via medici | |
|
| Via Newsletter | |
|