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Artikel vom 20. 06. 2008

Gynäkologische Ambulanz für behinderte Frauen

Interview mit der Leiterin Prof. Gerlinde Debus

Esther Schmidt

Prof. Gerlinde Debus ist Leiterin einer gynäkologischen Ambulanz. So weit nichts Besonderes. Doch diese Ambulanz ist anders: Sie steht speziell Frauen und Mädchen mit Behinderung offen. Sieben Jahre hartnäckiges Planen und Koordinieren war nötig, bis das Projekt unter Dach und Fach war. November 2007 wurde die Ambulanz eingeweiht und ist seither gut ausgelastet. Welche Frauen nun beraten und behandelt werden, erfragte Esther Schmidt im Gespräch mit Prof. Debus.

Klinikum DachauFoto: Inge Apfel
Klinikum Dachau
Foto: Inge Apfel


Mit welchen Behinderungsformen werden Sie in der Sprechstunde häufig konfrontiert?

Relativ häufig begegne ich Frauen mit Muskelerkrankungen progredienter Art und Querschnittslähmungen nach Autounfall. Durch die kassenärztliche Vereinigung ist das Angebot bisher auf schwerst körperlich behinderte Frauen und Mädchen beschränkt, denn mit anderen Behinderungsformen kann theoretisch jede normale Praxis aufgesucht werden. Die Barrierefreiheit war quasi der Schlüssel für diese Ambulanz. Es kommen aber auch immer wieder Menschen mit geistiger Behinderung, da ja die Einrichtung Schönbrunn in der Nähe anesiedelt ist. Es ist ein wenig ein undurchsichtiges System und ich weiß nicht, ob ich meine Leistung wirklich bezahlt bekomme oder für ein Dankeschön erbringe. Ein Überweisungsschein wird jedoch immer mitgebracht.


Wie muss man sich solche speziellen Beratungs - und Untersuchungssituationen vorstellen? Da kommt eine Frau.....

... mit Glasknochenkrankheit und sogar mit Partner. Die beiden wollen wissen, was ist, wenn sie Kinder haben wollen. Sie wollen wissen, wie sie das anstellen sollen, wie sie überhaupt zusammenkommen können. Oder es kommt eine Frau mit starker Verkrümmung der Wirbelsäule, einer Skoliose. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Zusammenkommen. Das Paar möchte wissen, wie die Frau befruchtet werden kann. Ich schaue mir dann die Anatomie des gesamten Körpers an und erfrage Behinderungen des Partners. Entweder gebe dann praktische Tipps, zum Beispiel den Beischlaf eher von der Seite bei der liegenden Frau zu vollziehen, oder ich muss den Ratsuchenden mitteilen, dass sie nicht auf natürlichem Weg ein Kind zeugen können. In den Fällen wäre dann die künstliche Befruchtung eine Möglichkeit.


Wer hatte die Idee einer speziellen Ambulanz für behinderte Frauen?

1999 hatte in der Zeitung gelesen, dass sich das Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderung in Bayern gegründet hat. Da das Frauennetzwerk in meiner erweiterten Nachbarschaft am Ostbahnhof gelegen ist, nahm ich Kontakt auf und lernte die Leiterin des Netzwerkbüros, Ute Strittmatter, kennen. Relativ schnell kam es zu der Idee, eine spezielle gynäkologische Ambulanz zu gründen, da Frauen mit schwerster Körperbehinderung in Deutschland im gynäkologischen Fachgebiet sehr unterversorgt sind.

Untersuchungsraum der Gyn-Ambulanz mit einem LifterFoto: Inge Apfel
Untersuchungsraum der Gyn-Ambulanz mit einem Lifter
Foto: Inge Apfel


Ich nehme an, Sie mussten noch einige Hürden überwinden?

Sieben Jahre hat es gedauert, bis die Sache unter Dach und Fach war. Wir haben damals unsere Idee gemeinsam weiterüberlegt und Ute fragte im Ministerium, bei Krankenkassen und Sponsoren nach. Zu dieser Zeit schrieb das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Projektförderung aus: "Selbstbestimmung der PatientInnen am ärztlichen Behandlungsprozess". Wir fielen damals unten durch, ein Mammakarzinomprojekt wurde gefördert. Doch wir haben nicht lockergelassen und es kam zu einem Treffen der Netzwerk-Frauen mit den Vertetern der kassenärztlichen Vereinigung, der Sozialministerin Stewens und weiteren Vertretern verschiedener Institutionen.

Doch mit allen Planungen sollten noch sieben Jahre vergehen, bis wir an den Start gehen konnten. Letzten Sommer erhielt ich die Zulassung für die spezielle Sprechstunde. Ich war zu dieser Zeit in Neuperlach tätig, wollte nun gerade auch meinen Arbeitsplatz nach Dachau verlegen. Da ich aber die Zulassung für Neuperlach-München-Stadt bekommen habe und nicht für Dachau-München-Land und weil ich in Neuperlach nur 3 männliche Oberärzte hatte, gab es keine Möglichkeit, das Projekt in München-Stadt durchzuführen. Doch die Netzwerkfrauen wollten das Projekt weiter mit mir realisieren und so fand letzten November die Einweihung in Dachau statt.


Wissenschaftliche Studien begleiten das Modellprojekt und auch die Ausbildung von Nachwuchsmedizinern ist integriert. In welchem Rahmen geschieht dies?

Wir werden über zwei Jahre das Projekt aufzeichnen. Hilfreich dabei ist, dass Patientinnen von betreuten Wohnanlagen, die von niedergelassenen Allgemeinärzten oder Internisten medizinisch versorgt werden oder von Institutionen wie der Stiftung Pfennigparade eine sehr gute Buchführung mitbringen - sowohl was die Behinderungsart betrifft als auch den ärztlichen Betreuungsverlauf. Es ist fantastisch, ich bin begeistert von den extrem gut geführten Unterlagen. Die Auswertung wird dann einem Mediziner als Promotion angeboten. Mit einer Doktorarbeit wurde ja anfangs nachgewiesen, wie unzugänglich dieserorts Praxen für Frauen mit verschiedener Behinderung sind. Dann wird publiziert und geschaut, wie sich die Kassen verhalten werden, hier und in anderen Städten. Im Moment begleite ich die Ausbildung einer Assistenzärztin, die die erste Doktorarbeit verfasst hat.

Der WartebereichFoto: Inge Apfel
Der Wartebereich
Foto: Inge Apfel


Was motiviert Sie?


Ich habe eigentlich immer neben meiner ganz normalen gynäkologischen Tätigkeit auch Randbereiche aufgesucht. Nennen Sie es soziales Engagement


...oder auch Neugier?


Klar, ja, auch Neugierde.


Und wie ist die Resonanz der Ambulanz?


Die Sprechstunde ist gut ausgelastet.


Frau Prof.Dr.Debus, ich danke Ihnen herzlich für das Interview.

Die Autorin Esther Schmidt ist Ärztin und hat in München Medizin studiert


Informationen zur Ambulanz

Eine Umfrage des Netzwerkes von und für Frauen mit Behinderung in Bayern zeigt, dass diese Frauen und Mädchen zum größten Teil nicht ausreichend gynäkologisch versorgt sind. Das hat mehrere Ursachen:

 Mangelnde Zugänglichkeit von Arztpraxen
 Fehlende Behindertentoilette
 Für Rollstuhlfahreinnen unzugängliche gynäkologische Stühle
 Zu kurze Untersuchungseinheiten, mit der Folge, dass sich Frauen mit Spastik oder bestimmten Muskelerkrankungen verspannen und so eine Untersuchung nicht mehr möglich ist.
 Mangelnde Erfahrung der Gynäkologen in der Behandlungbehinderter Frauen

Die Räume der Spezialambulanz sind barrierefrei zugänglich, verfügen über einen Hebelift und eine behindertengerechte Toilette sowie einen höhenverstellbaren gynäkologischen Stuhl. Bei Bedarf wird eine psychosoziale Beratung durch pro familia angeboten.

Die gynäkologische Ambulanz für Frauen und Mädchen mit Behinderung ist eine Initiative des Netzwerkes von Frauen mit Behinderung in Bayern und Frau Prof. Gerlinde Debus, Chefärztin der Frauenklinik Dachau, in Zusammenarbeit mit Bayerns Sozialministerin Christa Stewens.

Träger ist die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihrer Angehörigen in Bayern e.V. (LAGH), Dachorganisation von derzeit 98 Behindertenselbsthilfeorganisationen. Die medizinische Leitung hat Prof. Debus übernommen. Die Spezialambulanz ist ein Modellprojekt mit der wissenschaftlichen Zielsetzung, den speziellen Bedarf der gynäkologischen Behandlung und Betreuung von Frauen abhängig von der Art der Behinderung zu ermitteln.

    Sprechstunde:
    Mittwoch nachmittag 13.00 - 15.00 Uhr
    Ebene 2
    Anmeldung:
    Sekretariat Prof. Gerlinde Debus
    Angelika Stumpf
    Tel.: 08131/76 42 98
 
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