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Was macht einen medizinischen Fehler für Patienten inakzeptabel?
Studie zum Umgang mit medizinischen Fehlern
Ulrike Rostan
Wie urteilen Patienten oder ihre Angehörigen über einen medizinischer Fehler und wovon hängt es ab, ob sie Sanktionen für den involvierten Arzt fordern? David Schwappach, Juniorprofessor, und Christian Koeck, Professor am Institut für Gesundheitsökonomie der Uni Witten/Herdecke sind den Faktoren auf die Spur gegangen, die das Verhalten und das Urteil der Patienten und ihrer Angehörigen nach einem medizinischen Fehler beeinflussen. Die Studie wurde 2004 in der Zeitschrift "International Journal für Quality in Health Care" veröffentlicht. Schwappach hat dafür jetzt den Peter Reizenstein-Preis 2004 der International Society for Quality in Health Care erhalten.
Übersicht
| Der offene Umgang mit Fehlern lohnt sich | hoch |
Der offene und ehrliche Umgang mit medizinischen Fehlern lohnt sich! Das hat die Studie der beiden Wittener Wissenschaftler eindeutig ergeben. Es war bereits seit längerem bekannt, dass die Aufdeckung medizinischer Fehler gegenüber Patienten wichtig ist. Doch es ist bisher nicht untersucht worden, wie sich die unterschiedliche Art und Weise, mit dem Fehler umzugehen und mit dem Patienten zu kommunizieren, auf das Urteil desselben bezüglich des Fehlers und möglicher Konsequenzen auswirkt. Auf diese Frage legten die Wittener ihren Schwerpunkt in der Studie.
Die Untersuchung war Teil einer größeren Studie über die Einstellung der deutschen Bürger gegenüber medizinischen Fehlern, die via Internet durchgeführt wurde. Schwappach und Koeck legten den Befragten hypothetische Krankheitsszenarien von Patienten vor, denen ein medizinischer Fehler wiederfahren war. Die Fallbeispiele enthielten zudem Auszüge der Kommunikation des behandelnden Arztes mit dem Patienten über das Ereignis. Die Teilnehmer sollten zu jedem Fall vier Urteile abgeben:
| | • | Sie sollten die Schwere des Schadensereignisses auf einer 7-Punkte-Skala beurteilen, von "unbedeutender Fehler" bis "sehr schwerer Fehler" |
| | • | Es wurde gefragt, ob sie in dieser Situation einen weiteren Arzt aufsuchen würden. Diese Frage musste mit "nein", "eher nicht", "eher ja" und "ja" beantwortet werden. |
| | • | Ob sie den Fehler melden würden, z.B. an die Ärztekammer oder an eine Schlichtungsstelle, sollten sie mit "Ja", "nein" oder "weiß nicht" beantworten. |
| | • | Die letzte Frage bezog sich darauf, ob der Fehler oder der Umgang mit dem Fehler Konsequenzen für den Arzt haben sollte und welche Sanktionen angemessen wären. Die Antwortmöglichkeiten rangierten zwischen "keine Konsequenzen", "leichte Konsequenzen" wie Verwarnung durch die Ärztekammer oder Verpflichtung zur Fortbildung, und "schwerwiegenden Konsequenzen" wie Entlassung, Entzug der Approbation, Strafverfolgung. |
Fehler wurden in dieser Studie definiert als "eine vermeidbare Verletzung/Erkrankung, die eher durch die medizinische Behandlung verursacht wurde denn durch die vorliegende Krankheitsbedingungen des Patienten". Zusätzlich konnten die Teilnehmer während der Befragung immer auf weitere Informationen zugreifen, die Beispiele für medizinische Fehler enthielten und Beispiele negativer Schadensereignisse, die nicht auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen waren.
In jedem Fallbeispiel wurden sechs Attribute in unterschiedlicher Ausprägung kombiniert und jeweils passend zur Fallgeschichte formuliert. Folgende Attribute waren vorgegeben:
| | • | Ausgangszustand der Erkrankung (leicht, mittel, schwer = intensivpflichtig) |
| | • | Art des Fehlers (Medikatons/Behandlungsfehler, Übersehen einer wichtigen diagnostischen Information, Übersehen einer Allergie oder Kontraindikation) |
| | • | Schwere des ärztlichen Fehlers (leicht, mittel, schwer) |
| | • | Auszüge aus der Kommunikation des Arztes über den Fehler |
| | • | Anerkennung eines Fehlers oder nicht |
| | • | Entschuldigung Seitens des Arztes oder keine Entschuldigung |
Mit Hilfe verschiedener Verfahren wurden daraus 27 mögliche Kombinationen entwickelt, die als Fallbeispiele aufgearbeitet und in 9 Sets à 3 Fällen zusammengefasst wurden. Jeder Befragte wurde randomisiert einem der neun Sets zugewiesen.
Die Teilnehmer der Studie sind Mitglieder des GesundheitsPanels und nehmen regelmäßig an Befragungen teil. 1017 von 1200 angeschriebene Mitglieder füllten den Fragebogen vollständig aus. Da es sich innerhalb des GesundheitsPanels ausschließlich um Themen aus dem Gesundheitssektor handelt, führen Schwappach und Koeck aus, dass sich die Teilnehmer vornehmlich aus Patienten, ihren Angehörigen, Interessierten bezüglich der deutschen Gesundheitsreform und Menschen mit medizinischen Berufen zusammensetzten. Durch den experimentellen Aufbau der Studie und die Randomisierung der Teilnehmer sollte dieser Aspekt aber keinen Einfluss auf Unterschiede in den Bewertungen zwischen den Fällen haben.
Die Schwere des Schadensereignisses bleibt der wichtigste Faktor dafür, welche Maßnahmen die Patienten nach einem medizinischen Fehler ergreifen. Dennoch zeigte die Studie, dass die Verhaltensweise des Arztes auf allen Ebenen der Befragung eine annähernd gleich wichtige Rolle spielt! Bei Fehlern mit schwerwiegendem Ausgang sank die Forderung nach strengen Sanktionen für den Arzt um 59%, wenn dieser ehrlich, einfühlsam und verantwortlich mit dem Schadensereignis umging. Vier der sechs Eigenschaften der Fälle stellten sich als signifikant heraus. So beeinflusste die Art des Fehlers, die Schwere des Fehlers, die Anerkennung eines Fehlers seitens des Arztes und die Entschuldigung dafür das Urteil der Befragten erheblich.
Während sich die klare Anerkennung eines Fehlers positiv auswirkte und die Wahrscheinlichkeit eines negativen Urteils senkte, zeigten zweideutige Aussagen, die eine "Mitverantwortung" des Patienten am Geschehen implizierten, keinen Effekt oder führten sogar eher zu einer negativen Bewertung.
| Teilnehmer mit medizinischen Berufen urteilten anders | hoch |
Interessanterweise fielen die Ergebnisse der Studie etwas anders aus, wenn sich die Wissenschaftler nur die Antworten der Teilnehmer mit medizinischen Berufen anschauten. Sie schätzen die Fehler weniger schwerwiegend ein, waren weniger geneigt, den Fehler zu melden oder den Rat eines anderen Arztes einzuholen. Auch bezüglich der Sanktionen waren sie zurückhaltender. In ihren Kommentaren zu den Fällen zweifelten die Medizinberufler die Fehler eher an und bezeichneten sie als "unglückliche Nebenwirkung oder als unglückliches Ereignis". In den Fallbeispielen mit übersehener Medikamentenallergie argumentierten sie in ihren Kommentaren, dass es die Aufgabe des Patienten sei, Medikamente auf ein mögliches Allergenpotential hin zu überprüfen.
| Abschließende Diskussion | hoch |
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Art und Weise, wie mit Fehlern umgegangen wird, essentiell für das Urteil des Patienten bezüglich des Schadensereignisses ist und seine Haltung gegenüber möglichen Sanktionen für den Arzt beeinflusst. Dieses Ergebnis wird auch durch andere Studien bestätigt. Die meisten Patienten akzeptierten, dass Fehler passieren und seien eher zurückhaltend in ihren Forderungen nach Sanktionen, führen die Autoren in ihrer Schlussdiskussion aus. Sie gehen auf die methodischen Grenzen der Untersuchung ein, die natürlich beachtet werden müssen. Dennoch führt ihrer Ansicht nach nichts an einem guten Fehlermanagement vorbei, das Verantwortlichkeit und Offenheit kennt und sich nicht hinter unklaren Aussagen oder in der Anonymität einer Organisation versteckt. Um ein erfolgreiches Fehlermanagement durchzuführen, müssten die jüngsten Bestrebungen, von der persönlichen Verantwortung und vom individuellen Schuldbegriff wegzukommen, begleitet werden von Maßnahmen, die den Fehler gegenüber dem Patienten klar benennen und erklären. Die Organisation als Ganzes müsse hier ihre Verantwortlichkeit auf einzelne Personen übertragen, deutlich erkennbar für den Patienten. Nicht zuletzt dürfte diese Ansatz dazu beitragen, dass belastende Streitschlichtungsverfahren und Schadensersatzprozesse bereits im Vorfeld vermieden werden können und dass Patienten ihr Vertrauen in die ärztliche Arbeit und die medizinische Versorung behalten oder wiedergewinnen.
| Interview mit Dr. Schwappach | hoch |
Kurz nach der Preisverleihung für die beste Veröffentlichung in der Zeitschrift "International Journal für Quality in Health Care" 2004 führte Via medici online mit David Schwappach ein Interview über die Ergebnisse seiner Studie und die möglichen Konsequenzen daraus.
Eine sehr lehrreiche Seite ist die folgende Fehlerberichts- und Lernsystemseite für Hausarztpraxen, auf der niedergelassene Ärzte Fehler und Beihnahe-Fehler berichten können:
www.jeder-fehler-zaehlt.de
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