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Artikel vom 19. 04. 2005

Interview mit dem Homöopathen Dr. André Saine

Zeitschrift für Klassische Homöopathie (zkh 2004; 48: 117-127)

Karin Vigoureux, Ralf Vigoureux

Die aktuelle Diskussion um moderne Strömungen, um Methodenvielfalt und die genuine Homöopathie hat für viel Aufregung gesorgt. Dr. André Saine, ein bekannter kanadischer Homöopath, der seit einigen Jahren auch in Europa als Homöopathie-Lehrer wirkt, hat dabei mit seiner strengen Auslegung der Lehre Hahnemanns zu einer weitgehenden Polarisierung beigetragen. Seiner Meinung nach muss man sich eng an Hahnemanns Vorgaben orientieren, falls man wirklich erfolgreich homöopathisch behandeln will.

Übersicht


EinleitungNach oben hoch

Im Rahmen einer „homöopathischen Weltreise” in den Jahren 2001 und 2002 hatten wir die Gelegenheit, uns in einigen Ländern über die gegenwärtige Situation der Homöopathie zu informieren und Kollegen bei der Arbeit und bei der Lehre zu beobachten. Natürlich waren wir auch sehr darauf gespannt, ob irgendwo auf der Welt besonders erfolgreich mit Homöopathie behandelt würde.

Unmittelbar vor unserer Weiterreise in lateinamerikanische Länder hatten wir im September 2001 die Möglichkeit, Dr. Saine drei Wochen lang bei seiner Praxisarbeit über die Schultern zu schauen.[2] Wir kannten ihn zuvor lediglich von einigen seiner Seminare.

Trotz unseres kritischen Geistes und der relativen Kürze der Hospitation und der Beobachtungszeiträume kamen wir nicht umhin festzustellen, dass Dr. Saine außergewöhnlich erfolgreich arbeitet. Dies ist umso erstaunlicher, da ein Großteil seiner Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen zu ihm kommt. Für uns lag nahe, genauere Informationen zu seiner Arbeit zu erfragen und so entstand ein Interview, von dem hier ein erster Teil veröffentlicht wird. Wir glauben, dass es für viele Homöopathen anregend sein kann. Neben Informationen zu klinischen Aspekten der Homöopathie bietet es auch Stoff für die aktuelle politische Diskussion.


Die Behandlung schwerer KrankheitsbilderNach oben hoch

In der Zeit, die wir in Ihrer Praxis verbrachten, konnten wir beobachteten, dass Sie hauptsächlich Patienten mit schweren Krankheitsbildern behandeln. Was ist der Grund dafür?

Das ist nicht immer so, manchmal habe ich auch leichtere Fälle. Wenn mich beispielsweise ein Patient fragt, ob ich weitere Familienmitglieder behandeln würde. In der Regel schicke ich diese zu Kollegen, aber gelegentlich akzeptiere ich sie, um den Einfluss der Vererbung von einer Generation auf die nächste beobachten zu können. Es ist jedoch richtig, dass die meisten meiner Patienten wegen schwerer Krankheiten zu mir kommen.
Alles fing damals vor über 20 Jahren an, als ich mit meinem Vater praktizierte und hauptsächlich Patienten sah, die an sehr schweren Krankheiten litten. Von Beginn an sah ich schwere Fälle und kam gut damit zurecht, Patienten zu therapieren, die andere nicht behandeln wollten. Mit Schwerkranken zu arbeiten ist selten langweilig, genauer gesagt ist es oft eine ziemliche Herausforderung. Auf diese Weise kann man seine eigenen Fähigkeiten und die angewandte Methode gut überprüfen und damit letzten Endes auch die Möglichkeiten und Grenzen der Homöopathie.

Wo liegen die Grenzen der Homöopathie?

Die Grenzen der Heilung mit Homöopathie sind in der Regel die Grenzen der angeborenen Heilungsfähigkeit des Organismus. Wenn jemand beispielsweise einen Finger verliert, dann wissen wir, dass er nicht nachwächst, und das stimmt mit oder ohne Homöopathie. Dennoch kann man beobachten, dass gewöhnlich der Heilungsprozess mit Homöopathie schneller verläuft, als man normalerweise erwarten würde. So ist zum Beispiel klar, dass Verletzungen mit Homöopathie schneller heilen. Wenn die Leute vor und nach einem operativen Eingriff behandelt werden, bestätigen die Chirurgen stets, wie gut diese Patienten genesen. Die Menschen erholen sich unter homöopathischer Behandlung auch schneller von einem Kummer.
Im Allgemeinen verläuft die Heilung mit Homöopathie paraphysiologisch oder sie geht über normale physiologische Abläufe hinaus. Ich meine hiermit, dass wir eine Geschwindigkeitszunahme bei dem normalen Genesungsprozess beobachten, dass es aber keine neuartigen Heilungsprozesse gibt. Mechanische Probleme stellen oft augenfällige Grenzen für die Homöopathie dar. Wenn beispielsweise ein Kind mit Analatresie geboren wird, ist dies offensichtlich kein Fall für die Homöopathie. Oder bei einer Gelenkluxation wird die Arznei die Körperteile nicht wieder in ihre ursprünglichen Positionen zurückbringen. Das bedeutet nicht, dass die betroffene Person nicht auch mit Homöopathie behandelt werden sollte, aber man muss sich bei rein mechanischen Problemen in erster Linie mechanischer Verfahrensweisen bedienen. Im Vergleich dazu zeigt sich ein wesentlicher Unterschied, wenn man sich mit Homöopathie den dynamischen Aspekten der Krankheitsfälle zuwendet. So werden etwa Menschen mit Bandscheibenvorfall sehr oft durch Homöopathie außergewöhnliche Erleichterung erfahren. Wahrscheinlich wird dabei aber die mechanische Läsion an sich nicht angegangen, vielmehr wird die Reaktion des Organismus auf den mechanischen Reiz beeinflusst. Dort, wo der Organismus bei Krankheitsprozessen seine wahren Grenzen hat, sich selber zu regenerieren, da offenbaren sich auch die Grenzen der Homöopathie. Nehmen Sie beispielsweise Patienten mit Autoimmunkrankheiten wie multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis, Spondylitis ankylosans usw. Wir beobachten bei ihnen unter anderem Entzündungsprozesse, die bestimmte Gewebe betreffen und letztlich zu deren Zerstörung führen können. Mit Homöopathie können wir diesen Krankheitsprozess aufhalten. Folglich wird der Entzündungsprozess aufhören und die betroffenen Läsionen werden in dem Maße heilen, in dem es dem Organismus möglich ist. Das Endresultat des Entzündungsprozesses ist Narbengewebe und das wird sogar mit Homöopathie dauerhaft bestehen bleiben.

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