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Artikel vom 12. 02. 2004

Ärzte in der Forschung

Auf der Jagd nach Wissen (aus Via medici 3/01)

Evelyn Hauenstein

Ohne Forschung wäre die moderne Medizin nicht denkbar. Deshalb gibt es Ärzte, deren Arbeitsalltag nicht zwischen Operationssaal und Station stattfindet, sondern die sich hauptberuflich der Wissenschaft widmen. Spannende Aufgaben und glänzende Berufschancen machen die Forschung zur echten Alternative.

Übersicht

Eigentlich wollte ich Kinderarzt werden - oder Internist", erzählt Dr. Timo Ulrichs. Vom ersten Semester bis zum PJ glaubte der 30-Jährige, dass er später im weißen Kittel über die Gänge einer Klinik gehen würde. Heute sitzt Dr. Ulrichs nicht vor Krankenakten, sondern vor dem Mikroskop: Er hat sich für eine Karriere in der Forschung entschieden. Schon während seines Medizinstudiums in Marburg belegte er zusätzlich Lehrveranstaltungen für das Grundstudium der Humanbiologie. Die Wissenschaft ließ ihn auch nach dem Physikum nicht mehr los: In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit dem Einfluss von Katecholaminen auf die Immunantwort von Lymphozyten. Doch damit nicht genug: Parallel zu seiner AiP-Zeit in der Rheumatologie an der Berliner Charité forschte er am Max-Planck-Institut (MPI) für Infektionsbiologie an Fragen der Immunantwort bei Tuberkulose und Lepra: "Während dieser Zeit wurde es immer klarer, dass ich in der Forschung bleiben und keine reine Kliniklaufbahn einschlagen würde", sagt er. Statt um eine Assistentenstelle bewarb sich der Nachwuchswissenschaftler für ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und verbrachte zwei Jahre in den Labors der Harvard Medical School in Boston und am Albert Einstein College of Medicine in New York. Seit Beginn des Jahres ist Dr. Ulrichs zurück am Berliner MPI für Infektionsbiologie. Als so genannter Post-Doc - bereits promovierter Wissenschaftler - baut er sich gerade seine eigene Arbeitsgruppe auf und plant, den Facharzt für Mikrobiologie zu machen. An Krankenhäuser denkt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück: "Manchmal fehlt mir das positive Feedback der Patienten; meine Zellen bedanken sich nicht, wenn es ihnen besser geht", meint er. "Aber klappt ein Experiment und die Ergebnisse sind gut, bin ich trotzdem glücklich."


Pipette und Petrischale statt OP-Schere und StethoskopNach oben hoch
Archiv
Archiv

Im Biochemie-Praktikum in der Vorklinik kommen die meisten Medizinstudenten zum ersten Mal im Leben mit Zentrifugen und Photometern in Kontakt - oft bleibt es auch das letzte Mal. Einige kehren später für eine experimentelle Doktorarbeit ins Labor zurück. Selbst wenn sie eine solche Dissertation erfolgreich abschließen - was nur bei einem Drittel der Fall ist - schlagen die meisten danach trotz knapp werdender Stellen die "klassische" Laufbahn in Klinik oder Praxis ein. Dabei haben junge Mediziner, die sich für Pipette und Petrischale statt Stethoskop oder OP-Schere entscheiden, glänzende Zukunftsaussichten. Einen "gravierenden Mangel an wissenschaftlich tätigen Ärzten" prophezeit der ehemalige Präsident der DFG, Prof. Wolfgang Frühwald: "Für junge Menschen, die sich der Forschung, der Neugier, der Erkenntnis zuwenden wollen, tun sich - auch und gerade in der klinischen Medizin - Türen auf, von deren Existenz wir vor fünf Jahren noch nichts gewusst haben."

Zwar forschen auch die meisten Ärzte, die eine Karriere an der Uniklinik im Visier haben. Denn wer Professor in einem klinischen Fach werden will, muss nicht nur einen Facharzttitel, sondern auch eine stattliche Liste wissenschaftlicher Publikationen vorweisen können. Doch die Daten sammeln sie meist so nebenbei am Abend nach einem anstrengenden Stationstag. "Freizeitforschung" ist üblich an deutschen Universitätskliniken - ein Zustand, den Prof. Frühwald heftig kritisiert. Die Belastung junger Menschen, die ohnehin einen schweren Beruf ausübten, sei dadurch sehr groß. Und schlimmer noch: Unter diesen Umständen sei es unmöglich, im wissenschaftlichen Wettkampf international zu bestehen.

Hauptberuf: Vollzeitforscher. Die Alternative: Mit Leib und Seele forschen, und das ganztags. Vor einigen Jahren war die medizinische Grundlagenforschung noch fest in der Hand der Biologen, doch Ärzte werden zunehmend gebraucht: "Biologen lernen in ihrem Studium zwar mehr Arbeitstechniken und molekulare Grundlagen", meint Prof. Richard Meyermann vom Institut für Hirnforschung der Universität Tübingen. "Doch Mediziner haben den Vorteil, dass sie die erforschten Krankheiten in ein größeres Bild einordnen können. Sie haben die klinischen Konsequenzen ihrer Ergebnisse im Blick."

Vollzeitforscher arbeiten nicht nur an den theoretischen Instituten der Universität. Auch an großen Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer, Robert Koch, Max Planck oder dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sind forschende Mediziner beschäftigt. Boomende Biotech-Firmen bieten Karrieremöglichkeiten in der freien Wirtschaft ebenso wie die Pharmaindustrie.

Ein Einstieg in die Forschung muss dabei nicht unbedingt den Ausstieg aus dem Dasein als Arzt bedeuten: Laut Approbationsordnung kann man Facharzttitel in den theoretischen Fächern Anatomie, Mikrobiologie, Humangenetik, Physiologie und Biochemie erwerben.


Forscherdrang und WissbegierNach oben hoch

Doch wie wird man als Mediziner überhaupt zur passionierten "Laborratte"? Wer es schwer hatte, sich zwischen Medizin und einem naturwissenschaftlichen Fach wie Biologie, Biochemie oder Physik zu entscheiden, kann seinen Forscherdrang meist nicht dauerhaft unterdrücken. So auch PD Dr. Ralph Witzgall: Der Privatdozent am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg interessierte sich bereits als Gymnasiast für Naturphänomene: "Ich wollte den Dingen schon immer auf den Grund gehen", sagt er. Vor dem Physikum kam die Frustphase: Auswendiglernen statt Hinterfragen. Nach Gesprächen mit Dozenten entschloss er sich schließlich doch, mit der Medizin weiterzumachen. Im Anschluss an das erste Staatsexamen begann er mit seiner Doktorarbeit im Institut für Physiologische Chemie: "Dort habe ich das methodische Werkzeug mit auf den Weg bekommen", sagt er. Den größten Teil des PJs absolvierte er in den USA - prompt zog es ihn nach dem dritten Staatsexamen für vier weitere Jahre über den Atlantik. Als "Research Fellow" an der Harvard Medical School widmete er sich seinem Steckenpferd, der Genregulation in der Niere. Später kam als zweites Standbein noch ein Projekt zur polyzystischen Nierenerkrankung hinzu. Auch bei Dr. Witzgall stand keineswegs von Anfang an fest, dass er der Klinik den Rücken kehren würde: "Die starre Hierarchie dort hat mich abgeschreckt", erklärt er. Fragen jüngerer Kollegen seien mancherorts nicht so gern gesehen. Für einen wissbegierigen Menschen wie PD Dr. Witzgall nicht das Optimale. Heute leitet er seine eigene Arbeitsgruppe mit wissenschaftlichen Mitarbeitern, Doktoranden und technischen Angestellten. Schreibtischarbeit und Studentenunterricht nehmen einen großen Teil seiner Arbeitszeit ein. Doch der Nierenforschung ist er treu geblieben und hofft darauf, einmal seine eigene Abteilung aufbauen zu können. Sein Traum ist eine Dauerstelle als C3- oder C4-Professor: "Dazu gehört natürlich Glück und ein gehöriges Maß an Flexibilität", sagt er.


Vorbilder beeinflussen die BerufswahlNach oben hoch

Auch PD Dr. Stefan Delorme, leitender Oberarzt in der Radiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, hat als Student für seine Doktorarbeit viele Stunden im Labor verbracht. "Als ich ins Berufsleben startete, hatte ich erst mal genug von der Wissenschaft, ich wollte endlich ,richtige Klinik‘ erleben", erzählt er. Zwei Jahre lang war er Assistenzarzt für Innere Medizin an der Uniklinik Heidelberg. Seinen künftigen Chef lernte er bei einem Ultraschallkurs kennen: "Häufig sind es persönliche Vorbilder, die die berufliche Weichenstellung stärker beeinflussen können als eigene Pläne von der wissenschaftlichen Karriere", glaubt er. Heute entwickelt PD Dr. Delorme Methoden, um Tumoren mit radiologischen Verfahren besser darstellen und beurteilen zu können: "Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit den Veränderungen des Blutflusses in Tumoren während einer Chemotherapie oder mit der Frage, ob eine sichtbare Veränderung in einem Gehirntumor durch die Bestrahlung induziert worden oder Ausdruck einer Tumorprogredienz ist", erklärt er. Mit seinen niedergelassenen Kollegen tauschen möchte PD Dr. Delorme auf keinen Fall: "Radiologen in der Praxis verdienen auf die Dauer zwar besser, dafür ist mein Arbeitsfeld viel interessanter, und ich kann mich intensiv um meine Mitarbeiter kümmern." Sein Arbeitstag dauert oft elf bis zwölf Stunden oder länger, zur goldenen Regel hat er es sich aber gemacht, möglichst keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Nach Feierabend schmökert er höchstens noch in Fachzeitschriften.


Eigenverantwortliche und flexible ArbeitNach oben hoch
T. Heller
T. Heller

Gerade Nachwuchswissenschaftler tun sich mit der Trennung von Arbeits- und Privatleben nicht leicht: "Wenn meine Zellkulturen oder Experimente es verlangen, bleibe ich schon mal bis zwei oder drei Uhr nachts", erzählt Dr. Timo Ulrichs. "Nach einer solchen Nachtschicht tauche ich am nächsten Morgen eben erst ein bisschen später im Institut auf." In der flexiblen Zeiteinteilung sieht er einen großen Vorteil seines Forscherdaseins und in der Eigenverantwortlichkeit für seine Arbeit: Starre Schichten sowie Nacht- und Wochenenddienste müssen Forscher nicht absolvieren. Oft ist es ihnen überlassen, wie und wann sie an ihren Projekten basteln. Finanziell wird der Einsatz nicht unbedingt entsprechend belohnt: Das Gehalt orientiert sich wie der Verdienst von Assistenzärzten an öffentlichen Krankenhäusern am Bundesangestelltentarif (BAT). Zusatzeinkünfte durch Dienste oder gar eine Poolbeteiligung gibt es jedoch nicht.


Karrierechancen in der WirtschaftNach oben hoch

Rosiger sieht es da in der freien Wirtschaft aus: Nach einigen Schritten auf der Karriereleiter orientiert sich auch das Gehalt nach oben. PD Dr. Andreas Emmendörffer hat den Sprung von der etablierten Forschungseinrichtung zur jungen Biotech-Firma gewagt: 15 Jahre lang arbeitete er als Post-Doc am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosolforschung, heute ist er Geschäftsführer des Hannoveraner Unternehmens ZYO BIOTECH: "Im Vergleich zum Forschungslabor ist hier das oberste Ziel meiner Arbeit die Qualität der Produkte und die Kundenzufriedenheit. Denn davon hängen auch die Umsätze ab", berichtet er. "Dieser unmittelbare Druck macht für mich die Arbeit so reizvoll." Seine Kunden sind Hämatologen und Onkologen: ZYO BIOTECH stellt Stammzellen für Knochenmarktransplantationen und dendritische Zellen für die Vakzinierung gegen bestimmte Tumorarten her. Neben dem Kundenkontakt ist PD Dr. Emmendörffer als Herstellungsleiter auch für die Qualität der Firmenprodukte verantwortlich: "Ich prüfe zum Beispiel, ob die Präparate frei von Partikeln und Keimen sind; bei Schwachstellen in der Produktion suche ich nach den Ursachen." Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss ZYO BIOTECH die Produkte immer auf dem neuesten Stand halten: Intensives Literaturstudium gehört deshalb genauso zu PD Dr. Emmendörffers Alltag wie zahlreiche Geschäftsreisen. Schon während seiner Fraunhofer-Zeit betreute er neben seinen eigenen Projekten auch Industrieaufträge, wie es der Philosophie dieser Institute entspricht. Über ein solches Projekt kam der Kontakt zu ZYO BIOTECH zustande. Der anhaltende Biotech-Boom bietet jungen Medizinern schon nach dem AiP gute Einstiegsmöglichkeiten. "Neben einer abgeschlossenen experimentellen Doktorarbeit und der Approbation sollten Bewerber die Fähigkeit zur Selbstkritik und hohe Frustrationstoleranz mitbringen", empfiehlt PD Dr. Emmendörffer. Gute Chancen für Mediziner sieht er auch bei Kapitalgebern für die Biotech- und Pharmaindustrie: "Ärzte bringen das Know-how mit, um unternehmerische Ideen und Businesspläne fachkundig zu beurteilen - da werden sich in den nächsten Jahren neue Wege öffnen."


Erfolg und Anerkennung motivierenNach oben hoch

Engagement ist also überall gefragt. Wer die Uhrzeiger, die das Ende des Arbeitstages verkünden, stets im Auge behält, ist in der Forschung fehl am Platz. 80- oder 90-Stunden-Wochen sind eher die Regel als die Ausnahme. Auf die Dauer bleibt man motiviert, wenn es Vorgesetzte gibt, die den Einsatz zu schätzen wissen: "Während meiner Doktorarbeit habe ich oft Nächte im Labor verbracht und stand trotzdem am Morgen danach wieder auf der Matte", erzählt Dr. Tanja Heller. Sie hat am Institut für Mikrobiologie der Medizinischen Hochschule Hannover promoviert und ist heute dort AiPlerin. Weder ihrem Doktorvater noch dem Institutsleiter blieb ihr Fleiß verborgen: "Mein Einsatz wurde honoriert, das hat mich immer wieder zum Weitermachen angespornt. Ich durfte auf Kongresse fahren und dort meine Ergebnisse präsentieren." Beim Mikrobiologie-Kurs im ersten klinischen Abschnitt hat Dr. Heller ihr Faible für Bakterien und Kleinstlebewesen entdeckt. Nach dem PJ fiel die Entscheidung für die Wissenschaft und damit für ein AiP in der Forschung. "Vormittags mache ich die mikrobiologische Diagnostik von Patientenproben, die die Stationen der Uniklinik schicken", erzählt sie. "Der Nachmittag gehört meinem eigenen Projekt: Ich untersuche die Rolle der Komplementfaktoren C3a und C5a bei der Pathogenese von Überempfindlichkeitsreaktionen an Labormäusen." Als Ärztin sieht sich Dr. Heller nach wie vor: "Es ist mir wichtig, dass meine Ergebnisse klinische Relevanz haben."


Unterstützung für JungforscherNach oben hoch

Außerdem plant sie, den Facharzttitel für Mikrobiologie zu erwerben. Dazu ist neben vier theoretischen Jahren ein Jahr Klinik nötig. Und noch einen weiteren Titel hat Dr. Heller im Visier: Sie absolviert das Ph.D.-Programm der Medizinischen Hochschule Hannover, das sich an US-amerikanischen Vorbildern orientiert. Das dreijährige Aufbaustudium bietet Medizinern, Biologen und Veterinärmedizinern die Chance, den angloamerikanischen Grad "Ph.D." zu erwerben. Er entspricht dem deutschen "Dr. rer. nat." und würdigt die besondere wissenschaftliche Qualifikation der Absolventen. Dafür müssen die wenigen, handselektierten Teilnehmer neben ihrem Ganztagsjob an einigen Tagen in der Woche Symposien, Kurse und Vorlesungen besuchen. Auch andere Hochschulen planen, mehr für forschende Jungmediziner zu tun: So wird in Heidelberg noch in diesem Jahr ein neues Förderprogramm "AiP in der Forschung" aus der Taufe gehoben. Doch Vorsicht: Nicht in allen Bundesländern kann die gesamte AiP-Zeit in der Forschung absolviert werden!


Früh die Weichen stellenNach oben hoch

Von selbst öffnen sich die Türen in die Welt der Wissenschaft nicht: Wer in die Forschung will, muss Eigeninitiative zeigen. Das beginnt bei der Suche nach dem Gebiet, auf dem man forschen möchte. Ein wichtiger Schritt ist die Doktorarbeit. Prof. Meyermanns Tipp kann man bereits im ersten Semester beherzigen: "Auf Professoren zugehen, mit ihnen reden und herausfinden, warum und was man forschen will - kaum einer wird interessierten Studenten die Tür vor der Nase zuschlagen." Schon während der Promotion kann man sich mit den Methoden vertraut machen. Die Arbeitstechniken erfordern zwar Fingerspitzengefühl, sind aber keine Hexerei: Die PCR (Polymerasekettenreaktion), Standardmethode zur Vervielfältigung von DNA-Abschnitten, läuft in allen Labors dieser Welt nach dem gleichen einfachen Grundschema ab. "Noch wichtiger ist es, sich intensiv mit der Literatur in seinem Fachgebiet auseinander zu setzen", meint Prof. Meyermann. Dabei sollte man nicht nur die wichtigsten Arbeiten - im Wissenschaftlerjargon "papers" genannt - zu seinem Gebiet kennen, sondern auch regelmäßig Fachzeitschriften wie Nature und Science lesen.

Bevor man Tage und Nächte an der Bench - wissenschaftliches Synonym für "Arbeitsplatz" - verbringt, sollte man testen, ob Betreuer und Institut auch halten, was man sich von ihnen verspricht - und ob man selbst genug Neugier und Talent für Laborarbeit mitbringt. Möglich ist das beispielsweise durch ein Praktikum in einem Forschungsinstitut. Zusatzvorlesungen und Seminare, die Themen aus der biomedizinischen Forschung behandeln, führen zu Unrecht ein Schattendasein im Stundenplan: Sie bieten eine ausgezeichnete Gelegenheit, engagierte Wissenschaftler und ihre Arbeit kennen zu lernen.


Quereinstieg möglichNach oben hoch

Wer sich früh in Richtung Forschung orientiert, dem fällt seine Berufswahl möglicherweise leichter. Doch auch für die, die nach dem PJ noch keine Schritte in Richtung Doktorhut getan haben, ist der Zug noch lange nicht abgefahren; auch "Quereinsteiger" haben Chancen. "Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Grundlagenforscherin werden würde", erzählt Prof. Dr. Hannah Monyer, Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg. Erst einige Jahre nach Abschluss ihres Medizinstudiums in Heidelberg entdeckte sie ihre Berufung für die Wissenschaft: Weil sie sich für Literatur und Philosophie interessierte, schrieb sie ihre Doktorarbeit über ein Thema aus der Medizingeschichte und ging nach dem Studium als Assistenzärztin in die Psychiatrie. Nach zwei Jahren wechselte sie in die Neuropädiatrie und bekam ein DFG-Stipendium, um an der kalifornischen Stanford University klinische, patientenorientierte Forschung zu betreiben. Mehr aus Langeweile fragte sie einen Wissenschaftler, ob sie nachmittags in seinem Labor mitarbeiten könne: "Jeder Handgriff machte Spaß", erinnert sie sich. Schon nach einem halben Jahr stellte sie ihre ersten eigenen Ergebnisse auf einem Kongress vor und verteidigte ihre Daten vor Koryphäen der Neurobiologie. Zurück in Deutschland habilitierte sie am Zentrum für Molekulare Biologie in Heidelberg und bekam kurz darauf ihren Ruf auf die hochkarätige Professur. "Seit drei Jahren stehe ich nicht mehr selbst an der Bench", berichtet sie. Post-Docs und Doktoranden führen die Projekte durch, die sie entwickelt: "Wie arbeiten Neurone zusammen? Wie funktioniert das Gedächtnis? Wie wird die Welt im Gehirn repräsentiert? Das sind die Fragen, die mich interessieren", erzählt sie. Am Detail zu forschen und damit zugleich an den ganz großen Fragen macht für Prof. Monyer die Herausforderung an ihrem Beruf aus. Daneben schreibt sie Artikel für Fachzeitschriften, stellt Anträge an Geldgeber und koordiniert die Lehre.


Harter KonkurrenzkampfNach oben hoch

Wer wie sie ganz oben auf der Karriereleiter angekommen ist, dem weht manchmal ein rauer Wind ins Gesicht, denn nur wer ein neues Ergebnis als Erster publiziert, erntet den Ruhm dafür: "Man muss den Wettbewerb lieben, Misserfolge gehen an die Substanz", sagt Prof. Monyer. Der Druck ist enorm, "publish or perish" heißt die Devise - publizieren oder untergehen. Ungerechte "reviews" von Kollegen, die die "papers" anderer beurteilen, gehören zum Forscheralltag: "Darüber war ich früher eine Woche lang wütend, heute nur noch einen Tag", lacht Prof. Monyer. Wer bei ihr promovieren will, muss drei Semester mit dem Medizinstudium pausieren - dafür bekommen die Nachwuchsforscher ein festes Gehalt und intensive Betreuung. Freizeit ist für Vollblutforscher Mangelware, sechs Wochen Urlaub im Jahr undenkbar: "An mein letztes freies Wochenende kann ich mich nicht erinnern", sagt Prof. Monyer, "dafür bleibe ich nach Kongressen gern ein paar Tage in einer Stadt und besuche Museen und Konzerte." Wer den Gipfel einer Wissenschaftlerlaufbahn erklimmen will, muss Abstriche im Privatleben machen: Prof. Monyer hat auf eine eigene Familie verzichtet. "Das war keine leichte Entscheidung; weil ich die Begegnung mit meinen Lehrern als so außergewöhnlich und bereichernd empfand, habe ich sie aber nie bereut", erzählt sie. Wer Kinder und Karriere unter einen Hut bekommen will, ist in der Klinik ihrer Meinung nach besser aufgehoben, weil die Stationsarbeit irgendwann getan sei: "Im Labor kann man nie vorhersagen, wann ein Arbeitstag zu Ende gehen wird", berichtet sie. Dass Frauen, die vollen Herzens in die Forschung gehen wollen, ihren Weg machen werden, davon ist die Professorin überzeugt: "Wichtig für jedes Nachwuchstalent sind Mentoren, die zeigen, wie der Berufsweg aussehen könnte." Ein solches Vorbild möchte sie selbst auch sein - zum Beispiel für die fünf Medizinstudenten, die zurzeit an ihrem Institut ihre ersten Schritte in die faszinierende Welt der Wissenschaft tun.

Evelyn Hauenstein

Evelyn Hauenstein studiert Medizin an der TU München und ist als freie Medizinjournalistin unter anderem für Via medici tätig.


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