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Artikel vom 07. 10. 2008

Berufsalternative Unternehmensberatung

Nicht nur ein Job für Wirtschaftswissenschaftler - Ärzte machen kranke Firmen gesund

Guido Hermanns

Top-Gehälter, hervorragende Berufsaussichten und ein tolles Arbeitsklima: Bei der BCG Open 2008 in Berlin hatten Studenten aus wirtschaftsfremden Studiengängen die Gelegenheit, einmal hinter die Kulissen einer Unternehmensberatung zu schauen. Darunter sind auch einige Medizinstudenten aus Deutschland und Österreich gewesen.

Übersicht


EinleitungNach oben hoch

Donnerstags morgens, gegen 10 Uhr. Bewaffnet mit Fotoapparat, Aufnahmegerät und Schreibutensilien biege ich auf den Innenhof des Berliner Büros der Boston Consulting Group (BCG) ein. Ich laufe an ein paar Dutzend junger Studenten vorbei, die sich an den Stehtischen mit einem Begrüßungsgetränk in der Hand bereits angeregt unterhalten. Die Herren in dunklen Anzügen, die Damen bei sommerlichen Temperaturen in Kleidern oder Hosenanzug. Leger mit Hemd und Sakko gekleidet komme ich mir fast ein wenig underdressed vor. Aber ich bin hier ja beruflich unterwegs - das weiß von den Bewerbern nur noch niemand.
Nachdem ich von der zuständigen PR-Mitarbeiterin in Empfang genommen wurde startet auch schon die Begrüßung im Sitzungsraum. Das Programm verspricht zwei interessante Tage in der Bundeshauptstadt.


Was ist eigentlich BCG?Nach oben hoch

BCG steht für "The Boston Consulting Group." Das Unternehmen versteht sich selbst als Strategieberatung und ist auf diesem Markt einer der führenden Anbieter weltweit. 1963 von Bruce D. Henderson gegründet ist BCG heute an 66 Standorten in 38 Ländern vertreten. Alleine in Deutschland und Österreich erwirtschaftete die Strategieberatung mit 767 Mitarbeitern im Jahr 2007 361,5 Millionen Euro.
Ähnlich anderen großen Unternehmensberatungen wie McKinsey, Roland Berger und weiteren unterstützt The Boston Consulting Group ihre Kunden bei der Suche nach optimalen und individuellen Lösungsansätzen. Ziel ist es immer dem Kunden nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu steigern und das Geschäftsergebnis dauerhaft zu verbessern.

Das Erfolgsrezept der BCG ist ebenso simpel wie genial: in den Beraterteams arbeiten nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch sogenannte "Exoten." So beschäftigt das Beratungsunternehmen immerhin zur Hälfte Berater aus wirtschaftsfernen Fachbereichen. Warum, erläutert Christian Greiser, der für das Recruiting verantwortliche Geschäftsführer bei BCG: "Jeder bringt seine eigene Perspektive in die Teamarbeit ein. Man hat unterschiedliche Standpunkte, diskutiert - und kommt am Ende zu einem viel besseren Ergebnis, als wenn alle von Anfang an das Gleiche gedacht hätten."

Konzentriertes Beraten bei der BCG Open 2008
Konzentriertes Beraten bei der BCG Open 2008


BerateralltagNach oben hoch

Mittlerweile sitzen die Jung-Akademiker in kleinen Gruppen in den Büros der Berater. Hier hat niemand einen festen Arbeitsplatz: Jedes Büro verfügt über vier Schreibtische, alle mit Internetanschluss, dem notwendigsten Büromaterial und einem Telefon. Ihre Laptops bringen die Berater selbst mit. Ganz nach amerikanischem Stil sind die Büros nur durch Scheiben getrennt. Von meinem Bürostuhl aus kann ich allen Mitarbeitern der Etage bei der Arbeit zuschauen.

Die Aufgabe der Workshop-Teilnehmer ist es, nun ein fiktives Bahnunternehmen zu beraten. Anhand von Daten wie Kundenzufriedenheit, Stärke- und Schwächen-Portfolio sowie Mitbewerberanalysen soll ein Vorschlag an das Unternehmen zu einem Kauf von Bahnstrecken im Rahmen einer Ausschreibung der EU gemacht werden. Keiner der Teilnehmer hat so etwas jemals vorher gemacht, daher herrschen zunächst Unstimmigkeiten. Der Berater, der das Team fortwährend unterstützt, gibt einige Tipps, um das anfängliche Chaos in die richtige Bahn zu lenken. Allmählich gewinnen die Teilnehmer einen Einblick in die alltäglichen Aufgaben eines Beraters.
Wie die Veranstalter zu einem späteren Zeitpunkt verraten unterteilt sich das Vorgehen bei ihren Fällen generell in drei gedankliche Abschnitte:

 »1.) Strukturierung: zunächst muss der Fall systematisch durchdrungen und eine geeignete gedankliche Struktur gesucht werden.
 »2.) Priorisierung: innerhalb der Struktur müssen "die großen Hebel" erkannt werden, das heißt, die Teammitglieder müssen festlegen, worauf sie sich zunächst konzentrieren wollen.
 »3.) Kreativer roll-out: der alles und entscheidende Schritt, nämlich die Suche nach einer nicht alltäglichen Lösung des aufgestellten Problems.

Work-life-balanceNach oben hoch

Dass der Berateralltag kein Zuckerschlecken ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Die Berater benötigen eine hohe Flexibilität. Montags bis donnerstags verbringen sie in der Regel bei den Kunden vor Ort, oft hunderte Kilometer entfernt von Familie und Freunden. Freitags findet die Projektarbeit dann vom Büro aus statt - nach Möglichkeit aber auch von zu Hause aus. Arbeitswochenzeiten von 80 Stunden können vor wichtigen Kundenterminen durchaus vorkommen. Eine junge Ärztin, die bei BCG bereits seit 7 Jahren tätig ist, spricht aber dennoch von angenehmen Arbeitsbedingungen. So habe sie in ihrer langjährigen Tätigkeit nur drei Mal am Wochenende arbeiten müssen. Doch auch das Arbeitsklima sei spürbar besser als die eher hierarchisch geprägten Strukturen in der Klinik. Die Tatsache, dass bei ihr nunmehr das dritte Kind unterwegs ist, spricht für sich.

Blick in eines der BürosFoto: BCG
Blick in eines der Büros
Foto: BCG

Ermöglicht wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei BCG durch ein "flex-time"-System. Dieses eröffnet Beraterinnen, die schnell in den Beruf zurück kehren möchten, die Möglichkeit, beispielsweise nur zu 80 Prozent zu arbeiten. Allen Mitarbeitern steht außerdem auf jeder Karrierestufe die Option eines "Sabbaticals" offen: für drei Monate kann sich jeder eine Auszeit nehmen, um beispielsweise eine Reise zu unternehmen oder sich intensiv um die Familie zu kümmern.

Die zunehmende familienfreundliche Unternehmenskultur der Beratungsunternehmen scheint aber vor allem bei weiblichen Talenten noch nicht angekommen zu sein: Nach eigenen Angaben liegt der Frauenanteil bei BCG bei Einsteigern nur bei 30 Prozent, bei den Beratern bei 20 Prozent und bei den Partnern schließlich nur noch bei 10 Prozent.
Außerdem gibt es auch Gegenbeispiele, die beweisen wie aufreibend die Arbeit als Consultant sein kann. So äußert sich im Spiegel online eine 32-Jährige zu den Gründen ihres Ausstiegs bei McKinsey: "Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr. Morgens, wenn ich im Hotel aufwachte, hat sich mir der Magen umgedreht. Ich hatte das Gefühl, mein Leben zieht an mir vorbei, ohne dass ich etwas davon mitbekomme."

Den Nachholbedarf der Unternehmensberatungen in Sachen Mitarbeiterpflege belegen auch Studien wie die der Innovative Konzepte der Personal- und Organisationsentwicklung in Beratungsorganisationen (IPOB): Zwar sind die Faktoren, die zu einer ausgeglichenen work-life-balance führen können bekannt, in den wenigsten Fällen aber ausreichend umgesetzt. Laut der Studie sind die besten Voraussetzungen zum Umgang mit dem beruflichen Stress die eigenen Fähigkeiten:

  Ehrgeiz
  Stressbewältigungskompetenz
  Leistungsmotivation
  hoher Selbstwert
 sowie Optimismus

Mehr zur Studie findet ihr hier:

   Externer Link Consulting-Studie

Durchschnittlich bleiben die Berater 3,9 Jahre im Unternehmen, einige haben sogar weit über 20 Jahre Berufserfahrung.


Gehälter und AufstiegschancenNach oben hoch

Der Arbeitsmarkt für Berater sieht derzeit so gut aus wie selten zuvor: guter Rat wird eben immer gefragter. So stellt The Boston Consulting Group alleine in diesem Jahr 230 neue Berater, sowie 130 "Visiting associates" ein. Letztere arbeiten sozusagen als Praktikanten für 8-12 Wochen im Unternehmen - allerdings voll integriert in die Projektarbeit.

Der Einstieg in die Welt der Berufsberatung erfolgt in der Regel als "Junior Associate" (mit Bachelor-Abschluss) beziehungsweise "Associate" (mit Master-Abschluss oder Diplom). Als promovierter Mediziner ist sogar ein Einstieg auf der nächsthöheren Stufe - dem Consultant - möglich. Je nach Leistung erreicht man durchschnittlich alle zwei Jahre eine neue berufliche Ebene, verbunden mit verantwortungsvolleren Aufgaben und höheren Gehältern. Ausgehend vom Consultant kann es auf der Karriereleiter über den Projektleiter und Principal bis hin zum Partner gehen. Und das theoretisch innerhalb von acht Jahren! Als Partner ist man schließlich Miteigentümer des Unternehmens.

Gespräche mit den UnternehmensberaternFoto: BCG
Gespräche mit den Unternehmensberatern
Foto: BCG

Der beschriebene Aufstieg ist Pflicht. Wer in den regelmäßigen Bewertungen nicht mehr die erforderlichen Leistungen zeigt wird - ebenfalls typisch amerikanisch - freundschaftlich entlassen. Laut BCG-Angaben nicht jedoch, bevor nicht eine neue Arbeitstelle zugesichert wurde. Hier hilft die Unternehmensberatung mit ihren 1.200 deutschen Alumni gerne weiter.

Assistenzärzte verdienen einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zufolge im ersten Beschäftigungsverhältnis im Mittel 44.000 € pro Jahr. 13 Prozent der Befragten verdienten sogar mehr als 60.000 €. Die empirische Datenlage zu den Gehältern von Klinikärzten gestaltet sich aber eher schwierig.
Eine ähnlich große Spanne bietet auch der Berater-Markt, wie eine Personalmarktstudie zeigt: abhängig von der Größe der Unternehmensberatung verdienen Berufseinsteiger hier zwischen 40.800 € und 60.000 €.
Die Entwicklung des Gehalts sieht derweil ebenso ähnlich aus: Als Partner verdient man - wiederum je nach Größe des Unternehmens - zwischen 133.000 € und 216.000 € jährlich. Ein Gehalt, das man sowohl zeitlich als auch vom Betrag her als Oberarzt durchaus erreichen kann. Die Top-Verdiener in beiden Branchen verdienen im Vergleich über 350.000 € pro Jahr (Unternehmensberater) beziehungsweise über 500.000 € im Jahr (leitender Arzt).


Am Anfang steht die BewerbungNach oben hoch

Mittlerweile ist es Samstagmorgen und die Workshop-Teilnehmer erhalten vor der Abreise letzte Tipps für eine eventuelle weitere Bewerbung bei BCG. Gestern Abend wurde der Sieger des Wochenendes verkündet: es ist die Gruppe, die die fiktives österreichische Bahnunternehmen vertreten hat. Ihr Vorschlag war, die Rechte für die Bahnstrecke zu kaufen, die Frankreich mit England über den Eurostar-Tunnel verbindet. Auf die Frage, warum es für ein österreichisches Unternehmen sinnvoll sei, eine im Ausland liegende Bahnstrecke zu erwerben, antwortet die Gruppensprecherin in wienerisch: "Mit Tunneln kennen wir Österreicher uns nunmal besonders gut aus." Diese Spontanität und Kreativität überzeugt die Jury schließlich.

Eine der Studentengruppen präsentiert ihr ErgebnisFoto: BCG
Eine der Studentengruppen präsentiert ihr Ergebnis
Foto: BCG

Alle, die nun hier sitzen haben den ersten Schritt auf dem Weg zum Beraterjob bereits geschafft: Sie haben die formalen Bewerbungskriterien des Strategieberaters erfüllt. Neben einem akademischen Abschluss unter den besten 10 Prozent des Jahrgangs legt BCG vor allem Wert auf erste Praxis- und Auslandserfahrung sowie den Blick über den Tellerrand. Das können sowohl ungewöhnliche Hobbys als auch sonstiges universitäres wie außeruniversitäres Engagement sein.
Erfüllt der Bewerber die entsprechenden Kriterien wird er zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, welches die Berater selbst durchführen. Am ersten Tag werden zwei Gespräche à einer Stunde durchgeführt, am zweiten Tag vier Stück, davon eines in englisch. Die Inhalte sind weitestgehend identisch: Nach einem allgemeinen Gesprächsteil, der den eigenen Lebenslauf noch einmal vertiefen soll, folgt ein Fallbeispiel aus der Praxis, welches der Bewerber kreativ lösen soll. Die Berater wollen dadurch einen Einblick davon bekommen, wie der Bewerber an Probleme herantritt und ob er über sehr gute analytische Fähigkeiten verfügt. Besteht er oder sie auch diese Gesprächsrunde, so steht einer Karriere bei BCG nichts mehr im Wege.


Tipps für das Beratungsgespräch:Nach oben hoch
 1.) Seid authentisch und antwortet dementsprechend! Wenig originelle oder standardmäßige Antworten will dort niemand hören.
 2.) Bereitet euch mit ein paar Case-Studys aus Büchern oder dem Internet vor, um schon einmal das Arbeiten mit Fällen geübt zu haben.
 3.) Sollte für dich der Entschluss bereits fest stehen Berater werden zu wollen, dann lies am besten ab heute täglich den Wirtschaftsteil der Zeitung.
 4.) Achtung: Allgemeinwissen und rechnerische Fähigkeiten werden auch geprüft.
 5.) Ganz allgemein: Notizen zu den genannten Zahlen für die Case-Study im Gespräch machen, auf den Interview-Partner eingehen, selbstbewusst sein.

Für Nicht-Betriebswirte erfolgt in den ersten Wochen nach Einstellung übrigens ein Fortbildungsprogramm, das die grundlegenden betriebswirtschaftlichen Kenntnisse vermittelt. Außerdem stehen die erfahreneren Berater stets mit Rat und Tat zur Seite, sollte es Schwierigkeiten in dieser Hinsicht geben.
Unterstützung erhalten die Berater außerdem durch gezielte Fortbildungsmaßnahmen während des gesamten Arbeitsverhältnisses bei BCG sowie durch ihren persönlichen Mentor im Unternehmen.


Weitere InformationenNach oben hoch
 Interview mit einem Projektleiter von BCG
Karriere einmal anders - als Arzt in der Unternehmensberatung
   Externer Link Zum Interview mit Stefan Tuschen

 Interview mit einer Teilnehmerin der BCG Open 2008
"Unternehmensberater werden zu wollen, ist eine sehr persönliche Entscheidung"
   Externer Link Zum Interview mit der Assistenzärztin Daniela Kracht

 Interview mit Verena Grundke, Principal und Recruiting Director
Die Bewerber sollten zu den besten zehn Prozent ihres Jahrgangs gehören
   Externer Link Zum Interview mit Verena Grundke

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Der Autor Guido Hermanns studiert Medizin und ist Via medici-Lokalredakteur für Marburg

 
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