|
|
 |
Impfmüdigkeit – Folge eines trügerischen Gefühls der Sicherheit
Dtsch Med Wochenschr 2005; 130, Nr. 7
Roland Fath, Frankfurt/Main
Impfungen zählen zweifellos zu den wirksamsten Präventivmaßnahmen in der Medizin.
Aber die Bevölkerung ist sich dessen zu wenig bewusst. Erwachsene vergessen
Auffrischimpfungen gegen Tetanus und Diphtherie, Ältere und chronisch Kranke vernachlässigen Indikationsimpfungen wie die Influenza- und Pneumokokken-Impfung
sträflich. Bei Kindern bestehen vor allem bei der Mumps-Masern-Röteln- und der Hepatitis-
B-Impfung große Impflücken.
Warum das so ist? Das Gefühl, dass eine Bedrohung durch Infektionskrankheiten kaum noch existiert, wiegt die Bevölkerung in trügerischer Sicherheit, und die Angst vor Nebenwirkungen rückt in den Vordergrund.
Übersicht
„Der größte Misserfolg von Impfungen ist
ihr Erfolg“, sagte Professor Dr. Heinz
Schmitt von der Universität Mainz kürzlich
bei einem von der Dechema e.V. in
Frankfurt am Main veranstalteten Symposium.
Die letzte Polioinfektion mit einem
Wildtypvirus ist in Deutschland
1992 aufgetreten. Die Diphtherie ist
ebenfalls eliminiert, Tetanus extrem selten
geworden und Pertussis im Kleinkindesalter
fast verschwunden. Invasive
Haemophilus influenza Typ-B (Hib)-Infektionen
mit Epiglottitis oder Meningitis
werden heute bei nur noch rund 50 Personen
pro Jahr registriert. Dies verleitet
die Bevölkerung dazu, Impfungen nicht
mehr als unbedingt nötig anzusehen.
Aber die Erfolge lassen sich nur fortsetzen,
wenn die Durchimpfungsraten auf
hohem Niveau gehalten werden.
| Die Erfolge geraten in Vergessenheit | hoch |
Nach den Schuleingangsuntersuchungen
ist bei Kindern mit Impfausweis immerhin
der Schutz gegen Diphtherie, Tetanus und
Polio als sehr gut einzustufen. Die Impfraten
liegen nach Daten aus dem Jahr 2002
bei deutlich mehr als 90% (Bundesgesundheitsbl
– Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz
2004; 47: 1144–1150). Bei der
Hepatitis-B-Impfung liegt die Impfrate
aber nur bei etwa 70%. Die niedrigsten
Impfraten werden bei der 2. Masern-Mumps-Röteln (MMR)-Impfung bei
Kindern zwischen 15 und 23 Monaten mit
bundesweit nur knapp über 30% erreicht.
Deutlich sind dabei die Unterschiede zwischen
alten und neuen Bundesländern mit
Impfraten von 29,3% und 57,4%.
Für die geplante Eliminierung der Masern
in Europa bis zum Jahr 2010 reicht der
Impfschutz hierzulande längst noch nicht
aus. Deutschland zählte mit einer Häufigkeit
von 5,69 Masern-Fällen pro 100 000
Einwohnern im Jahr 2002 zu den Ländern
mit den höchsten Erkrankungsraten in Europa.
Zwar sind die gemeldeten Fälle in den
letzten Jahren deutlich zurückgegangen;
aber noch immer gibt es Masern-Epidemien
mit mehr als 1000 Erkrankten und sogar
Masern-Tote, betonte Schmitt.
Bei Erwachsenen fällt der Impfschutz mit
zunehmendem Alter kontinuierlich ab,
da Auffrischimpfungen zu selten wahrgenommen
werden. Dies betrifft alle Standardimpfungen
gleichermaßen, wie arbeitsmedizinische
Routineuntersuchungen
bei mehr als 11 000 Erwachsenen aus
Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2003
belegen (BGG 2004; 47: 1204–1215).
Während zum Beispiel von den unter
20-Jährigen 77% einen kompletten Impfschutz
gegen Diphtherie, Tetanus und Polio hatten (vollständige Grundimmunisierung
und letzte Impfung innerhalb von
10 Jahren), betrug dieser Anteil bei den
über 60-Jährigen nur noch 33%. Frauen
sind diesen Daten zufolge durchweg besser
als Männer geschützt mit, abhängig
von der Impfung, um 5% bis zu 14% höheren
Raten.
| Ärzte müssten besser informieren | hoch |
Ein besonderes Problem bei älteren Menschen
über 60 Jahre wie auch bei chronisch
Kranken ist, dass die ihnen empfohlenen
Indikationsimpfungen gegen Influenza
und Pneumokokken-Infektionen
viel zu selten genutzt werden. Nach einer
Telefonumfrage des Robert-Koch-Institutes
(RKI) gegen Ende der Grippe-Impfsaison
2003 waren in den alten Bundesländern
nur 28% der Zielgruppen und in
den neuen Bundesländern 45% gegen Influenza
geimpft (Epidemiol Bull 2004;
14: 113–117). Die Pneumokokken-Impfraten
sind noch geringer, obwohl sich
schwere oder tödliche Verläufe genauso
wie bei Influenza durch eine Impfung
verhindern ließen. Jedes Jahr sterben in
Deutschland schätzungsweise 10 000 bis
30 000 Menschen, überwiegend Ältere,
an den Folgen einer Pneumokokkenoder
einer Influenza-Infektion.
Ärzten kommt bei der Impfakzeptanz
eine entscheidende Rolle zu. Wird die
Impfung den Patienten direkt empfohlen,
steigt die Impfrate, wie die Telefonumfrage
des RKI bestätigt hat. „Ärzte sind
verpflichtet, ihre Patienten und Eltern auf
Impfungen aufmerksam zu machen“, betonte
bei der Frankfurter Tagung Prof. Dr.
Erwin Deutsch von der Universität Göttingen.
Zur Impfberatung gehören dabei
außer Informationen
über den Nutzen der
Impfung auch Hinweise
auf mögliche Nebenwirkungen
und Komplikationen.
Gerade bei
Eltern besteht oft großer
Aufklärungsbedarf,
wenn Impfungen ihrer
Kinder anstehen. Etwa
ein Fünftel bis ein Viertel
der Eltern haben zunächst Bedenken,
so die Erfahrung von Prof. Dr. Ulrich Heininger
vom Universitätskinderspital in
Basel. Zum Teil sind es pauschale Ängste,schwere Erkrankungen auszulösen, zum
Teil auch Vorurteile gegen einzelne Impfungen,
die häufig auf Medienberichten
beruhen. Einzelne Berichte aus England
von chronischen Darmentzündungen bei
Kindern nach MMR-Impfung haben zum
Beispiel die Skepsis gegenüber dieser
Impfung besonders geschürt. Durch Aufklärung
über Nutzen und Sicherheit der
Impfstoffe können etwa die Hälfte der besorgten
Eltern überzeugt werden. Rund
15% bleiben kritisch und lehnen gewisse
Impfungen ab, vor allem die MMR-Impfung,
sagte Heininger im Gespräch mit
der DMW. Etwa 1% der Bevölkerung sind
absolute Gegner, die Impfungen kategorisch
ablehnen und Argumenten nicht
zugänglich sind.
Verbreitet ist auch die Ansicht, dass gerade
Säuglinge zu viel geimpft werden und das
Immunsystem überlastet wird. Aber: Trotz
häufigeren Impfens werden mit den heutigen
Impfstoffen viel weniger Antigene appliziert
als noch vor einigen Jahren, betonte
der Kinderarzt. Wurden 1980 bei sieben
Impfungen noch über 1000 Antigene in den
Körper gespritzt, sind es 2004 bei zehn
Impfungen nur noch 116 Antigene.
Schließlich gibt es Vorbehalte gegen die
modernen 6-fach-Impfstoffe. Einzelne
Fallberichte über plötzlichen Kindstod
nach 6-fach-Impfung haben Eltern verunsichert.
Die Seltenheit der berichteten
Ereignisse entspricht aber der spontanen
Sterblichkeit, betonte Heininger. Denn
statistisch gesehen stirbt im 1. Lebensjahr
eins von 100 000 Kindern innerhalb
von 24 Stunden nach der Impfung.
| Vorteile und Risiken gut abwägen | hoch |
Impfungen sind nicht frei von Nebenwirkungen.
Aber angesichts der Erfolge und
dem gesellschaftlichen Nutzen der Impfungen
rücken die geringen individuellen
Risiken weit in den Hintergrund, betonten
die Experten in Frankfurt. Die Sicherheit
von Impfstoffen wird mit viel höheren
Standards bewertet als die von klassischen
Medikamenten, berichtete Dr.
Brigitte Keller-Stanislawski vom
Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, das
alle Verdachtsfälle von Impfkomplikationen,
die nach dem Infektionsschutzgesetz
(IfSG) seit Anfang 2001 meldepflichtig
sind, sammelt. Insgesamt wurden dem PEI im Jahr 2003 1199 Verdachtsfälle
gemeldet. Bei 884 Personen handelte
es sich um schwerwiegende Komplikationen,
die eine Klinikeinweisung erforderlich
machten. Schwierig ist allerdings
der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs
zwischen einer Impfung und einer
Komplikation, sagte Keller-Stanislawski
im Gespräch mit der DMW. Nach der Bewertung
des PEI war der Zusammenhang
nur bei 0,2% der Verdachtsfälle gesichert,
bei weiteren 34% galt er als wahrscheinlich
und bei 30% als möglich.
Zahlen zur Häufigkeit von Nebenwirkungen
nach Impfungen sind Schätzungen.
Häufigste Allgemeinreaktion nach einer
Impfung ist Fieber, das in leichter Form
bei Kindern bei bis zu 40% auftritt, vor allem
nach Anwendung von Lebend-Impfstoffen
wie der MMR-Vakzine. Nach klinischen
Studien mit modernen Kombinationsimpfstoffen
steigt bei etwa jedem
hundertsten geimpften Kind die Temperatur
über 39,5 Grad Celsius, bei einigen
davon kann es auch zu Fieberkrämpfen
kommen, berichtete Keller-Stanislawski.
Allergische Reaktionen auf Hühnereiweiß
oder Konservierungsstoffe in Impfstoffen
sind eine Rarität und treten nur
bei einem von 50 000 bis 100 000 Geimpften
auf. Etwas häufiger mit einer
Rate von 1 zu 1000 bis 100 000 sind
schwere Kreislaufreaktionen wie Kollaps,
Hypotonie und Unterkühlung. Arthralgien
werden laut Literaturangaben nach einer
Rötelnimpfung in bis zu 15% und nach
einer Hepatitis-B-Impfung in bis zu 1%
der Fälle berichtet. Die Häufigkeit neurologischer
Nebenwirkungen wie Neuritis
oder Guillain-Barré-Syndrom wird auf
eins zu einer Million geschätzt. Die Hypothese,
dass Impfungen Autoimmunerkrankungen
wie Diabetes mellitus Typ 1 auslösen könnten, hat sich bisher nicht
bestätigt, betonte Keller-Stanislawski.
| Aufklärung in der Bevölkerung | hoch |
Weitere Anstrengungen sind notwendig,
um die Akzeptanz für Impfungen in
Deutschland zu erhöhen, sagte Schmitt in
Frankfurt. Er fordert verstärkte Information
der Bevölkerung und Motivation der
Ärzte zur Aufklärung. Sehr erfolgreich
sind auch Interventionsprogramme an
Schulen und Kindergärten, wie das Essener
Modell deutlich macht. Durch eine
einmalige Impfberatung von fast 3500
Schülern der 6. Klasse konnte die Impfrate
gegen MMR und Hepatitis B um jeweils
16% verbessert werden, berichtete Dr.
Hedwig Roggendorf vom Gesundheitsamt
Essen. Noch erfolgreicher war die Beratung
in Kindergärten: Die Rate eines altersgerechten
Impfschutzes wurde bei
fast 3000 Kindern von 44% auf 88% erhöht.
| Meldebögen für Verdachtsfälle von Impfkomplikationen
gemäß Infektionsschutzgesetz
(IfSG) können im Internet
von der Homepage des Paul-Ehrlich-Instituts
heruntergeladen werden: |
http://www.pei.de
Stichworte: Information für Ärzte und Apotheker/unerwünschte
Arzneimittelwirkungen/Meldepflicht gemäß
IfSG.
Die Bögen werden an das zuständige
Gesundheitsamt gesandt und
von dort anonymisiert an das Paul-Ehrlich-
Institut weitergeleitet.
| Ausführliche
Informationen zum Thema Impfen, unter
anderem die STIKO-Empfehlungen, finden
sich auf der Homepage des Robert-
Koch-Instituts: |
http://www.rki.de
Stichworte: Gesundheit und Krankheiten/
Impfen.
| Im Via medici online-Forum wurde auch bereits ausführlich über die Impfung diskutiert: |
zum Forum-Beitrag
| |
| Neues bei Via medici |
Jena
Marisa erzählt vom märchenhaften Vorklinikerball in Jena
mehr >>
Dr. Motz
Dr. Motz zwischen Beruf und Berufung.
mehr >>
Dr. Motz
Dr. Motz erforscht die Handysucht seiner Kollegen und Mitmenschen.
mehr >>
Flugmedizin
Was macht ein Flugmediziner? Anita Kirner hat einen Flugmediziner interviewt.
mehr >>
|
|
|