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Pocken und Pockenschutzimpfung

Redaktion Via medici (1/03)

Redaktion Via medici online (roul)

Als Medizinstudent ist man noch vor drei bis vier Jahren allenfalls im Mikrobiologiekurs über die Pockenerkrankung gestolpert. Das hat sich geändert, seitdem in letzter Zeit zunehmend öffentlich über Bioterrorismus diskutiert wird. Das Thema hat jetzt an Aktualität gewonnen, da die Bundesregierung die Maßnahmen zum Schutz vor Bioterrorismus verstärkt.

Übersicht


Die aktuelle LageNach oben hoch

Die Bundesregierung plant die Menge der gelagerten Impfstoffeinheiten gegen Pocken auf 100 Mio zu erhöhen. Bisher waren 6 Millionen Dosen vorrätig gewesen, 24 Mio. Menschen hätten damit geimpft werden können. Dies ist in einer Mitteilung vom November vergangenen Jahres noch auf den Internetseiten des Paul-Ehrlich-Instituts zu lesen. Fakt ist, dass derzeit niemand geimpft wird, auch nicht ausgewählte Ärzte, wie der Präsident des Paul Ehrlich Instituts Professor Dr. Johannes Löwer auf Anfrage mitteilte. Einige Bundesländer haben allerdings damit begonnen, Ärzte im Umgang mit dem Pockenimpfstoff zu schulen. Trotzdem gehe niemand derzeit von einer „realen Gefährdung“ durch Pocken aus, Deutschland sei mit den Impfvorräten gut für den Ernstfall „gerüstet“, zitiert das Handelblatt in seiner Internetausgabe vom 16. Januar die Bundesgesundheitsministerin.


Kurzer geschichtlicher RückblickNach oben hoch

1796 gab es die erste Pockenschutzimpfung, 1874 wurde sie in Deutschland Pflicht. 1976 wurden in Deutschland die letzten Erstimpfungen durchgeführt, 1982 die letzten Auffrischimpfungen. In der Regel wurden Säuglinge bis zum 2. Lebensjahr zweimal und mit 12 bis 14 Jahren ein drittes Mal geimpft. Damit endete eine 200 Jahre andauernde Impf-Ära, zuletzt weltweit zur Impfkampagne ausgedehnt. Die WHO erklärte die Pocken 1980 für ausgerottet. Seither wurde das Virus nur noch in speziell eingerichteten Labors aufbewahrt und zu Forschungszwecken verwendet.


Lebenslange Immunität ist unwahrscheinlichNach oben hoch

Der überwiegende Anteil der deutschen Bevölkerung dürfte noch in der Kindheit gegen Pocken geimpft worden sein. Trotzdem reicht der Impfschutz auch bei ihnen nicht aus. "Das kann Ihnen keiner beantworten!", sagte der Präsident des Paul-Ehrlich Institutes auf die Frage, wie lange denn die Immunität bei geimpften Personen als gesichert gilt. "Es gibt im Fall der Pockenimpfung kein Laborkorrelat, anhand dessen man die erfolgreiche Impfung nachweisen bzw. den Immunitätsverlauf beobachten kann, wie das z.B. bei der Hepatitis-Impfung der Fall ist", führt er aus. Also keine Antikörper, deren Titer man bestimmen könne. Es habe sich gezeigt, dass auch früher geimpfte Personen erkranken können. Im Ernstfall würden also alle geimpft werden.

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Übertragungsrate des Virus stark schwanken kann. In Pakistan kam es bei 96% der ungeimpften Haushaltskontakte zu klinisch manifesten Übertragungen, unter geimpften Personen lag die Rate bei 4%.


Der ErregerNach oben hoch

Poxviren zählen mit 170 bis 450 nm zu den größten Viren und sind gerade noch lichtmikroskopisch darstellbar. Sie vermehren sich als einzige DNA-Viren im Zytoplasma der Wirtszelle. In der Subfamilie Chordopoxviridae finden sich humanpathogene Erreger. Wichtige Gattungen dieser Subfamilie sind die Orthopox-Viren, die Parpox-Viren und Arten ohne Gattung. Das Variolavirus als Erreger der menschlichen Pocken gehört ebenso wie das Kuhpockenvirus und das Vacciniavirus zur Gattung der Orthopox-Viren. Manchen wird vielleicht noch das Molluscum-contagiosum-Virus bekannt sein, das zu den Arten ohne Gattung zählt.

Das Vaccinia-Virus ist für den Menschen schwach pathogen und wird für die Impfung verwendet. Dieses Virus war über mehr als 100 Jahre gezüchtet worden und hatte ein breites Wirkungsspektrum erworben.


ImpfkomplikationenNach oben hoch

Folgende Impfkomplikationen gab es:

 Postvakzinale Enzephalitis mit einer Letalität von 25 - 50 %
 Generalisierte Vacciniainfektionen - vor allem bei Immungeschwächten
 Ekzema vaccinatum bzw. Vacciniakeratitis - eine Augeninfektion durch Verschleppung der Keime von der Impfstelle aus (durch Waschen o.Ä.)

Von diesen drei Komplikationen war die Enzephalitis aus naheliegenden Gründen die am meisten gefürchtete. Die Gefahr eines tödlichen Impfzwischenfalls liegt etwa bei 1: 800.000, die Gefahr schwerer Zwischenfälle ist etwas häufiger. Die Autoren des Buches Medizinische Mikrobiologie (begründet von Ernst Wiesmann) aus dem Jahre 1986 weisen noch darauf hin, dass früher zur Prophylaxe der postvakzinalen Enzephalitis menschliches Vaccinia-Immunglobulin mit gutem Ergebnis verabreicht wurde.


ÜbertragungswegNach oben hoch

Variolaviren werden aerogen über Speicheltröpfchen übertragen und - seltener - über kontaminierte Bettwäsche, obwohl das Virus auch in ausgetrocknetem Zustand sehr resistent ist. Die Eintrittspforte sind die Schleimhäute des oberen Respirationstraktes. Von dort aus gelangen die Erreger über Makrophagen in die lymphatischen Organe.


PathogeneseNach oben hoch

In den nächstgelegenen Lymphknoten zur Eintrittspforte findet eine erste Replikation statt. Anschließend streut das Virus hämatogen und infiziert die Zellen des Makrophagen/Phagozytensystems von Milz, Leber, Lymphknoten, Knochenmark und Lunge. Diese Inkubationszeit dauert 10-12 Tage. Die Viren vermehren sich in diesen Organen weiter und gelangen nach einer zweiten virämischen Phase in die Haut und die Schleimhäute. Dort dringen sie in die Epidermis vor. Es entstehen die typischen Eruptionen, die sich im Gegensatz zu den Varizellenbläschen (Windpocken) alle im gleichen Stadium befinden.


KlinikNach oben hoch

Nach einer Inkubationszeit von 1-2 Wochen entwickelt der Patient ein schweres Krankheitsgefühl mit Kopf- und Gliederschmerzen, Temperaturen bis zu 40°C und katarrhalischen Symptomen. Zwischen dem 6. Und 10. Krankheitstag setzt das Eruptionsstadium ein. 1-2 Tage vor dem Eruptionsstadium ist der Patient bereits infektös. Die Pusteln sind auch auf der Schleimhaut des oberen Respirationstraktes zu finden und entwickeln sich in dieser Reihenfolge:

Macula - Papula - Vesicula - Pustula - Crusta

Vollbild der Pocken
Vollbild der Pocken

Im Gegensatz zu den Windpocken befinden sich alle Effloreszensen im gleichen Stadium. Wenn die Krusten abfallen, beginnt das Rekonvaleszensstadium. Mit dem Abfall der Krusten ist der Patient nicht mehr infektiös. In manchen Fällen hat die Krankheit Narben hinterlassen, vor allem im Gesicht. Die Letalität btrug bei den Pocken (Variola major) bis zu 40%, bei Alastrim (Variola minor durch Vaccinia-Viren) 2%. Die Todesursache war häufig eine Bronchopneumonie.


Therapie und ProphylaxeNach oben hoch

Therapeutisch gibt es keine weiteren Möglichkeiten als die symptomatische Behandlung: Bettruhe, fiebersenkende Medikamente, Flüssigkeitszufuhr und strikte Isolierung des Patienten und der betreuenden Personen. Wohnung, Kleidungsstücke, Bettwäsche und Gebrauchsgegenstände des Patienten müssen desinfiziert werden. Die Prophylaxe der Variola besteht in der Impfung mit Vacciniavirus. Eine Prophylaxe mit ß-Thiosemicarbazon erwies sich als zu toxisch.


Weiterführende Links und LiteraturangabenNach oben hoch

Quellen

Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie von Herbert Hof und Rüdiger Dörries

LinkMehr Infos zu diesem Buch

Weiterführende Links

   Externer Link Homepage des Robert-Koch-Instituts

   Externer Link Paul-Ehrlich-Institut für Sera und Impfstoffe

Bildnachweis

Aus: Kimmig,J., Jänner, M.: Taschenatlas der Haut und Geschlechtskrankheiten. Thieme, Stuttgart 1978

 
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