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Zuletzt geändert am 23. 03. 2006

Vogelgrippe

Weit weg - doch scheinbar nah

Julia Wiederer

Februar 2003 - Entwarnung aus Dresden: auch der zweite Vogelgrippe-Verdacht bei einem Menschen in Deutschland hat sich nicht bestätigt. Zuvor war bereits in Hamburg ein Verdachtsfall aufgetreten; eine Frau hatte nach einem Urlaubsaufenthalt in Thailand über typische Grippe-Symptome geklagt. Doch hier galt ebenso: Fehlalarm!

Übersicht


Die Lage in AsienNach oben hoch

Die Lage in Asien ist dagegen ernst

Seit Oktober 2003 sind mehrere asiatische Länder von der Vogelgrippe betroffen und die Ausbreitung des dafür verantwortlichen Influenza-Virus hält an! Bereits seit Jahren ist bekannt, dass sich der Mensch mit dem Virus infizieren kann und im schlimmsten Falle sogar daran verstirbt. Die aktuelle Situation in Asien belegt dies erneut: Bisher sind 16 Menschen an einer Infektion mit dem Virus verstorben.

Täglich informieren die Nachrichten über neue Verdachts- oder Todesfälle in den betroffenen Ländern, allen voran Vietnam und Thailand. Sogar von einer drohenden Pandemie ist die Rede. Als Erreger konnte der Subtyp H5N1 des Influenza-A-Virus bestimmt werden - ein für Vögel typisches Influenzavirus.

   Externer Link Von der WHO bestätigte Fälle von Influenza A (H5N1) beim Menschen

Die Europäische Kommission hat reagiert

Den betroffenen Ländern wurde mittlerweile untersagt, Geflügel zu importieren. Mit dieser Maßnahme wollen die Europäer verhindern, dass das aviäre Virus durch Importgeflügel eingeschleppt wird. Seit dem 29. Januar 2004 ist das Verbot sogar auf Ziervögel ausgeweitet.


Aufatmen in HamburgNach oben hoch

Kein H5N1-Virus! Die Untersuchung im Nationalen Referenzzentrum für Influenza im Robert Koch-Institut konnte beweisen, dass es sich nicht um den aviären Stamm, sondern um ein humanes H3N2-Virus handelt. Neben dem H1N1 zirkuliert es derzeit in Deutschland. Die Influenza-Aktivität befindet sich bundesweit im Moment auf niedrigem Niveau, meldet das Robert Koch-Institut.


"Lombardische Hühnerpest" - die Geschichte der VogelgrippeNach oben hoch

Die Geschichte der Vogelgrippe begann 1878 in Piemont. Zunächst war die Erkrankung mehr als 50 Jahre in Oberitalien endemisch; daher auch die Bezeichnung "Lombardische Hühnerpest". Im Jahre 1901 trat die Krankheit erstmalig in Deutschland auf und verbreitete sich in der Folge über die ganze Welt. "Zwischen 1959 und heute sind weltweit 19 Geflügelpest-Ausbrüche angezeigt worden. Alle Ausbrüche wurden durch hochpathogene Influenza-A-Viren des Subtyps H5 oder H7, kombiniert mit unterschiedlichen Neuraminidase-Subtypen, verursacht" (Hafez, Geflügelpest: Alte Krankheit mit ständiger Gefahr für Geflügel,2003).


Besonders gefürchtet wird eine direkte Übertragung des aviären Virus von Mensch zu Mensch. Bevor es dazu kommt, müssen erst bestimmte Prozesse im Vermehrungszyklus des Virus ablaufen. Deren Verständnis setzt voraus, dass man sich mit dem Aufbau und der Wandlungsfähigkeit des Influenza-A-Virus auseinandersetzt.


Das Vogelgrippe-Virus ist ein Influenza-A-VirusNach oben hoch

Die Familie der Orthomyxoviren unterscheidet die Influenza-Typen A, B und C. Während die Typen B und C eine eher untergeordnete Rolle spielen, besitzt das Influenza-A-Virus besondere Bedeutung: es kann Epidemien und sogar Pandemien verursachen. Vögel sowie der Mensch sind seine beiden Hauptreservoire.

Auch beim derzeit in Asien grassierenden Vogelgrippe-Virus handelt es sich um ein Virus des Influenza-Typ A. Es unterscheidet sich in seiner Oberflächenstruktur jedoch von den gewöhnlich beim Menschen identifizierten Subtypen.

Exkurs: Epidemie und Pandemie

Als Epidemie bezeichnet man das gehäufte, jedoch zeitlich und räumlich begrenzte Auftreten einer Infektionskrankheit (Beispiel: Influenza-Infektionen der Wintermonate). Eine Pandemie entsteht, wenn sich die Krankheit zusätzlich über Länder und Kontinente hinweg ausbreitet.


Struktur des Influenza-A-VirusNach oben hoch

Influenza-A-Viren besitzen ein einzelsträngiges RNA-Genom. Acht separate RNA-Abschnitte codieren für jeweils ein Protein. Gemäß dem allgemeinen Aufbau eines Virus ist das Genom in eine Schale aus viruscodierten Proteinen eingebettet. Dieses Nukleokapsid ist von einer Hülle umgeben: sie besteht aus Lipiden der Zellmembran sowie - darin eingelagert - viralen Proteinen. Bei der Influenza-A heißen die viralen Hüllproteine Hämagglutinin und Neuraminidase. Sie sind elektronenmikroskopisch als Protusionen der Virusoberfläche erkennbar. Hämagglutinin und Neuraminidase besitzen Enzymcharakter: Bei der Aufnahme des Virus in die Wirtszelle und der Freisetzung aus dieser spielen sie die entscheidende Rolle. Von Hämagglutinin sind 13 verschiedene Formen (H1 - H13) beschrieben, Neuraminidase existiert in neun Varianten (N1 - N9).

Beim Menschen kommen hauptsächlich die Subtypen H1, H2, H3 sowie N1 und N2 vor; eine Übertragung der humanen Influenzaviren erfolgt durch Tröpfcheninfektion.


Die meisten Epidemien bei Vögeln - vor allem Hühner und Puten werden befallen - sind durch Infektionen mit den Subtypen H5 und H7 verursacht.


H7 und H5 - aviäre Influenza-A-VirenNach oben hoch

Alle bisher identifizierten hochpathogenen Influenza-Viren sind den Subtypen H5 und H7 zuzuordnen. Es existieren jedoch Stämme dieser Subtypen, die nicht als "hochpathogen" bezeichnet werden. Ob "hochpathogen oder nicht" - dies entscheiden die Ergebnisse der Laboruntersuchungen. Je nach Virulenz und Infektionsweg des Erregers treten bei infiziertem Geflügel respiratorische, gastrointestinale sowie nervale Störungen auf - oft auch plötzliche Todesfälle.

H5N1 - der Subtyp in Asien


Als Auslöser der Vogelgrippe in Asien konnte der Typ H5N1 des Influenza-A-Virus bestimmt werden.

Übertragung der aviären Viren auf den Menschen

Seit 1997 ist bekannt, dass Vogel-Influenzaviren auch auf den Menschen übertragen werden können. Damals trat in Hongkong eine Epidemie auf; sechs Menschen starben. Mehr als eine Million Hühner und anderes Geflügel wurden getötet, um das Reservoir der H5N1-Viren zu eliminieren. Bei einem Ausbruch in den Niederlanden im Jahr 2003 wurde ebenso verfahren.

Bisher konnte in vier Situationen eine Übertragung der Vogel-Influenzaviren auf den Menschen nachgewiesen werden: in Hongkong (1997 und 1999), den Niederlanden (2003) sowie China (2003). In der aktuellen Situation konnten Wissenschaftler sowohl bei den verendeten Hühnern als auch bei den erkrankten Personen Influenzaviren des Subtyps H5N1 identifizieren und haben damit eine Übertragung auf den Menschen erneut belegt.

Die infizierten Vögel scheiden das Virus mit dem Kot aus. Kontaminierte Staubpartikel oder mangelnde Händehygiene stellen vermutlich die Hauptübertragungswege auf den Menschen dar. Schwere Atemwegserkrankungen sind die Folge, in einzelnen Fällen führen sie zum Tod.


Genetische Variabilität von Influenza-A-VirenNach oben hoch

Influenza-A-Viren besitzen die Fähigkeit, ihre Oberflächenproteine zu verändern. Zwei Mechanismen sind hierfür verantwortlich: "antigenetic drift" sowie "antigenetic shift".

Antigendrift

Durch Punktmutationen im Genom der Viren kommt es andauernd zu einer Veränderung der hierdurch codierten Proteine. Im Gegensatz zur DNA-Replikation existiert bei der Replikation viraler RNA kein Korrekturmechanismus für Replikationsfehler. Das bedeutet: bei der Replikation tritt durchschnittlich alle 10000 Nukleotide eine Mutation auf. Dadurch und durch die nachfolgende Selektion entstehen mit der Zeit veränderte Varianten von Hämagglutinin und Neuraminidase.

Antigenshift

Unter Antigenshift versteht man den Austausch genetischer Information zwischen verschiedenen Influenzastämmen. Durch dieses sogenannte "Reassortment" entstehen in einem Schritt Viren mit neuen Subtypen-Kombinationen von Hämagglutinin und Neuraminidase. Vorraussetzung hierfür ist jedoch die simultane Infektion einer Wirtszelle durch unterschiedliche Influenzastämme.

Neue Subtypen entstehen oft in Asien - bedingt durch bestimmte landwirtschaftlliche Praktik: So werden dort nicht selten Enten- und Schweine gemeinsam gehalten. Aufgrund bestimmter Rezeptoren sind Schweine für ein "Reassortment" besonders geeignet. Aber auch im Menschen scheint diese Veränderung möglich zu sein.


Die effektive Verbreitung des aviären Virus von Mensch zu Mensch wird gefürchtet. Sollte es - durch simultane Infektion mit beiden Subtypen - zu einem "Reassortment" zwischen aviären und humanen Influenza-Viren kommen, wäre der Weg für eine Pandemie bereitet. Ob das "Reassortment" für einen solchen Infektionsweg überhaupt nötig sei, sei nicht sicher, sagt Prof. Dr. Hafez vom Institut für Geflügelkrankheiten der FU Berlin.


Prophylaxe - noch kein Impfstoff gegen H5N1Nach oben hoch

Gegenwärtig existiert noch kein Impfstoff gegen Typ H5N1. Der Stamm scheint zudem gegen das antivirale Medikament Amantadin resistent zu sein; für die Neuraminidasehemmer Oseltamivir und Zanamivir trifft dies nicht zu.

Impfung gegen humane Influenza-A-Viren

Antikörper gegen Hämagglutinin sind in erster Linie für die Immunität entscheidend; diese wird subtypenspezifisch aufgebaut. Die Antigenvariabilität der Influenza-Viren trägt jedoch dazu bei, dass ein Impfschutz nur von kurzer Dauer ist.

Weltweit sind Influenza-Referenzlaboratorien damit beschäftigt, Virusisolate zu typisieren. Vor jeder Influenzasaison gibt die WHO eine Empfehlung hinsichtlich eines adäquaten Impfstoffes heraus. Ein Impfschutz gegen die derzeit in der menschlichen Bevölkerung zirkulierenden Influenza-Viren (H3N2, H1N1) soll die Wahrscheinlichkeit eines "Reassortments" mit dem aviären Stamm senken.


Hierzu lautet eine aktuelle Meldung des Robert Koch-Institutes: Um das Risiko des "Reassortment" zu mindern, sollten sich Asienreisende gegen die humane Influenza mit dem für diese Saison zugelassenen Impfstoff impfen lassen.

   Externer Link Arbeitsgemeinschaft Influenza - Informationen zu den aktuellen Impfstoffen

Das Auswärtige Amt rät Touristen zudem, Vogel- oder Geflügelmärkte der betroffenen Länder zu meiden.

   Externer Link Reiseinformationen des Auswärtigen Amt

[Artikel vom 11.02.2004]


Aktuelle Informationen zur Vogelgrippe 2005/2006Nach oben hoch
LinkDie Vogelgrippe - Gefahr für die Menschheit?
 
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