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Artikel vom 01. 09. 2010

Frankentornado: Katastrophenschutz-Großübung in Bad Neustadt

Katastrophenmedizin hautnah

Text und Fotos: Dr. Sigrid Laukenmann

Die sich verändernden Wetterlagen, sowie externe Bedrohungen werden in Zukunft voraussichtlich zunehmend medizinische Einsätze fordern. Auf solche Schadensszenarien wird man nie wirklich vorbereitet sein. Zweifellos stellen sie aber eine Herausforderung ungeahnten Ausmaßes dar. Dr. Sigrid Laukenmann hat als eine von drei Notärzten an einer Katastrophenschutz-Großübung in Bad Neustadt an der Saale teilgenommen.

Übersicht


Entwicklung im KatastrophenschutzNach oben hoch

In Deutschland hat sich durch das Zugunglück von Eschede am 03.06.1998, den Eishalleneinsturz in Bad Reichenhall am 03.01.2006 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, nicht zuletzt aber auch durch den - so häufig zitierten - 11. September 2001 in New York, vieles im Hinblick auf den Katastrophenschutz verändert. So wurde das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmedizin (BBK) in Bonn gegründet. Zudem existiert ein Weiterbildungsstudiengang des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und der Universität Bonn, in dem man den akademischen Mastergrad für Katastrophenvorsorge und Management erwerben kann.


Nähe zur RealitätNach oben hoch

Doch jede Theorie kann durch die Realität übertroffen werden. Um der Realität möglichst nahe zu kommen, üben sich Hilfskräfte in diversen Szenarien. Am 10. Juli 2010 fand eine solche Großübung im bayerischen Bad Neustadt an der Saale statt. Etwa 800 Rettungskräfte der verschiedenen Hilfsorganisationen wie Rettungsdienste, Feuerwehren, THW und Polizei durften die Folgen eines wetterbedingten Dacheinsturzes (Name der Übung: "Frankentornado") üben. Wissenschaftlich begleitet wurde die Übung durch die Fachhochschule Köln.

Simuliert wurde ein Massenanfall von bis zu 200 Verletzten, die, unter Trümmern eingeklemmt, aus ihrem dunklen, lauten und nicht zuletzt stickigen Gefängnis zunächst befreit und anschließend versorgt werden mussten. Bei Außentemperaturen jenseits der 37°C kein leichtes Unterfangen - aber eben fast real!

Bild 1: Eintreffen der Rettungskräfte am Unglücksort
Bild 1: Eintreffen der Rettungskräfte am Unglücksort

Bereits vor dem ersten Rettungsschritt zeigt sich die begrenzte Kapazität der Infrastruktur. Anders als in der geplanten Übung suchen sich echte Katastrophen keine Stadtrandlagen mit ruhigen Anfahrtswegen. Doch schon in der Übung erkennt man, dass Rettungswege erst zu schaffen sind, was einen nicht unerheblichen Zeitverlust bedeuten kann.

Bereits in den ersten Minuten wird klar, dass ohne Teamarbeit bei Katastrophen gar nichts geht. Der verschüttete Zugang muss erst freigelegt werden, ehe auch nur ein einziger Patient gerettet werden kann. Die drei vor Ort anwesenden Notärzte werden im Rahmen dieser Übung im Einsturzgebiet von speziell ausgebildeten Sichtungsgruppen unterstützt, welche im Realfall nicht unverzüglich zur Verfügung stehen. Der Mangel an ständig verfügbarem Personal manifestiert sich gerade im ländlicheren Bereich rasch. Fazit hieraus: Ein Katastrophenfall bei schönem Schwimmbadwetter und in der Urlaubszeit mindert bereits die Überlebenswahrscheinlichkeit.


Sichtung der PatientenNach oben hoch

Das weitere rettungsdienstlich-ärztliche Vorgehen richtet sich nach den international gültigen Sichtungskriterien:

Sichtungs- kategorie  Beschreibung  Konsequenz  Kenn- zeichnungs- farbe  Transport- priorität 
akute, vitale Bedrohung  Sofort- behandlung  rot  nach Stabilisierung I 
II  schwer- verletzt  Auf- geschobene, aber zügige Behandlung  gelb  nach ärztlichen Maßnahmen I oder II 
III  leicht verletzt  spätere, ggf. ambulante Behandlung  grün  Spättransport 
IV  ohne Überlebens- chance/tot  Betreuung  schwarz oder blau oder grau   

Eine Sichtung im Großschadensereignis soll nicht länger als 30 Sekunden dauern. In der Regel sichtet der (Not-)Arzt, während das Rettungsdienstpersonal die Sichtungskarten und die Eingruppierung des Patienten anlegt. Die Entscheidung, einen Patienten in die Kategorie IV zu sichten - ohne den Versuch der Reanimation zu unternehmen - ist durchaus übungsnotwendig. Hier sollte die Kenntnis der Studienlage weiterhelfen, die besagt, dass Reanimationsmaßnahmen bei traumatisch bedingten Herz-Kreislaufstillständen in nicht einmal 1% erfolgreich verlaufen.

Im Klartext: Beim Massenanfall von Verletzten und begrenzten Ressourcen dürfen nur die Maßnahmen unternommen werden, welche Aussicht auf ein erfolgreiches Ende haben.

Die Patienten mit Überlebenschancen werden an Behandlungsplätze gebracht, die mittlerweile in Zeltform aufgebaut sind oder sich in anderen Gebäuden befinden.

Bild 2: Aufbau eines Zeltes als Behandlungsplatz, Stromaggregat im Hintergrund
Bild 2: Aufbau eines Zeltes als Behandlungsplatz, Stromaggregat im Hintergrund

Die Behandlungsplätze sind nach Sichtungskategorien unterteilt. Die Sichtung wird jedoch auch an den Behandlungsplätzen dynamisch fortgesetzt, da eine erste Einschätzung oft revidiert werden muss, wenn sich der Zustand des Patienten innerhalb von Sekunden verändert. Im schlimmsten Fall wird ein Kategorie III-Patient zum Patienten der Kategorie IV.


Behandlung der PatientenNach oben hoch

Die eigentliche Behandlung der Patienten beginnt in der Sichtungskategorie I, welche Behandlungspriorität hat. Akut vital bedrohliche Verletzungen (wie beispielsweise ein Spannungspneumothorax) werden therapiert und der Patient mit "einfachen Mitteln" transportfähig gemacht.

Es gibt zwei Leitsätze der Katastrophen- bzw. Notfallmedizin, die jeder Interessierte kennen sollte und welche man auch im alltäglichen Routinebetrieb nicht aus den Augen verlieren sollte:


"Treat first what kills first"

("behandle zuerst, was zuerst tötet")


"life before limb"

("Leben auch ohne alle Gliedmaßen")

Das ATLS-Konzept (advanced trauma life support), das mittlerweile weltweit akzeptiert und installiert ist, gibt klare Handlungsalgorithmen vor, die im Katastrofenfall zählbar Leben retten können. Hier wird nach dem ABCDE-Schema (Airway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure) gehandelt.

CAVE: nicht verwechseln mit dem Reanimationsalgorithmus, der hiervon abweicht!

Auf den Punkt gebracht heißt das: Zunächst werden alle Atmungs- beziehungsweise Ventilationsprobleme behandelt, anschließend Kreislauf- und neurologische Aspekte einbezogen.

Bild 3: Behandlungsplatz für Sichtungsgruppe I
Bild 3: Behandlungsplatz für Sichtungsgruppe I

Schließlich ist der letzte Patient gesichtet, behandelt und weitertransportiert. Dann schlägt die Stunde der Bergung der Kategorie IV-Gruppe. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Katastrophe vom Unglücksort in die umgebenden Kliniken verlagert, welche die Verletzten weiterbehandeln. Hierfür haben alle Akutkrankenhäuser Notfallpläne für externe und interne Katastrophen.


Realer Aspekt im fiktiven KatastrophenfallNach oben hoch

Die Übung in Bad Neustadt wurde abgebrochen, nachdem die Außentemperaturen erste reale Opfer mit Hitzeerschöpfung gefordert hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Sichtung und Behandlung in vollem Gange, lediglich der Weitertransport stand noch aus.

Dieser reale Aspekt im fiktiven Katastrophenfall lehrt wichtige Aspekte: Extreme Wetterlagen werden Großschadensfälle hervorbringen. Die Helfer waren im Rahmen dieser Übung nicht im Laufschritt unterwegs, wie dies unter Normalbedingungen der Fall ist. Die Herzfrequenz war nicht durch die Sympatikusaktivität im hochtachykarden Bereich. Keine Nervosität vor Fehlern und Fehlentscheidungen behinderte das Denken. Die Schaulustigen waren nicht so penetrant, wie dies bei echten Unfällen der Fall wäre. Viele limitierende Faktoren gab es durch den Übungscharakter einfach nicht. Alles war optimal - außer der Außentemperatur.

Reale Großschadensfälle und Katastrophen werden durch widrige Umstände auch unter den Helfern Opfer fordern, dies soweit wie möglich zu verhindern, ist Aufgabe von Trainings- und Übungsmaßnahmen. Auch wenn diese Übung durch den Abbruch letztlich in die Kritik geraten ist, so haben doch hierdurch die Verantwortlichen für die Katastrophenmedizin und den Katastrophenschutz mehr gelernt, als das vorher angenommen wurde.

   Externer Link Website zur Großübung

 
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